mini|Am West-Nil-Fieber verstorbene Krähe Das West-Nil-Fieber ist eine durch das West-Nil-Virus hervorgerufene Infektionskrankheit, die hauptsächlich bei Vögeln, gelegentlich aber auch bei Säugetieren (einschließlich des Menschen) auftritt. In der Mehrzahl der Fälle bleibt die Erkrankung bei Säugetieren symptomlos, gelegentlich zeigt sie sich mit grippalen Symptomen. Bei einigen Individuen kommt es jedoch zu einer schweren Hirnentzündung mit motorischen Schäden, die auch tödlich verlaufen kann. Die Tierseuche kommt in Süd- und Mitteleuropa, Nordamerika, Afrika, Südwest- und Südostasien und Australien vor. Sie wurde in Deutschland erstmals 2018 in Sachsen-Anhalt bei einem Bartkauz aus Halle (Saale) nachgewiesen. Erkrankungen sind meldepflichtig.
mini|West-Nil-Virus
Auslöser und Übertragungswege Das West-Nil-Fieber wird durch das West-Nil-Virus hervorgerufen, ein behülltes RNA-Virus aus der Familie Flaviviridae. Das Virus wird durch den Stich unterschiedlicher Stechmückenarten übertragen, vor allem durch die der Gattung Culex. Die Stechmücken infizieren sich bei wildlebenden Vögeln und übertragen das Virus auf andere Vögel, seltener auf Säugetiere wie Pferde oder Menschen.
Vögel gelten als Reservoir- und Amplifikationswirte. Menschen und Pferde sind dagegen Fehlwirte. Da die Virämie bei ihnen in der Regel niedrig bleibt, stellen sie selbst keine relevante Virusquelle für Stechmücken dar.
Symptome
Mensch Beim Menschen ergeben sich in 80 % der Fälle keine Symptome durch die Infektion. In anderen Fällen ergeben sich Grippe-ähnliche Symptome. Das Virus ist in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren, und kann dadurch eine Enzephalitis (Entzündung des Gehirns), Meningitis (Entzündung der Hirnhäute) oder akute schlaffe Lähmung (Paralyse) auslösen; dies geschieht bei unter 0,67 % der Fälle. Beide Formen können tödlich enden, wobei die Letalität bei Beteiligung des Zentralnervensystems („neuroinvasive Formen“) bei bis zu 10 % liegt.Lyle R. Petersen, Marc Fischer: Unpredictable and Difficult to Control – The Adolescence of West Nile Virus. In: New England Journal of Medicine. Band 367, Ausgabe 14 vom 4. Oktober 2012, doi:10.1056/NEJMp1210537, S. 1283–1285. Nach Erkenntnissen aus den frühen 2010er Jahren kann das Virus auch Nierenversagen auslösen.Gefährliches Urlaubsmitbringsel bei der Sprechstunde des Deutschlandfunks vom 6. August 2013.
Die neuroinvasiven Infektionen führen darüber hinaus häufig zu schweren bleibenden Behinderungen. Personen über 50 Jahren haben ein höheres Risiko, eine schwere Form der Krankheit zu entwickeln. Die Symptome entwickeln sich nach 3 bis 14 Tagen Inkubationszeit.
Eine Infektion mit dem West-Nil-Virus kann beim Menschen zu einem postakuten Infektionssyndrom führen. Charakteristische Symptome des Post-West-Nil-Virus-Syndroms sind motorische Störungen, Muskelschwäche und postinfektiöse Fatigue (eine starke Entkräftung). Ein Teil der Betroffenen erkrankt an der Myalgischen Enzephalomyelitis/dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS).Kathryn Hoffmann: Postakute Infektionssyndrome und Erkrankungen. In: Erika Zelko, Susanne Rabady, Herbert Bachler (Hrsg.): Lehrbuch für Allgemein-/Familienmedizin. E-Book. Trauner Verlag, Linz 2024, ISBN 978-3-99151-341-4, S. 6.
Andere Säugetiere Bei Pferden verläuft eine Infektion mit dem West-Nil-Virus wie beim Menschen in der Mehrzahl der Fälle ohne erkennbare Symptome. Klinisch erkrankte Pferde zeigen häufig unspezifische Allgemeinsymptome wie Fieber und Teilnahmslosigkeit. In einem kleineren Teil der Fälle kommt es zu einer Beteiligung des zentralen Nervensystems, insbesondere zu einer Meningoenzephalitis. Dabei können neurologische Symptome wie Ataxie, schwankender Gang, Stolpern, Hinterhandschwäche, Muskelzittern oder Muskelzuckungen, Kreiswandern, Blindheit, Lähmungen sowie Ausfälle von Hirnnerven auftreten.
Bei Pferden mit neurologischen Symptomen werden Letalitätsraten von bis zu etwa 30 Prozent beschrieben. Bei einem Teil der überlebenden Pferde können neurologische Defizite zurückbleiben.
mini|Myocarditis bei einem Schwan Vögel Vögel spielen im Übertragungszyklus des West-Nil-Virus die zentrale Rolle. Das Virus zirkuliert vor allem zwischen wildlebenden Vögeln und Stechmücken; infizierte Mücken können es anschließend auch auf Pferde und Menschen übertragen. Pferde und Menschen gelten jedoch als Fehlwirte, da ihre Virämie in der Regel nicht ausreicht, um das Virus in relevantem Umfang wieder auf Stechmücken zu übertragen.
Das klinische Bld bei Vögeln zeigt sich in Abmagerung, Austrocknung, Federverlust und Störung der Mauser, Schwäche, hängendem Kopf, Fressunlust, Abgeschlagenheit und neurologischen Erscheinungen wie Ataxie, Torticollis, Nystagmus, Krämpfe, Parese der Beine und Erblindung. Jüngere Tiere erkranken meist schwerer als erwachsene. Einige Vogelgruppen wie Rabenvögel, Singvögel, Eulen und Falkenvögel sind empfänglicher als beispielsweise Hühnervögel. Hier kommt es häufiger zu Todesfällen.West Nile Virus in Birds. MSD Manual. Abgerufen am 1. Oktober 2026. In Europa werden beispielsweise Amseln, Elstern, Drosseln und Haussperlinge als häufigste am Übertragungsgeschehen beteiligte Arten beschrieben.
Pathologisch-anatomisch zeigt sich häufig eine Herzentzündung (Myocarditis) und eine Splenomegalie. Es gibt aber keine sicheren Merkmale, so dass die Diagnose nur durch Virusisolation, RT-PCR oder immunohistochemischen Nachweis des Virus gestellt werden kann.
Behandlung Ein Medikament, welches direkt gegen das Virus wirkt, ist nicht verfügbar. Die Behandlung erfolgt symptomatisch.West-Nil-Virus im Überblick, RKI, Stand vom 12. Dezember 2023; zuletzt abgerufen am 9. September 2024
Prophylaxe Für Pferde stehen in Deutschland Impfstoffe gegen das West-Nil-Virus zur Verfügung. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (Stiko Vet) am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) ordnet die West-Nil-Virus-Impfung als Non-Core-Impfung ein und empfiehlt sie für Pferde in betroffenen Gebieten sowie für Tiere, die vorübergehend in solche Gebiete verbracht werden. Die Empfehlung wurde 2025 aufgrund der veränderten Ausbreitungssituation auf die norddeutsche Tiefebene ausgeweitet; mittelfristig wird eine flächendeckende Impfung von Pferden in Deutschland angestrebt.
Die Grundimmunisierung besteht je nach Impfstoff aus zwei Impfungen im Abstand von drei bis sechs Wochen; Wiederholungsimpfungen sind jährlich und am besten im Frühjahr vorgesehen. Die zugelassenen Impfstoffe sollen die Dauer und Schwere klinischer Symptome einer West-Nil-Virus-Infektion verringern.
Für den Menschen ist keine Impfung verfügbar.Christina Frank, Klaus Stark, Hendrik Wilking et al.: Risiko autochthoner Infektionen: West-Nil-Virus in einheimischen Vögeln nachgewiesen. In: Deutsches Ärzteblatt. 2018, Band 115, Nr. 41, Artikel: A-1808/B-1519/C-1505; Auf: aerzteblatt.de; zuletzt abgerufen am 2. Juni 2021.
Meldepflichten In Deutschland ist beim Menschen der direkte oder indirekte Nachweis des West-Nil-Virus nach § 7 Abs. 1 Infektionsschutzgesetz (IfSG) namentlich meldepflichtig, soweit der Nachweis auf eine akute Infektion hinweist; zur Meldung verpflichtet sind insbesondere die Leitungen der nachweisenden Labore (§ 8 IfSG). Bei Vögeln und Pferden ist die Infektion mit dem West-Nil-Virus eine anzeigepflichtige Tierseuche; nach der Tierseuchenmeldeverordnung (TierSeuchMeldV) ist der Verdacht oder Nachweis der zuständigen Behörde zu melden.
In Österreich ist West-Nil-Fieber eine anzeigepflichtige Krankheit gemäß Abs. 1 Nr. 2 Epidemiegesetz 1950. Meldepflichtig sind Erkrankungs- und Todesfälle. Zur Anzeige verpflichtet sind unter anderen Ärzte und Labore ( Epidemiegesetz 1950).
In der Schweiz besteht Meldepflicht für West-Nil-Fieber in Bezug auf einen positiven laboranalytischer Befund durch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, Spitäler und andere öffentliche und private Institutionen des Gesundheitswesens. Zudem bei positiven Laborbefund für die Erreger West-Nil-Virus durch das untersuchende Laboratorium. Dies ergibt sich aus dem Epidemiengesetz (EpG) in Verbindung mit der Epidemienverordnung und bzw. der Verordnung des EDI über die Meldung von Beobachtungen übertragbarer Krankheiten des Menschen.
Statistik mini|Verbreitungsgebiet des West-Nil-Fiebers Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete 2020 20 Fälle des West-Nil-Fiebers, darunter einen Todesfall. Betroffen waren die Bundesländer Sachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt.
Seit 2019 werden in Deutschland während der Sommer- und Herbstmonate regelmäßig autochthone West-Nil-Virus-Infektionen beim Menschen registriert; das RKI nennt für 2019 bis 2024 jährlich 4 bis 35 autochthone Fälle. 2026 sind bislang 28 Fälle bei Vögeln und 2 bei Pferden gemeldet worden.West-Nil-Virus-Übersicht, TierSeuchenInformationsSystem des Friedrich-Loeffler-Instituts. Abgerufen am 30. September 2026.
Weblinks
West Nile fever – (engl.) Informationen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC)
Einzelnachweise
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