Die Chronologie des Krieges in Israel und Gaza, Juni und Juli 2024 dokumentiert die Entwicklungen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 1. Juni bis zum 31. Juli 2024. Für den zeitlichen Ablauf des kompletten israelisch-palästinensischen Konflikts siehe Chronologie des israelisch-palästinensischen Konflikts.
Juni 2024 1. Juni Entgegen dem von US-Präsident Biden am Vortag präsentierten Plan für eine Waffenruhe erklärte Israels Ministerpräsident Netanjahu, dass es keinen dauerhaften Waffenstillstand im Gazastreifen geben werde, solange die militärischen Kapazitäten der Hamas und deren Fähigkeiten zum Regieren nicht zerstört seien; andere Vorstellungen hätten keine Perspektive.
Bei Massenprotesten in Israel demonstrierten Zehntausende Menschen für die am Vortag publizierte Vereinbarung zur Freilassung der verschleppten israelischen Geiseln sowie für Neuwahlen. Laut israelischen Medien handelte es sich dabei um die größten Proteste seit dem 7. Oktober. Zur Kundgebung in Tel Aviv kamen laut den Organisatoren etwa 120.000 Menschen. Unter den Demonstranten waren auch Soldaten der israelischen Streitkräfte, die die Kriegsführung Israels u. a. als „unmoralisch“ kritisierten.
Die rechtsradikalen israelischen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir kündigten an, sie würden bei einer Annahme des Biden-Deals aus Netanjahus Regierung aussteigen und diese damit zu Fall bringen. Oppositionsführer Jair Lapid erklärte, er würde Netanjahu ein Sicherheitsnetz bieten und für die Geiselvereinbarung stimmen, falls Smotrich und Ben-Gvir die Regierung verlassen sollten.
4. Juni Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministerium von Palästina sind seit Beginn des Gazakrieges 36.550 Palästinenser ums Leben gekommen (mindestens 8.000 minderjährige Todesopfer sind laut TAZ dokumentiert) und 82.959 Menschen verletzt worden. Die Angaben unterscheiden nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern.
Bei Angriffen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte auf den zentralen Abschnitt des Gazastreifens sollen nach Berichten der privaten Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mindestens 70 Menschen getötet und mehr als 300 Personen verletzt worden sein, darunter viele Frauen und Kinder. Der Hilfsorganisation zufolge ist das Gesundheitssystem Gazas aufgrund der „Eskalation der Gewalt an verschiedenen Orten“ in den letzten 48 Stunden und der seit einem Monat andauernden Schließung des Grenzübergangs Rafah überlastet und stehe vor dem Zusammenbruch.
5. Juni Israelische Justizbeamte erklärten vor dem Obersten Gericht, dass die palästinensischen Gefangenen im Lager Sde Teiman verlegt würden. Die Vereinigung für Bürgerrechte in Israel hatte die Schließung des Lagers gefordert. Die Behandlung der Gefangenen war zuvor Gegenstand von Untersuchungen der ARD sowie von Haʾaretz, der New York Times und CNN gewesen. Laut Recherchen des Spiegels legten Berichte israelischer Nichtregierungsorganisationen und der UNO sowie Gespräche mit Ex-Insassen, israelischen Whistleblowern, humanitären Helfern und Menschenrechtlern nahe, dass es systematische Misshandlungen und Folterungen von Gefangenen gegeben hatte. Die Berichte vermittelten laut Spiegel, dass die israelischen Soldaten das humanitäre Völkerrecht missachteten.
6. Juni Israel verübte einen Angriff auf die UN-Schule al-Sardi in Deir al-Balah. Die Kriegsparteien widersprechen sich, ob es sich bei den Opfern um Zivilisten und/oder um Kämpfer des bewaffneten Arms der Hamas, den Qassam-Brigaden und des Islamischen Dschihads in Palästina handelte. Nach Darstellung der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) wurden zahlreiche Kämpfer der genannten Paramilitärs getötet. Der Chef der UNRWA, Philippe Lazzarini, erklärte, dass die UN-Schule von 6000 Menschen als Notunterkunft benutzt wurde, und sprach von mindestens 35 Toten. Der Sprecher des US-Außenministeriums, Matthew Miller, forderte eine vollständige Aufklärung des Angriffs.
Spanien schloss sich als zweites europäisches Land der Klage Südafrikas gegen Israel wegen Verstoßes gegen die Völkermordkonvention vor dem Internationalen Gerichtshof an. Zuvor hatten sich bereits Irland, Chile und Mexiko der Klage angeschlossen.
8. Juni Vier israelische Geiseln, die am 7. Oktober 2023 vom Nova-Musikfestival von Terroristen der Hamas in den Gazastreifen verschleppt worden waren und anschließend im Flüchtlingslager Nuseirat festgehaltene wurden, sind vom israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet in Zusammenarbeit mit der Spezialeinheit der israelischen Grenzpolizei JAMAM und mit Unterstützung der Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) aus der Geiselhaft im Gazastreifen befreit und nach Israel zurückgebracht worden. Die israelische Befreiungsoperation forderte zahlreiche Opfer unter der palästinensischen Zivilbevölkerung; aber auch ein Offizier der israelischen Grenzpolizei JAMAM wurde dabei getötet. Die Angaben über Opfer auf palästinensischer Seite variierten stark: Die israelische Armee sprach von weniger als 100 getöteten Palästinensern, die Hamas hingegen von 274 Toten und 700 Verletzten. Ein israelischer Militärsprecher ließ offen, ob es sich bei den getöteten Palästinensern mehrheitlich um Militante oder Zivilisten handelte. Die Hamas habe sich jedoch absichtlich zwischen zivilen Gebäuden versteckt und die Einsatzkräfte unter dem Schutz von Zivilisten beschossen. Die Angaben der israelische Armee und der Hamas lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Der Chefdiplomat der EU, Josep Borrell, sprach von einem „Massaker an Zivilisten“. Die Hamas gab bekannt, dass neben den angeblich hunderten Palästinensern angeblich auch drei israelische Geiseln der gewaltsamen Befreiungsaktion zum Opfer gefallen seien.
9. Juni Benny Gantz gab seinen Rücktritt aus Netanjahus Kriegskabinett bekannt. Gantz hatte diesen Schritt am 18. Mai angekündigt, falls Ministerpräsident Netanjahu sein Ultimatum verstreichen ließ, ohne einen Zukunftsplan bzw. Nachkriegsplan für Gaza vorzulegen. Mit Gantz traten weitere Mitglieder der Nationalen Union aus der Notstandsregierung aus.
Avi Rosenfeld, Kommandeur der „Gaza-Division“, verließ das israelische Militär mit den Worten, dass er an der Aufgabe seines Lebens, das Grenzgebiet zu schützen, gescheitert sei.
US-Behörden dementierten, dass die Gaza-Landungsbrücke für die Evakuierung der vier israelischen Geiseln genutzt worden sei.
10. Juni Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen stimmte für die UN-Resolution 2735 und damit sowohl für eine sofortige Waffenruhe als auch für die Umsetzung eines dreistufigen Plans zur Beendigung des Krieges. Den Plan, in dem die Waffenruhe enthalten ist, hatte US-Präsident Biden am 31. Mai vorgestellt. 14 Staaten stimmten für die Resolution, Russland enthielt sich. Mit der Resolution betont der Sicherheitsrat auch seine Unterstützung für die Zweistaatenlösung zur Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts.
12. Juni Eine vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen bestellte Kommission unabhängiger Experten veröffentlichte einen Bericht, dem zufolge sowohl Israel als auch palästinensische Milizen Kriegsverbrechen zu verantworten haben.
Nachdem das israelische Militär einen ranghohen Hisbollah-Kommandanten gezielt getötet hatte, schoss die Hisbollah rund 200 Raketen auf Nordisrael ab. Daraufhin flog die israelische Luftwaffe Angriffe auf mehrere Hisbollah-Ziele im Libanon.
Im Roten Meer wurde der Massengutfrachter Tutor von der Huthi-Miliz beschossen und im Heckbereich beschädigt, wodurch Wasser in den Maschinenraum eindrang.
Das US-Militär griff Raketenstartrampen der Huthi an.
13. Juni Auf die in der Nacht erfolgten israelischen Luftangriffe auf Hisbollah-Ziele im Libanon feuerte die Hisbollah nach Angaben der israelischen Armee rund 40 weitere Raketen auf den Norden Israels und die besetzten Golanhöhen. Diese lösten über ein Dutzend Flächenbrände aus. Israelische Luftangriffe führten in den vergangenen Tagen zu Flächenbränden im Süden Libanons; laut libanesischen Medien wurden Phosphorbomben und Katapulte eingesetzt. Nach Angabe der Zeitung Israel HaYom setzten israelische Soldaten schon früher Molotowcocktails ein, um im Libanon die Vegetation in Brand zu setzen, um so Hisbollah-Kämpfern die Deckung zu nehmen.
Das unter palauischer Flagge fahrende Frachtschiff Verbena wurde im Golf von Aden von zwei Marschflugkörpern der Huthi getroffen und samt seiner Ladung (Holz) in Brand gesetzt. Ein Seemann erlitt schwere Verletzungen und musste von einem US-Hubschrauber ausgeflogen werden.
14. Juni Acht israelische Soldaten starben in Rafah in ihrem gepanzerten Fahrzeug. Das Fahrzeug war Teil eines Konvois, als es zu einer Explosion eines Sprengsatzes oder einer Panzerabwehrrakete kam. In der Nacht zuvor sollen 50 Kämpfer der Hamas getötet worden sein.
15. Juni In Tel Aviv und weiteren israelischen Städten protestierten Zehntausende Menschen gegen die rechtsgerichtete Regierung unter Netanjahu. Sie verlangten, alles zu tun, um die verbliebenen Geiseln in den Händen der Hamas nach Hause zu holen.Matthias Kolb: Israels Militär verkündet „taktische Pause“ – und verärgert Regierung, Süddeutsche Zeitung, 16. Juni 2024
In der Abschlusserklärung des G7-Gipfeltreffens forderten die G7-Staaten Israel zur Zusammenarbeit mit der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland und zur Freigabe der für die Behörde vorgesehenen Mittel auf. Der rechtsradikale israelische Finanzminister Bezalel Smotrich hatte angekündigt, man werde die für die Behörde vorgesehenen Gelder stattdessen an israelische Terroropfer auszahlen. Gleichzeitig riefen die G7-Staaten Israel zur Achtung des Völkerrechts und der Menschenrechte im Gazastreifen auf.
16. Juni Der israelische Militärsprecher Daniel Hagari warnte die Hisbollah vor weiteren Attacken gegen Israel und einer Eskalation. Zuvor hatten sowohl die UN-Sonderkoordinatorin für den Libanon, Jeanine Hennis-Plasschaert, als auch der Leiter der UNIFIL, Aroldo Lazaro, eine Ausweitung des Krieges aufgrund des Schusswechsels zwischen der Hisbollah und Israel als „sehr reales“ Risiko beschrieben.
Das israelische Militär gab nach Beratungen mit den Vereinten Nationen und internationalen Hilfsorganisationen eine „taktische Feuerpause“ bekannt. Es werde bis auf Weiteres zwischen acht Uhr morgens und sieben Uhr abends Ortszeit entlang der Straße, die vom Grenzübergang Kerem Schalom nach Nordosten zum Europäischen Krankenhaus in Al-Fukhari bei Chan Yunis führt, nicht mehr kämpfen, damit die 1000 Lastwagen mit Hilfsgütern, die im Gazastreifen hinter dem Übergang Kerem Schalom warten, entladen werden können. Für die Stadt Rafah, wo das Militär zahlreiche Kämpfer der Hamas vermutete, gelte die Feuerpause jedoch nicht.Matthias Kolb: Israels Militär verkündet „taktische Pause“ – und verärgert Regierung, Süddeutsche Zeitung, 16. Juni 2024 Dies führte zu Differenzen zwischen dem Militär und der Regierung: Ministerpräsident Netanjahu erklärte, er halte die Entscheidung, taktische Feuerpausen einzuhalten, für inakzeptabel. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir sprach sich ebenfalls gegen die Feuerpausen aus.
17. Juni Trotz Anordnung des UN-Sicherheitsrats, Militäroperationen im Gazastreifen sofort einzustellen, gab die israelische Armee bekannt, dass ihre Offensive in Rafah noch mehrere Wochen andauern werde. Laut den israelischen Streitkräften (IDF) ist die Hälfte der Kampfverbände der Hamas zerstört, 60 bis 70 Prozent des Territoriums der Stadt Rafah befinden sich laut IDF unter „operativer Kontrolle“ der israelischen Truppen.
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu löste, wie nach dem Rücktritt von Benny Gantz und Gadi Eizenkot erwartet, das israelische Kriegskabinett auf.
19. Juni