alternativtext=Zwettler Tafelaufsatz Seitenansicht|mini|Zwettler Tafelaufsatz Seitenansicht mini|Prudentia Der Zwettler Tafelaufsatz ist ein Porzellan-Ensemble, das im Jahr 1768 bei der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur in Wien bestellt wurde, um es Abt Rainer I. Kollmann (1699–1776) vom Zisterzienserstift Zwettl in Niederösterreich zum 50. Profess-Jubiläum am 17. April 1768 als Geschenk zu überreichen.
Beschreibung Der Aufsatz besteht aus einem 9-tlg. verspiegelten Porzellan-Untersatz von 4,33 m Länge und ursprünglich 67 unterschiedlichen Einzelfiguren, bzw. Gruppen aus weißem, unbemaltem, glasiertem Porzellan, von denen noch 61 erhalten sind. Sie waren als zentraler Schmuck einer festlichen Tafel gedacht. Zu den Figuren wurde ebenfalls ein Speiseservice, bestehend aus 48 Suppen- und 72 Konfekt-Tellern, 8 Salzfässchen und 2 Saucieren erworben. Der Preis des gesamten Ensembles betrug 508 Gulden (fl.). Gemeinsam mit dem Porzellanaufsatz wurde eine Komposition bei Joseph Haydn (Applausus, Hob XXIVa: 6) und ein repräsentatives Portrait bei Josef Hauzinger bestellt.
Dass sich ein Tafelaufsatz aus diesem kostbaren Material und die Geschichte seiner Beschaffung beinahe vollständig erhalten hat, ist höchst selten und wohl allein dem Umstand geschuldet, dass er im Stift verblieb und in Vergessenheit geraten war. Erst bei der Wiederentdeckung Altwiener Porzellans zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Ausstellung Wien 1904, Katalog), erinnerte man sich des Ensembles. Das Österreichische Museum für Kunst und Industrie (MAK) erwarb den Aufsatz 1926 aus den Beständen des Stiftes.
Anlass und Auftrag mini|alternativtext=Portrait Abt Rainer Kollmann|Abt Rainer Kollmann 1768 Der Abt eines Stiftes war auch ohne zusätzliche politische Funktionen eine hochgestellte Persönlichkeit im Habsburgerreich, das galt umso mehr, wenn dieser Abt, wie Rainer Kollmann, ein bedeutender Financier des Kaiserhauses war, dessen Expertise von Maria Theresia geschätzt wurde. Aufgrund seiner vielen Agenden war Rainer Kollmann auch nur selten im Stift in Oberösterreich anzutreffen – dort vertrat ihn oftmals der Prior P. Placidus Assem – sondern zumeist im Freihof des Stiftes in Nussdorf bei Wien, wenn er gerade nicht in politischer Mission unterwegs war.
Anders als in den Fürstenhäusern dieser Zeit, wo Vermählungen und Geburten Anlässe für bedeutende Festlichkeiten boten, beging man in den Klöstern geistliche Jubiläen, Namens- und Jahrestage mit großem Aufwand, und einige der schönsten Umbauten in den Stiften und viele bedeutende Kunstwerke verdanken ihre Entstehung einem solchen Jubiläum.
Das war der Grund dafür, dass auch die Mitbrüder Abt Rainers Vorbereitungen für ein würdiges Fest zur 50. Wiederkehr seines feierlichen Ordensgelübdes am 17. April 1718 trafen, wie P. Placidus im November 1767 schrieb, obwohl Rainer Kollmann sich jeden Aufwand verbeten hatte. Doch im Konvent war für die Beschaffung der Festgaben bereits die beträchtliche Summe von 600 Gulden (fl.) gesammelt worden, wovon 100 Gulden für eine musikalische Komposition vorgesehen waren und 50 Gulden für ein repräsentatives Portrait des Abtes. Für die Musik des Applausus, einer feierlichen Kantate auf einen Text des Priors, gewann man Joseph Haydn, Kapellmeister des Fürsten Nikolaus I. Esterházy, und das Portrait sollte Josef Hauzinger anfertigen, der ein Schüler Paul Trogers und Professor für Historienmalerei in Wien war.
Für den weitaus größten Anteil des Geldes – 488 Gulden (fl.)Die Kaufkraft von 488 Gulden des Jahres 1768 betrug mehr als das anfängliche Jahresgehalt Haydns, bzw. 1.952 Tage Arbeit, 10.419 kg Brot, 2.842 kg Fleisch, 5.228 l Wein oder 10.237 l Bier (https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Kaufkraftrechner). Ein grober Überschlag würde für 100 Gulden (fl.) wohl 10.000 € ergeben. – hatten sich die Mönche von Zwettl etwas ganz Besonderes überlegt: Es sollte davon eine festliche Tischdekoration erworben werden, wie es an den allerhöchsten Tafeln der Zeit gerade in Mode war. Nur wenige Jahre zuvor hatte auch der Fürstbischof von Hildesheim, Friedrich Wilhelm von Westphalen für seinen Regierungsantritt 1763 ein Meisterwerk beim berühmten Silberschmied Bernhard Heinrich Weyhe in Augsburg bestellt, dessen musizierendes Orchester rund um eine Cembalistin in einer Laube nun seine Tafel schmückte. Dies war in der Tradition der kaiserlichen Kunstkammern, wo Cellinis Saliera, die ursprünglich für die Tafel Franz I. gedacht war, bis heute ein Publikumsmagnet darstellt.
mini|alternativtext=Münchner Tafelaufsatz für das Hochzeitsbankett der Prinzessin Maria Anna|Münchner Tafelaufsatz für das Hochzeitsbankett der Prinzessin Maria Anna 1755 Doch zeitgemäßer war Tafelschmuck aus dem allerneuesten und kostbaren Material Porzellan, von dem sich auch der St. Florianer Probst Johann III. Födermayr gleich in den ersten Jahren der Manufaktur ein kostbares Service herstellen ließ, aus dem eine Deckelterrine ebenfalls 1904 ausgestellt wurde. So gelangte Ende des Jahres 1767 die Bestellung aus Zwettl für einen kostbaren Tafelaufsatz an die kaiserliche Porzellanmanufaktur in den Liechtensteinschen Gründen, um Abt Kollmann und einem Kollegium von Festgästen den Speisetisch kunstvoll zu schmücken. Die Rechnung wurde am 26. Jänner 1768 ausgestellt, Quittungen über die Reisebestätigung des zerbrechlichen Aufsatzes und Empfangsbestätigungen vom 7. Februar haben sich erhalten. Es folgte eine Nachbestellung für weitere 4 Figuren am 26. März 1768.Abgedruckt bei Waltraud Neuwirth: Zur Geschichte des „Zwettler Tafelaufsatzes“. In: Alte und Moderne Kunst, XXV (1980/Heft 170), Publikation des Österreichischen Museums für Angewandte Kunst in Wien, herausgegeben von Gerhart Egger, Wilhelm Mrazek und Kurt Rossacher, S. 1–7. Die exakte Datierung bietet heute kostbare Hinweise auf den Entstehungszeitraum der bestellten Modelle.
Material Seit der Neuerfindung des Porzellans in Europa durch Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus in Dresden im Jahr 1708 war die Begeisterung in ganz Europa grenzenlos.Siehe dazu: Katalog Meissen. Barockes Porzellan. Hg. v. Patricia Brattig. Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2010, ISBN 978-389790329-6; aber auch Edmund de Waal: Die weiße Straße. dtv, München 2018, ISBN 978-3-552-05771-5. Hatte man in den vergangenen Jahrhunderten zu enormen Preisen die zerbrechlichen Meisterwerke aus China und Japan importieren müssen, sie zu den Schmuckstücken einer Residenz erkoren, und – um sie nie mehr zu verlieren – in Silber eingefasst, so rückte die Produktion des begehrten Materials nun in die Mitte des Kontinents. Es dauerte nicht lang, bis sich einige der Mitarbeiter der Meißner Manufaktur, trotz Androhung der Todesstrafe, mit dem Geheimnis der Porzellanproduktion (Arkanum) im Gepäck von Dresden nach Wien begaben, wo unter Claudius Innocentius du Paquier 1717 eine eigene Manufaktur ihren Anfang nahm.
Seine Formbarkeit machte die besondere Faszination des Porzellans aus. Anders als in Marmor und Stein, ließen sich die kleinen Skulpturen nun in weicher Tonerde (Kaolin unter Zugabe von Feldspat und Quarz) gestalten, die anschließend in aufwändigen Verfahren getrocknet, gebrannt, glasiert und noch einmal gebrannt wurden, um ihre endgültige Gestalt zu erhalten. Der Anspruch der Modellierer war es, Werke der Bildhauerkunst zu gestalten, die in zarteren Dimensionen den Kunstsinn erfreuen sollten.
Man zeichnete zunächst detailgenaue Skizzen, die von den einzelnen Gewerken der Porzellanherstellung im Anschluss realisiert wurden. Das Schlussprodukt bestand oft aus zahlreichen Einzelteilen, die vom Bossierer zusammengesetzt werden mussten, anschließend glasiert und eventuell auch noch von den Porzellanmalern kunstvoll bemalt (staffiert) wurden. Die Arbeit einiger Meister wurde in der Manufaktur unerhört großzügig entlohnt,So erhielt der Dresdener Johann Christoph Ludwig Lücke, dessen Allegorien zu den bedeutendsten Darstellungen ihrer Zeit zählen, im Jahr 1751 ein beispiellos hohes Jahressalär von 1500 Gulden und wurde vom Hof geadelt; siehe dazu: Zeremonien. Feste. Kostüme. Die Wiener Porzellanherstellung in der Regierungszeit Maria Theresias. Hg. v. Johann Kräftner. Liechtenstein Museum, Wien 2011, S. 26. und schon bald finden sich ihre Signaturen am Boden der Werke, die nun auch mehrmals und in Serien hergestellt werden konnten. Einige der namhaftesten Modellierer waren gleichzeitig auch Professoren an der Akademie für Bildhauerei. Obwohl sich zur selben Zeit bemalte Porzellanfiguren großer Beliebtheit erfreuten, an denen sich detailgetreue Einzelheiten von Handwerkszeug und Mode ablesen lassen, fand das weiße, unbemalte Porzellan, das die figurativen Einzelheiten und den durchscheinenden Glanz des Materials deutlicher zur Wirkung brachte, ebenfalls seine Bewunderer. Die Patres von Zwettl entschieden sich für weißes Porzellan.
Umfang Über den Umfang des Ensembles geben Rechnungen und Empfangsbestätigungen detailliert Auskunft, das „Desserte“, also die Konfekttafel, für die der Aufsatz bestimmt war, ist für 30 Personen ausgelegt und besteht aus einem Untersatz und Dekorationselementen, dazu ein Speiseservice.
Untersatz mini|alternativtext=Souper im Redoutensaal der Hofburg 1760, Martin van Meytens (1763) Schönbrunn|M. v. Meytens. Souper im Redoutensaal (Ausschnitt) 1760 Bestellt wurde ein 9-teiliger Untersatz, bestehend aus zwei gerundeten Endstücken und sieben Mittelteilen, alle von ca. 50 cm Länge, um verschieden große Tafeln damit bestücken zu können. Jedes der Teile wird von kleinen Füßchen getragen und besteht aus verspiegeltem Porzellan, so dass alle darauf befindlichen Elemente im Kerzenschein doppelt glänzen. Eines der Beispiele, das vermutlich als Vorbild gewirkt hat, war der Tafelaufsatz, der 1760 anlässlich der Vermählungsfeierlichkeiten von Kronprinz Joseph mit Isabella von Bourbon den Tisch im Redoutensaal schmückte und von Martin van Meytens im Bild festgehalten wurde.
Dekorationselemente Die vornehmsten Aufgaben für Bildhauer des 18. Jahrhunderts waren die figurativen Ausstattungen von Plätzen und Parkanlagen, in Form von Brunnen, Stand- und Reiterbildern, Tor- und Fassadengestaltungen. Auch für diese Aufträge wurden zunächst Skizzen und Modelle angefertigt, bis die Auftraggeber damit einverstanden waren und ihrer Herstellung in Abgüssen oder Stein nichts mehr im Wege stand. Nachdem nun die ersten Porzellanmodelleure entweder Goldschmiede oder ebenfalls ausgebildete Bildhauer waren, bekamen diese Plastiken nun Konkurrenz von einem weiteren Material, dessen durchscheinender Glanz den von polierter Bronze oder Marmor womöglich noch überstrahlte. Zunächst schien alles damit möglich, vom kleinsten Objekt bis zur Reiterstatue, und in Nanjing, so hörte man aus dem Bericht des Padre Martini von 1665, sei eine Pagode aus Porzellan entstanden. Die Künstler blieben dieselben, auch wenn sie sich nun in die besonderen Eigenschaften dieses Materials hineindenken mussten. Es stellte sich bald heraus, dass die Zerbrechlichkeit von Porzellan kleinere Formen verlangte und sich in Statuetten und Kleinplastiken am besten bewährte. In der Folge etablierte die Kunstakademie eigene Bildhauerabteilungen für die Porzellangestaltung, die auch dem allgemein sich wandelnden Kunstgeschmack unterworfen waren.
Mittelgruppe: Die Porzellanerzeugung mini|Die Porzellanerzeugung