mini|Johan Castberg, 1921 Johan Castberg (* 21. September 1862 in Brevik; † 24. Dezember 1926 in Oslo) war ein norwegischer Richter und Sozialpolitiker. Er war der erste norwegische Sozialminister überhaupt (1913–1914) und hat durch die Einführung der Castbergske barnelover (Castberg-Kindergesetze) den unehelichen Kindern den Anspruch auf das Erbe und den Namen ihres Vaters verschafft. Castberg war schon seit seinen jungen Jahren in der liberalen Bewegung (venstrebevegelsen) aktiv, als Lokalpolitiker, Parlamentsabgeordneter und Minister, aber vor allem als aktiver Teilnehmer an öffentlichen Debatten. Zu radikal für die Venstre, gründete er 1906 seine eigene Partei Arbeiderdemokratene, die klein blieb, was aber Castbergs politischen Erfolg keineswegs beeinträchtigte: „Obwohl Castberg formell nie die höchsten politischen Ämter bekleidete, hatten nur wenige Menschen so viel Einfluss auf die norwegische Politik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wie er. Er hatte großen Einfluss auf eine Reihe von Gesetzen und Gesetzesvorlagen, darunter das Konzessionsgesetz, das Krankenversicherungsgesetz, das Scheidungsgesetz, das Arbeitsschutzgesetz und das Gesetz über Arbeitskonflikte.“ Seine Tagebücher aus den Jahren 1900–1917 sind eine wichtige Quelle für die politische Geschichte Norwegens in dieser Zeit.
Familie Die alte norwegische Familie Castberg hat seit dem 17. Jahrhundert immer wieder prominente Mitglieder hervorgebracht. Johans Großvater Peter Hersleb Harboe Castberg war Pastor und fünfzehn Jahre lang Parlamentsabgeordneter. Johans Vater Johan Christian Tandberg Castberg war Zollbeamter in Brevik und ab 1871 in Skien ansässig. Dort wurde er Bürgermeister, gründete die (2024 noch existierende) Lokalzeitung Varden (wörtlich: Steinmännchen) und saß für die Liberale Partei Venstre zwölf Jahre lang im Parlament.
Johan Christian Tandberg Castberg gründete mit Hanna Magdalena Frisak Ebbesen (1839–1881) eine auch für damalige Verhältnisse kinderreiche Familie. Hintereinander wurden geboren: Peter Harboe (* 1859), Anna Margrete (* 1860), Jørgen Ebbesen (* 1861), Johan (* 1862), Einar (* 1864), Gunnvar (* 1866), Erling (* 1867), Bjarne (* 1871), Hanna (* 1872), Torgrim (* 1874), Leif (* 1876) und Ragnhild (* 1878). Ein weiteres Kind, Sigrun (* 1888), stammt aus einer zweiten Ehe Johan Christians. Mehrere Geschwister von Johan Castberg waren prominent: Hanna Castberg war eine engagierte Frauenrechtlerin und Schriftstellerin. Torgrim Castberg war Geiger und Konzertmeister und gründete 1905 zusammen mit Edvard Grieg die Musikakademie Bergen. Leif Castberg war ein bekannter Rechtsanwalt.
Als junger Jurist in Gjøvik heiratete Johan Castberg am 30. September 1892 in Hamar die etwas jüngere Karen Kathrine Anker (* 14. Januar 1867 in Sagatun; † 27. November 1932 in Oslo). Sie war die Tochter von Herman Anker (1839–1896), der 1864 die erste norwegische Volkshochschule gegründet hatte und von Marie Elisabeth („Mix“) Bojsen (1843–1892). Mit dieser Hochzeit wurde Johan Castberg zum Schwager und guten Freund der Frauenrechtlerin Katti Anker Møller und der Journalistin Ella Anker. Neun Monate später wurde Sohn Frede geboren, das einzige Kind aus dieser Ehe. Frede Castberg wurde der einflussreichste Verfassungsjurist Norwegens des 20. Jahrhunderts mit internationaler Reputation.
Anfang November 1926 wurde Johan Castberg durch ein plötzliches Herz- und Nierenleiden aus seinem intensiven juristischen und politischen Berufsleben gerissen. Nach drei Wochen im Krankenhaus Ullevål lag er – meist bewusstlos – zu Hause und verstarb am Morgen von Heiligabend. Er wurde am 28. Dezember 1926 auf dem Vestre Gravlund beigesetzt.
mini|Foto der Familie von Johan Castberg kurz vor 1900: Johan Castberg (unten rechts sitzend), Ehefrau Karen Anker (ganz rechts sitzend), Sohn Frede Castberg (Kind im Matrosenanzug, vorne sitzend). Weiter hinten stehen Johan Castbergs jüngere Brüder Leif Castberg (mit Hut) und Torgrim Castberg (mit einem Kind auf dem Schoß); links von beiden die Schwester Hanna Castberg. Der private Johan Castberg wird durch seinen Biografen und Verwandten A.St. Castberg so charakterisiert: „Neben seiner vielseitigen und sehr anspruchsvollen Tätigkeit im öffentlichen Leben pflegte Johan Castberg viele Interessen, die in seinem Privatleben zur Geltung kamen, darunter die tiefe Musikalität und ein gutes Cellospiel. Man kann mit Sicherheit sagen, dass Castberg ‚der ideale Ehemann‘ war, der die größte Freude daran hatte, Zeit mit seiner Frau, dem Schlaf und guten Freunden zu verbringen.“
Hinzuzufügen wäre noch, dass er „ein leidenschaftlicher Verfechter der Mäßigung“ war, also der Abstinenzbewegung, und eine dieses Ziel verfolgende avholdsgruppe im Storting leitete.
Karriere Johan Castberg besuchte die Lateinschule in Skien und legte 1880 sein Examen artium (Abitur) ab. Danach begann er an der Universität Kristiania ein Studium der Philologie, wechselte aber nach einigen Jahren zu den Rechtswissenschaften. 1884 schloss er das Studium mit dem cand. jur. ab. Von 1885 bis 1887 war er im Finanzministerium als Kopist angestellt. Als er an Demonstrationen gegen die Beschlagnahme des naturalistischen Romans Albertine von Christian Krohg maßgeblich beteiligt war und deshalb von seinem Abteilungsleiter abgemahnt wurde, kündigte er. „Eine Karriere im Ministerium passte […] nicht zu dem energischen, politisch interessierten und ehrgeizigen Mann. Er entschied sich für den Weg des praktischen Anwalts.“
Juristische Laufbahn Johan Castberg stieg in seiner fast vierzigjährigen juristischen Karriere vom jungen Rechtsanwalt bis zum Richter am Obersten Gerichtshof auf. Er begann 1887 in Hamar als sakførerfullmektig (Assistenzanwalt). Von 1888 bis 1901 lebte und arbeitete er in Gjøvik als overrettssakfører (Senior-Rechtsanwalt mit dem Klagerecht vor allen Gerichten) und war ab 1890 zusätzlich als Pflichtverteidiger am Berufungsgericht beschäftigt. 1901 wechselte er in den Staatsdienst und war bis 1906 statsadvokat (Staatsanwalt) im Gerichtsbezirk Hedemarkens og Kristians. Von 1906 bis 1924 (unterbrochen durch seine Ministerämter 1908–1910 bzw. 1913–1914) amtierte er als sorenskriver (Stadtrichter) von Toten, Vardal und Biri. (Die Landschaft Toten in Innlandet an der Westseite des Mjøsa-Sees umfasst auch die Gemeinde Gjøvik, in der Vardal und Biri als Siedlungen liegen.) Laut Volkszählung 1910 lebte er im Gemeindehaus von Toten in seiner Dienstwohnung am Undesløs gaard, zusammen mit seiner Frau, dem Assistenten Jørg. Ø. Bugge, und etlichem Hauspersonal. Ab 1924 und zum Zeitpunkt seines Todes war Johan Castberg høyesterettsassessor, d. h. Richter am Obersten Gerichtshof, dem Høgsterett.
Journalismus Während seiner Studienzeit und noch als Ministerialbeamter war Johan Castberg auch journalistisch tätig. In den Jahren 1883 und 1884 berichtete er als Zeitungsreporter vom erfolgreichen Amtsenthebungsverfahren (riksrett) gegen die Regierung Christian Selmer, in dessen Folge in Norwegen die parlamentarische Kontrolle der Regierung eingeführt wurde. Von 1882 bis 1887 war Castberg Korrespondent der Zeitung Oplandenes Avis, für die er 1882 und 1885 auch als Redakteur tätig war. Außerdem verfasste er Beiträge für Ringeren, Fortschritte der Kultur und andere Zeitschriften.
Lokale Politik „Gleich nach seiner Ankunft in den Städten des Mjøsa-Sees [Hamar, 1887] machte sich Castberg mit seinem leidenschaftlichen politischen Engagement einen Namen. Er lernte die Familie Anker in Sagatun kennen, wo er für seine stundenlangen Selbstgespräche über gesellschaftspolitische und philosophische Themen berüchtigt wurde.“ Während seine spätere Frau Karen nur selten öffentlich auftrat, nahmen seine Schwägerinnen Katti Anker Møller und Ella Anker mit ihm und für gemeinsame Anliegen aktiv an öffentlichen Debatten teil.
Johan Castberg wurde Mitglied des Arbeitervereins (De forenede norske arbeidersamfund), eine Bewegung im Umkreis und mit Einfluss auf die Venstre-Partei, die sich für freie Wahlen und niedrige Zölle einsetzte. Castberg nahm erstmals 1888 als Vertreter des Arbeidersamfund Gjøvik an der zentralen Vereinsversammlung teil. Im selben Jahr schloss er die Vereine von Hedmark und Oppland zu einem gemeinsamen Verband zusammen. Nach einer erneuten Aufteilung 1894 war er bis 1925 Vorsitzender beider Vereine (Kristiansamt bzw. Oppland). Seit 1903 war er außerdem Vorsitzender des zentralen Vorstandes des Arbeitervereins.
Johan Castberg war in der Gemeinde Gjøvik Mitglied des Gemeindepräsidiums (formannskap) (1896–1897), Vorsitzender der Schulbehörde (1895–1900), Vorsitzender der Elektrizitätsgesellschaft (1896–1900) und natürlich auch Vorsitzender des örtlichen Vereins der radikalen Linken (venstreforening).
Arbeitsrecht und die „Landfrage“ 1891–1892 reiste Castberg mit einem öffentlichen Stipendium nach Deutschland, Österreich, England und in die Schweiz, um die arbeits- und sozialrechtlichen Bestimmungen zu studieren. (Bei der Beantragung des Stipendiums war ihm Wollert Konow (1847–1932), der Onkel seiner Ehefrau Karen und ein damaliger politischer Unterstützer der Arbeiterbewegung, behilflich gewesen.) Seine Beobachtungen hielt er in einer Reihe von Berichten fest, die als Parlamentsdokumente gedruckt wurden.
Schon früh setzte sich Castberg für die Landarbeiter ein, aus denen er eine selbständige, finanziell abgesicherte Kleinbauernklasse schaffen wollte. „Für Castberg hatte die Landfrage sowohl eine soziale als auch eine nationale Dimension. Ziel war es, den Landarbeitern und Kleinbauern den Erwerb von eigenem Land und Wohneigentum zu erleichtern.“ Sein öffentlicher Einsatz blieb nicht unbemerkt; 1899 wurde er Vorsitzender des ministeriellen Landrechtsausschusses (departementale jordlovskomite) und reiste noch im selben Jahr nach Dänemark zum Studium der dortigen Verhältnisse. Nach einigen Jahren Arbeit schlug der Ausschuss eine staatliche Bank zur Finanzierung der Bauernhöfe vor, die durch Gesetz vom 9. Juni 1903 als Den Norske Arbeiderbruk- og Boligbank gegründet wurde. 1915 wurde Den Norske Stats Småbruk- og Boligbank als zusätzliche Bank etabliert.
Castbergs Interesse für die „Landfrage“ entsprang nicht nur seinem sozialen Gewissen, sondern auch seiner nationalen Gesinnung: „Der Grundgedanke war, dass ein Kleinbauer, der sein eigenes Land besaß und ein eigenes Haus hatte, auch bereit war, das Land im Falle eines Krieges zu verteidigen. Darüber hinaus bildeten die Kleinbauern ein stabiles soziales Element in einer Zeit, die von zunehmender Distanz und Konfrontation zwischen den sozialen Schichten geprägt war. [… Castberg] war ein Befürworter einer starken Verteidigung, vertrat aber gleichzeitig die Ansicht, dass die Verteidigungsausgaben auf den wohlhabenderen Teil der Bevölkerung abgewälzt werden müssten und dass die Verteidigungsorganisation demokratisiert werden müsse, damit sich die einfachen Menschen mit ihr identifizieren könnten.“
Abgeordneter zum Storting mini|Johan Castberg, 1900