mini|Sadomasochistische Flagellationsillustration (Kupferstich, ca. 1780) Sadomasochismus in der Literatur bezeichnet die Behandlung sadomasochistischer Themen in der Literatur. Dieser erscheint in sämtlichen Formen der Literatur, also in Roman und Erzählung, aber auch in sexualwissenschaftlicher Literatur – wo der Begriff des Sadomasochismus anhand der Werke von de Sade und Sacher-Masoch Ende des 19. Jahrhunderts geprägt wurde – oder in Gestalt von mehr oder minder fiktiver Bekenntnisliteratur oder als Ratgeber für die Mitglieder einer ab Ende des 20. Jahrhunderts immer selbstbewusster auftretenden BDSM-Community.

Sadomasochistische Literatur im engeren Sinn wird der Bereich der erotischen Literatur genannt, in dem sadomasochistische Sujets eine mehr oder minder große Rolle spielen. Dazu gehören sexuelle Praktiken und Verhaltensweisen wie Unterwerfung, Hörigkeit, Versklavung, Disziplinierung, Demütigung, Fesselung, sexuelle Gewalt, Flagellation und ähnliche sexuelle Handlungen.

Es muss angemerkt werden, dass Klassifikationen älterer Literatur wie zum Beispiel der Werke des Marquis de Sade als „sadomasochistisch“ retrospektiv und insofern anachronistisch sind. Der Begriff „Sadomasochismus“ geht auf die Psychopathia sexualis von Krafft-Ebing (1886) zurück und war seinerzeit gedacht zur Bezeichnung psychopathologischer Erkrankungen. Die Begriffsbildungen gelten heute in ihrem Fachgebiet zumindest teilweise als überholt. Als literarische Gattungsbegriffe taugen sie als solche nicht. Dennoch hat ihr Gebrauch sich eingebürgert und ist jedenfalls dort unbedenklich, wo er sich auf moderne Genres bezieht mit entsprechenden Lesererwartungen, Konventionen in Ausstattung und Inhalt sowie Vertriebswegen.Romana Byrne: Aesthetic Sexuality : A Literary History of Sadomasochism. Bloomsbury, 2013, S. 17.

Wie bei erotischer Literatur allgemein unterlag auch die sadomasochistische Literatur in der Vergangenheit einer rigiden Zensur. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch finden sadomasochistische Texte wie zum Beispiel die Geschichte der O zunehmend Akzeptanz im literarischen Mainstream. Laut dem englischen Psychiater Anthony Storr zeigt die schiere Menge an sadomasochistischer Pornografie, dass sadomasochistische Interessen in der westlichen Gesellschaft heute weit verbreitet sind.

Frühe Beispiele mini|Illustration des Kamasutra

Die Darstellung von Handlungen, die man aus heutiger Sicht als sadomasochistisch bezeichnen würde, erscheint bereits in der Antike.

Schon im indischen Kamasutra, einem Lehrbuch über die erotische Liebe, vermutlich von Vatsyayana Mallanaga im 2. oder 3. nachchristlichen Jahrhundert verfasst, werden vier Schlagarten beim Liebesspiel unterschieden. Die Bereiche des Körpers, in denen Schläge ungefährlich sind, werden dabei ebenfalls beschrieben, und es wird festgestellt, dass Praktiken wie Beißen, Schlagen und Kratzen nur bei Einverständnis des anderen als lustvoll empfunden werden. Aus dieser Sicht dürfte das Kamasutra den ersten schriftlich überlieferten Text über SM-Praktiken und -Sicherheitsregeln darstellen.Das Kamasutram des Vatsyayana. Die indische Ars Amatoria nebst dem vollständigen Kommentare (Jayamangala) des Yasodhara. Aus dem Sanskrit übersetzt von Richard Schmidt, 7. Auflage, Berlin: Hermann Barsdorf, 1922, Zweiter Teil, Kapitel 10, 11, 15f.

Eines der ältesten Zeugnisse über Flagellation findet sich im 6. Buch der Satiren des antiken römischen Dichters Juvenal:

Ein weiteres Zeugnis findet sich im Satyricon von Petronius, wo Enkolpius von Oenothea gepeitsch wird, um diesen von seiner Impotenz zu heilen:

Beide Werke stammen aus dem 1. bzw. 2. Jahrhundert nach Christus.

Ab dem 17. Jahrhundert erschienen zwei Abhandlungen, die Hinweise und Darstellungen sadomasochistischer Praktiken in Antike zusammenstellten, nämlich auf Latein der Tractus de usu flagrorum in re Medica & Veneria von Johann Heinrich Meibom (1639), sowie die Pierre-Jean Grosley zugeschriebene Dissertation sur l'usage de battre sa maîtresse (1756), die von Johann Carl Conrad Oelrichs unter dem Titel Abhandlung von dem Gebrauche der Alten, fürnehmlich der Griechen und Römer, ihre Geliebte zu schlagen 1766 mit Ergänzungen ins Deutsche übersetzt wurde. Der Text von Meibom, der auch Beispiele aus späterer Zeit anführt, erschien bereits 1723 in englischer Übersetzung als A Treatise on the Use of Flogging in Venereal Affairs bei dem notorischen britischen Verleger Edmund Curll, nachgedruckt in der Library Illustrative of Social Progress des Verlegers John Camden Hotten, einer um 1872 erscheinenden Reihe pornographischer und flagellantischer Texte. Die von den beiden Autoren zusammengetragenen Textstellen antiker Autoren sind jedoch allenfalls anekdotisch. So zitiert Meibom eine Stelle bei Pico de Mirandola, wo sich dieser kopfschüttelnd über die seltsamen Gelüste eine Mannes äußerte, der geradezu versessen darauf war, sich peitschen zu lassen, und erwähnt dann noch einen ihm selbst bekannt gewordenen Fall eines Lübecker Käsmachers, der ungepeitscht impotent blieb.Pico de Mirandola: Disputationes adversus astrologiam divinatricem. Kap. 27, zitiert nach Meibom: The Use of Flogging in Venereal Affairs. Übersetzung von Henry Thomas Buckle. London 1761 [fingiert], S. 36ff.

Auch wenn sich im 17. und 18. Jahrhundert eine umfangreiche erotische Literatur entwickelte, so wird erst gegen Ende des Jahrhunderts der Sadomasochismus zum literarischen Sujet.

Zu dieser Zeit, 1782, veröffentlichte Jean-Jacques Rousseau den ersten Band seiner Bekenntnisse, in dem er berichtet, dass er, als er 8 Jahre alt war, von einem Fräulein Lambercier gezüchtigt wurde und dass ihn diese Züchtigung nicht nur sexuell erregte, sondern dass dieser Impuls auf lange Sicht sein Begehren bestimmte. Er schreibt:

Rousseau steht somit am Anfang der sadomasochistischen Bekenntnisliteratur und am Beginn einer langen Reihe mehr oder minder authentischer sadomasochistischer Autobiographien.

Sadomasochistische Literatur

De Sade und seine Nachfolger mini|Illustration aus La nouvelle Justine (Bd. 5, 1797) Zu den Klassikern des Genres gehören die Romane und Erzählungen des Marquis de Sade. Zu seinen Hauptwerken gehören Justine oder das Unglück der Tugend (1791), Juliette oder die Vorteile des Lasters (1796) und Die Philosophie im Boudoir (1795). Sein in Hinblick auf sadomasochistische Inhalte extremstes Werk, Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung wurde von Sade 1785 geschrieben, während er in der Bastille eingekerkert war. Das Manuskript galt lange Zeit als verloren, gelangte dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Besitz von Iwan Bloch und wurde 1904 auf Französisch und 1909 in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht.

mini|Illustration zu Thérèse philosophe (1748) Wie schon oben angemerkt, ist eine Klassifikation von de Sades Werken als „sadistisch“ genau genommen anachronistisch. Er schrieb in der Tradition der Libertinage des 18. Jahrhunderts, in der gleichen Richtung wie zum Beispiel der dem Marquis d’Argens zugeschriebenen Roman Thérèse philosophe (1748), in der Auspeitschungen durchaus auch Teil der Handlung sind. Von solchen Vorläufern unterscheidet sich De Sade in der Radikalität seiner Philosophie und in deren Konsequenz durch die Extreme von Zufügen und Erleiden der Protagonisten.

Diese extremen Darstellungen in den Werken de Sades erregten auch zu seiner Zeit im relativ liberalen Frankreich der Revolutionszeit Anstoß, belegt etwa durch Nicolas Edme Restif de la Bretonne mit seiner 1798 erschienenen Anti-Justine, wo er im Vorwort die Sadeschen Grausamkeiten ausdrücklich ablehnt:

De Sades Werke wurden von den Zeitgenossen demnach nicht unbedingt als Exemplifikationen libertiner Philosophie, sondern sehr wohl als erotisch bzw. pornographisch gelesen.

Lynn Hunt zufolge markieren die Werke Sades einen Wendepunkt der Entwicklung in der erotischen und pornographischen Literatur, insofern die politisch-philosophisch motivierte Pornographie mit de Sade einen Höhepunkt erreichte und danach praktisch verschwand. Zwar wurden weiterhin die Grenzen sozialer und moralischer Tabus ausgetestet, nun aber ohne dabei auf politische und religiöse Subversion abzuzielen. Zugleich entstand Pornographie und insbesondere sadomasochistische Literatur als Genre, mit festen Topoi und definierten Lesererwartungen.Lynn Hunt: The Invention of Pornography. Zone Books, 1993, S. 302f.

Zugleich wurde die Repression dieser gesellschaftsgefährdenden Literatur institutionalisiert, zum Beispiel durch die Einrichtung einer besonderen Abteilung für derartige Werke an der Französischen Nationalbibliothek. Dort blieben sie vor der Öffentlichkeit verborgen, bis sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurden, von Sexualforschern wie Iwan Bloch, der unter dem Pseudonym Eugen Dühren eine Biografie Sades schrieb und 1904 die Erstausgabe der 120 Tage von Sodom herausgab, und den französischen Surrealisten, die ihm den Beinamen Le Divin Marquis („Der Göttliche Marquis“) verliehen.Guillaume Apollinaire: Les Diables amoureux. idées/gallimard, 1964, Kapitel: Le Divin Arétin. (S. 48–87) und Le Divin Marquis. (S. 236–309). Doch auch dann beschränkten sich die Publikationen der Werke de Sades auf Privat- und Subskriptionsdrucke und damit auf eine begrenzte Leserschaft. Erst 1947 unternahm der junge Pariser Verleger Jean-Jacques Pauvert eine Werkausgabe de Sades. 1956 wurde er angeklagt, wobei bedeutende Autoren wie André Breton, Jean Paulhan und Georges Bataille im Prozess für die Veröffentlichung eintraten und die Bedeutung de Sades hervorhoben. 1957 wurde Pauvert verurteilt, das Urteil wurde jedoch in der Berufung aufgehoben. Pauvert war es auch, in dessen Verlag 1954 (also noch vor dem Sade-Prozess) die Geschichte der O erschien (siehe unten), mit einem Vorwort von Jean Paulhan.Amy S. Wyngaard: Sade, Réage and Transcending the Obscene. In: Bradford K. Mudge (Hrsg.): The Cambridge Companion to Erotic Literature. Cambridge University Press, 2017, S. 212f.

Ab den 1880er Jahren erschienen unter den Initialen „E. D.“ sowie verschiedener entsprechender Pseudonyme wie Edmond Dumoulin oder Édouard Demarchin eine Reihe erotischer Romane, darunter 1898 Mémoires d’une danseuse russe, der unter dem Titel Die Memoiren einer russischen Tänzerin um 1900 ins Deutsche übersetzt wurde und seither immer wieder aufgelegt wurde. Der Roman, die fiktive Autobiografie der Mariska, die von einer Leibeigenen zur Tänzerin am Kaiserlichen Theater in Moskau aufsteigt, besteht aus drei Teilen, in der deutschen Übersetzung betitelt als „Die Kindheit in der Leibeigenschaft eines Bojaren“, „Lehrjahre in einem Moskauer Mode-Atelier“ und. „In der Kaiserlichen Ballettschule“, wobei sich auf jeder dieser Stationen eine Züchtigungsszene an die nächste reiht, weshalb das Bilderlexikon der Erotik von einem „Vademecum“ des Flagellantismus spricht.Bilderlexikon der Erotik. Band 2: Literatur und Kunst. Herausgegeben vom Institut für Sexualforschung in Wien. Verlag für Kulturforschung, Wien/Leipzig 1929, S. 324. Eine umgearbeitete und abgemilderte Fassung erschien 1905 unter dem Titel La Flagellation en Russie – Mémoires d’une danseuse russe.

Der englische Flagellationsroman