Die Schlacht von Tabora (: Bataille de Tabora, : Battle of Tabora) war eine militärische Offensivaktion, die während des Ersten Weltkriegs vom 8. bis zum 20. September 1916Jonathan Lefèvre: Artikel: 1916, la Grande Guerre dans les Grands Lacs. Veröffentlicht auf der Webpage: Solidaire.org. Dezember 2016. Link. Abgerufen am 26. Juli 2024. rund um die Stadt Tabora im Nordwesten Deutsch-Ostafrikas (dem heutigen Tansania) stattfand. Die Schlacht war Teil des Ostafrikafeldzuges und der Höhepunkt der sog. Tabora-Offensive, bei der eine belgische Truppe der Force Publique aus Belgisch-Kongo die Grenze überquerte, die Siedlungen Kigoma und Tabora (die größte Stadt im Inneren der deutschen Kolonie) eroberte und die deutsche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika zurückdrängte. Der Sieg brachte nicht nur einen Großteil des Territoriums Ruanda-Urundi unter belgischer Militärbesatzung, sondern gab den Alliierten auch die Kontrolle über die wichtige Tanganjikabahn.Spencer C. Tucker: World War I: The Definitive Encyclopedia and Document Collection. 2. Auflage. ABC-CLIO. Santa Barbara. 2014. S. 1529–1530.

Hintergrund Auf dem europäischen Kriegsschauplatz war das eigentlich neutrale Belgien durch den deutschen Einmarsch am 3. August 1914 zur Kriegspartei geworden. Im Kongo, seit 1909 Kolonie Belgiens, gab es seit Kriegsbeginn einzelne Offensivaktionen der Deutschen an der Grenze zu Deutsch-Ostafrika. Obwohl belgische und britische Truppen die Deutschen 1915 während ihrer Offensive am Tanganjikasee zurückdrängen, betrachteten die Alliierten die deutsche Kolonie weiterhin als Bedrohung und planten die Besetzung. Weiterhin sollte auch den deutschen Absichten zur Errichtung eines Deutsch-Mittelafrikas, obwohl durch den Kriegsverlauf kaum noch erreichbar, entgegengetreten werden. Allerdings war die sog. Force Publique, die Streitmacht Belgisch-Kongos, wie viele Kolonialtruppen zu der Zeit, eher auf Aufstandsbekämpfung im Innern, als auf das Vorgehen gegen die Kolonialtruppen anderer Mächte vorbereitet.

1916 wurde Generalmajor Charles Tombeur zum Kommandeur der Force Publique ernannt und leitete die Neuorganisation und Neubewaffnung der Truppe ein,Stichwort: Tombeur de Tabora, Charles (Henri Marie Ernest). Auf der Homepage Africa Archives Museum. Link. Abgerufen am 7. Juli 2024. was eine offensivere Ausrichtung der Truppe ermöglichen sollte. Hierfür wurden einige Hundert Offiziere aus Flandern nach Afrika, weiterhin neue Flugzeuge, Artillerie und Gewehre in den Kongo verlegt, sodass Tombeur Anfang 1916 eine ganze Division mit vier Regimentern und 12000 bis 15000 Soldaten – davon 5000 neue Rekruten – zur Verfügung stand.Michael Pesek: Zwischen Metropole und Kolonie. Die belgische Force Publique im Ersten Weltkrieg in Ostafrika, 1914-18. Veröffentlichung des Forschungszentrums Gotha. Online verfügbar auf academia.edu. Link. Abgerufen am 2. August 2024.

Zeitgleich schlossen die Belgier und Briten ein Abkommen, um die Offensive gegen Deutsch-OstafrikaEnika Ngongo & Julien Sébert: Du soldat au héros, de l’homme au monument. Le lieutenant général baron Tombeur de Tabora. Bulletin de l’Association de la Noblesse du Royaume de Belgique. Association de la Noblesse du Royaume de Belgique. Brüssel. 2017. S. 72–73. vorzubereiten, mit der Absicht, „die Herrschaft über den Tanganjikasee zu gewinnen, den Feind von den eigenen Grenzen fernzuhalten und einen Teil der deutschen Kolonie zu besetzen“. Für das Ziel der Offensive fiel die Wahl auf Tabora, bedeutendster Handelsplatz und Verwaltungszentrum im Inland der deutschen Kolonie. Weiterhin hatte die ab 1905 begonnene Tanganjikabahn, die Daressalam mit Kigoma verband, einen bedeutenden Haltepunkt in der Stadt, die damit auch Nachschubzentrum für die kaiserliche Schutztruppe war.

Die Vorbereitungen für die Offensive seitens der belgischen und britischen Truppen waren im April 1916 abgeschlossen. Die belgische Armee marschierte unter dem Kommando von Tombeur in zwei Kolonnen auf die Stadt Tabora zu. Die Schlacht fand vom 8. September 1916 bis zum 19. September 1916 statt.

Ablauf Charles Tombeur hatte seine Truppen in drei Einheiten geteilt. Zwei Einheiten, nach ihrem Aufmarschgebiet südlich bzw. nördlich des Kivusees Südbrigade und Nordbrigade genannt, sollten offensiv vorgehen, während eine weitere Einheit am Tanganjikasee defensiv bleiben sollte. Diese Einheit am Tanganjika wurde von Georges Moulaert geführt. Südbrigade und Nordbrigade rückten in der Folge auf Tabora vor.Georges Delpierre: Tabora 1916: de la symbolique d’une victoire. Revue belge d’Histoire contemporaine. 2002, S. 358.

Die Nordbrigade unter Oberst Philippe Molitor rückte im Mai 1916 in Ruanda ein, durchquerte die Region Ussewi und erreichte am 30. Juli den Viktoriasee bei Mwanza.

Nach der Besetzung Urundis im Juni rückte die Südbrigade unter dem Kommando von Oberst Frederik-Valdemar Olsen von Gitega aus entlang des Ostufers des Tanganjikasees nach Süden vor.Lucas Catherine: Toen de Duitsers een pandoering kregen in Centraal-Afrika: de slag om Tabora. Artikel in DeWereldMorgen.be. 19. September 2016. Sie bestand aus 8000 Soldaten der Force Publique.Rik Verwaest: La Haye sous l’Equateur: La Belgique et les lois de guerre dans la campagne d’Afrique orientale (1914–1917). Outre-Mers. Revue d’histoire, vol. 97, no 366, 2010. S. 261. Außerdem wurden 5000 Träger mobilisiert, sowie 100 Ochsenkarren, die von der britischen Armee ausgeliehen wurden.Hew Strachan: The First World War: To Arms. Oxford University Press. New York. 2001, ISBN 978-0-19-926191-8. S. 616. Am 28. Juli eroberte diese Kolonne den Hafen von Kigoma, Endstation der strategischen Eisenbahnlinie, die von Daressalam über Tabora dorthin führte.

Anfang August setzten beide Kolonnen ihren gemeinsamen Vormarsch nach Tabora fort. Eine zahlenmäßig schwächere britische Truppe, die sog. Lakeforce, unter dem Kommando des südafrikanischen Brigadegenerals Charles Crewe setzte sich aus Britisch-Ostafrika ebenfalls in Richtung Tabora in Bewegung, ihr Vormarsch wurde allerdings durch den starken deutschen Widerstand und Nachschubprobleme erheblich verzögert. Trotzdem hatte diese Truppe bereits am 9. Juli die größte Insel des Victoriasees, Ukerewe sowie fünf Tage später Mwanza erobern können.Michael Pesek: Zwischen Metropole und Kolonie. Die belgische Force Publique im Ersten Weltkrieg in Ostafrika, 1914-18. Veröffentlichung des Forschungszentrums Gotha. S. 4. Online verfügbar auf academia.edu. Link. Abgerufen am 2. August 2024.

Schlacht von Tabora mini|Belgische Truppen nach der Einnahme von Tabora. Die Südbrigade rückte entlang der Tanganjikabahn von Kigoma aus nach Tabora vor. Die Deutschen wichen zurück und zerstörten bei ihrem Rückzug die Bahn, sowie auch das rollende Material, um deren Nutzung durch die Belgier zu verhindern.[a]

Tabora liegt auf einer offenen Ebene, umgeben von Hügeln, die der deutsche Generalmajor Wahle für seine Verteidigungsanlagen nutzte. Am 30. August übernahm die Vorhut der Südbrigade unter dem Kommando von Hauptmann Olaf Svihus die die Kontrolle über den deutschen Bahnhof in Usoke, westlich von Tabora.Charles Terlinden: Les Campagnes Belges dans l’Est Africain Allemand (1914–1917). Outre-Mers. Revue d’histoire, vol. 20, Nr. 85, 1932, S. 92–93. Als Reaktion darauf schickte Wahle Verstärkung per Zug von Tabora dorthin. Die Angriffe der deutschen Schutztruppe vom 2. und 3. September wurden allerdings von der Force Publique zurückgeschlagen.

Am 7. startete General Wahle einen weiteren Gegenangriff auf den Bahnhof von Usoke. Diesmal wurde der Angriff auf deutscher Seite von einem auf einen Eisenbahnwaggon montierten Marinegeschütz unterstützt.Charles Stienon: La campagne anglo-belge de l’Afrique orientale allemande. Berger-Levrault. Paris. 1917. S. 197–198. Beide Seiten erlitten schwere Verluste, der Bahnhof wurde schwer beschossen. Letztlich konterte die Force Publique den Angriff und die Deutschen wurden zurückgedrängt.C. Stiénon: La campagne anglo-belge de l’Afrique Orientale Allemande. 1918. S. 197–198.

Als nunmehr der letzte Widerstand in Usoke gebrochen war, rückten die Belgier vor und erreichten am 8. September die deutschen Verteidigungsanlagen von Tabora bei Lulanguru von Westen her. Die Kämpfe gegen die dortige Verteidigung dauerten vom 8. bis zum 12. September an.

Wahle hatte seine Hauptpositionen in Itaga, nördlich von Tabora, eingerichtet und dort auch seine Artillerie konzentriert. Vom 10. bis 12. September stieß die inzwischen herangekommene Nordbrigade, die an ihrem linken Flügel von der britischen Brigade unter General Charles Preston Crewe gedeckt wurde, dort auf heftigen deutschen Widerstand und erlitt erhebliche Verluste.C. Stiénon: La campagne anglo-belge de l’Afrique Orientale Allemande. 1918. S. 155–157. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings auch Wahles Truppen auf 1100 Mann geschrumpft und es kam zu zunehmenden Desertationen unter seinen Askari-Soldaten.

16. September – 19. September 1916 mini|Der Einmarsch der belgischen Armee in die Stadt Tabora. Am 16. September fingen die Deutschen einen Brief aus Crewe für Oberst Molitor (Brigade Nord) ab, aus dem hervorging, dass die Hauptoffensive aus dem Norden für den 19. geplant sei.Hew Strachan: The First World War: To Arms. Band I. Oxford University Press. New York. 2001, ISBN 0-19-926191-1. S. 617. Von den vorangegangenen schweren Kämpfen dezimiert, evakuierten die deutschen Truppen am 18. September 1916 über Nacht die Stadt und zogen sich in drei Kolonnen nach Südosten zurück. Die Zivilbehörden von Tabora ergaben sich am 19. September den Truppen der Force Publique.Artikel: 1916 War in Africa. Veröffentlicht auf der Webpage: Commemoration of the First World War in Belgium - https://www.be14-18.be/en. Link. Abgerufen am 2. August 2024.

In der Folge versank Tabora im Chaos, da marodierende Soldaten der Force Publique die Stadt plünderten und brandschatzten. Den Übergriffen fielen Afrikaner und Europäer gleichermaßen zum Opfer. Deutsche Zivilisten wurden ausgeraubt und auf offener Straße misshandelt. Hauptleidtragend war allerdings die afrikanische Zivilbevölkerung, die sexuellen Übergriffen und willkürlichen Hinrichtungen ausgesetzt war.Michael Pesek: Zwischen Metropole und Kolonie. Die belgische Force Publique im Ersten Weltkrieg in Ostafrika, 1914-18. Veröffentlichung des Forschungszentrums Gotha. S. 6. Online verfügbar auf academia.edu. Link. Abgerufen am 2. August 2024.Martin Kayamba Mdumi: The story of Martin Kayamba Mdumi, M.B.E., of the Bondei Tribe. Veröffentlicht in: Margery Freda Perham (Hrsg.): Ten Africans. Faber and Faber. London. 1963. S . 173–272, insbesondere S .195.Karl Roehl: Ostafrikas Heldenkampf. Nach eigenen Erlebnissen dargestellt. M. Warneck. Berlin. 1918. S . 139.Missionar Terp in Theodor Bechler (Hrsg.): Zur Kriegszeit in Deutsch-Ostafrika, im Kongo und in Frankreich Kriegserlebnisse und Gefangenschaft der Unyamwesi-Missionare der Brüdergemeinde in den Jahren 1914-17. Herrnhut. 1918. S. 18 & 54. In den folgenden Wochen dehnten die Force Publique Soldaten ihre Plünderungen auf das Umland aus.

Ähnliche Vorfälle hatte es während des gesamten belgischen Vorgehens in Deutsch-Ostafrika gegeben.

Bilanz mini|Hissung der belgischen Flagge in Tabora nach Eroberung der Stadt. Nach dem Rückzug der deutschen Truppen und der Übergabe der Stadt durch die Zivilverwaltung, konnten die Belgier insgesamt über 200 alliierte Kriegsgefangene befreien, davon 100 Briten, 47 Italiener, 9 Belgier, 3 Franzosen sowie 35 weitere Soldaten.

Was die Verluste auf belgischer Seite betrifft, so verloren sie in der Schlacht von Tabora 150 Soldaten, 3 Offiziere und eine nicht bekannte Anzahl von Trägern.