Philasterides dicentrarchi ist ein mariner Einzeller, der erstmals 1995 identifiziert wurde, als dieses parasitische Wimpertierchen aus infiziertem, in Frankreich gezüchteten Europäischen Wolfsbarsch (Dicentrarchus labrax) isoliert wurde. Die zur Wimpertierchen-Gruppe Scuticociliatia gehörende Art (Spezies) wurde auch als Erreger bei verschiedenen Ausbrüchen von Scuticociliose ( ) identifiziert, wie sie zwischen Sommer 1999 und Frühjahr 2000 im Atlantik (Galicien, Nordwestspanien) bei dort gezüchtetem Steinbutt (Scophthalmus maximus, ) auftraten. Inzwischen wurden weitere Infektionen durch diese Spezies beim Steinbutt beobachtet, sowohl in offenen Zuchtanlagen als auch in geschlossenen Kreislaufsystemen. Darüber hinaus wurde berichtet, dass das Wimpertierchen auch bei anderen Plattfischen Infektionen hervorruft, beispielsweise bei der Japanischen Flunder (Paralichthys olivaceus, engl. ) in Korea und der Feinflunder (Paralichthys adspersus, engl. ) in Peru sowie beim Großen und Kleinen Fetzenfisch (Phycodurus eques respektive Phyllopteryx taeniolatus oder Seedrache), den Seepferdchenarten Hippocampus kuda und H. abdominalis (Dickbauchseepferdchen), und mehreren Haiarten auch in anderen Teilen der Welt.

Biologie und Pathologie Philasterides dicentrarchi gehört zur Gruppe (Unterklasse) der Scuticociliatia, die etwa 20 Arten von Wimpertierchen umfasst, die in der Regel mikrophage (sich per Phagocytose ernährende) Bakterienfresser sind und in eutrophen Lebensräumen (Habitate) in Seen und küstennahen Meeresumgebungen reichlich vorkommen. Die Wimpertierchen dieser Gruppe zeichnen sich durch eine sog. Scutia aus, eine temporäre kinetosomale Struktur, die während der Stomatogenese (der Entstehung des Zellmunds nach der Zellteilung) vorhanden ist. Einige Vertreter dieser Gruppe können als Endoparasiten auftreten und schwere Infektionen bei einer Vielzahl von Wirbeltieren (insbesondere Fischen) und Wirbellosen (wie Krebstieren und Stachelhäutern) hervorrufen.

mini|hochkant=1.1|Die Immunofluoreszenzmikroskopie von P. di­centrarchi macht die beiden H+-Pyro­phos­phatasen sichtbar:(C): α-rPdVP1, (D): α-KLH-HK. mini|hochkant=1.1|Fluoreszenzmikroskopie von P. di­centrarchi: Eine zunehmende Ansäuerung wird durch die Veränderung der Färbung von grün (nicht angesäuert) zu rot (angesäuert) festgestellt.

Philasterides dicentrarchi ist eine mikroaerophile (geringe Sauerstoffkonzentrationen bevorzugende) Spezies dieser Gruppe. Diese Wimpertierchen leben auf dem Meeresboden, an oder unter der Oxykline oder auf dem Monimolimnion (Tiefenwasserbereich meromiktischer Gewässer), wo sie sich normalerweise von Bakterien ernährt. Trifft der Einzeller jedoch auf einen Wirt, kann er sich jedoch auch wie ein opportunistischer histophager (gewebefressender) Parasit verhalten. Dem Überleben der Art im Wirt und ihre Fähigkeit zu einem parasitären Lebensstil werden auf Anpassungen des mitochondrialen Stoffwechsels zurückgeführt. Zu diesen Anpassungen gehören eine zweite terminale Oxidase, die es diesen Wimpertierchen ermöglicht, bei niedrigen Sauerstoffkonzentrationen zu überleben und Energie zu gewinnen, antioxidante Enzyme, und Pyrophosphatasen (anorganische Diphosphatasen), die Energie über einen alternativen ATP-Weg als Teil des oxidativen Stoffwechsels (Zellatmung) produzieren können. Dazu kommt die Fähigkeit in hyposalinen Umgebungen (mit geringem Salzgehalt, siehe Brackwasser) überleben zu können.

Obwohl der Weg des Eindringens in den Wirt unbekannt ist, deuten Ergebnisse experimenteller Infektionsstudien darauf hin, dass diese Wimpertierchen wahrscheinlich über Verletzungen der Kiemen und/oder der Haut Zugang erhalten. Infizierte Fische zeigen hämorrhagische Geschwüre auf der Haut (insbesondere um den Kiemendeckel herum), reichlich Flüssigkeit in der Bauchhöhle (Aszites), ein- oder beidseitigen Exophthalmus („Glotzauge“) und eine systemische Infektion mit dem Wimpertierchen in Blut, Kiemen, Verdauungstrakt, Leber, Milz, Nieren und Muskulatur. In der letzten Phase der Infektion gelangen die Wimpertierchen bis zum Gehirn und sorgen für eine Erweichung und Verflüssigung des Gewebes dort.

Diagnose Die Diagnose einer Scuticociliose mit P. dicentrarchi beim Wolfsbarsch und Steinbutt basierte ursprünglich in erster Linie auf morphologischen Merkmalen im Zusammenhang mit dem Mundapparat und der Anzahl der Kinetien.Meistens sind die Zilien der Wimpertierchen in Mono- und Dikinetiden angeordnet, die jeweils ein bzw. zwei Kinetosomen (Basalkörper) besitzen, von denen jedes ein Zilium tragen kann. Diese sind in Reihen angeordnet, die Kinetien (, Einzahl ) genannt werden. Inzwischen wurde aber deutlich, dass erst der kombinierte Einsatz von morphologischen, biologischen, molekularen und serologischen Techniken für die korrekte Identifizierung der Art erforderlich ist. P. dicentrarchi wurde zeitweilig (2007–2017) als Juniorsynonym (jüngeres Synonym) der Spezies Miamiensis avidus angesehen, oder zumindest nahe verwandt. Jüngere physiologische und molekulare Studien haben jedoch gezeigt, dass P. dicentrarchi und M. avidus Stamm Ma/2 (alias ATCC 50180) unterschiedliche Arten sind, und M. avidus (Isolat PC-U1) der Familie Uronematidae näher steht, Philasterides armatalis (Stamm GF2008062601) aber der Gattung Philaster.

Therapie Bislang (Stand Ende der 2010er Jahre) wurden keine wirksamen chemotherapeutischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Scuticociliose in der akuten Phase der Krankheit entwickelt. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Zugabe von Desinfektionsmitteln wie Formalin, Wasserstoffperoxid und Jenoclean zum Meerwasser die Wimperntierchen abtötet. Auch eine Badebehandlung mit einer Kombination aus Benzalkoniumchlorid und Bronopol hat sich als wirksam erwiesen, um die Fischsterblichkeit zu verringern.

Mehrere Verbindungen mit antiprotozoischer Wirkung (Antiprotozoika), darunter Niclosamid, Oxyclozanid,Wirkstoff - Pharmakologie: Oxyclozanid. Auf: clini (CliniPharm CliniTox), Universität Zürich (UZH).Oxyclozanide. Auf: PubChem CID: 16779. Bithionolsulfoxid,Bithionol (sulfoxide). Auf: ChemSrc. Stand: 2. Januar 2024. CAS 844-26-8. Toltrazuril, N-(2’-Hydroxy-5’-Chlorbenzoyl) 2-chlor-4-Nitroanilin, Furaltadon, Doxycyclinhyclat, Albendazol, Carnidazol, Pyrimethamin, Quinacrin-Hydrochlorid und Chininsulfat sind auch gegen P. dicentrarchi wirksam. Auch Malariamedikamente wie Chloroquin und Artemisinin hemmen in vitro das Wachstum von P. dicentrarchi.

Andere Studien, in denen die Wirkungen mehrerer neuer synthetischer Verbindungen in vitro untersucht wurden, darunter zwei Diazanaphthaline, zwei Pyridothienodiazine und dreizehn Pyridothienotriazine, haben gezeigt, dass alle eine diese Parasiten tötende (parasitizide) Wirkung haben. Darüber hinaus haben auch mehrere Verbindungen natürlichen Ursprungs in vitro eine antiparasitäre Wirkung gezeigt, darunter die Polyphenole Mangiferin und (–)-Epigallocatechin-3-gallat (EGCG), Curcumin, Resveratrol und das synthetische Polyphenol Propylgallat.

Prävention Es wurden mehrere Serotypen von P. dicentrarchi beschrieben. Impfstoffe, die entwickelt wurden, enthalten mit Formalin inaktivierte und in Öladjuvantien präparierte hergestellte Trophozoiten zeigen einen guten Schutz gegen den jeweiligen homologen Serotyp. Der induzierte Schutz gegen jeweils andere (heterologe) Isolate scheint jedoch sehr gering oder nicht vorhanden zu sein.

Forschung Im Rahmen des von der EU finanzierten Horizont2020-Projekts ParaFishControl wird Forschung zu Philasterides dicentrarchi durchgeführt, die Aspekte der Zellbiologie, Diagnostik, Interaktion mit dem Immunsystem des Wirts, die Suche nach neuen Behandlungsmethoden, Entwicklung von Impfstoffen und Risikoanalysen umfasst.

Systematik mini|Philasterides armata, 3) ohne Trichozysten, 75 µm; 2) dito, Mundfeld; 3) mit Trichozysten; 4) dito, Mundfeld. Äußere Systematik: Mitglieder der Gattung Philasterides mit Stand 24. Oktober 2024:

Gattung Philasterides , 1931(e,G,N,O,T,W) Spezies Philasterides armata (, 1926) Kahl, 1931(e,O,T,W) [Philasterides armatus (, 1926) Kahl, 1931(G)]– Typusart(T) Spezies Philasterides armatalis , 2000(e,G,N,W) Spezies Philasterides dicentrarchi et al., 1995(e,N)

Anmerkungen: (G)– (e)– (N)– Taxonomy Browser (O)– (T)– The Taxonomicon (taxonomy.nl) (W)–

Anmerkungen

Einzelnachweise NCBI Taxonomy Browser: Philasterides, Details: Philasterides (genus). WoRMS: Philasterides Kahl, 1931 (Genus). OBIS: Philasterides Kahl, 1931. Taxon: Species Philasterides dicentrarchi Dragesco A. et al., 1995 (protist). The Taxonomicon (taxonomy.nl). Stand: 1. Februar 2024. Taxon: Genus Philasterides Kahl, 1931 (protist). The Taxonomicon (taxonomy.nl). Stand: 1. Februar 2024. eoL: Philasterides Kahl 1931 (genus). GBIF: Philasterides Kahl, 1931. Dazu: Philaster species. ParaFishControl: ABOUT THE PROJECT (parafishcontrol.eu). Joan Morell: Dossier: Apotheke in der fünften Generation. J. Uriach & Cía S.A. (PDF, core.ac.uk; PDF, raco.cat). In: Catalònia, S. 29–31. Pilar Alvarez-Pellitero, Oswaldo Palenzuela, Francesc Padros, Ariadna Sitja-Bobadilla, Ana Riaza, Raquel Silva, Javier Aran: Histophagous scuticociliatids (Ciliophora) parasitizing turbot Scophthalmus maximus: Morphology, in vitro culture and virulence. In: Folia Parasitologica, Band 51, Nr. 2–3, 1. Juni 2004, S. 177–187; doi:10.14411/fp.2004.021, PMID 15357395, (). Belén Budiño, Jesús Lamas, María P. Pata, Juan A. Arranz, Manuel L. Sanmartı́n, José-Manuel Leiro: Intraspecific variability in several isolates of Philasterides dicentrarchi (syn. Miamiensis avidus), a scuticociliate parasite of farmed turbot. In: Veterinary Parasitology, Band 175, Nr. 3–4, Februar 2011, S. 260–272; doi:10.1016/j.vetpar.2010.10.011, PMID 21036479 () Belén Budiño, María P. Pata, José-Manuel Leiro, Jesús Lamas: Differences in the in vitro susceptibility to resveratrol and other chemical compounds among several Philasterides dicentrarchi isolates from turbot. In: Parasitology Research, Band 110, Nr. 4, April 2012, S. 1573–1578; doi:10.1007/s00436-011-2664-1, PMID 21987103, Epub 11. Oktober 2011 (). Ana-Paula De Felipe, Jesús Lamas, Rosa-Ana Sueiro, Iria Folgueira, José-Manuel Leiro: New data on flatfish scuticociliatosis reveal that Miamiensis avidus and Philasterides dicentrarchi are different species. In: Parasitology, Band 144, Nr. 10, 29. Mai 2017, S. 1394–1411; doi:10.1017/S0031182017000749, PMID 28552088, (). Emiliano Di Cicco, Erika Paradis, Craig Stephen, Maria Elena Turba, Giacomo Rossi: Scuticociliatid Ciliate Outbreak in Australian Pot-Bellied Seahorse, Hippocampus abdominalis (Lesson, 1827): Clinical Signs, Histopathologic Findings, and Treatment with Metronidazole. In: Journal of Zoo and Wildlife Medicine, Band 44, Nr. 2, Juni 2013, S. 435–440; doi:10.1638/2012-127R1.1, PMID 23805562 (). Armelle Dragesco, Jean Dragesco, Françoise Coste, Charles Gasc, Bernard Romestand, Jean-Christophe Raymond, Georges Bouix: ​Philasterides dicentrarchi, n. sp., (Ciliophora, scuticociliatida), a histophagous opportunistic parasite of Dicentrarchus labrax (Linnaeus, 1758), a reared marine fish. In: European Journal of Protistology, Band 31, Nr. 3, August 1995, S. 327–340; doi:10.1016/S0932-4739(11)80097-0 ().

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