miniatur|Elfenbein-Diptychon mit der Aufschrift Nicomachorum (links) und Symmachorum (rechts). Häufig wird vermutet, dass es aus Anlass der Hochzeit Nicomachus Flavianus des Jüngeren mit einer Tochter des Quintus Aurelius Symmachus, ca. 392–394, gefertigt wurde.

Nicomachus Flavianus (geboren um 358; gestorben nach 432), zur Unterscheidung von seinem Vater Virius Nicomachus Flavianus häufig Nicomachus Flavianus der Jüngere genannt, war ein spätantiker römischer Senator und hoher Beamter.

Er stammte aus einer bedeutenden stadtrömischen senatorischen Familie und stieg selbst zum dreimaligen Stadtpräfekten Roms sowie zum Prätorianerpräfekten im Westen des Reiches auf. Nicomachus Flavianus entstammte einer Familie und einer Schicht, die im zunehmend christianisierten Römischen Reich, in dem die römische Reichskirche immer mehr politischen Einfluss gewann, noch prononciert den traditionellen „heidnischen“ Kulten anhing. Zunächst stieg er gemeinsam mit seinem prominenten Vater Virius Nicomachus Flavianus unter dem Usurpator Eugenius (392–394) auf, der sich mit der heidnischen Stadtaristokratie verbündete.

Nach der Schlacht am Frigidus 394, in der Eugenius von Theodosius I. besiegt wurde, war seine Karriere zunächst unterbrochen, auch wenn er wohl zum Christentum konvertierte. Später gelang es ihm, auch unter den christlichen Kaisern der theodosianischen Dynastie weiter bedeutende Positionen einzunehmen. Er schaffte es auch, das Andenken seines durch seine Teilnahme an der Usurpation des Eugenius in Ungnade gefallenen Vaters wiederherzustellen. Zu diesem Zweck ließ er eine Statue seines Vaters auf dem Trajansforum in Rom aufstellen, deren erhaltene Inschrift als bedeutende Quelle für den Prozess der Anpassung und Integration der vormals heidnischen Eliten in das nun christliche Reich gilt. = Hermann Dessau: Inscriptiones Latinae selectae, Nr. 2948; vgl. Eintrag in Last Statues of Antiquity mit englischer Übersetzung. Zur Interpretation der Inschrift siehe generell Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, passim; vgl. auch Carlos Machado: Discussion: Base for posthumous statue of Nicomachus Flavianus, praetorian prefect; commanded by the emperors. Rome, Forum of Trajan. 431. In: Last Statues of Antiquity, University of Oxford, 2012 und Giordana Franceschinis ausführlichen Eintrag in PPRET Inscriptions. Inscriptions pertaining to the Praetorian Prefects from 284 to 395 AD, Nr. 93. Er war auch an einer Emendation (Korrektur) eines Livius-Manuskripts beteiligt, auf das Teile des heute erhaltenen Textes von dessen Geschichtswerk ab urbe condita (lateinisch für „seit Gründung der Stadt [Rom]“) zurückzuführen sind.

Herkunft und Familie

miniatur|In der Spätantike war die Curia Iulia, der Sitz des römischen Senats auf dem Forum Romanum, nur noch eines der Machtzentren des Römischen Reiches

Als Sohn des Virius Nicomachus Flavianus stammte Nicomachus Flavianus aus einer bedeutenden stadtrömischen senatorischen Familie.Zu diesem sozialen Milieu um 400 siehe etwa Hendrik A. Wagner: Das spätantike Rom und die stadtrömische Senatsaristokratie (395–455 n. Chr.). Eine althistorisch-archäologische Untersuchung. Berlin 2021. Die stadtrömischen Senatoren, die schon zu Beginn der Römischen Kaiserzeit den Großteil ihrer Macht an die römischen Kaiser und deren Hofstaat hatten abgeben müssen, hatten im 4. Jahrhundert weitere Machteinbußen hinnehmen müssen, als Konstantin der Große die zivilen und militärischen Ämter voneinander trennte und ihnen damit den Zugang zum Befehl über das Militär nahm. In der Folge entstand ein eigener Militäradel, der sich aus den Offizieren und Generälen der multiethnischen spätrömischen Armee und deren Nachkommen zusammensetzte. Außerdem gründete Konstantin die neue Reichshauptstadt Konstantinopel, in der die östlichen Kaiser fortan residierten. Auch die westlichen Kaiser (seit der Tetrarchie war das Mehrkaisertum die Regel) residierten meist in anderen bedeutenden Städten wie Augusta Treverorum (heute Trier), Mediolanum (Mailand) und ab 402 in Ravenna. Dadurch erwuchs dem stadtrömischen Senatorenstand auch innerhalb der zivilen Elite Konkurrenz wie die des gallorömischen Senatsadels.Zum Status, Lebensstil und Selbstverständnis der stadtrömischen senatorischen Elite im 4. Jahrhundert etwa Guido Clemente: Introduction. In: Rita Lizzi Testa (Hrsg.): The Strange Death of Pagan Rome: Reflections on a Historiographical Controversy. Brepols, Turnhout 2013, S. 13–29, hier S. 16–22.

Dennoch waren die stadtrömischen Senatoren nach wie vor in der zivilen Administration des Reiches etwa als Prätorianerpräfekten, Stadtpräfekten und Provinzstatthalter einflussreich und waren außerdem reich begütert, sodass sie nach wie vor ein wichtiger Machtfaktor waren. Die Nicomachi Flaviani etwa hatten eine Villa in Kampanien in der Nähe Neapels,Vgl. Hermann Dessau: Inscriptiones Latinae selectae, Nr. 8985 aus Neapolis. Dazu M. T. W. Arnheim: The Senatorial Aristocracy in the Later Roman Empire. Clarendon, Oxford 1972, S. 156 f. Vgl. auch Quintus Aurelius Symmachus, epistulae 2,60,1–2 und John H. D’Arms: Romans on the Bay of Naples: A Social and Cultural Study of the Villas and Their Owners from 150 B. C. to A. D. 400 (= Loeb Classical Monographs). Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, 1970, S. 227 f. eine weitere auf dem Mons Gaurus bei Puteoli, ebenfalls in Kampanien,Quintus Aurelius Symmachus, epistulae 8,23,3 und weitere, vgl. John H. D’Arms: Romans on the Bay of Naples: A Social and Cultural Study of the Villas and Their Owners from 150 B. C. to A. D. 400. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, 1970, S. 228. sowie ausgedehnten Grundbesitz auf Sizilien.Quintus Aurelius Symmachus, epistulae 4,71,1. Zu den Verbindungen der Familie nach Sizilien R. J. A. Wilson: Sicily under the Roman Empire. The Archaeology of a Roman Province, 36 BC–AD 535. Aris and Phillips, Warminster 1990, S. 217. Die Nicomachi waren mit anderen senatorischen Familien bekannt, teilweise auch verwandt und verschwägert, so insbesondere den Symmachi und deren bedeutendstem Vertreter, Quintus Aurelius Symmachus, der nicht nur Freund, sondern auch Cousin des Vaters Virius Nicomachus Flavianus war.

Mit der konstantinischen Wende hin zum Christentum war die Sonderfunktion der senatorischen Elite im Rahmen der traditionellen römischen Kulte bedroht; 380 erhob Theodosius I. das Christentum mit dem Edikt cunctos populos sogar zur Staatsreligion. Die römische Reichskirche mit ihren Bischöfen gewann immer mehr Macht. Nicomachus war wie sein Vater „Heide“, also Anhänger der traditionellen Götterkulte, zumal sich ein Teil ihres Prestiges und ihrer Macht aus der bis dahin engen Assoziation zwischen den Kulten und dem römischen Staatswesen ergab. Sie waren bis ins 4. Jahrhundert auch oft Priester mit religiösen Funktionen in der traditionellen römischen Staatsreligion; diese Funktionen stärkten auch eine gewisse Unabhängigkeit vom schon lange nicht mehr in Rom residierenden römischen Kaiser.Zur Stellung der Senatoren und zur Rolle der römischen Staatsreligion Michele Renee Salzman: The Making of a Christian Aristocracy. Social and Religious Change in the Western Roman Empire. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts 2002, S. 75–77.

Über die eigene Familie Nicomachus Flavianus des Jüngeren ist nur sicher bekannt, dass er mit einer Tochter des Quintus Aurelius Symmachus verheiratet warQuintus Aurelius Symmachus, epistulae 2,88; 4,51; 6,1–81. und eine Tochter namens Galla hatte. Symmachus gehörte als gewesener Stadtpräfekt und princeps senatus zu den einflussreichsten stadtrömischen Senatoren; er war außerdem ein prominenter Heide, der in den Kontroversen der Zeit zur Stellung der traditionellen Religionen eine wichtige Rolle spielte, besonders im Streit um den Victoriaaltar. Wohl aus Anlass der Heirat gaben die Familien der Nicomachi und Symmachi ein Elfenbein-Diptychon in Auftrag, das, wenn auch beschädigt, erhalten ist.Das Diptychon könnte jedoch auch aus Anlass der Hochzeit des Quintus Fabius Memmius Symmachus mit einer Enkelin Nicomachus Flavianus des Älteren 401 entstanden sein. So Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 15. Zur Interpretation des Diptychons u. a. Erika Simon: The Diptych of the Symmachi and Nicomachi: an Interpretation: In Memoriam Wolfgang F. Volbach 1892–1988. In: Greece and Rome. Band 39, Nr. 1, 1992, S. 56–65 (doi:10.1017/S0017383500023986). Gegen Versuche, das Diptychon als moderne Fälschung zu entlarven, detailliert Dale Kinney, Anthony Cutler: A Late Antique Ivory Plaque and Modern Response. In: American Journal of Archaeology. Band 98, 1994, S. 457–480 (Digitalisat). In der Folgezeit nach der Hochzeit erhielt das Paar zahlreiche Briefe von Quintus Aurelius Symmachus, deren Texte erhalten sind.Quintus Aurelius Symmachus, epistulae 6,1–81. Wann genau die Hochzeit mit der Tochter des Symmachus stattfand, ist aufgrund der unsicheren Datierung von Symmachus’ Briefen unklar. Vermutungen reichen von 387 bis 392–394.Ca. 387: Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford/New York 2011, ISBN 978-0-19-974727-6, S. 716. „[P]robably between 392 and 394“: Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 27; ebenso

Otto Seeck vermutete außerdem, dass Appius Nicomachus Dexter der Sohn Nicomachus Flavianus des Jüngeren aus dessen erster Ehe mit einer namentlich nicht bekannten Tochter des heidnischen Senators Appius Claudius Tarronius Dexter gewesen sei. So auch in diversen anderen Publikationen Seecks, etwa Diese von Seeck für vor 383 postulierte erste Ehe wurde jedoch in der späteren Forschung eher abgelehnt;Etwa André Chastagnol: Les Fastes de la Préfecture de Rome au Bas-Empire (= Études prosopographiques. Band 2). Nouvelles Éditions Latines, Paris 1962, S. 239–240. Dagegen allerdings Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 27, 33, der Seecks Vermutung wieder aufnimmt. sicher belegen lässt sich nur die Ehe mit der Tochter des Symmachus. Auch die Annahme, Nicomachus Flavianus der Jüngere sei der Vater des Appius Dexter gewesen, ist umstritten.Für eine Vater-Sohn-Beziehung argumentieren Charles W. Hedrick, Jr.: History and Silence: Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 23 f.; Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford/New York 2011, S. 510, 521 f.: „This is surely the most natural explanation of the fact that the only two sources to mention [Appius Nicomachus Dexter] do so in such close connection with Flavian“ (S. 521). Stattdessen wird der vermeintliche Sohn häufig als Neffe gehandelt, zumal die Anzahl der Kinder Nicomachus Flavianus des Älteren unbekannt ist. Die Tochter Nicomachus des Jüngeren, Galla, heiratete Quintus Fabius Memmius Symmachus, den Sohn des Quintus Aurelius Symmachus.

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