mini|300x300px mini|Befundskizze 1869–2015 mini|Befundskizzen von Gaisberger und Kenner, 1869 mini|Planskizze des Burgus von Justin, 1909
Der Burgus Mösendorf war Bestandteil der rückwärtigen Sicherungsanlagen des Donaulimes in der römischen Provinz Noricum im heutigen österreichischen Bundesland Oberösterreich, Bezirk Vöcklabruck. Mösendorf ist ein Ortsteil der Marktgemeinde Vöcklamarkt. Der von seiner Größe her als burgus zu bezeichnende spätantike Turmbau wurde vermutlich bis ins späte 4. Jahrhundert n. Chr. von den Römern genutzt. Man nimmt an, dass solche Befestigungen, wie im benachbarten Pannonien, eine Mehrfachfunktion hatten. Sehr wahrscheinlich waren sie als Signal- und Wachtürme konzipiert, während die größeren auch als Magazine/Etappenstationen für in offiziellen Auftrag Reisende und Militärverbände dienten. Sie wurden größtenteils während der Herrschaft von Valentinian I., also wahrscheinlich zwischen 369 und 373 n. Chr., erbaut.
Die schon lange bekannte Fundstelle war gemeinhin als Burgstall bekannt. Der quadratische Steinbau mit Umfassungsmauer, wurde im späten 19. Jahrhundert wiederentdeckt und zunächst als römische Straßenstation, monumentaler Grabbau, Tempelbezirk oder Festungsanlage gedeutet. Messungen mittels Georadar zeigten weiters, dass die Fundamente der vermeintlich vollkommen zerstörten Anlage nach wie vor unter der Erde weitgehend erhalten geblieben sind; der Grundriss stimmt im Wesentlichen mit den ersten, aus den 1860er-Jahren stammenden, Planskizzen überein. Der antike Name sowie die Besatzungseinheiten der Kleinfestung sind unbekannt.FÖ Fundberichte aus Österreich. Band 54, 2015, Verlag Ferdinand Berger & Söhne Ges.m.b.H, Wien 2017, ISBN 978-3-85028-811-8, S. 19.
Name Die Bezeichnung „burchstal“ [Burcstol, Burgstall, Purgstall] für diesen Wehrbau wird erstmals in der Stiftungsurkunde des Klosters Mondsee aus dem Jahr 748 genannt. Seit der Wiederauffindung der Ruine im 19. Jahrhundert wird die Stätte wieder als „Burgstall“ bezeichnet.Urkundenbuch 1852, 94; vgl. Gaisberger 1869, 256f. mit Anm. 3. Dies lässt darauf schließen, dass der burgus in dieser Zeit noch relativ gut erhalten war.
Lage Mösendorf liegt etwa 3 km östlich von Frankenmarkt. Die Römerstraße (via publica) verband Iuvavum (Salzburg) mit der Provinzmetropole Ovilavis (Wels). In der Tabula Peutingeriana sind zwischen den beiden autonomen Städten die Orte Tarnantone, Laciaco sowie Tergolape genannt. Im Itinerarium Antonini wird nur Laciacis angeführt. Keiner von ihnen konnte bis dato mit letzter Sicherheit heutigen Orten zugeordnet werden.Kastler/Traxler 2014, 129–137; Lang et al. 2016, 17f. Auf Grund der Nennung von Laciacis bzw. Laciaco sowohl im Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana und der Mittellage zwischen Ovilavis (Entfernungsangaben in beiden Werken: mille passum XXXII) und Iuvavum (m.p. XXVIII bzw. m. p. XXVII) nimmt man an, dass es sich hierbei um die bedeutendste Straßenstation zwischen den beiden Städten handelt. Naheliegend wäre das heutige Frankenmarkt, schlüssige Beweise liegen dafür allerdings keine vor.Kastler/Traxler 2014, S. 134–136; Lang et al. 2016, S. 18.
Entwicklung und Funktion Als die Einfälle feindlicher Stämme ins Römische Reich nach der Mitte des 4. Jahrhunderts wieder massiv zunahmen, musste Kaiser Valentinian I. (364–375) im Jahr 375 persönlich eingreifen und führte in Pannonien einen Feldzug gegen die Quaden. Der Kaiser ordnete auch die letzten großen Umbau- und Verstärkungsmaßnahmen am norischen Limes an. Die Grenze wurde durch einen dichten Kordon neuer Burgi und Kleinfestungen verstärkt. Wach- und Signaltürme wurde entweder am Rand einer Straße, in erhöhter Lage oder direkt am Donauufer errichtet (Wachturm Hirschleitengraben, Burgus Hollenburg und Burgus Passau-Haibach). Von ihnen aus hatte die Besatzung Sichtverbindung zum benachbarten Turm, Kastell oder Siedlung.
Diese turres oder burgi speculae sollten vor allem die Wege, Straßen oder Flussmündungen zwischen den Kastellen und Legionslagern und im Hinterland sichern. Die meisten der norischen Burgi stammen aus dem 4. Jahrhundert. Sie waren sehr massiv konstruiert, verfügten über drei Geschoße und waren im Schnitt etwa 10 Meter hoch. Die Forschung geht davon aus, dass die rückwärtigen burgi dem Schutz der Verkehrs- und Versorgungswege zur Donaugrenze diente. Weitere Aufgaben der Besatzungen waren wohl die Überwachung des Straßenverkehrs, evtl. die Zwischenlagerung von Nachschubgütern, die Nachrichtenweitergabe sowie die Blockade der Straße bei Barbareneinfällen.Otto Schultheiss 1911, S. 105 Die burgi waren im Wesentlichen eine Weiterentwicklung der Limestürme der mittleren Kaiserzeit und bestanden bei den größeren Exemplaren aus einem turmartigen Kernwerk sowie Außenbefestigungen (Erdwall, Mauer oder Palisade, umgeben von einem oder manchmal mehreren Gräben). Auffällig bei spätantiken Bauten dieser Art ist besonders die beträchtliche Vergrößerung des zentralen Turmes. Die meisten dieser neuen Befestigungen wurden aber schon um die Mitte des fünften Jahrhunderts wieder aufgegeben oder zerstört. In der Forschung werden allerdings vielerlei spätantike Bauwerke wie kleinere Wachtürme, Kleinkastelle, zivile Refugien an villae rusticae (Gutshöfen) und befestigte Hafenanlagen für Flussschiffe, besonders an Oberrhein und Donau, ebenfalls als Burgi bezeichnet.
Durch das heutige Mösendorf verlief die Römerstraße von Ovilava (Wels) nach Iuvavum (Salzburg). Der massive Wehrbau lag exponiert auf einer Anhöhe über der Vöckla und der unmittelbar daran vorbeiführenden via publica, zu deren Überwachung und Sicherung er mit ziemlicher Sicherheit diente. Zusätzlich könnte der burgus auch als eine Art Raststation genutzt worden sein. Vermutlich befand sich seit dem 2. Jahrhundert in unmittelbarer Nähe ein Vicus, da man – sekundär als Baumaterial verwendete – Grabsteine aus dieser Zeit auf dem Areal ausgrub. Die vermutete mittelalterliche Nachnutzung ist ebenso nachvollziehbar und u. a. anhand des ausgedehnten Grabensystems im Magnetogramm erkennbar. Derartige Binnenfestungen an römischen Fernstraßen – weit abseits der Rhein-Donaugrenze – sind auch aus
Mauer/Amstetten (A) Bedaium/Seebruck (D), und Irgenhausen (CH)Steidl 2014, S. 285f.
bekannt.Gerald Grabherr, Barbara Kainrath, Stefan Traxler: Ab Iuvavo M XXXI. Der „Burgstall“ von Mösendorf. In: Raimund Kastler, Felix Lang, Holger Wendling (Hrsg.): Faber Salisburgi. Festschrift für Wilfried K. Kovacsovics zum 65. Geburtstag. Universität Salzburg, Fachbereich Altertumswissenschaften, Salzburg 2018, ISBN 978-3-9504667-0-6, S. 67.
Forschungsgeschichte Die bereits in den 1860er Jahren teilweise ausgegrabenen Gebäudestrukturen, die lange als antike Straßenstation (mansio) interpretiert wurde, konnte durch Geomagnetik- und Bodenradar-Untersuchungen zweifelsfrei als spätrömische Kleinfestung identifiziert werden.Gerald Grabherr, Barbara Kainrath, Stefan Traxler: Ab Iuvavo M XXXI. Der „Burgstall“ von Mösendorf. In: Raimund Kastler, Felix Lang, Holger Wendling (Hrsg.): Faber Salisburgi. Festschrift für Wilfried K. Kovacsovics zum 65. Geburtstag. Universität Salzburg, Fachbereich Altertumswissenschaften, Salzburg 2018, ISBN 978-3-9504667-0-6, S. 57–70.
19. Jahrhundert Mösendorf gelangte erstmals 1865 in den Fokus der Wissenschaft. Zusätzlich zu den beiden ersten umfassenderen Berichten von Joseph Gaisberger (1869, 233–258) und Friedrich von Kenner (1869) steht nun eine weitere Quelle zu den frühen Forschungen zur Verfügung: In den im OÖ. Landesarchiv verwahrten Akten des OÖ. Musealarchives konnte das lange verschollene Manuskript „Der Burgstall bei Mösendorf“ des aus Vöcklamarkt stammenden K.u.K. Oberleutnant Hugo Justin aus dem Jahr 1909 eingesehen werden, dadurch war es möglich, die Forschungstätigkeiten der Jahre 1865 bis 1867 rekonstruieren. Demnach stießen Bauern schon 1860, im Zuge der Erschließung eines Gemeindegrundstückes, auf die Überreste der Festungsanlage, die aber dann in den Folgejahren durch Steinraub größtenteils abgetragen wurde.Gaisberger 1869, S. 233; Kenner 1869, S. 23f.; Justin 1909. Justin notierte 1909 hierzu: „Unter dem Schutte und Kalkmörtel fanden sich eine Menge an Knochen und Pferdeschädel, im Jahre 1864 auch einige römische Münzen“. Gezielte Forschungen wurden wohl seit 1866 durchgeführt.Gaisberger 1869, S. 253f; Justin 1909. Hugo Justin verwendete für sein Manuskript u. a. auch die Tagebuchaufzeichnungen des Arztes Josef Burgstaller (oder Purgstaller) aus Vöcklamarkt, die auch Fundskizzen beinhalteten. Dr. Burgstaller hatte diese von dessen Schwester Elisabeth Prinz erhaltenAmmerer-Willibald 1999, S. 16.. Außerdem war Justin im Besitz der „Planskizze vom ehemaligen ‚Kastell von Mösendorf‘ (am Burgstall)“, die am 10. April 1867 von einem Alois (?) Schropp aus Vöcklamarkt anlässlich des Abschlusses der Untersuchungen gezeichnet worden war. Justin fertigte für sich zumindest zwei Kopien davon an.Abb. 1; Ammerer-Willibald 1999, S. 15. Auf den Planskizzen von JustinAbb. 1; Ammerer-Willibald 1999, S. 15. ist das Kernwerk quadratisch dargestellt, bei Kenner und Gaisberger eindeutig rechteckig. Nach dem Fund eines römischen Meilensteines (1866) erfuhr der Fundort eine erhöhte Aufmerksamkeit. Neben dem Meilenstein stieß man auf einem „...mit Mörtel- und Stein-Trümmern verschütteten Brunnen (Cisterne)“ Drei dieser Fragmente entpuppten sich als Grabinschrift des Sumeliu(s?) = 11783 – ILLPRON 990 – Lupa 4968., die heute Teil der Sammlung des OÖ. Landesmuseums ist und aktuell im Museum Vöcklamarkt ausgestellt wird. „Das dritte Stück, das lange Zeit als Schwerstein auf einem Schindelleg-Dache gedient hatte, enthält das Brustbild einer Frau.“ notierte Gaisberger 1869. (S. 254f). Zudem werden noch Ziegelbruchstücke, Tierknochen, Hufeisen und römische Münzen erwähnt, sodass seine Interpretation als „römische Niederlassung“ nachvollziehbar ist. Kenner deutete die römischen Funde als „… einen kleineren römischen Befestigungsbau [der aufgrund der mittelalterlichen Fundobjekte] wohl auch im Mittelalter noch zu irgendeinem Zwecke benützt worden sei.“F. v. Kenner: 1869, S. 25.
21. Jahrhundert