Das Hochwasser in Mitteleuropa im September 2024 war eine durch Starkregen ausgelöste Katastrophe in Mitteleuropa, ausgelöst durch das Mittelmeertief Boris (in Deutschland Anett genannt). Es entwickelte sich als sogenanntes Genuatief über dem rekordwarmen Mittelmeer, insbesondere der Adria, bei gleichzeitigem Kaltlufteinbruch über die Alpen aus Nordwesten. Anschließend nahm es eine Zugbahn ähnlich einer Vb-Wetterlage nach Mitteleuropa, wo es regional tagelangen Dauerregen auslöste.
Vom extremen Niederschlag besonders betroffen war ein Gebiet von Niederösterreich über Mähren bis nach Schlesien in den Staaten Österreich, Tschechien und Polen. Auf der Nordseite der Sudeten in Polen und Tschechien fielen Niederschlagsmengen, die Ereignisse früherer Jahrzehnte weit übertrafen. Anschließend zog es zurück nach Italien, wo es ebenfalls zu schweren Überflutungen kam.
In den Ostalpen führte das Wetterereignis zu einem außerordentlich frühen Wintereinbruch. Die Regenfälle gingen mit starken Stürmen einher, die gleichfalls flächendeckend Schäden anrichteten. Etwa zwei Millionen Menschen waren von den Überflutungen betroffen. Zehntausende wurden evakuiert. Mindestens 28 Menschen starben.
Meteorologie Verlauf mini|Tief Anett/Boris, 16. September, mit eingelagerten Windbändern Der Spätfrühling und der Frühsommer 2024 waren durch zahlreiche schwere Unwetter in Mitteleuropa geprägt (Hochwasser in Südwestdeutschland, Süddeutschland und der Schweiz), verursacht durch einen sehr instabilen Jetstream. Erst im August setzte sich stabileres Sommerwetter durch. Dieser Monat war gebietsweise ein weiterer Allzeit-Wärmerekord-Monat.Wärmster August der Messgeschichte. Geosphere Austria / ZAMG: Klima / News, 3. September 2024. In der zweiten Septemberwoche wurde der Jetstream neuerlich instabil. VorDWD-Wetterkarte Prognose für Mo 09.09.2024, 12:00 UTC. Website der Freien Universität Berlin; Wetterlage vom 9. September 2024, 18 UTC. Geosphere/ZAMG: Aktuelle Wetterkarte und Kartenarchiv. und hinter einem nach Skandinavien ziehenden Tief Zilan (FU-Berlin-Name) kam es zu zwei massiven Kaltlufteinbrüchen bis in den zentralen Mittelmeerraum.Wetterlage vom 11. September 2024, 18 UTC. Geosphere/ZAMG: Aktuelle Wetterkarte und Kartenarchiv;Modèles – Archives des réanalyses du NCEP: Jeudi 12. septembre 2024, 2:00 locale. Toutes les cartes. Meteofrance: meteociel – hier insbesondere Karte Température 850 hPa.DWD-Wetterkarte Prognose für Do 12.09.2024, 12:00 UTC. Website der Freien Universität Berlin;Wetterlage vom 12. September 2024, 18 UTC. Geosphere/ZAMG: Aktuelle Wetterkarte und Kartenarchiv;Modèles – Archives des réanalyses du NCEP: Vendredi 13. septembre 2024, 2:00 locale. Toutes les cartes. Meteofrance: meteociel – hier insbesondere Karte Précipitations en 6 heures (mm), risque de neige [„Schneerisiko“].Mittelmeerluft und Tief ANETT – Extremniederschläge im östlichen Mitteleuropa. Sebastian Altnau, Deutscher Wetterdienst: Thema des Tages, 11. September 2024. Innerhalb weniger Tage fielen die Temperaturen regional um 20 °C von hochsommerlichen Werten auf unter 10 °C. Am 11. und 12. September bildete sich in der ausgedehnten Kaltfront von Zilan über Norditalien ein Tiefdruckwirbel mit Höhentiefkern,Sehr große Regen- und Schneemengen. Geosphere Austria / ZAMG: Wetter / News, 11. September 2024.Dauerregenlage mit Hochwassergefahr. Marco Manitta, Deutscher Wetterdienst: Thema des Tages, 13. September 2024. international Boris, von der FU Berlin Anett benannt.Wetterlage vom 13. September 2024, 18 UTC. Geosphere/ZAMG: Aktuelle Wetterkarte und Kartenarchiv;Modèles – Archives des réanalyses du NCEP: Samdi 14. septembre 2024, 2:00 locale. Toutes les cartes. Meteofrance: meteociel. Vor dem Skandinavientief herrschte eine starke Südströmung, daher schlug das Italientief eine klassische Vb-Zugbahn in Richtung Slowenien, Ungarn, Slowakei und Tschechien ein. Es kam durch zwei Hochdruckgebiete (Reinhold über dem Ärmelkanal, Quentin über Nordwestrussland) zu einer Blockierung, wodurch sich der Tiefkern mehrere Tage lang kaum weiterbewegte.
Die starken klimatischen Kontraste über Europa – Nord-/Südströmungen von über 2000 km Ausmaß, große Wärme im Mittelmeerraum und Polarluft über der Nordsee – führten zu massivem Feuchtigkeitstransport in das östliche Mitteleuropa und intensivem Stauniederschlag im Karpatenbogen und an den Nordalpen.Weiterhin Regen- und Windwarnung. Geosphere Austria / ZAMG: Wetter / News, 15. September 2024.Unwettertief ANETT – Zwischenbilanz und Ausblick. Markus Übel, Deutscher Wetterdienst: Thema des Tages, 15. September 2024.Dauerregen geht Dienstag zu Ende. Geosphere Austria / ZAMG: Wetter / News, 16. September 2024.
Die Niederschläge summierten sich über 5 Tage zu örtlich über 400 Liter je Quadratmeter, das sind Werte, die bis über die Hälfte eines jeweiligen Gesamtjahres-Niederschlags ausmachen. In St. Pölten fiel binnen vier Tagen mehr Regen als im bisher nassesten Herbst insgesamt.Central Europe braces for further flooding as swollen rivers continue to rise. In: The Guardian, 17. September 2024. Abgerufen am 18. September 2024. Hauptschadensgebiete waren Schlesien und Niederschlesien im tschechisch-polnischen Grenzgebiet, der weitere niederösterreichische Zentralraum vom Marchfeld bis zum Tullnerfeld und die Südkarpaten in Rumänien. Sonntag, den 15. September, flauten die Niederschläge etwas ab und brachten eine leichte Entspannung, aber in der Nacht von Montag auf Dienstag kam es verbreitet zu einer neuerlichen Intensivierung. Mit Dienstag, dem 17. September, ging der Dauerregen im ganzen Raum zu Ende. Damit verlagerten sich die Hochwässer flussabwärts an die Mittelläufe von Donau, Elbe und Oder.
Zusätzlich traten durch die extreme Großwetterlage im Kern des Vb-Tiefs sowie auch an seinen Rändern unüblich Stürme auf, die am Ostalpenrand Orkanstärke erreichten. Auf der Rax (1547 m) wurden 125 km/h gemessen und im Vorland bei Hartberg 111 km/h.
Im Alpenraum führte das Wetterereignis zu einem außerordentlich frühen Wintereinbruch. In den Hochalpen von der Zentralschweiz bis Österreich fielen bis zu zwei Meter Neuschnee, mit Schneefall bis in Tallagen.Teils extreme Regen- und Schneemengen. Geosphere Austria / ZAMG: Wetter / News, 13. September 2024. Weil in den nächsten Tagen die Temperaturen auch in Höhenlagen wieder über 20 °C ansteigen werden, könnte es im Alpenraum zu einer neuerlichen Hochwasserwelle kommen.
Nachdem es in Mitteleuropa für schwere Überflutungen gesorgt hatte, zog das Tief auf der mehr oder weniger gleichen Vb-Zugbahn langsam wieder zurück in Richtung zentrales Mittelmeer und Norditalien, was außergewöhnlich ist. Auch dort verursachte es heftige Regenfälle, besonders in den Regionen Emilia-Romagna, Toskana und Marken. Laut der Regierung der Emilia-Romagna fielen dort binnen 48 Stunden 350 Liter Regen pro Quadratmeter, ein Vielfaches der normalen September-Monatssumme, die bei 60 bis 70 Litern/m² liegt.Julian Mayr, Bettina Menzel: Alarmstufe Rot in Norditalien: Hochwasser zwingt Feuerwehr zu hunderten Einsätzen binnen kurzer Zeit. In: HNA.de, 20. September 2024, abgerufen am 24. September 2024.
Analysen des ERCC – Emergency Response Coordination Centre der EU: links: 12. September – Fokus auf das Gebiet um die Böhmische Masse, mit Regenmengen (blau), Windstärken (rötlich) und Wetterwarnungen (gelb/rot) rechts: 16. September – Fokus auf die abzusehenden Problemgebiete in den Sudeten, an der Elbe, an Thaya und mittlerer Donau, sowie in Rumänien (grün)
Prognose und Jährlichkeit Das Ereignis konnte im Vorfeld sehr gut vorausberechnet werden, sodass seit Anfang der Ereigniswoche mögliche Katastrophenzustände abgesehen werden konnten. Das deutsche Wettermodell ICON prognostizierte für die östlichen Sudeten bis zu 500 mm Niederschlag in 72 Stunden.Schockierende Regensummen. Steht Deutschland vor einem tausendjährigem Hochwasser? 500 Liter Regen in nur 3 Tagen. Leon Beurer, in: daswetter.com, 10. September 2024. Solche Werte entsprächen möglicherweise einem tausendjährlichen Hochwasser an Elbe und Oder. Für den östlichen Nordalpenraum und die mittlere Donau gab das österreichische AROME/INCA-Modell bis über 300 mm, andere Modelle sogar 400 mm.Oberösterreich rüstet sich für Starkregen. ORF.at Oberösterreich: Chronik, 12. September 2024.
Klimawandel-Attribution Verschärft wurde die Situation durch den Klimawandel, durch den sich das Mittelmeer stärker erwärmt und die Atmosphäre mehr Luftfeuchtigkeit aufnehmen kann, was bei entsprechender Wetterlage zu mehr Niederschlägen führt. Die Oberflächentemperatur des Mittelmeers lag 2024 auf Rekordniveau und erreichte Mitte September 2024 im nördlichen Mittelmeergebiet 25 bis fast 30 °C; damit lagen die Werte teils mehr als 4 °C über dem vieljährigen Mittel.
Eine Schnell-Attributionsanalyse von ClimaMeter, einem von der Europäischen Union und der französischen Forschungsorganisation CNRS finanzierten Forschungsprojekt, kam zum Ergebnis, dass die starken Niederschläge, die die Überschwemmungen auslösten, wahrscheinlich größtenteils auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen sind, während natürliche Klimavariabilität nur eine untergeordnete Rolle spielte. Zudem kam die Studie, die aufgrund der Außergewöhnlichkeit der Ereignisse mit Unsicherheiten behaftet ist, zum Ergebnis, dass Starkregenereignisse wie im September 2024 wegen des Klimawandels heute bis zu 20 Prozent intensiver ausfallen als noch am Ende des 20. Jahrhunderts.Davide Faranda, Tommaso Alberti, Erika Coppola, Bogdan Antonescu: Heavy Precipitations in Storm Boris exacerbated by both human-driven climate change and natural variability. Press Summary. Webseite climameter.org, publiziert 16. September 2024 (abgerufen am 17. September 2024).
Eine weitere Attributionsstudie von World Weather Attribution stellt fest, dass es seit den 1950er Jahren zwar keine Zunahme von Vb-Lagen gibt, jedoch durch den menschengemachten Klimawandel Häufigkeit und Intensität von Wetterereignissen wie dem beschriebenen zugenommen haben. Demnach sind beim gegenwärtigen Klima, das global etwa 1,3 °C wärmer ist als vor der Industrialisierung, Niederschlagsereignisse wie im September 2024 in Mitteleuropa etwa doppelt so wahrscheinlich wie vor Beginn der Industrialisierung. Auch die Niederschläge nahmen demnach um ca. 7 % zu, wobei die Autoren festhalten, dass diese Angabe konservativ ist, da die Modelle die Zunahme möglicherweise unterschätzen. Die Studie ergab zudem, dass bei einer globalen Erwärmung von 2 °C solche Ereignisse noch einmal etwa 50 % wahrscheinlicher machen und die Niederschlagsintensität um weitere 5 % zunimmt, wobei auch diese Werte wieder wahrscheinlich zu niedrig angesetzt sind, da Klimamodelle intensive Starkregenereignisse unterschätzen.Joyce Kimutai et al.: Climate change and high exposure increased costs and disruption to lives and livelihoods from flooding associated with exceptionally heavy rainfall in Central Europe. World Weather Attribution. doi:10.25561/114694.
Das Mittelmeertief Boris wurde als Simulation ebenfalls mit dem Online-Tool AWI Climate Storylines des AWI untersucht und die Ergebnisse in Communications Earth & Environment publiziert. Demnach erhöhte der menschengemachte Klimawandel die von Tief Boris gebrachten Regenmengen um ca. 9 %; zudem fiel die Fläche, die extremem Starkregen mit mehr als 100 mm Niederschlag ausgesetzt war, um 18 % größer aus.
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