mini|hochkant|Marx Reichlich: Steinigung des hl. Stephanus, gemalt 1506

mini|hochkant=1.2|Steinigung einer Ehebrecherin. Illustration zu Tausendundeine Nacht. Teheran, 1853–1857Layla S. Diba: Lifting the Veil from the Face of Depiction: The Repression of Women in Persion Painting. In: Guity Nashat, Lois Beck: Women in Iran from the Rise of Islam to 1800. University of Illinois Press, Urbana 2003, ISBN 0-252-02839-2, S. 206–236, hier S. 231.

Die Steinigung (, von ) ist eine jahrtausendealte Art der Hinrichtung. Das teils auch bis zur Hüfte oder unter die Brust eingegrabene Opfer wird dabei von Umstehenden durch Steinwürfe auf seinen Kopf und Oberkörper getötet. Diese Praxis war im Altertum als gesellschaftliche Form der Rache verbreitet, die einer Gruppe die sofortige Tötung eines Opfers ermöglichte.

Die Steinigung wird heute in einigen vom Islam geprägten Staaten und Regionen ausgeübt, sei es nach Urteilen eines Rechtsorgans (Monarch oder Gericht) oder als Mittel der Lynchjustiz. Darunter sind Afghanistan, Iran, die indonesische Provinz Aceh, der Irak, Jemen, Nigeria, Pakistan, Somalia, Sudan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.Udo Schmidt: Internationale Gesellschaft für Menschenrechte, abgerufen am 3. August 2010. In Brunei wurde sie im Jahr 2014 wieder eingeführt. In: Tagesschau. 22. April 2014.

Die als besonders grausam geltende und relativ langsame Hinrichtungsart verstößt gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, deren Verbot der Folter und grausamer erniedrigender Strafen (Art. 5) in den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (Art. 7) aufgenommen und durch die UN-Antifolterkonvention konkretisiert wurde. Steinigung für Tatbestände wie Ehebruch bricht zudem das Verhältnismäßigkeitsprinzip.

Antikes Griechenland Im antiken Griechenland wurden des Öfteren griechische Vollbürger einer Polis gesteinigt, die des Hoch- und Landesverrats, der Desertion, der Ermordung ihrer Mutter, des Tempelraubs oder anderweitiger Missachtung der Götter für schuldig befunden worden waren. Voraus ging wahrscheinlich ein Verfahren, das mit einem Ratsbeschluss oder einer Volksabstimmung endete. Bei auf frischer Tat Ertappten oder gefassten Flüchtigen, die schon angeklagt waren, galt ihre Schuld als erwiesen, so dass die Steinigung direkt ausgeführt werden durfte. Dies geschah außerhalb des jeweiligen Stadtgebiets, etwa an einem Flussufer, durch Ratsmitglieder und/oder die Stadtbevölkerung.

Solche Fälle sind in erzählender Literatur seit der Ilias belegt und werden als fortbestehende Praxis auch durch entsprechende Szenen in klassischen Dramen bestätigt.Winfried Schmitz: Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland. Akademie-Verlag, 2004, ISBN 3-05-004017-3, S. 394–399 ().Bruno Snell: Szenen aus griechischen Dramen. 1. Auflage. Walter de Gruyter, 1971, ISBN 3-11-001843-8, S. 5 f.

Judentum der Antike Die Steinigung wird im Tanach und demnach auch im Alten Testament als Strafe für Taten von Israeliten in Israel gefordert, die als Verbrechen an Gott und dem ganzen Volk galten. Dazu gehörten Götzendienst (z. B. ), Bruch des Gebots, den Sabbat zu halten , Wahrsagen , Ehebruch (; ), Ungehorsam gegenüber den Eltern und Gotteslästerung (z. B. in ). Diese Art der Strafe sollte eine abschreckende Wirkung auf das Volk ausüben (Gewalt in der Bibel).

In der Zeit der römischen Besatzung Palästinas (ab 63 v. Chr.) behielt sich der römische Statthalter das alleinige Entscheidungsrecht über Todesstrafen vor. Gleichwohl galt die Steinigung Vertretern des Judentums weiterhin als die bei bestimmten Vergehen nach der Tora geforderte Hinrichtungsart, etwa für vorsätzlichen Bruch des Sabbatgebots oder Anmaßung gegenüber religiösen Autoritäten. Deshalb war den neutestamentlichen Erzählungen zufolge Jesus von Nazaret mehrmals der Gefahr der spontanen Steinigung ausgesetzt (; ). Im Neuen Testament wird die Steinigung mehrmals erwähnt, jedoch als Gefährdung durch Lynchjustiz aus dem Volk (; ; ). Jesus bewahrte laut eine wegen Ehebruchs angeklagte Frau vor der Steinigung, indem er die in Lev 20,10 und festgesetzten Hürden (die Ankläger sollen anfangen, Steine zu werfen) erschwerte: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst den Stein auf sie“ (). Gemäß Lev 20,10 und Dtn 22,22 hätte auch der bei dem angeblichen Ehebruch beteiligte Mann gesteinigt werden müssen.

Nachdem der römische Statthalter Pontius Pilatus 36 n. Chr. abgesetzt worden und sein Nachfolger noch nicht eingetroffen war, nutzte der Sanhedrin die Vakanz des Amtes und wandte die Steinigung wegen religiöser Vergehen wieder an. So wurde der frühchristliche Missionar Stephanus wegen Gotteslästerung zum Tod verurteilt und von den Anklägern vor der Stadt gesteinigt . Paulus wurde in Lystra von einer Menge gesteinigt, überlebte jedoch .

In späterer Zeit wurde die ursprüngliche Methode gemildert. Der Talmud erzählt, dass im Falle solcher todeswürdiger Verbrechen den Delinquenten vor der Hinrichtung ein Mittel eingegeben wurde, das sie betäubte.Pentateuch und Haftaroth. Mit Kommentar von Joseph Herman Hertz. Band III, S. 212. Im talmudischen Judentum wird die Steinigung in der Mischna (Traktat mSanhedrin 7,2 ff.mSanhedrin 7,2 ff. In: sefaria.org, abgerufen am 2. April 2026.) erörtert (7,4amSanhedrin 7,4a. In: sefaria.org, abgerufen am 2. April 2026.):

Rabbi Eleasar ben Asarja kritisierte jede Form von Todesstrafe, indem er einen Gerichtshof „mörderisch“ nannte, der nur einmal im Laufe von siebzig Jahren ein Todesurteil ausgesprochen hatte. Noch weiter gehen Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon, von denen folgende Aussage überliefert ist: „Hätten wir im Synhedrion gesessen, wäre niemals ein Mensch hingerichtet worden.“

Wenn es dann doch zur Vollstreckung kam, war vorgeschrieben, dass die Hinrichtungsstätte außerhalb des Lagers bzw. der Stadt liegen musste, in einer solchen Entfernung, dass bis zur Hinausführung des Verurteilten Gelegenheit gegeben war, dass Dritte oder der Verurteilte selbst eine Wiederaufnahme des Verfahrens begehren und zudem verlangen konnten, nochmals vor das Richterkollegium geführt zu werden, um neue Anträge zur Abänderung des Todesurteils vorbringen zu können (mSanh. 6,1).mSanh. 6,1. In: sefaria.org, abgerufen am 2. April 2026. Die Richter selbst mussten am Tage der Hinrichtung fasten (bSanh. 63a).bSanh. 63a,23. In: sefaria.org, abgerufen am 1. April 2026.

Mittelalter

Im seit dem Frühmittelalter vom Christentum geprägten Europa war die Steinigung keine offizielle Hinrichtungsart.

Der Mönch Stephanos der Jüngere, ein Gegenspieler des byzantinischen Kaisers Konstantin V., wurde 765 in Konstantinopel von aufgebrachten Soldaten und Volk gesteinigt. Der Benediktinermönch Ansverus kam 1066 in Ratzeburg während einer Erhebung der elbslawischen Abodriten gegen die christliche Herrschaft durch Steinigung zu Tode. Um 1080 wurde der englische Mönch Eskil, der als Bischof zur Missionierung „in alle schwedischen Nordwälder“ gesandt worden war, gesteinigt, als er versuchte, ein heidnisches Opferfest in Strängnäs zu verhindern.

Islam

Koran, Hadith, Scharia Der Koran, die heilige Schrift des Islam, sieht die Steinigung nicht als Strafe vor. Der nicht in den Kanon des Korans aufgenommene sogenannte Steinigungsvers soll sie jedoch als Strafe für Ehebrecher geboten haben.W. Montgomery Watt: Islamic Fundamentalism and Modernity. Routledge, London [u. a.] 1989, ISBN 0-415-04714-5, S. 20.

Laut einigen Überlieferungen (Hadith) soll der Prophet Mohammed auf Anfrage die Steinigung bei Juden, die sich des Ehebruchs schuldig gemacht hatten, gemäß der Tora (Dtn 22,22) angeordnet, zudem in mehr als einem Fall die Ehebrecherin mit der Steinigung bestraft und den Ehebrecher auspeitschen und verbannen lassen haben.The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 11. Brill, Leiden, S. 508 („Zinā“) und dortige Quellenangaben.W. Montgomery Watt: Islam and the Integration of Society. Routledge, London 1998, ISBN 0-415-17587-9, 1998, S. 192 und dortige Quellenangaben.In den Hadithe von u. a. Abu Huraira, Gabir Ibn Abdullah und Sahih Bukhari (nach Hadith Nr. 6831 f.) wird von mehreren Steinigungen berichtet, die durch den Propheten angeordnet wurden; vgl. Punishment of Disbelievers at War with Allah and His Apostle. Volume 8, Book 82, Number 794–842. University of Southern California, Center for Muslim-Jewish Engagement (). Mohammed ordnete auch die Steinigung eines Mannes wegen Ehebruchs an, der sich, ohne dass Zeugen ihn dieser Tat beschuldigt hätten, ihm gegenüber selber viermal des Ehebruchs bezichtigt hatte. In: koransuren.de.

Auf dieser Basis gilt die Steinigung in der Schari’a als sogenannte Hadd-Strafe. Sie kann danach nur bei einvernehmlichem Geschlechtsverkehr von zwei Personen, die mit anderen verheiratet sind oder waren (siehe Zina), verhängt werden. Die Verurteilung kann auf Grund eines Geständnisses oder der Aussage von mindestens vier männlichen Zeugen erfolgen, wenn diese behaupten, dass sie beim Geschlechtsakt unmittelbar dabei waren. Da nach islamischem Recht Zeugenaussagen von Frauen weit weniger schwer wiegen als die von Männern und zudem von zwei Männern bestätigt werden müssen, werden Frauen weitaus häufiger wegen Ehebruchs angeklagt und zum Tod durch Steinigung verurteilt als Männer.

Der Azhar-Theologe al-Dschaziri (1882–1942) beschrieb die schariakonforme Ausführung der Steinigung folgendermaßen:

mini|hochkant|„Steinigung des Satans“ in Mina, 2006 Die „Steinigung des Satans“ Teil der Wallfahrt (Haddsch) eines Muslims nach Mekka ist die symbolische Steinigung des Satans in Mina. Dabei wirft der Pilger sieben unterwegs aufgelesene Kiesel gegen eine Steinsäule.Friedemann Bedürftig: Weltreligionen: Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Geschichte, Werte Traditionen. 1. Auflage. Naumann und Goebel, Köln 2010, ISBN 3-625-12818-7, S. 69.

Einzelne Länder

mini|Staaten oder staatsähnliche Gebilde, in welchen die Steinigung in gesetzlicher oder außergesetzlicher Form praktiziert wird.

Iran

Gemäß § 83 des iranischen Strafgesetzbuches ist die Todesstrafe durch Steinigung bei Ehebruch vorgeschrieben. Dabei werden die Opfer der Hinrichtung bis zu den Knien im Erdboden eingegraben und komplett mit einem undurchsichtigen Tuch verhüllt, welches zumeist weiß ist. Die Steine dürfen nicht größer als die werfende Hand sein, um den Tod der Verurteilten hinauszuzögern. Der Richter sorgt für den Mindestabstand zum Verurteilten. Bei einem Geständnis des Verurteilten darf der Richter den ersten Stein werfen. Wenn der Beschuldigte durch Zeugenaussagen verurteilt wurde, werfen die Zeugen den ersten Stein.Amnesty international: 9. Juli 2007.

Im Iran besteht seit Ende 2002 ein Steinigungsmoratorium. Die damalige Initiative des iranischen Parlaments zur Abschaffung der Steinigung wurde jedoch vom iranischen Wächterrat blockiert. Im Februar 2003 wurde vom Vorsitzenden der Justiz, Ayatollah Mahmud Haschemi Schahrudi, zugesagt, die Steinigung als Hinrichtungsform abzuschaffen. Dies hatte jedoch nur empfehlenden Charakter; die Reformierung des Strafgesetzes steht bis heute noch aus.

Seit 2002 wurden laut Amnesty International in der Islamischen Republik Iran mindestens sieben Steinigungen vollzogen. Im Jahr 2002 wurden mindestens zwei Personen gesteinigt, Amnesty International. 2006 wurden ein Mann und eine Frau gesteinigt.Jahresbericht 2007. Amnesty International. Am 5. Juli 2007 wurde Ja'far Kiani in Aghche-kand, einem Dorf außerhalb von Takestan, gesteinigt Amnesty International. und im Dezember 2008 wurden zwei Männer zu Tode gesteinigt. Laut Dieter Bednarz sind sechs Männer und eine Frau gesteinigt worden. Teile der iranischen Führung planen seit 2008, die Steinigung abzuschaffen.