Während des Wahlkampfes zur Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2024 verbreitete der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei, Donald Trump, in einem Fernsehduell die Haustierverzehr-Lüge, indem er behauptete, in Springfield (Ohio) hätten Immigranten Haustiere verzehrt. Zuvor war dieses Gerücht, wonach insbesondere haitianische Immigranten Haustiere essen, in sozialen Medien zirkuliert. Nach Trumps Äußerung kam es in Springfield zu Bombendrohungen gegen staatliche Einrichtungen, die Evakuierungen erforderten, und zu Anfeindungen gegen die Immigranten aus Haiti.

Hintergrund und Verbreitung

Springfield (Ohio) erlebte über Jahrzehnte einen Bevölkerungsrückgang, bis sich viele Haitianer aufgrund niedriger Lebenshaltungskosten und Arbeitsmöglichkeiten in der Industrie sowie im Dienstleistungssektor dort ansiedelten. Laut der Volkszählung von 2020 hatte die Stadt fast 60.000 Einwohner. Während einige die Zuwanderung junger, preiswerter Arbeitskräfte begrüßten, gab es auch Bedenken hinsichtlich steigender Mieten, der Belastung von Schulen und Krankenhäusern sowie der Verkehrssicherheit. Bis 2024 waren etwa 12.000 bis 20.000 Einwanderer, viele davon Haitianer, legal in die Gegend von Springfield (Ohio) gezogen. Haitianische Einwanderer und Migranten aus zentralamerikanischen Ländern wurden bei Dole Fresh Vegetables in Springfield (Ohio) stark nachgefragt. Sie wurden dort für die Reinigung und Verpackung von Obst und Gemüse eingestellt. Auch in Automobilwerken waren diese Arbeitskräfte gefragt, da die Eigentümer aufgrund eines Arbeitskräftemangels, der durch die Covid-19-Pandemie entstanden war, dringend Personal benötigten.

Im August 2023 geriet in der Nähe von Springfield (Ohio) ein Minivan in den Gegenverkehr und kollidierte mit einem Schulbus. Ein elfjähriger Junge starb und 23 Kinder wurden verletzt. Der Fahrer des Minivans, ein neuzugewanderter Haitianer, hatte einen in Ohio ungültigen ausländischen Führerschein. Der Vorfall löste eine Debatte über Einwanderungspolitik und öffentliche Sicherheit in den USA aus. Der Tod des elfjährigen Jungen führte zu Unmut und rassistischen Äußerungen in sozialen Medien und Stadtkommissionssitzungen in Springfield (Ohio). Besorgte Bürger fragten, ob die Stadt zum Zentrum der „Theorie der großen Umsiedlung“ geworden sei. In der Folge nutzten rechtsextreme Gruppen die Spannungen aus. Bewaffnete Neonazis des Blood Tribe, einer von der Anti-Defamation League als militante weiße Rassistenorganisation eingestuften Gruppe, hissten Hakenkreuzfahnen und marschierten durch die Innenstadt, während ein Jazz- und Blues-Festival stattfand. Ein Polizeisprecher von Springfield (Ohio) spielte den Vorfall als „kleinen friedlichen Protest“ herunter.

Im Dezember 2023 wurde ein Mann aus Springfield (Ohio) zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er zu Beginn des Jahres 2023 acht Haitianer angegriffen hatte. Im Jahr 2022 kam es zudem zu zwei Einbrüchen in eine lokale haitianische Kirche in Springfield (Ohio), bei denen Sachschäden entstanden. Langjährige schwarze Einwohner von Springfield berichteten, dass sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Mitgliedern der haitianischen Gemeinschaft auf den Straßen der Stadt verbal angegriffen wurden.

Im Juni 2024 gewährte das Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten haitianischen Einwanderern einen vorübergehenden Schutzstatus, um auf die anhaltenden Krisen und den Bandenkrieg in Haiti zu reagieren. Dieser Status ermöglichte es der bestehenden haitianischen Migrantenbevölkerung in den USA, ohne das Risiko einer Abschiebung zu leben und zu arbeiten. Trump führte die Spannungen in Springfield (Ohio) als ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit einer strengen Einwanderungspolitik an. Im Juli 2024 wandte sich der Stadtverwalter von Springfield (Ohio), Bryan Heck, in einem Schreiben an den Banken- und Wohnungsbauausschuss des US-Senats und bat um Bundeshilfe zur Bewältigung der Wohnungskrise, die durch das rasante Bevölkerungswachstum verursacht worden sei.

Verbreitung der Behauptung Am 16. August 2024 wurde eine 27-jährige in den USA geborene dunkelhäutige Frau in Canton (Ohio) mit dem Vorwurf festgenommen, sie habe eine Katze getötet und gegessen. Das von der Polizei bei der Festnahme aufgezeichnete Body-Cam-Video, das nahelegt, dass die Tatverdächtige tatsächlich eine Katze tötete und aß, wurde von der Polizei veröffentlicht, in sozialen Medien weiterverbreitet und fälschlicherweise als Festnahme in Springfield bezeichnet. Aussagen von Zeugen belasten die Tatverdächtige und bestätigen den von der Polizei dargestellten Sachverhalt.

Am 26. August 2024 erhielt die Polizei im Clark County einen Anruf, in dem jemand behauptete, Haitianer hätten Gänse aus dem Springfield Park gestohlen. Im Internet zirkulierte ein Foto eines dunkelhäutigen Mannes (angeblich aus Haiti) mit zwei Kanadagänsen in den Armen. Ein Social-Media-Influencer behauptete, die Vögel seien von Haitianern in einem Park in Springfield gefangen, dann geschlachtet und gegessen worden.Es stellte sich später heraus, dass dieses Foto in einem anderen Zusammenhang in Columbus (Ohio) aufgenommen worden war Weder die Strafverfolgungsbeamten noch das zuständige Umweltamt (Ohio Department of Natural Resources) fanden irgendwelche Hinweise oder Verdächtige. Im August 2024 beschuldigte eine Trump-Anhängerin ihre haitianischen Nachbarn, diese hätten ihre Katze entführt. Später fand die Frau die Katze im eigenen Keller wieder. Facebook-Posts über lokale Verbrechensbeobachtungsgruppen wiederholten ähnliche Behauptungen.

Trotz fehlender konkreter Nachweise verbreitete sich Anfang September 2024 die Behauptung, Migranten aus Haiti würden in Springfield Haustiere der dortigen Einwohner verzehren. Zuerst wurde dies unter anderem von Elon Musk, Ted Cruz und JD Vance auf sozialen Medien verbreitet. Auch die rechtsextreme Aktivistin Laura Loomer, der eine Nähe zu Donald Trump nachgesagt wird, verbreitete das Gerücht. Trump wiederholte die Aussage, ohne jedoch einen direkten Bezug zu Haitianern herzustellen, in einem TV-Duell mit Kamala Harris im Rahmen der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2024. Trump sagte:

Obwohl seine Aussage aus dem TV-Duell mit Harris widerlegt wurde, beharrte Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung für lateinamerikanische Wähler in Miami am 16. Oktober 2024 weiter auf seinen Äußerungen über angeblich von Einwanderern gegessene Haustiere. Neben der Lüge über angeblich von Migranten verzehrte Haustiere ist nach den Behörden in Springfield auch von der angeblichen Bandenkriminalität wenig bis gar nichts zu sehen. Trump kündigte zudem für den Fall seiner Wahl Massenabschiebungen von Haitianern an.

Widerlegung Der ABC-Moderator David Muir widerlegte diese Behauptung unter Berufung auf Bryan Heck, den City Manager von Springfield. Am 15. September gestand Trump-Vize Vance in einem CNN-Interview mit Moderatorin Dana Bash, dass er die Öffentlichkeit aus wahlkampftaktischen Erwägungen in die Irre geführt habe, um mit der „konstruierten“ Geschichte von den Haitianern, die angeblich anderer Leute Haustiere essen, die vorgebliche mangelnde Aufmerksamkeit der Medien auf das Problem der illegalen Einwanderung zu lenken. „Wenn ich Geschichten erfinden muss, damit die amerikanischen Medien dem Leiden des amerikanischen Volkes tatsächlich Aufmerksamkeit schenken, dann werde ich das tun.“

Folgen Am 14. September marschierte eine Gruppe der rechtsextremen Miliz Proud Boys in Springfield, und am selben Wochenende kursierten angeblich vom Ku-Klux-Klan stammende Flugblätter, auf denen stand: „Ausländer und Haitianer raus“, und „Schließt euch uns an und stellt euch gegen Zwangseinwanderung“.

Obwohl Erika Lee, eine maßgebliche Verbreiterin der Gerüchte, später ihr Bedauern über die Wirkung der Fake News äußerte, nahmen nach Trumps Äußerungen Drohungen und Anfeindungen gegen aus Haiti stammende Einwohner Springfields zu. Es kam zu Bombendrohungen gegen Schulen, zur Evakuierung der Stadthalle sowie zu Beschimpfungen. Geschäfte wurden aus Angst vor rassistischen Übergriffen bereits bei Sonnenuntergang geschlossen. Dank Donald Trump hatte die Stadt Springfield, deren allgemeine Situation sich unter der Regierung Biden wegen der etwa 15.000 Einwanderer deutlich verbessert hatte, nun mit einem zweifelhaften Image zu kämpfen.

Bis zum 17. September 2024 gingen 33 Bombendrohungen bei Institutionen in Springfield ein, wie der Gouverneur von Ohio, Mike DeWine, berichtete. Zwei Schulen, das Rathaus und verschiedene Landeskraftfahrtämter mussten deswegen evakuiert werden. Außerdem seien zusätzliche Sicherheitskameras in den Straßen installiert worden und Bombenspürhunde in der Stadt unterwegs. Nach den Angaben der lokalen Station des Senders ABC gab es eine weitere Bombendrohung gegen das Statehouse in Ohios Hauptstadt Columbus, den Sitz von Repräsentantenhaus und Senat des Bundesstaates. Die öffentlichen Schulen in Springfield wurden deshalb unter Polizeibewachung gestellt.

mini|Das Rathaus von Springfield mini|Haupteingang der Wittenberg University in Springfield Infolgedessen kritisierte die Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei Kamala Harris die republikanische Gegenseite scharf. Auch die Dementis der lokalen Behörden blieben erfolglos. Springfield befand sich auch eine Woche nach Trumps Verbreitung des Gerüchts noch im Ausnahmezustand. Auch die private Wittenberg University sah sich gezwungen, Veranstaltungen auf dem Campus abzusagen und „aufgrund der anhaltenden Bedrohungen, die die Universität in den letzten Tagen erhalten hatte, … alle Kurse und die meisten Lehrveranstaltungen und Aktivitäten vom 16. bis 22. September 2024 online abzuhalten“. Schockierend dabei war für Wolf Blitzer, dass der Präsident der Universität, Michael Frandsen, in einem Fernsehinterview mitteilte, in den Gewaltandrohungen seien Studenten sogar namentlich erwähnt worden. Der Bürgermeister Rob Rue, ein Parteifreund des Präsidentschaftskandidaten Trump, sagte zu dessen geplantem Besuch in Springfield auf einer Medienkonferenz im Stadthaus am 17. September 2024: „Es wäre mir recht, wenn Sie auf diesen Besuch verzichten würden. Es wäre eine extreme Belastung unserer Ressourcen.“ Die Falschaussage rief auch die Regierung von Haiti in Port-au-Prince auf den Plan. In einer am 11. September 2024 veröffentlichten Erklärung kritisierte das Ministerium für im Ausland lebende Landsleute „diskriminierende Äußerungen von US-Politikern über Haitianer in der Diaspora“.

mini|Gerichtsgebäude des Clark County Municipal Court in Springfield. Die Haitian Bridge Alliance beantragte am 24. September 2024 beim Clark County Municipal Court die Eröffnung eines Strafverfahrens gegen Donald Trump und JD Vance wegen der Verbreitung der Vorwürfe. Im Rahmen der eingereichten Privatklage wurde beantragt, einen hinreichenden Tatverdacht festzustellen und einen Haftbefehl zu erlassen.Sareen Habeshian: Haitian group files criminal charges against Trump, Vance over pet-eating claims, Axios vom 24. September 2024 Grund war, dass die Strafverfolgungsbehörde von sich aus keine Maßnahmen gegen die Verunglimpfung einer ganzen Gruppe der Bevölkerung ergriffen hatte. Es muss jedoch eine Anhörung geben, bevor sich die Strafverfolgungsbehörden weiter mit dem Fall beschäftigen. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Der Anwalt Subodh Chandra vermutet jedoch Vorsatz, da die Behauptungen immer weiter verbreitet wurden, obwohl der Bürgermeister und der Gouverneur bereits beteuert hatten, dass an den Geschichten nichts dran sei. Der republikanische Kongressabgeordnete Clay Higgins schrieb auf die Meldung des Beginns des Strafverfahrens hin auf X:

(LOL. Diese Haitianer sind wild. Essen Haustiere, Voodoo, unordentlichstes Land in der westlichen Hemisphäre, Kulte, Slapstick, Gangster)