Der Islamismus in Deutschland ist eine extremistische Ideologie, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt und die Errichtung eines islamischen Gesellschaftssystems anstrebt. Er ist Teil des weltweiten Islamismus, einer politischen Ideologie, die den Islam zur Grundlage staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung machen will, wobei der Salafismus die größte Strömung darstellt. Zu den gewaltorientierten Ausprägungen des Islamismus zählt der islamistische Terrorismus in Deutschland.
Begriffserklärung Islamismus ist eine Bezeichnung für politische Auffassungen und Bestrebungen, die den Islam nicht nur als Religion, sondern auch als Grundlage einer religiösen Gesellschafts- und Staatsordnung verstehen. Gemeinsames Merkmal islamistischer Strömungen ist das Bestreben, religiöse Normen als feste Grundlage für Politik und Gesellschaft durchzusetzen und bestehende nationale Gesetze damit zu ersetzen. Die radikalste Form des Islamismus stellt dabei der Dschihadismus dar. Der Dschihadismus ist eine gewaltorientierte Strömung des Islamismus, die den bewaffneten Kampf (Dschihad) als zentrales Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele versteht.
Zu den politischen Zielvorstellungen islamistischer Bewegungen gehört beispielsweise die Einführung einer islamisch geprägten Rechtsordnung (Scharia), die Regeln zu Familie, Gesellschaft und persönlicher Lebensführung vorschreibt. Manche islamistische Strömungen vertreten strenge Vorstellungen zu Geschlechterrollen und Bekleidungsvorschriften für Frauen, die unter anderem das Tragen von Niqab oder Burka einschließen.
Entstehung des Islamismus in Deutschland Die Entstehung islamistischer Strukturen in Deutschland ist eng mit den ersten Migrationsbewegungen nach Deutschland aus muslimischen Herkunftsländern verbunden. Erste islamistische Organisationen entstanden in Deutschland vor allem im Umfeld der Arbeitsmigration seit den 1960er Jahren. Einen wichtigen Einfluss hatte dabei die Gründung von Vereinen und Verbänden, die auch durch ausländische islamistische Bewegungen geprägt wurden.
Seit den 1970er und 1980er Jahren entstanden in Deutschland verschiedene islamistische Netzwerke, darunter auch Organisationen, die ideologisch von der Muslimbruderschaft oder anderen islamistischen Bewegungen beeinflusst waren. Nach der Islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 und dem Beginn des Afghanistankrieges im selben Jahr gewann der politische Islam international an Bedeutung und beeinflusste auch Muslime in Deutschland.
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat der islamistische Extremismus weltweit und in Deutschland an Bedeutung gewonnen. Insbesondere seit 2015 kam es in Deutschland zu einer Reihe islamistisch motivierter Anschläge und vereitelter Anschlagsplanungen. Die deutschen Sicherheitsbehörden bewerten die islamistisch-terroristische Bedrohungslage seitdem als anhaltend erhöht und sehen insbesondere den dschihadistischen Islamismus als bedeutende Herausforderung für die innere Sicherheit.
Islamistische Organisationen und Strömungen Die Muslimbruderschaft wurde 1928 in Ägypten gegründet und gilt als eine der ältesten und einflussreichsten islamistischen Bewegungen. Sie verfolgt das Ziel, Gesellschaft und Staat stärker an islamischen Normen auszurichten. In Deutschland entstanden seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschiedene Netzwerke und Vereine, die von Sicherheitsbehörden dem Umfeld der Muslimbruderschaft zugeordnet werden.
Hizb ut-Tahrir wurde 1953 gegründet und verfolgt das Ziel der Errichtung eines weltweiten islamischen Staates beziehungsweise eines Kalifats sowie der Einführung der Scharia. Die Organisation ist in Deutschland seit 2003 mit einem Betätigungsverbot belegt, da sie sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet und gewaltbefürwortende Positionen vertritt.
Muslim Interaktiv trat 2024 durch zwei öffentliche Demonstrationen in Hamburg in Erscheinung. Bei diesen Veranstaltungen forderten über 2.000 Teilnehmer die Errichtung eines Kalifats. Die Gruppierung wurde von den Sicherheitsbehörden als islamistische Bestrebung eingestuft und am 5. November 2025 vom Bundesministerium des Innern verboten.
Salafismus und Dschihadismus sind in Deutschland ebenfalls vertreten, jedoch nicht in Form von aktiven Vereinen oder Organisationen, sondern von Einzelpersonen oder kleinen Netzwerken, die im Namen dieser Ideologien agieren. Während einige salafistische Gruppen vor allem missionarisch tätig sind, befürworten dschihadistische Strömungen Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele. Seit den 2010er Jahren kam es in Deutschland vermehrt zu Anschlägen und Anschlagsversuchen, die vom IS oder anderen dschihadistischen Organisationen inspiriert oder für sich reklamiert wurden. Die Sicherheitsbehörden bewerten den dschihadistischen Islamismus weiterhin als eine zentrale Bedrohung.
Radikalisierung und islamismusaffine Einstellungen Die Radikalisierung islamistischer Täter erfolgt häufig schrittweise und wird durch ein Zusammenspiel persönlicher, sozialer und ideologischer Faktoren beeinflusst. Dabei spielen insbesondere soziale Medien, Messenger-Dienste, islamistische Influencer sowie persönliche Kontakte innerhalb extremistischer Netzwerke eine bedeutende Rolle. Der dschihadistische Islamismus stellt weiterhin die größte islamistisch-terroristische Bedrohung in Deutschland dar. Die Sicherheitsbehörden führen zudem mindestens 447 Personen als islamistische Gefährder sowie weitere 481 als relevante Personen. Das islamistische Personenpotenzial lag 2025 in Deutschland bei 28.645 Personen. Es bezeichnet die Zahl der Personen, die dem Islamismus in Deutschland zugerechnet werden. Von diesem Potenzial gelten rund 9.110 Personen als gewaltbereit.
Der vom Bundeskriminalamt beauftragte MOTRA-Monitor untersuchte islamismusaffine Einstellungen unter in Deutschland lebenden Muslimen. In der 2026 veröffentlichten Studie stimmten 23,8 % der muslimischen Befragten der Aussage zu, dass ein islamischer Gottesstaat die beste Staatsform für Deutschland sei. 25,1 % gaben an, dass ihnen die Regeln des Korans wichtiger seien als die Gesetze in Deutschland. Bei 45,1 % der muslimischen Befragten unter 40 Jahren wurden latent oder manifest islamismusaffine Einstellungen festgestellt. Davon wurden 33,6 % als latent und 11,5 % als manifest islamismusaffin eingestuft.
Islamistische Anschläge und Delikte Diese Tabelle erfasst alle durchgeführten Delikte und Anschläge in der Bundesrepublik Deutschland, bei denen ein islamistischer Hintergrund festgestellt wurde. +DatumOrtArtikel/BelegeTatwaffeVerletzteTote 2. März 2011FrankfurtMordanschlag am Frankfurter FlughafenSchusswaffe 225. Mai 2012BonnMesserangriff in BonnMesser3017. September 2015BerlinMesserangriff in BerlinMesser1026. Februar 2016HannoverMesserangriff in HannoverMesser1016. April 2016EssenAnschlag in Essen 2016Sprengsatz3018. Juli 2016WürzburgAnschlag in Regionalbahnf name=":7" />Messer, Axt5024. Juli 2016AnsbachSprengstoffanschlag von AnsbachSprengsatz16019. Dezember 2016BerlinAnschlag auf Berliner WeihnachtsmarktFahrzeug (Lkw)601328. Juli 2017HamburgMesserattacke in HamburgMesser514. Oktober 2020DresdenMesserangriff in DresdenMesser1125. Juni 2021WürzburgAnschlag in WürzburgMesser736. November 2021NürnbergMesserattacke in ICEMesser309./18. April 2023DuisburgMesserangriff in DuisburgMesser4131. Mai 2024MannheimMesserangriff in MannheimMesser6123. August 2024SolingenMesserangriff in SolingenMesser8313. Februar 2025München Anschlag in MünchenFahrzeug (Pkw)57221. Februar 2025BerlinMesserangriff in BerlinMesser1018. Mai 2025BielefeldMesserangriff in BielefeldMesser5016. August 2025PaderbornMesserangriff in PaderbornMesser105. September 2025EssenMesserangriff in EssenMesser2012. Juni 2026BerlinRaubüberfall in BerlinMesser2020. Juli 2026HöchbergAngriff in HöchbergKörperlich1025. Juli 2026BerlinAnschlag auf den CSDFahrzeug (Pkw)291
Neben den vollendeten Taten wurden in Deutschland auch zahlreiche islamistische Anschlagspläne durch die Sicherheitsbehörden oder ausländische Geheimdienstinformationen vereitelt. Ein prominentes Beispiel ist der Rizinfund in Köln, ein biologischer Anschlagsplan eines IS-Sympathisanten. Das zuständige Gericht stellte im späteren Prozess durch ein Gutachten fest, dass die Giftmenge ausgereicht hätte, um bis zu 13.500 Menschen töten und ebenso viele zu verletzten.
Der Generalbundesanwalt hat im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 174 neue Ermittlungsverfahren wegen terroristischer oder extremistischer Straftaten eingeleitet. Von diesen 174 neuen Ermittlungsverfahren entfielen 129 auf den Islamismus, das entspricht 74,1 % aller Ermittlungsverfahren. Dazu kommen 34 Verfahren (19,5 %) wegen auslandsbezogenen Extremismus und jeweils 6 Verfahren (3,5 %) auf Linksextremismus und 5 Verfahren (2,9 %) auf Rechtsextremismus.
Einzelnachweise
Kategorie:Antisemitismus in Deutschland Kategorie:Islam in Deutschland