mini|hochkant|Zeitungsannonce, Die Reform, 12. September 1875Ankunft einer großen Heerde Rennthiere in Begleitung einer Lappländer-Familie, Die Reform, 12. September 1875, S. 4. Hagenbecks Völkerschau der „Lappländer“ 1875 war eine Völkerschau (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo), bei der sechs Samen (damals meist noch „Lappländer“ genannt) zusammen mit 31 Rentieren zwischen dem 12. September und dem 21. November 1875 zuerst im damaligen Tierpark Hagenbeck am Neuen Pferdemarkt in Hamburg-St. Pauli und anschließend auf der Hasenheide in Berlin-Neukölln sowie im Pfaffendorfer Hof in Leipzig zur Schau gestellt wurden. Zur Gruppe der Samen zählten ein Ehepaar mit einem Kleinkind und einem Säugling sowie ein Vater mit seinem Sohn.

Veranstalter dieser Völkerschau war Carl Hagenbeck (1844–1913) aus Hamburg, der bis zu seinem Tod über 50 solcher „Völkerausstellungen“ veranstaltete und hunderttausende zahlende Besucher anlockte. Die Völkerschau der „Lappländer“ 1875 (in der Literatur häufig und unzutreffend auf das Jahr 1874 datiert) war Hagenbecks erste Völkerschau, die in der Forschung deshalb häufig als Initialzündung zur Etablierung des Ausstellungstyps der Völkerschauen gilt – so wie es Hagenbeck und Heinrich Leutemann in ihren Memoiren selbst behaupteten. Erst in jüngeren Forschungen zur Völkerschau der „Lappländer“ 1875 gibt es an dieser Darstellung Zweifel, weil es bereits seit 1872 eine von der Schaustellerin Emma Willardt veranstaltete langjährige Tournee von „Lappländern“ mit ihren Rentieren gab, die sich nur geringfügig von der Hagenbecks unterschied.

Vorgeschichte Samische Familie in London 1822 Bereits 1822 hatte der Britische Naturforscher William Bullock eine samische Familie zusammen mit ihren Rentieren nach London geholt, um vor einer künstlichen Schneekulisse und ihrem Zelt ihr Alltagsleben und den Umgang mit Waffen und Werkzeugen zu inszenieren. Der Historiker Eric Ames vermutet, dass Hagenbeck diese frühe Zurschaustellung von Samen nicht gekannt hat.Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. University of Washington Press, Seattle 2009.

Die „Lappländer“-Schau von Emma Willardt ab November 1872

mini|hochkant|Schaubude am Wiener Prater: „Die ersten Lappländer Polar-Menschen“ von Emma Willardt, Foto (Diapositiv) von 1873Wien Museum Online Sammlung: Weltausstellung 1873: Praterhütte von Emma Willardt an der Ausstellungsstraße

mini|hochkant|Anzeige Illustriertes Wiener Extrablatt vom 17. November 1872Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023.

Die Wiener Schaustellerin Emma Willardt warb im November 1872 eine vierköpfige samische Familie aus dem schwedischen Malå (Provinz Västerbottens län) namens Loky an und stellte sie zuerst in Wien in einer Schaubude am Kolowratring (heute Schottenring), ab Frühjahr 1873 dann am Prater zur Schau, wo noch vier weitere Samen (drei Männer und eine Frau) zur Gruppe hinzustießen. Die Schau lockte während der Weltausstellung 1873 zahlreiche Besucher an.

Die Samen führten „Alltagsszenen vor, manchmal Tänze und Gebete, hatten aber auch Neues im Programm, einen Eisbärenkampf etwa oder Fahrten mit dem Hundeschlitten“. Außerdem führte die Gruppe einige Rentiere mit sich. Im Juli starb eine der beiden Frauen in Wien, weil sie die Hitze nicht vertragen hatte. Ab September 1873 startete Emma Willardt eine Tournee des „reisenden Nordpoltheaters“ mit einer inzwischen wieder auf vier Personen verkleinerten Gruppe von Samen zuerst durch Österreich. Die zeitweilig in Kooperation mit dem Schaustellerehepaar Albert und Henriette Böhle durchgeführte Tournee führte anschließend durch hunderte Städte der Schweiz, des Deutschen und des Russischen Reichs, und dauerte bis 1878.

Willardt legte von Beginn der Völkerschau großen Wert auf Nachweise über die „Echtheit der Gruppe“, die sie anhand verschiedener Dokumente zu bezeugen versuchte. Die Wissenschaftler Josef Budenz und Heinrich Frauberger bestätigten, dass es sich bei der Gruppe um „authentische Lappländer“ handelte. Bei ihrem Aufenthalt Anfang 1875 in Berlin wurde die Gruppe von Rudolf Virchow untersucht und in zwei Sitzungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte am 16. JanuarRudolf Virchow: Herr Böhle stellte wiederum vier neue eingetroffene Lappen vor. (Sitzung vom 16. Januar 1875). In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1875, S. 7–27, hier S. 12. und 20. Februar 1875 vorgestellt.Rudolf Virchow: Herr Böhle stellte wiederum vier neue eingetroffene Lappen vor. (Sitzung vom 20. Februar 1875). In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1875, S. 28–39, hier S. 36. Virchow stellte in seinem Vortrag ein „Zeugniss“ über die „Zuverlässigkeit der Leute“ aus. Willardts Zurschaustellung stand dennoch mehrfach in der Kritik. Während des Aufenthaltes in Brünn im März 1874 kursierten in der Presse erstmals Vorwürfe, die Gruppe sei nicht echt und „die männlichen Gruppenmitglieder seien in Wirklichkeit braun angemalte Strizzi“. Seither wurden immer wieder Zweifel an der Echtheit der Gruppe geäußert. Und auch der Leipziger Tiermaler und auch als Journalist tätige Heinrich Leutemann verfasste im Herbst 1875 mehrfach Artikel, in denen er die „Lappländer“-Schau von Emma Willardt scharf kritisierte, so beispielsweise in einem Artikel der Gartenlaube:

Leutemanns Kritik steht auch in Zusammenhang mit der von Carl Hagenbeck und ihm selbst im Laufe des Jahres 1875 geplanten eigenen Zurschaustellung von Samen mit ihren Rentieren. Stefanie Wolter bemerkte in ihrer Publikation Vermarktung des Fremden von 2005 zu diesem Zitat: „Ob Leutemann hier aus Geschäftskalkül […] oder ehrlicher Überzeugung urteilt, ist kaum festzustellen“.Stefanie Wolter: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfängen des Massenkonsums. Frankfurt am Main 2005.

Vorbereitung der „Lappländer“-Schau Hagenbecks Der Tierhändler Carl Hagenbeck hatte im März 1874 seinen ersten Tierpark auf St. Pauli eröffnet und berichtete im Vorfeld der ersten Menschenausstellung über den stagnierenden Tierhandel und finanzielle Schwierigkeiten auch infolge der Gründerkrise.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Frankfurt am Main 2005. In seinen Memoiren von 1887 behauptete Leutemann, dass er die Idee zur ersten „Völkerausstellung“ (wie Hagenbeck seine Völkerschauen damals selbst bezeichnete) hatte:

Die in seinen Memoiren verfassten Schilderungen sind zeitlich nicht ganz plausibel, denn bereits am 5. Januar 1875 berichtete Leutemann in einem (offenbar von ihm selbst verfassten) Artikel des Leipziger Tageblatt und Anzeiger, dass Hagenbeck schon im Frühjahr eine „Heerde Rennthiere“ sowie „4 echte Lappen als Begleiter“ erwarte. Im gleichen Artikel kritisierte er die „Lappländer“-Schau von Böhle und Willardt: „[…] denn die hier in der letzten Messe zur Schau gestellten Lappen trugen durchaus weder ihr wirkliches Costüm, noch ihre eigentlichen Waffen. Sie waren wegen des größeren Effects wegen als Eskimos gekleidet […], so daß ihre ganze äußere Erscheinung eine total falsche war.“Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom Dienstag, 5. Januar 1875. Die Vorbereitung der Menschenschau zog sich aber noch über mehrere Monate hin. Über die Umstände der Anwerbung der Gruppe, die im September 1875 in Hamburg eintraf, ist wenig bekannt. Der Agent, der die Gruppe in Nordschweden angeworben hatte, war laut Leutemann der norwegische Fotograf und Händler Johan Erik Wickström aus Tromsø, der Norwegisch und Samisch sprach und somit als Dolmetscher auftrat.Heinrich Leutemann: Nordische Gäste, In: Die Gartenlaube, Jg. 1875 Heft 44, S. 742–744; siehe . Hagenbeck berichtete in seinen Memoiren Von Tieren und Menschen von 1908 von seiner ersten Begegnung mit der Gruppe:

Die Gruppe der Samen Die sechs Samen waren Ella Maria Josefsdatter Nutti (1841–1930), ihr Ehemann Nils Rasmus Persson Eira (1841–1930), die dreijährige Tochter Kristina und der Säugling Per Bernhard, wobei die Familie in den deutschsprachigen Überlieferung oft Rasti (eine samische Form von Rasmus) genannt wurde. Die zwei weiteren Männer waren Lars Nilsson Hotti und sein Sohn Jacob Larsson Hotti (im September 1875 waren sie 45 und 21 Jahre alt). Die Gruppe stammte aus Karesuando, einer kleinen Ortschaft in der heutigen nordschwedischen Provinz Norrbottens län und der historischen Provinz Lappland.Cathrine Baglo: Samische Perspektiven auf Carl Hagenbecks „anthropologisch-zoologische Ausstellungen“. In: Anna Sophie Laug (Hg.): Das Land spricht. Sámi Horizonte. Hamburg 2023, S. 54–93. Die Samen (Plural auch Sami, veraltet Lappen oder Lappländer) sind ein indigenes Volk, das im nördlichen Skandinavien, Finnland und auf der Kola-Halbinsel in Russland lebt.

Verlauf Die Völkerschau begann in Hamburg am 12. September 1875.Ankunft einer großen Heerde Rennthiere in Begleitung einer Lappländer-Familie, Die Reform, 12. September 1875. Am Vortag, dem 11. September nachmittags,Die Tageszeitung Die Reform berichtete in ihrer Ausgabe vom 12. September: „Die Lappländer-Familie […] ist gestern Nachmittag sammt ihrer Rennthierherde glücklich angelangt und zog unter Begleitung zahlloser Neugieriger vom Hafen nach Hagenbeck’schen Handlungsmenagerie. […] Als man beim Heiligengeistfelde vorbeikam, entwischte eins der Rennthiere, wodurch der Menschen-Auflauf noch größer ward. Der Ausreißer wurde jedoch bald wieder eingefangen.“ wurden die Rentiere vom Hafen zum Neuen Pferdemarkt auf St. Pauli geführt, was sich laut den Schilderungen von Leutemann in seinem Artikel in Die Gartenlaube von Anfang November 1875 als schwierig herausstellte:

Allerdings trug dieses Spektakel auch dazu bei, dass den Samen in Hamburg große Aufmerksamkeit zuteilwurde. Hagenbeck berichtete in der zweiten Auflage seiner Memoiren Von Tieren und Menschen von 1909 über den für ihn überraschenden Erfolg der Schau:

mini|hochkant|Die Völkerschau-Gruppe der sechs Samen in einer fiktiven „natürlichen“ Umgebung, Zeichner nicht namentlich genannt, Die Reform, 17. September 1875Aus Hagenbecks Handelsmenagerie. Lappländer und Rennthiere. Die Reform, 127. September 1875, Titelseite.