mini|180px|Clara Viebig, Das schlafende Heer, 1904 Literatur des Posener Landes (oft auch Ostmarkenliteratur) ist eine Bezeichnung für belletristische Literatur über die preußische Provinz Posen im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Historische Hintergründe Das historische Gebiet Großpolen war der älteste Teil des polnischen Staates. Seit 1793 gehörte das Gebiet zum Königreich Preußen, mit Ausnahme der Jahre 1807 bis 1815. Die Bevölkerung blieb überwiegend polnisch, es kamen aber deutsche Beamte, Militärs, Richter, Lehrer, evangelische Pfarrer, und Siedler, die sich in Dörfern und Städten niederließen. Es blieben immer Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung, die wieder einen eigenen polnischen Staat wollte, und den Zugewanderten, die meistens schon nach wenigen Jahren wieder in westlichere Regionen zogen.

Seit etwa 1890 verschärfte sich durch den vermehrten Wegzug vieler deutscher Siedler für die preußischen Behörden das Problem, dass der Anteil der polnischen Bevölkerung prozentual wieder zunahm. Dem wurden verstärkte Bemühungen zur Neuansiedlung deutscher Zuwanderer durch die die Gründung einer Ansiedelungskommission und des deutschnationalen Verein zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken entgegengesetzt, die aber wiederum einen stärkere Ablehnung der polnischen Bevölkerung zur Folge hatten.

Seit etwa 1894 entstanden vermehrt Romane, die diese spannungsreiche Situation schilderten (Ostmarkenromane). Die zentrale Kaiser-Wilhelm-Bibliothek in Posen erstellte 1911 eine Liste von etwa 40 deutschnational ausgerichteten Romanen über die Ostmark, die sie kleineren Leihbibliotheken zur Verbreitung empfahl. 1913 veranstaltete der Deutsche Ostmarkenverein einen Wettbewerb um den besten Ostmarkenroman mit einer hohen Siegerprämie.Elżbieta Nowikiewicz, Raum. Ort. Topografien der Posener Heimatliteratur, 2021, S. 112–141, hier S. 117 (PDF) Daran beteiligten sich vor allem unbekannte Autoren.

Nach dem Übergang der Provinzen Posen und Westpreußen an den neuen polnischen Staat 1919 entstanden nur noch wenige Romane und Erzählungen, die diese Regionen zum Thema hatten. Diese waren als Erinnerungen an die frühere Zeit geschrieben, oft mit dem Wunsch einer Rückkehr zu den vorherigen Verhältnissen.

Übersicht

Es gab zahlreiche deutsche Romane und weitere literarische Texte, die die Provinz Posen zum Thema hatten.Maria Wojtczak, Literatur der Ostmark, 1998; wichtigste ÜbersichtsdarstellungEwa Greser, Die Stadt Poznań in der deutschsprachigen Literatur (1772–1918), Poznań 2016, besonders S. 182–196 PDF, über Schriftsteller mit einem Bezug zu der Stadt Posen/PoznańElżbieta Nowikiewicz, Bromberg in der deutschsprachigen Literatur, S. 123 (PDF); mit Autoren mit einem Bezug zu der Stadt Bromberg Die meisten waren Heimatromane mit der Schilderung von Land und Leuten. Dabei war die Erzählperspektive fast immer eine deutsche.

Es wurden auch Kinderliteratur (Anna Bolte, Frieda Mehler), Sagen und Märchen aus der Region, beschreibende Sachliteratur und weiteres herausgegeben.

Ostmarkenromane Seit etwa 1890 wurden einige literarische Werke aus der Provinz Posen (und seltener auch aus anderen Ostgebieten des Deutschen Reiches) als Ostmarkenromane bezeichnet.Maria Wojtczak, Literatur der Ostmark, 1998; mit ausführlicher Darstellung; sie versteht diesen Begriff umfassend für die meiste Literatur aus dieser Region, andere Autorinnen wie Ewa Greser und Elżbieta Nowikiewicz plädieren für eine engere Abgrenzung zur unpolitischen Heimatliteratur Diese schilderten die Spannungssituation zwischen den deutschen Zugewanderten und der einheimischen polnischen Bevölkerung meist aus deutschnationaler Sicht. Dabei wurde die polnische Bevölkerung mit überwiegend negativen Eigenschaften (Stereotypen), wie Alkoholismus, mangelnde Arbeitsdisziplin, nachlässiges Verhalten und Ablehnung gegenüber den Deutschen beschrieben, gegen die sich diese mit ihrer höheren Kultur erfolgreich oder vergeblich durchzusetzen versuchten. Besonders negativ wurden polnische katholische Geistliche dargestellt (die aus deutscher Perspektive einen wesentlichen Anteil an der starken Ablehnung der polnischen Bevölkerung gegen die deutsche Fremdherrschaft hatten).

Die Bezeichnung Ostmarkenroman wurde vor allem von Verlagen und Literaturrezensenten verwendet, die damit eine spanndene Lektüre mit Konflikten, Informationen über Land und Leute und eine Bestätigung des deutschnationalen Selbstbewusstseins verbanden.Georg Minde-Pouet, Ein Ostmarkenroman, in Das literarische Echo, 1904/1905, Sp. 111–120, hier Sp. 111–112; in einer Rezension über den Erfolgsroman Das schlafende Heer von Clara Viebig erklärt der wahrscheinlich wichtigste deutschnationale Posener Literaturkritiker in dieser Zeit seine Vorstellungen von einem guten Ostmarkenroman; für ihn zählt auch die literarische Quakutät eines Werkes und nicht nur die richtige ideologische Ausrichtung

Der erfolgreichste Ostmarkenroman war Das schlafende Heer (1904) von Clara Viebig, mit einer gemäßigten Ausrichtung, die alle Seiten möglichst neutral darzustellen versuchte. Zu den charakteristischsten radikaleren Ostmarkenromanen gehörten von Max Kaeseberg, Am Alten Markt zu Posen (1907), von Margarete von Gottschall, Nach Ostland wollen wir reiten! (1909) und von Friedrich Paarmann, Deutschkloster (1909), die aber damals nicht mehr als zwei Auflagen erreichten.Deutsche Nationalbibliothek, Katalog, mit Auflagezahlen, auch in WorldCat und Börsenblatt digital (Volltextsuche) Aus Westpreußen war von Marianne Mewis Der große Pan (1910).

Autoren Es gab keinen Autor und kein Werk aus der Region, das eine größere literaturgeschichtliche Bedeutung erlangte. Die bekanntesten Autoren Detlev von Liliencron und Clara Viebig lebten nicht hier und veröffentlichten nur wenige Werke über sie. Zu den wichtigsten und produktivsten einheimischen Schriftstellern gehörten Carl Busse und Erich Fließ, die aber überregional weitgehend unbekannt blieben.

Die meisten der Autoren mit Werken über die Provinz Posen lebten nur einige Jahre hier, als Beamte, Juristen, Lehrer oder deren Ehefrauen und zogen danach wieder nach Westen, oder hielten sich nur einige Monate im Jahr hier auf (Clara Viebig).Maria Wojtczak, Literatur der Ostmark, 1998; mit umfangreichem Verzeichnis von Autoren der Region Einige Autoren waren hier geboren worden, lebten danach aber die meiste Zeit ihres Lebens an anderen Orten (wie Carl Busse, Ernst Below, Erich Fliess, Albert Herse, Friederike Kraze). Nur wenige verbrachten den größten Teil ihres Lebens hier, diese waren meist gemäßigt in ihren Ansichten und um Verständigung mit der polnischen Bevölkerung bemüht (Franz Werner).

Einige Werke (Auswahl) Als wichtigste Werke können heute die Romane Der schwarze Storch von Ilse Molzahn (1936), aus der kritischen Sicht eines Kindes, und Das schlafende Heer (1904) von Clara Viebig, der der damals der erfolgreichste war, angesehen werden.

1875–1899 Marie von Johow (M. Reinow), Die Brüder, Die Jesuitenschüler, 1876, Erzählungen, die in Posen handeln Detlev von Liliencron, Breide Hummelsbüttel, 1887, Heimatroman Erich Fließ, Zal Mawet – Schatten des Todes, 1890 Carl Busse, Ich weiß nicht, 1892 Wilhelmine von Leesen (Carl Postumus), In deutscher Hand, 1893 Carl Busse, Jugendstürme, 1896 Erich Fließ, Die drei Erinnyen, 1896 Paul Oskar Höcker, Polnische Wirtschaft, 1896, antipolnisch Erich Fließ, Der Proboszcz, 1897 Ernst Below, Ostmark und Krummstab, 1898 Carl Busse, Jadwiga, 1899

1900–1918 Carl Busse, In der Grenzschenke – Lena Sieg, 1901 Carl Busse, Die Schüler von Polajewo, 1901 Hermann Jahnke: Im Weltwinkel, 1901 Albert Liepe, Die Spinne, 1902

Clara Viebig, Das schlafende Heer, 1904, Erfolgsroman, nicht auf der Liste der Kaiser-Wilhelm-Bibliothek

Carl Busse, Deutsche und polnische Liebe, 1904 Carl Busse, Die Hexe, 1905, nicht auf der Empfehlungsliste der Kaiser-Wilhelms-Bibliothek Hugo Behrens, Die polnische Gefahr und andere Novellen, 1905 Gustav Bunzeck, Die neue Lehre, 1905 Valeska Gräfin Bethusy-Huc, Hans der Pole, 1906 Carl Busse, Im polnischen Wind, 1906 Carl Busse, Das Gymnasium zu Lengowo, 1907 Max Kaeseberg (Max Berg), Am Alten Markt zu Posen. 1907, Milieuschilderung Johannes Höffner, Der Sinndes Lebens, 1908 Friedrich Paarmann, Deutschkloster, 1909 Margarete von Gottschall (M. v. Witten), Nach Ostland wollen wir reiten! 1909, historischer deutschnationaler Roman Traugott Pilf, Geschichten aus der Ostmark, 1909 Elisabeth Grabowski, Der weiße Adler, 1909 Helene Wachsmuth, Teophile Sobieska, 1909 Wilhelm Poeck, Grenzer, 1912 Isaak Herzberg, Ringende Gewalten, 1912

1915–1930 Bruno Paul Schaumburg (Paul Burg), Die Geschichten der Lena Kalinska, 1915 Klara Hofer, Das Schwert im Osten, 1915

1919–1939 Heinrich Sohnrey, Wie Mutter Bieber ihren Kriegsgefangenen nach Posen brachte, 1919 Helene Wachsmuth, Johann Sobieski, 1920 Max Kretzer, Posen, um 1926, autobiographischer Roman, wahrscheinlich nicht veröffentlichtEwa Greser, Die Stadt Posen in der deutschsprachigen Literatur; bedauerte, dass der Roman wahrscheinlich erschien, weil ihn kein Verlag drucken wollte Friede H. Kraze, Das Land, 1929 Ilse Molzahn, Der schwarze Storch, 1936, aus der Sicht eines Kindes

Sagen und Märchen Es wurden einige Sammlungen von Märchen und Sagen aus dem Posener Lande herausgegeben, die meist polnischen Ursprungs waren. Die wichtigsten Herausgeber waren der Deutsche Otto Knoop und der Pole Jerzy Wojciech Szulczewski (Adalbert Schulz).Agnieszka Dylewska, Iskry miłości ojczy ziemi, in Literaria Copernica, 2013, S. 41–51, besonders S. 42–43, mit Anmerkungen (PDF), über die Sammlungen von Sagen und Märchen im Posener Land, mit weiteren Literaturangaben

Adalbert Schulz, Großpolens Nationalsagen, Märchen und Legenden, Posen und Bromberg 1842–1844 Otto Knoop, Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen, Posen 1893 Theodor Krausbauer, Was die Großmutter erzählt. Schlichte Geschichten, Märchen und Sagen aus dem Posener Land, Lissa i.P.

Otto Knoop, Adalbert Szulczewski, Volkstümliches aus der Tierwelt, Rogasen 1905 Adalbert Szulczewski, Allerhand fahrendes Volk in Kujawen, Lissa 1906 R. Kußmann, Posener Sagen und Schwänke, Posen 1907 Otto Knoop, Posener Geld- und Schatzsagen, Lissa 1908 Otto Knoop, Ostmärkische Sagen, Märchen und Erzählungen, Lissa 1909; A. Musolff, Heimatliche Sagen und Geschichten aus der Provinz Posen, 2 Bände, Bromberg 1910–1911 Theodor Krausbauer, Heimatbilder. Geschichten aus dem Posener Land, Breslau 1910–1911 P. Beer, Sagen und Geschichtsbilder aus dem Posener Lande, Leipzig 1911 Otto Knoop, Posener Dämonensagen. Ein Beitrag zur Sagenkunde der Provinz Posen, Posen 1912 Otto Knoop, Sagen der Provinz Posen, Berlin–Friedenau 1913. Agnieszka Dylewska, Sagen und sagenhafte Erzählungen aus der Provinz Posen (1815–1918), Wrocław, Dresden 2010

Jüdische Literatur Die jüdische Minderheit in der Provinz Posen fühlte sich meist der deutschen Sprache und Kultur zugehörig, im 19. Jahrhundert wurde aber teilweise auch noch jiddisch und polnisch gesprochen. Die Literatur jüdischer Autoren war meist liberal ausgerichtet.Beata Mache: Provinz Posen in jüdischer Heimatliteratur (PDF; 0,5 MB), mit einigen Informationen und vier Biographien (auch Jakob Fromer) Sie hatte öfter auch innerjüdische Themen zum Inhalt, wie die kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen orthodoxen Lebensformen. Der polnischen Bevölkerung standen sie meist offen gegenüber (außer die deutschnationalen Max Kaeseberg und Isaak Herzberg).