Die Wirtschaft Haitis ist als freie Marktwirtschaft organisiert. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung ist Haiti das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Als ehemals ertragreichste Kolonie Frankreichs (Saint-Domingue) begann nach der Unabhängigkeit im Jahr 1804 ein wirtschaftlicher Niedergang. Häufige Naturkatastrophen sowie politische Instabilität verhinderten die Ausbildung ökonomisch prosperierender Wirtschaftszweige und machten Versuche, die Infrastruktur des Landes zu konsolidieren, zunichte.
Die zumeist gegebene innere Schwäche der Regierungen erleichterte die Einflussnahme fremder Mächte in die Geschicke des Landes und beförderte die Entwicklung einer gänzlich unausgewogenen Sozialstruktur weniger Reicher und der großen Mehrzahl derer, die ständig nicht nur um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen müssen.
Geschichte Vor der haitianischen Revolution und Unabhängigkeit galt das Land als die reichste und produktivste Kolonie der Welt.
In den ersten Jahren der Unabhängigkeit litt Haiti unter seiner Isolation auf internationaler Bühne, was sich in der anfänglichen mangelnden diplomatischen Anerkennung durch Europa und die Vereinigten Staaten (die das Land erst 1862 anerkannten) zeigte. Dies wirkte sich negativ auf Investitionen in Haiti aus. Ein weiteres wirtschaftliches Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung Haitis im 19. Jahrhundert war die Forderung Frankreichs, ab 1825 als Reparation für den Verlust der Kolonie und Voraussetzung für die Anerkennung dieser als souveränen Staat 150 Millionen Francs zu zahlen.
Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Kaufleute aus den Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck, Kontore in Haiti zu eröffnen und Handelsbeziehungen aufzubauen. Die Handelshäuser nutzten Haiti als Basis, da das Land für den Außenhandel offen war und es nur wenig Konkurrenz aus anderen europäischen Ländern gab. Im Jahr 1910 kontrollierten Deutsche in Haiti rund 80 % des Außenhandels des Landes. Obwohl die Zahl der in Haiti lebenden Deutschen nur etwa 200 betrug, verfügten sie über ein unverhältnismäßig großes Maß an wirtschaftlichem Einfluss. Sie besaßen und betrieben beispielsweise Versorgungsbetriebe in Port-au-Prince und Cap-Haïtien und kontrollierten den Hafenbetrieb in Port-au-Prince vollständig.
Von 1915 bis 1934 besetzten die Vereinigten Staaten Haiti. Haiti war mit einem Betrag, der 80 Prozent der jährlichen Staatseinnahmen entsprach, bei den Vereinigten Staaten verschuldet gewesen. Gleichwohl war das Land in der Lage, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Wegen des Einflusses deutscher Geschäftsleute trotzdem besorgt, setzten sich Unternehmen der amerikanische Finanzbranche bei ihrer Regierung dafür ein, Haiti zu besetzen. Von 1910 bis 1911 unterstützte das Außenministerium der Vereinigten Staaten ein Konsortium amerikanischer Investoren, angeführt von der National City Bank of New York, bei der Übernahme einer dominierenden Beteiligung an der Nationalbank von Haiti, um die Banque de la République d'Haïti (BNRH) zu gründen. Auch Frankreich behielt eine Beteiligung an der BNRH. Die BNRH war die einzige Geschäftsbank des Landes und diente der haitianischen Regierung als Zentralbank.
Nachdem im Jahr 1957 François Duvalier die Macht in Haiti erlangt hatte, führte dessen Gewaltherrschaft zu vordergründiger Stabilität und zum Aufschwung des Tourismussektors. Allerdings erhob der amerikanische Präsident Kennedy Korruptionsvorwürfe gegen Duvalier und setzte den Diktator unter Druck. Hilfsgüter wurden im Jahr 1962 offiziell nicht mehr nach Haiti geschickt. Andere Geldgeber, wie etwa die UNO, machten ihre finanzielle Unterstützung allerdings nicht von der Frage der Blutrünstigkeit oder Korruptionsgeneigtheit Duvaliers abhängig und kontrollierten den Verbleib der Gelder auch nicht konsequent, weshalb das meiste davon auf Nummernkonten im Ausland landete. Nach Kennedys Tod änderte sich das Verhältnis zwischen Duvalier und der US-Regierung, die ihn von nun an unterstützte. François Duvaliers Sohn Jean-Claude Duvalier bezog seine Haupteinkünfte aus den Einnahmen der , der Tabak-Administration, die das Tabakmonopol Haitis kontrollierte. Später kamen zu diesen steuerfreien Einnahmen noch weitere Einnahmen aus staatlichen und von ihm kontrollierten Unternehmen.
Vergleichende soziale und wirtschaftliche Indikatoren zeigen, dass Haiti seit den 1980er Jahren weiter hinter andere Entwicklungsländer (insbesondere in der westlichen Hemisphäre) zurückgefallen ist. Die wirtschaftliche Stagnation Haitis ist das Ergebnis früherer verfehlter Wirtschaftspolitik, politischer Instabilität, eines Mangels an gutem Ackerland, der Verschlechterung der Umweltbedingungen, der fortgesetzten Verwendung veralteter Technik, der Unterkapitalisierung und des Mangels an öffentlichen Investitionen in die Humanressourcen, der Abwanderung großer Teile der qualifizierten Bevölkerung und einer geringen nationalen Sparquote. So wurde deutlich, dass Haiti weiter unter dem Coup des Jahres 1991 litt. In den Wahlen des Jahres 1990 hatte Jean-Bertrand Aristide die Präsidentschaft erlangt, wurde aber bereits 1991 durch einen Armeeputsch gestürzt.
General Raoul Cédras übernahm die Macht. Es folgten drei Jahre mit Misswirtschaft, Terror und Korruption. Eine Flüchtlingswelle zum US-Militärstützpunkt Guantanamo in Kuba setzte ein. Trotz oftmaliger Wechsel der Position des Ministerpräsidenten verbesserte sich die Lage nicht, im Gegenteil. Wirtschaftssanktionen wurden verhängt und der internationale Druck stieg. Die Vereinigten Staaten verhängten obligatorische Sanktionen und die OAS führte freiwillige Sanktionen ein, die auf die Wiederherstellung einer verfassungsmäßigen Regierung abzielten. Die internationalen Sanktionen gipfelten im Mai 1994 in einem Embargo der Vereinten Nationen gegen alle Waren, die nach Haiti gelangen sollten, mit Ausnahme von humanitären Gütern wie Lebensmitteln und Medikamenten. Der produzierende Sektor, dessen Aktivitäten stark von den US-Märkten abhängig waren, hatte Mitte der 1980er Jahre fast 80.000 Arbeitnehmer beschäftigt. Während des Embargos sank die Zahl der Beschäftigten von 33.000 im Jahr 1991 auf 400 im Oktober 1995.
Nach der Wiederherstellung der verfassungsmäßig demokratischer Verhältnisse im Jahr 1994 wurden wirtschaftliche Reformen ins Auge gefasst. Eine solide Steuer- und Währungspolitik sowie Gesetze zur Modernisierung der staatlichen Unternehmen kamen auf die Tagesordnung. Während die staatlichen Mehlmühlen und Zementwerke an private Eigentümer übertragen wurden, gerieten Fortschritte bei den anderen sieben halbstaatlichen Schlüsselunternehmen ins Stocken.
In der ersten Amtszeit von Präsident Préval konzipierte das Wirtschafts- und Finanzministerium im Jahr 1996 Wirtschaftsreformen, um die haitianische Wirtschaft nach den erheblichen Einbrüchen der vorangegangenen Jahre wieder aufzubauen. Die Reformen konzentrierten sich in erster Linie auf den Plan d'urgence pour la relance économique (Emergency Economic Recovery Plan; EERP) und wurden durch ergänzende Maßnahmen im Staatshaushalt unterstützt.
In den folgenden sechs Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt real beständig. Erst nach erneuter Amtsübernahme von Präsident Aristide im Jahr 2001 kehrte sich diese Tendenz um. Das reale BIP fiel um 1,1 Prozent, im Jahr 2002 lag der Rückgang bei 0,9 Prozent. Die makroökonomische Stabilität wurde durch politische Unsicherheit, den Zusammenbruch informeller Bankgenossenschaften, hohe Haushaltsdefizite, niedrige Investitionen und verringerte internationale Kapitalflüsse beeinträchtigt. Hinzu kam die Aussetzung der Kreditvergabe durch internationale Finanzinstitutionen, da Haiti bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) und der Weltbank in Zahlungsrückstand geriet.
Während der Krise erwiesen sich Überweisungen der haitianischen Diaspora aus dem Ausland für viele Haushalte als entscheidende finanzielle Unterstützung. Im Jahr 2002 betrugen sie beispielsweise 931 Mio. USD. Die Überweisungen sind die wichtigste Devisenquelle des Landes. Sie machen fast 20 Prozent des BIP aus und sind mehr als doppelt so hoch wie die Exporterlöse Haitis.
Die haitianische Wirtschaft stabilisierte sich im Jahr 2003. Obwohl das Jahr mit einem raschen Wertverfall des Gourde begann, der auf Gerüchte über die Verstaatlichung von US-Dollar-Einlagenkonten und die Streichung von Treibstoffsubventionen zurückzuführen war, gelang es der Regierung, den Gourde zu stabilisieren, als sie die politisch schwierigen Entscheidungen traf, die Treibstoffpreise frei an die Weltmarktpreise anzupassen und die Zinssätze zu erhöhen. Die Einigung der Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) auf ein von dessen Mitarbeitern überwachtes Wirtschaftsprogramm (Staff Monitored Program; SMP) und die anschließende Zahlung der Rückstände in Höhe von 32 Mio. USD an die IDB im Juli ebneten den Weg für eine erneute Kreditvergabe durch die IDB. Die IDB zahlte im Juli 35 Millionen Dollar eines 50-Millionen-Dollar-Darlehens aus und begann mit der Auszahlung von vier zuvor genehmigten Projektdarlehen in Höhe von insgesamt 146 Millionen Dollar. Die IDB, der IWF und die Weltbank diskutierten mit der Regierung auch über neue Kredite. Ein großer Teil davon würde von der Einhaltung der fiskalischen und monetären Ziele und der politischen Reformen, wie sie im Rahmen des SMP eingeleitet wurden, sowie von der Begleichung der Zahlungsrückstände bei der Weltbank (30. September 2003: 30 Mio. USD) abhängen.
Im Jahr 2005 bezahlte Haiti seine Zahlungsrückstände bei der Weltbank und ebnete damit den Weg für eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit der Bank. Mitte 2009 wurde Haiti im Rahmen der Initiative für hochverschuldete arme Länder ein Schuldenerlass von über 1 Milliarde US-Dollar gewährt. Der Rest der ausstehenden Auslandsschulden wurde nach dem Erdbeben von 2010 von den Geberländern gestrichen, ist aber seitdem wieder auf über 600 Mio. Dollar angestiegen. Die Regierung ist auf formelle internationale Wirtschaftshilfe angewiesen, um handlungsfähig zu bleiben, mehr als die Hälfte des Jahreshaushalts stammt aus externen Quellen. mini|Gewalt in den Straßen, hier in Hinche 2019 Die Wirtschaft Haitis erlitt im Januar 2010 einen schweren Rückschlag, als ein Erdbeben der Stärke 7,2 einen Großteil der Hauptstadt Port-au-Prince und der angrenzenden Gebiete zerstörte. Das Erdbeben traf das nach wie vor ärmste Land Amerikas, in dem 80 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze und 54 Prozent in bitterer Armut leben. Es verursachte Schäden in Höhe von 7,8 Milliarden US-Dollar und ließ das BIP des Landes im Jahr 2010 um 5,4 Prozent schrumpfen. Nach dem Erdbeben erhielt Haiti internationale Finanzzusagen in Höhe von 4,59 Mrd. USD für den Wiederaufbau.
Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise in Haiti seit 2018 beeinträchtigte sowohl die makroökonomische Entwicklung als auch praktisch alle Wirtschaftszweige.
Kritiker des Kapitalismus fassen die geschichtliche Entwicklung mit Blick auf die aktuelle Lage des Landes und dessen Entwicklungsmöglichkeiten so zusammen:
Makroökonomische Indikatoren Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Haitis nach Kaufkraftparität hat sich seit dem Jahr 1980 fast vervierfacht. Demgegenüber hat sich angesichts des Bevölkerungswachstums das BIP pro Kopf weniger als verdoppelt. +Liste der Indikatoren ab 1980JahrBIP in Mrd. USD, KaufkraftparitätBIP pro Kopf in USD, KaufkraftparitätBIP in Mrd. USD, nominalWachstum Veränderung zum Vorjahr, realTeuerung in Prozent, VerbraucherpreiseStaatsverschuldung in Prozent des BIP198010,01.6902,77,317,76k. A.198512,61.9404,00,810,65k.A:199014,62.0501,7 −0,421,28k. A.199515.01.9204,89,927,61k. A.200018,52.1606,80,913,7155200522,02.3707,21,815.7347201026,42.62011,9 −5,55,717201531,02.84014,81,29,0230202035,33.00021,0 −1,825,229202136,23,16019,8 −1,713,129202238,13,17021,5 −1,938,726202338,83,11024,1 −3,031,815