300px|mini|Der barocke Wambolter Hof von 1701 in der Emmeranstraße Mainz. Aufnahme von Heinrich Dörr, 1925 Der Wambolter Hof war ein 1702 von dem Mainzer Kammersekretär Johann Georg Nitschke erbauter Barockbau mit umfangreichen Nebengebäuden, der bis 1953 an der Stelle der heutigen Römerpassage/Emmeranstraße in Mainz stand. Vorher befand sich an gleicher Stelle der spätmittelalterliche Hof zum Gensfleisch. 1743 wurde der Wambolter Hof von den Wambolt von Umstadt erworben, von denen der bis dahin als „Hof Zum neuen Roseneck“ bezeichnete Gebäude seinen bis heute gebräuchlichen Namen erhielt. 1806 wurde er von Christian Lauteren, einem der bürgerlichen Notabeln des französischen Mayence, erworben und führte seitdem zusätzlich den Namen „Lauteren’sches Haus“. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Hof zwar bei Fliegerangriffen beschädigt, war aber trotzdem noch in Teilen intakt. Trotz großer Proteste seitens der Denkmalpflege unter Fritz Arens wurden die Reste des Wambolter Hofes 1953 endgültig abgerissen.

Der Vorgängerbau: Hof zum Gensfleisch Vor dem Bau des nachmaligen Wambolter Hofs stand an der gleichen Stelle der spätmittelalterliche Hof zum Gensfleisch (auch: Gänsfleisch). Wann der Hof erbaut wurde, ist nicht bekannt. Erstmals wird er unter diesem Namen 1306 in einem Zinsbuch der Abtei Altmünster erwähnt.Karl Anton Schaab: Die Geschichte der Erfindung in der Buchdruckerkunst durch Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg zu Mainz, pragmatisch aus den Quellen bearbeitet. Band 2, Mainz 1830. S. 82 In der Stadtaufnahme von 1568 und 1594 findet er sich ebenso wie in dem 1575 erstellten Maskopp’schen Plan sowie späteren Dokumenten.Fritz Arens: Der Wambolter Hof in Mainz (nachmaliges Lauterensches Haus, Emmeranstraße 23). S. 40.

Friele Rafit, ein Mainzer Patrizier und Ratsherr, erwarb um 1330 den Hof zum Gensfleisch und nannte sich seitdem, wie damals üblich, nach dem neuen Besitz Friele zum Gensfleisch. Der Hof befand sich ungefähr 100 Jahre im Besitz der Familie Gensfleisch. 1433 wird ein Rudolf zum Gensfleisch als Besitzer genannt. Der „alte“ Henne von Gensfleisch wird allerdings noch 1457 in Urkunden bezeugt, ob als Mieter oder (Teil)Besitzer ist unklar. Im spätmittelalterlichen Mainz kam es durchaus vor, dass große Höfe in mehrere Teilbesitztümer unterschiedlicher, oft auch miteinander verwandten, Patrizierfamilien aufgeteilt waren.

Zu Zeiten von Johannes Gutenbergs Aufenthalt in Mainz im Jahr 1443 scheint der Hof schon nicht mehr im Familienbesitz der Gensfleisch/Gutenberg gewesen zu sein.Gustav Schenk zu Schweinsberg sieht spätestens ab 1370 keine Eigentümerschaft der ursprünglichen Gensfleisch mehr an dem Hof, siehe: Gustav Schenk zu Schweinsberg: Genealogie des Mainzer Geschlechtes Gänsfleisch. In: Otto Hartwig: Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg. Otto Harrassowitz, Leipzig 1900, S. 80–162 (= XXIII. Beiheft zum Centralblatt für Bibliothekswesen.), S. 106 Gutenberg mietete von Ort zum Jungen dessen Familienhof Zum Jungen in der Altenauergasse als Wohnsitz für drei Jahre.Karl Anton Schaab: Die Geschichte der Erfindung in der Buchdruckerkunst durch Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg zu Mainz, pragmatisch aus den Quellen bearbeitet. Band 2, Mainz 1830. S. 240. Der Hof zum Gensfleisch war zu dieser Zeit in den Besitz der Margarethe zum Fürstenberg (aus dem Familienverband der Löwenhäupter) übergegangen die ihn an Henne von Sorgenloch vermietet hatte. 1499 wird der Magister Dr. Calpis als Besitzer des Hofes genannt. 1569 wurde der Erzbischof von Mainz Besitzer des Hofes zum Gensfleisch. Er wies ihn dem Vizedom der Stadt als Wohnsitz zu. Noch 1657 wird in der die Stadtaufnahme der Vizedom Freiherr Heinrich Brömser von Rüdesheim als Bewohner des Hofes genannt.

Die bildhafte Darstellung auf dem Maskopp’schen Plan zeigt ein zweiflügeliges Gebäude mit Quergebäude, Hof und anschließendem Garten. Ein Flügel wies zur damaligen Straße „An/Auf der Rose“ (heute Pfandhausstraße). Auf der anderen Seite grenzte der Hof an das Haus Zum Herbold, welches wiederum von dem Töngesplatz (auch: Aiuf der Schweinsmiste, heute Klarastraße). Etwas nach hinten versetzte war das Quergebäude mit Front zur Marktstraße (heute Emmeransstraße).Alle zeitgenössischen Straßennamen aus Ludwig Falck: Mainz vom frühen Mittelalter bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts. Stadtplan bei Lagis Hessen Über Bauweise und weitere Anbauten an den Hof ist nichts bekannt. Es wird vermutet, dass er, ebenso wie andere Stammsitze der Mainzer Patrizierfamilien im 14. und 15. Jahrhundert befestigt war und damit in Krisenzeiten verteidigt werden konnte.

Der Neubau: Zum neuen Roseneck – ein barocker Hof Mit Beginn des Jahres 1701 war der Hof zum Gensfleisch baufällig und wurde zur Freimachung des Baufeldes abgerissen. In einem 1703 nachträglich ausgestellten Dokument, welches der Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn eigenhändig unterzeichnete, wird der Erwerb des „gänzlich ruinierten Vizedomamtes, früher Gänsfleischisches Haus samt Hof und Garten“ für 3300 Gulden offiziell bewilligt.Fritz Arens: Der Wambolter Hof in Mainz (nachmaliges Lauterensches Haus, Emmeranstraße 23). S. 42

An der gleichen Stelle entstand nun ein barockes Wohnhaus, welches der zweiflügeligen Bauweise des Vorgängerbaus folgte. Das Gebäude entsprach, obwohl sein Bauherr zu diesem Zeitpunkt noch nicht adlig war, von der Größe und dem Aussehen her ganz den Typus eines der im 18. Jahrhundert zahlreich entstandenen Adelspalais der kurfürstlichen Hofgesellschaft.Fritz Arens: Der Wambolter Hof in Mainz (nachmaliges Lauterensches Haus, Emmeranstraße 23). S. 48 Nitschke gab dem Bau nach dem benachbarten „Haus zur Rose“ und der danach benannten Rosengasse den Namen „Zum neuen Roseneck“. Wer der Baumeister oder die ausführenden Handwerker waren, ist nicht bekannt.

Der Bauherr Bauherr des nicht näher bezeichneten Hofes war der Kurmainzische Kabinettssekretär und Kammerdiener Johann Georg Nitschke. Er war offensichtlich ein geschätzter Bediensteter des Kurfürsten, der ihn möglicherweise in Wien kennengelernt und in seine Dienste genommen hat. In den Kirchenchroniken von St. Emmeran ist am 15. August 1695 seine Heirat mit Maria Margaretha, Tochter des Kurmainzischen Hofkammerrates Eckhardt, dokumentiert. Das Paar hatte zahlreiche Kinder, deren Paten hochgestellte Persönlichkeiten wie unter anderem der Kurfürst Lothar Franz von Schönborn selbst, Reichsvizekanzler Friedrich Karl von Schönborn-Buchheim oder Franz Anton von Buchheim, Bischof von Wiener Neustadt waren. Es ist bekannt, dass sich Nitschke bereits früher, unter den Habsburger Kaisern Leopold I und Joseph I, Verdienste bei der Verproviantierung der kaiserlichen Truppen im Pfälzischen Erbfolgekrieg gegen die Franzosen erworben hatte. Dies und seine guten Beziehungen zu Lothar Franz von Schönborn führten am 17. März 1715 durch ein kaiserliches Privileg zu einer Aufnahme in den Adelsstand und möglicherweise auch zur Verleihung des Titels eines Kaiserlichen Hofkammerrates. Schönborn betraute ihn auch, zusammen mit seinem Baumeister Maximilian von Welsch, mit Überprüfungen seiner Baupläne. Nitschke starb zu einem unbekannten Zeitpunkt vor dem Verkauf des Hofes durch seine Frau im Jahr 1743. Seine Frau selbst verstarb am 27. August 1745.

Baubeginn Bei Fundamentarbeiten zum Nachkriegsneubau 1954 fand man den Grundstein dieses Hofes. Unter einer aus roten Sandstein gefertigten Abdeckplatte befand sich eine Höhlung, die ein Dokument aus Pergament sowie zwei auf Papier gedruckte Gebetstexte enthielt. Das pergamentene Dokument enthielt einen längeren Text über die Verhandlungen zum Erwerb des Grundstücks durch den „Chur Mayntz Cabinet Secretarius und Cammerdiener“ Johann Georg Nitschke samt seiner „Eheliebsten Maria Magaretha“ und nennt den 8. Februar 1701 als Tag der Grundsteinlegung. Eine zweite Zeitangabe, das Jahr 1702, findet sich als Chronogramm auf dem Architrav des Haustores am Haupteingang an der Emmeransstraße. Das dürfte der Fertigstellung des Rohbaus entsprechen.Fritz Arens: Der Wambolter Hof in Mainz (nachmaliges Lauterensches Haus, Emmeranstraße 23). S. 41

Bauweise Der neue Barockbau übernahm die grundlegende Form des Vorgängergebäudes. An ein relativ kleines Quergebäude zur Emmeransstraße mit Portal und Einfahrt schlossen sich eine lange Frontzeile zur Pfandhausstraße und eine kürzere Frontzeile zur heutigen Klarastraße an. Der Hof wies damit einen unregelmäßig hufeisenförmigen Grundriss auf. Er wurde im hinteren Bereich beidseitig durch Wirtschaftsgebäude wie Ställe, Schuppen und Lagerräume oder Remisen begrenzt. Im hintersten Teil des Hofes schloss sich ein Garten an.

Das Querhaus Das circa 30 m lange, nach Osten und zur Emmeransstraße orientierte, Querhaus war der Hauptwohnbereich der Familie. Er war symmetrisch gestaltet und dreigeschossig. Im Erdgeschoss befanden sich zu beiden Seiten je fünf vergitterte Fenster, im ersten und zweiten Stock wiesen die durchgehenden Fensterreihen jeweils 12 Fenster auf. Mittig befand sich das 4,6 m breite und 5,83 m hohe Hauptportal mit einer lichten Breite/Höhe der Tordurchfahrt von 3,82 m und 3,24 m. Es wurde beidseitig von toskanischen Pilastern geschmückt. Die Toreinfahrt schmückte ein Fries mit einem Chronogramm, welches die Jahreszahl 1702 ergab. Der Keilstein des Torbogens war künstlerisch hochwertig als groteske Maske gestaltet.

Text des Chronogramms PaX HVIC DoMVI --- Maske --- HabItantItus SaLVs VIVentIbVs et --- Maske --- In ea

Der einzige weitere Gebäudeschmuck des Querbaus waren die beiden Eckpilaster aus rotem Sandstein an den beiden Ecken. Die waagrechte Gliederung des Gebäudeteils wurde durch die Sockel, die Stockgurte und das Dachgesims vorgegeben. Das Quergebäude schloss mit einem mächtigen, damals noch selten gebautesFritz Arens: Der Wambolter Hof in Mainz (nachmaliges Lauterensches Haus, Emmeranstraße 23). S. 47, Mansarddach ab. Der Dachstuhl war unbewohnt und diente zur Lagerung von Gegenständen. Nach außen hin waren drei Reihen von kleinen Mansardfenster sichtbar. Rechts des Portalbogens und im hofseitigen Gebäudebereich war der Zugang zu einem mächtigen, ganz aus Stein errichten, Treppenhaus. Es wurde beim Neubau des Hofes 1701/1702 mitgeplant und errichtet. Das massive steinerne Treppenhaus, das Arens anfangs noch intakt vorfand, bezeichnete er als „besonderes Schmuckstück des Hauses“.Fritz Arens: Der Wambolter Hof in Mainz (nachmaliges Lauterensches Haus, Emmeranstraße 23). S. 51 An der Innenwand des Treppenhauses, die zum Innenhof zeigte, befanden sich jeweils zwei Fenster, welche das Treppenhaus erhellten. Um einen lichten Zentralbereich von 5,75 m × 5,09 m standen vier Steinsäulen aus großen Sandsteinquadern, die die Bogen und Gewölbe des Treppenhauses trugen. Die Steinsäulen waren mit toskanischen Kämpfern geschmückt. Der innere Bereich, um den die Treppenfluchten liefen, blieb vom Erdgeschoss bis zum Dachgeschoss durchgehend frei. Auf jeder Etage zweigten an der Fensterwand beidseits Gänge zu dem Quer- und zu dem Süd- und Nordflügel ab.

Der Südflügel Der Südflügel des Gebäudes grenzte an die heutige Pfandhausstraße. Er war ebenfalls 12 Achsen lang. An der Ecke Pfandhaus- zur Emmeranstraße begann die Fassade mit einem Pilaster. Die folgenden zwei der zwölf Fensterachsen, die ebenfalls noch von der Emmeranstraße aus zu sehen waren, wurden in der gleichen Form wie die Fassade gestaltet, das heißt mit gekröpften und profilierten Rahmen versehen. Wahrscheinlich aus Gründen der Sparsamkeit wurde der Rest der Südfassade einfacher als die Frontfassade gestaltet. Ein abschließender Pilaster am Ende fehlte. Den hinteren Teil des Süd- wie auch des Nordflügels – nahmen Wirtschaftsgebäude wie Remisen oder Ställe ein. Das Ende des Südflügels mit einem Stallgebäude grenzte direkt an die „Häuser zur Rose“, die Nitschke teilweise bereits 1701, in Gänze dann 1712 zur Abrundung seines Grundstücks erwerben konnte.