mini|Antifaschistische Demonstration in Paris, 1934
Antifaschismus (zusammengesetzt aus griechisch ἀντί antí „gegen“ und Faschismus) bezeichnet eine Haltung, die sich gegen Faschismus richtet. Auch soziale Bewegungen, die sich gegen Faschismus richten, bezeichnen sich als antifaschistisch.
Der Begriff entstand 1920 als Selbstbezeichnung von Gegnern des Faschismus in Italien und wurde dann auf den aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Deutschen Reich, gegen den Franquismus in Spanien und ähnliche politische Kräfte in Europa und Lateinamerika übertragen. Aus dieser Widerstandspraxis heraus entwickelten sich seit 1922 verschiedene Faschismustheorien, um eine umfassende politische Alternative zum Faschismus zu begründen. Antifaschismus enthält daher gesellschaftsanalytische und handlungsleitende Aspekte, bezeichnet aber keine einheitliche politische Theorie.Ulrich Schneider: Antifaschismus. Köln 2014, S. 8 f.
Nach einer Definition des Instituts für deutsche Sprache aus dem Jahr 1989 fasst der Ausdruck „ganz allgemein alle gegen den Faschismus sowie gegen neofaschistische und neonazistische Tendenzen gerichteten Kräfte und Bewegungen“ zusammen.Gerhard Strauß, Gisela Harras, Ulrike Haß: Brisante Wörter von Agitation bis Zeitgeist: Ein Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch. (1989) De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 3-11-012078-X, S. 155 f.
Anfang der 1980er Jahre entstand in mehreren westlichen Ländern die aktivistische soziale Bewegung der Antifa, die zum Teil auch gewaltsam gegen rechtsextreme Tendenzen vorgeht.
Geschichte bis 1945 Italien mini|Italienische Partisanen in Mailand während des Aufstandes gegen die deutsche Besatzung im April 1945 Im Jahr 1919 vereinte Benito Mussolini im damaligen Königreich Italien unterschiedliche Gruppierungen zu den Fasci di combattimento. Deren Schwarzhemden gingen im Biennio rosso (1919–1921) mit gezieltem Terror gegen streikende Industriearbeiter, die Partito Socialista Italiano (PSI) und jegliche Opposition vor. Daraufhin entstanden ab 1920 lokale und regionale antifaschistische Gruppen aber auch Selbstschutzgruppen, welche das gesamte politische Spektrum, von Katholiken, Liberalen bis hin zu Sozialisten und Anarchisten, umfassten. 1921 wandelte Mussolini seine Milizbewegung zur Nationalen Faschistischen Partei um. Die erste bewaffnete antifaschistische Organisation entstand 1921 mit dem Kampfbund Arditi del Popolo. Er war offen für Anarchisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen und bürgerliche Republikaner. Doch die Führung der PSI und der Partito Comunista Italiano (KPI) lehnten den Bund ab. Er blieb auf einige tausend Mitglieder und einige Städte begrenzt.Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde. Böhlau, 2. Auflage, Wien / Köln 2009, ISBN 3-412-20380-7, S. 507; Andreas Graf (Hrsg.): Anarchisten gegen Hitler: Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Rätekommunisten in Widerstand und Exil. Lukas Verlag, 2001, ISBN 3-931836-23-1, S. 99 f. Dies war die erste Organisation mit explizit antifaschistischem Selbstverständnis. Ihre Anhänger bezeichneten sich als Antifascisti.Mark Bray: Antifa. 2017, S. 11–13.
Nach dem Marsch auf Rom von 1922, als Mussolini Staatschef und 1925 Diktator wurde, entstand eine antifaschistische Untergrundpresse in Italien.Clemens Zimmermann: Medien im Nationalsozialismus: Deutschland 1933–1945, Italien 1922–1943, Spanien 1936–1951. Böhlau, Wien 2007, ISBN 3-205-77586-4, S. 114. Der Philosoph Benedetto Croce verfasste im März 1925 ein antifaschistisches Manifest, das 40 intellektuelle Gegner Mussolinis unterzeichneten. Darin verteidigte er die liberaldemokratischen Grundwerte Italiens, ohne den Faschismus zu erklären und zum Kampf dagegen aufzurufen. Antifaschisten wie Piero Gobetti und Carlo Rosselli dagegen sahen eine Schwäche und Komplizenschaft der liberalen Elite als wesentliche Mitursache für Mussolinis Sieg.Giuliano Procacci, Friederike Hausmann: Geschichte Italiens und der Italiener. Beck, München 1989, ISBN 3-406-33986-7, S. 371 Der Priester Luigi Sturzo hatte 1919 die antikommunistische katholische Partito Popolare Italiano gegründet. Im Exil 1924 verfasste er das Programm Pensiero antifascista, in dem er den Faschismus wie den Stalinismus als Totalitarismus einordnete.Hans Maier: Gesammelte Schriften Band II: Politische Religionen. Beck, München 2007, ISBN 3-406-56216-7, S. 127. mini|Ein italienischer Partisan in Florenz, 14. August 1944, während der Befreiung Italiens
Mussolini ließ 1924 Giacomo Matteotti und weitere politische Gegner ermorden und verbot 1926 alle Oppositionsparteien. Sondergerichte verurteilten 5600 Antifaschisten, etwa 150.000 wurden beobachtet. Rund eine Million Italiener verließen das Land, darunter 15.000 Antifaschisten. Um ihre Kräfte zu bündeln, bildeten Sozialisten, Republikaner und die Italienische Liga für Menschenrechte 1927 im Exil in Frankreich die Dachorganisation Concentrazione Antifascista. Die ebenfalls exilierte KPI lehnte den Beitritt ab. Carlo Rosselli gründete 1928 nach seiner Flucht die Widerstandsgruppe Giustizia e Libertà. Sie konnte nur lose Kontakte zu den in Italien gebliebenen Mitstreitern halten. Deren Widerstandszellen waren klein und isoliert voneinander.Silvano Longhi: Die Juden und der Widerstand gegen den Faschismus in Italien (1943–1945). Lit Verlag, Münster 2010, ISBN 3-643-10887-7, S. 65 f. und Fn. 6.
Nach dem Sturz Mussolinis am 25. Juli 1943, der Kapitulation Italiens und dem Einmarsch der Wehrmacht in Italien am 9. September 1943 wuchs der antifaschistische Widerstand (die Resistenza) dort stark an. Daran beteiligten sich auch viele italienische Juden, oft an führender Stelle, die Mussolini zuvor inhaftiert und im Manifest von Verona zu Ausländern und Feinden erklärt hatte.Silvano Longhi: Die Juden und der Widerstand gegen den Faschismus in Italien (1943–1945). Münster 2010, S. 12.
Kommunistische Internationale mini|hochkant|Durch die Kommunistische Partei Deutschlands organisierte Kundgebung des Roten Frontkämpferbundes 1928 in Berlin 1919 bis 1929 Die 1919 gegründete Kommunistische Internationale (Komintern) sollte alle seit der Oktoberrevolution entstandenen kommunistischen Parteien ideologisch und praktisch zum Ziel der proletarischen Weltrevolution zusammenschließen. Seit 1922 übertrug sie den Begriff Faschismus auf alle ultranationalistischen oder korporatistisch-autoritären Regimes und Bewegungen in Europa, auch auf den Nationalsozialismus.Hermann Weber et al. (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern I, Berlin 2013, S. 314, Fn. 246.
Weil Mussolinis Machteroberung anderen faschistischen Bewegungen erheblich Auftrieb gab, behandelte der vierte Weltkongress der Komintern 1922 erstmals das Thema Faschismus. Dieser wurde als internationales Phänomen mit länderspezifischen Ausprägungen betrachtet und analog zum Imperialismus in eine „Niedergangsperiode“ des Kapitalismus eingeordnet, in der die Bourgeoisie ihre Macht auf Kosten der Arbeiterbewegung zu stabilisieren versuche. Merkmale faschistischer Parteien seien brutalster Terror und ein scheinrevolutionäres Programm, das Stimmungen und Interessen breiter Massen geschickt anspreche. Ihre Massenbasis sei das vom Abstieg bedrohte Kleinbürgertum oder der städtische Mittelstand. Man erwartete, faschistische Parteien könnten die politische Führung in weiteren Staaten erlangen, vor allem in Deutschland. Für ihren Aufstieg machte man die Sozialdemokratie verantwortlich, die durch ihre Koalitionen mit bürgerlichen Parteien eine proletarische Einheitsfront verhindere und den Faschisten kleinbürgerliche Wähler zutreibe. Aus der Erkenntnis, dass der Faschismus auch die bürgerliche Demokratie insgesamt angriff, wurde nicht deren praktische Verteidigung gefolgert. Um seiner Machtergreifung zuvorzukommen, sollten die Kommunisten weiterhin eine proletarische Revolution in naher Zukunft vorbereiten.Peter Haferstroh: Imperialismus und Faschismus. In: Helga Grebing, Klaus Kinner (Hrsg.): Arbeiterbewegung und Faschismus. Klartext, Essen 1990, ISBN 3-88474-146-2, S. 96–100.
1923 gründete die Komintern eine „Antifaschistische Weltliga“, die jedoch nur bis März 1924 bestand.Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Band 30, Ausgaben 7–12, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin (Ost) 1982, S. 832. Seit 1924 dominierte die Kommunistische Partei der Sowjetunion die Komintern.Hermann Weber et al. (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern I, Berlin 2013, S. 1 f. Schon damals bezeichnete Josef Stalin die Sozialdemokratie als „Flügel des Faschismus“ und als „Zwillingsbruder“ des Nationalsozialismus.Marcel Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Klartext, 2. Auflage, Berlin 2016, S. 361. Die Komintern förderte nun die Umwandlung ihrer Mitgliedsparteien zu zentral gelenkten Organisationen, die innerparteiliche Kritiker disziplinierten, entmachteten oder ausschlossen (Stalinisierung). Gleichwohl genoss die Sowjetunion in den 1920er Jahren große Sympathien bei westlichen Antifaschisten, weil sie als weltpolitischer Gegenspieler des Faschismus auftrat.Hermann Weber et al. (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern I. Berlin 2013, S. 238 f.
1929 bis 1934 Im Jahr 1929 erlangte Stalin die Alleinherrschaft in der Sowjetunion. Seine Außenpolitik folgte keinem ideologischen Prinzip, sondern suchte Vorteile durch wechselnde Bündnisverträge und spielte Interessen anderer Staaten gegeneinander aus. Dazu ging er ein praktisches Bündnis mit Mussolini ein und verteidigte dessen Angriff auf das Kaiserreich Abessinien.Hermann Weber et al. (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern I, Berlin 2013, S. 242 Nun propagierte die Komintern die Sozialfaschismusthese, wonach die Sozialdemokratie als Hauptfeind zu bekämpfen sei. Begründet wurde dies mit der Weltwirtschaftskrise und angeblichen Überfallabsichten der kapitalistischen Staaten auf die Sowjetunion. Deshalb müsse deren Proletariat für die jeweiligen kommunistischen Parteien gewonnen werden. Alle anderen Parteien, die freien Gewerkschaften, der bürgerliche Staat und Parlamentarismus wurden mit dem Faschismus identifiziert. Die zuvor angestrebte Einheitsfront gegen faschistische Kräfte wurde ausgeschlossen. Eine „Einheitsfront von unten“ sollte sozialdemokratische Wähler zu den kommunistischen Parteien hinüberziehen. Damit gab die Komintern den Antifaschismus praktisch auf.Hermann Weber et al. (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern I, Berlin 2013, S. 76 f.