Die Muslimbrüder in Kuwait (arabisch: الإخوان المسلمون في الكويت, DMG al-ʾIḫwān al-Muslimūn fī l-Kuwait) sind der kuwaitische Zweig der Muslimbruderschaft (MB).
Geschichte Von der Gründung bis in die frühen 1990er Jahre Die Aktivitäten dieses Zweigs begannen 1947, nachdem ʿAbd al-ʿAzīz ʿAlī al-Muṭawiʿ durch ein Treffen mit Hasan al-Bannā, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft, in Mekka inspiriert worden war. Al-Muṭawiʿ gründete daraufhin die erste Zweigstelle der Muslimbruderschaft in Kuwait, wodurch die Bewegung als erste islamistisch-politische Organisation des Landes etabliert wurde. mini|ʿAbd al-ʿAzīz al-Muṭawwaʿ In den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren gewann die Bewegung zunehmend an Einfluss, und al-Muṭawiʿ wurde als al-Murāqib al-ʿĀmm (Generalbeobachter) der Muslimbrüder in Kuwait bekannt. Die enge ideologische und organisatorische Verbindung zur ägyptischen Muslimbruderschaft prägte die Struktur und Ausrichtung des kuwaitischen Zweigs. Auf Empfehlung von Hasan al-Bannā wurde al-Muṭawiʿ Mitglied des Maktab al-Irschād al-ʿĀmm (Generalbüro für Anleitung) in Ägypten. Zudem nahm er regelmäßig an internationalen Konferenzen der Muslimbruderschaft teil, an denen Delegierte aus Syrien, dem Irak, dem Sudan, Jordanien, dem Libanon und weiteren arabischen Ländern vertreten waren.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 11–12.
Die Islamische Anleitungsgesellschaft (IAG) Im Jahr 1952 wurde die Muslimbruderschaft in Kuwait offiziell in „Islamische Anleitungsgesellschaft“ (IAG, Dschamʿiyat al-Irschād al-Islāmī, جمعية الإرشاد الإسلامي) umbenannt, um ihre Akzeptanz in der Gesellschaft zu erhöhen. Diese Umbenennung war notwendig, da in Kuwait eine Sensibilität gegenüber dem Begriff „Partei“ bestand, insbesondere aufgrund der negativen Assoziationen mit der saudischen wahhabitischen Bewegung, deren Name Ichwān (Bruderschaft) lautete und die 1920 in der Schlacht von al-Dschahraʾ gegen Kuwait gekämpft hatte.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 12. Die Ziele der IAG, wie sie in ihren internen Statuten festgehalten wurden, umfassten unter anderem: Eine zeitgemäße Interpretation der grundlegenden islamischen Lehren, um ihre Anwendbarkeit auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu gewährleisten. Die Förderung von intellektueller Emanzipation und die Überwindung von Unwissenheit, mit dem Ziel, Bildung und kritisches Denken in der Gemeinschaft zu stärken. Die Prävention intellektueller und moralischer Erosion bei der Jugend, insbesondere durch Bildungsinitiativen und moralische Orientierung. Die Verbesserung sozioökonomischer Bedingungen der muslimischen Gemeinschaft, durch gezielte wirtschaftliche und soziale Maßnahmen. Die Stärkung der spirituellen Praxis des Einzelnen, um individuelle und kollektive religiöse Werte zu fördern. Die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und die Förderung des Gemeinwohls, mit Fokus auf die Schaffung gerechter gesellschaftlicher Strukturen. Die Unterstützung der arabischen Einheit und die Kooperation mit islamischen Organisationen, einschließlich der langfristigen Vision zur Etablierung einer Islamischen Universität.Alkandari: The Muslim Brotherhood in Kuwait. 2014, S. 142.
Ein wesentlicher Bestandteil der Aktivitäten der IAG war ihr Widerstand gegen den wachsenden Einfluss des Säkularismus und des arabischen Nationalismus in der Region. Die Gesellschaft setzte sich aktiv für die Bewahrung der islamischen Identität Kuwaits und gegen den Einfluss westlicher Ideologien ein.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 12.
Zwischen 1952 und 1959 nutzte die IAG die liberale Phase in Kuwait, um ihre soziale Basis zu stärken. Dabei hielt sie ihre wahre ideologische Agenda verborgen, um Mitglieder zu gewinnen. Kuwait-Stadt wurde in drei Sektoren unterteilt (al-Murqāb, al-Qibla und asch-Scharq), in denen die meisten Menschen lebten. Während die Arbeit der IAG in Kuwait-Stadt bereits in den 1950er-Jahren strukturiert wurde, wurden die Beduinengebiete erst in den 1970er-Jahren systematisch in die Aktivitäten einbezogen. Die Gesellschaft gliederte sich in drei Sektionen: eine Studentensektion, eine Arbeitersektion und eine Kaufmannssektion, wobei letztere aufgrund ihres sozialen und wirtschaftlichen Einflusses eine besondere Rolle spielte.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 14.
Die Muslimbruderschaft in Kuwait entsandte Vertreter nach Syrien, Jordanien, Irak, Libanon und Ägypten, um an Schulungsprogrammen und militärischen Trainingslagern teilzunehmen. Im Gegenzug entsandte das Maktab al-Irschād al-ʿĀmm, das höchste Gremium der ägyptischen MB, führende Persönlichkeiten wie al-Faḍīl al-Wartilānī, der eine Schlüsselrolle bei der Organisation der MB im Jemen spielte, und Nadschīb Dschweifil, der nach seiner Verurteilung in Ägypten unter dem Decknamen ʿAbdul ʿAziz al-Sālim in Kuwait tätig war.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 16. Beide trugen entscheidend zur Etablierung der MB in Kuwait bei, insbesondere durch die Aktivitäten des Lidschnit ad-Daʿwa (Rufkomitee). mini|Zeitschrift al-Irschād – Jahrgang 1, Ausgabe Nr. 6. Das Bildungsprogramm der Muslimbruderschaft in Kuwait basierte auf den Schriften islamistischer Denker wie Hasan al-Bannā, Sayyid Qutb, Abū l-Aʿlā Maudūdī, Abul Hasan Ali Nadwi, Saʿīd Ṣabāġ, Yusuf al-Qaradawi und Mustafā as-Sibāʿī. Die internen Regeln der kuwaitische MB betonten drei Prinzipien: selektive Auswahl, schrittweises Vorankommen und Disziplin sowie Gehorsam.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 14. In Kuwait hielt Abul Hasan Ali Nadwi wöchentliche Bildungsvorträge, während die 1952 gegründete Zeitschrift al-Irschād als zentrales Medium der MB zur Verbreitung ihrer Ideologie diente. Die Zeitschrift wurde von ʿAbd al-ʿAzīz al-Muṭawiʿ, dem Gründer der MB in Kuwait, und später von ʿAbdul Razzāq al-Sāliḥ al-Muṭawiʿ geleitet. Führende Persönlichkeiten wie Abū l-Aʿlā Maudūdī und Sayyid Qutb veröffentlichten regelmäßig Artikel darin.
Die IAG agierte als religiöse und soziale Organisation und spielte eine zentrale Rolle bei der Förderung islamischer Werte, insbesondere durch den Aufbau eines von islamischen Prinzipien geprägten Bildungssystems. Die Bildungsarbeit wurde von Lehrern geleitet, die an der al-Azhar-Universität ausgebildet worden waren und der Muslimbruderschaft nahestanden. Darüber hinaus engagierte sich die IAG in sozialen Diensten und Wohltätigkeitsprojekten, was ihr bedeutenden Einfluss in der kuwaitischen Gesellschaft verschaffte.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 15.
Interne Spannungen Die Muslimbruderschaft in Kuwait war durch erhebliche interne Konflikte und politische Spannungen geprägt, die auf grundlegende Differenzen zwischen den führenden Persönlichkeiten der Bewegung zurückzuführen waren. Ein zentraler Streitpunkt betraf das Verhältnis zur herrschenden Sabah-Dynastie. Während ʿAbd al-ʿAzīz al-Muṭawiʿ, der enge Verbindungen zur Herrscherfamilie pflegte, den Vorschlag unterstützte, Scheich ʿAbdullah al-Dschābir aṣ-Ṣubāḥ als Ehrenmitglied der Islamischen Anleitungsgesellschaft (IAG) aufzunehmen, lehnte al-ʿAdsānī diesen Vorschlag entschieden ab. Diese Meinungsverschiedenheit verschärfte die Spannungen innerhalb der Organisation. Hinzu kamen unterschiedliche Ansichten bezüglich Gamal Abdel Nassers Kampagne gegen die Muslimbruderschaft in Ägypten: Während al-Muṭawiʿ eine neutrale Haltung einnahm, plädierte al-ʿAdsānī für eine offene Solidarität mit der ägyptischen MB.Alkandari: The Muslim Brotherhood in Kuwait. 2014, S. 77.
Ein weiterer Konfliktpunkt betraf die Führungsstruktur der IAG. Ahmad al-Rueschid, ein prominentes Mitglied der IAG, betonte, dass al-ʿAdsānī sich gegen die Zentralisierung der Führung in den Händen von al-Muṭawiʿ stellte. Stattdessen forderte er eine demokratischere Organisationsstruktur und kritisierte insbesondere al-Muṭawiʿs häufige Abwesenheit, die sowohl die Entscheidungsfindung als auch die Weiterentwicklung der Organisation beeinträchtigte. Diese Differenzen führten schließlich zu einer Spaltung der IAG in zwei Fraktionen, was zahlreiche Mitglieder zum Austritt veranlasste. Die Krise eskalierte weiter, als Muḥammad Salim, ein von der ägyptischen Muslimbruderschaft entsandtes Mitglied zur Unterstützung der Organisation in Kuwait, das Land verließ. In diesem Kontext trat al-Muṭawiʿ von seinem Amt als Generalbeobachter zurück, obwohl seine Anhänger versucht hatten, ihn davon abzuhalten.Alkandari: The Muslim Brotherhood in Kuwait. 2014, S. 77.
Nach al-Muṭawiʿs Rücktritt wurde ʿAbdul Razzāq aṣ-Ṣāliḥ vom Vorstand zum neuen Generalbeobachter gewählt, um die interne Krise zu bewältigen. Al-ʿAdsānī hingegen konzentrierte sich auf die Arbeit mit seiner Jugendgruppe, deren Aktivitäten jedoch aufgrund der Abwesenheit vieler Mitglieder, die zum Studium ins Ausland gingen, zum Erliegen kamen. Die Situation verschärfte sich weiter durch Nassers zunehmende Feindseligkeit gegenüber der Muslimbruderschaft nach dem al-Manschiyya-Vorfall. Diese Ereignisse führten zu einer wachsenden öffentlichen Skepsis gegenüber der Bewegung in Kuwait, da Nassers Einfluss in der arabischen Welt zunahm.Alkandari: The Muslim Brotherhood in Kuwait. 2014, S. 78–79.
Im Jahr 1959 verschärften sich die Spannungen zwischen der kuwaitischen Regierung und nationalistischen Gruppierungen, was zur Schließung aller Vereine und Gemeinschaften führte – mit Ausnahme der IAG, die aufgrund ihrer Rolle als Gegengewicht zum arabischen Nationalismus weiterhin aktiv bleiben durfte. Ihre Aktivitäten blieben jedoch stark eingeschränkt, und 1960 wurde die IAG endgültig geschlossen. Infolgedessen verlagerte die Muslimbruderschaft in Kuwait ihre Tätigkeiten auf intellektuelle Zusammenkünfte, während ihre organisatorische Struktur zerfiel.al-Mdaires: Islamic Extremism in Kuwait. 2010, S. 18.
Politisch blieb die IAG weitgehend inaktiv, abgesehen von einigen wenigen Initiativen, wie der Unterstützung der algerischen Revolution und Ägyptens während der Suezkrise 1956. Diese Aktionen wurden in Zusammenarbeit mit der nationalistischen Koalition der kuwaitischen Clubs organisiert. Die Organisation beteiligte sich auch an einer Veranstaltung des Nationalistischen Kulturclubs, bei der der prominente Nationalist Dschasim al-Qaṭamī das tribale Regierungssystem Kuwaits scharf kritisierte. Diese Kritik führte letztlich dazu, dass die Regierung sämtliche Clubs, einschließlich der IAG, schloss. Obwohl die IAG später aufgrund ihrer guten Beziehungen zur Herrscherfamilie wieder eröffnet wurde, kehrten die meisten Mitglieder nicht zurück. Angesichts der zunehmend feindseligen politischen Haltung der kuwaitischen Regierung gegenüber Organisationen wie der IAG beschlossen die verbliebenen Mitglieder schließlich, die Gesellschaft endgültig aufzulösen, womit die Institution ihr Ende fand.Alkandari: The Muslim Brotherhood in Kuwait. 2014, S. 81.
Die Gemeinschaft für soziale Reform (GSR) Mit der Unabhängigkeit Kuwaits am 19. Juni 1961 wurden die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des Landes neu geordnet. Scheich ʿAbdullāh Sālim aṣ-Ṣabāḥ erließ im Januar 1962 ein Dekret, das die Wahl eines Gremiums zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung initiierte. Am 29. Januar 1963 trat das erste kuwaitische Parlament (Madschlis al-Umma) zusammen, um die Verfassung zu verabschieden. Im selben Jahr schlossen sich 30 Mitglieder der Muslimbruderschaft sowie Unterstützer der zuvor aufgelösten Islamischen Anleitungsgesellschaft (IAG) zusammen, um die Gemeinschaft für soziale Reform (GSR, Dschamʿiyyat al-Iṣlāḥ al-Idschtimāʿī, جمعية الإصلاح الإجتماعي) zu gründen. mini|Die Gesellschaft für Sozialreform (1963) Diese Organisation führte die Arbeit der Muslimbruderschaft fort und wurde am 22. Juli 1963 gemäß den Bestimmungen des Gesetzes Nr. 24 von 1962 offiziell anerkannt.Alkandari: The Muslim Brotherhood in Kuwait. 2014, S. 141.