Die Scharnhorst-Kaserne war eine Garnison in Lüneburg, in der von 1936 bis 1945 Wehrmachtseinheiten hauptsächlich der Infanterie stationiert waren. Benannt wurde die Anlage nach dem preußischen General Gerhard von Scharnhorst. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren in der Kaserne britische Besatzungstruppen untergebracht. Ab 1959 nutzte die Bundeswehr die Kasernenanlage für Artillerietruppen. Nach dem Ende des Kalten Krieges erfolgte 1993 die Aufgabe der militärischen Nutzung. Auf dem Gelände entstand nach Umbau von Kasernengebäuden und Neuerrichtung von Bauten die Leuphana Universität Lüneburg.
Geschichte NS-Staat und Zweiter Weltkrieg Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht ab 1934 benötigte der NS-Staat zusätzliche Truppenunterkünfte. Zugleich bemühte sich die Stadt Lüneburg um die Stationierung von Wehrmachtseinheiten. Am 5. August 1935 einigten sich der Reichsfiskus und die Stadt auf einen Vertrag, der die Bereitstellung von Grundstücken an zwei Standorten für Infanterie-, Kavallerie- und Artillerieverbände mit 5.000 Soldaten und 1.600 Pferden vorsah. Dazu gehörte das Gelände der späteren Scharnhorst-Kaserne, das unentgeltlich zur Verfügung zu stellen war. Außerdem sollte die Erschließung mit Kanalisation, Gas, Wasser und Strom durch die Stadt erfolgen. Der am 17. März 1936 zur Scharnhorststraße umbenannte Schwarze Weg war für die Benutzung durch mittelschweren Verkehr auszubauen. Bereits am 2. Dezember 1935 wurde Richtfest gefeiert und am 3. Oktober 1936 zog das Infanterieregiment 47 mit Stab, dem I. und III. Bataillon, 13. und 14. Kompanie ein. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verließ das Regiment Lüneburg und wurde zunächst mit Sicherungsaufgaben an der Westgrenze beauftragt. Beim Westfeldzug in der Schlacht um die Niederlande kam es 1940 zum Einsatz. Ab Juni 1941 nahm es am Unternehmen Barbarossa gegen die Sowjetunion teil. Im September 1942 verlegte es nach Nordafrika zum Deutschen Afrikakorps und wurde im Mai 1943 bei Tunis vernichtet.Feldartilleriebataillon 31 (Hrsg.): Festschrift des Feldartilleriebataillons 31 Lüneburg Scharnhorstkaserne, Lüneburg/Melbeck 1987, S. 13
Am 28. August 1939 bildete sich in Lüneburg das Infanterie-Ersatz-Bataillon 47. Nach der Teilung des Bataillons zum 1. Oktober 1942 erhielten die beiden neuen Verbände zum 7. November 1942 die Bezeichnung als Grenadier-Ersatz-Bataillon 47 und als Grenadier-Ausbildungs-Bataillon 47. Am 7. April 1943 vereinigten sie sich wieder zum Grenadier-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 47. Im September 1944 verlegte das Bataillon in die Niederlande und wurde umbenannt. Am 26. September 1944 kam es zur Neuaufstellung in Lüneburg. Im März 1945 erfolgte schließlich der Einsatz auch dieses Verbandes an der Weser.Georg Tessin: Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Fünfter Band, Die Landstreitkräfte 31–70, hrsg. vom Bundesarchiv-Militärarchiv mit Unterstützung des Arbeitskreises für Wehrforschung, Verlag E. S. Mittler & Sohn GmbH, Frankfurt am Main o. J., S. 143
Nutzung durch britische Truppen 1945–1958 Nachdem britische Truppen am 18. April 1945 Lüneburg eingenommen hatten, besetzten sie auch die Scharnhorst-Kaserne. Die Anlage wurde zunächst in Bristol Barracks umbenannt. Im Juni 1946 fand sich das 2nd Battalion Devonshire Regiment in der Kaserne ein, das bis 1947 hier verblieb. 1949 belegte die Kaserne, die nun Worcester Barracks genannt wurde, das 94th Observation Regiment Royal Artillery. Im September 1951 wurde es in 94th Locating Regiment Royal Artillery umbenannt und zog im Dezember 1951 nach Munsterlager. Es wurde durch das 1st Battalion Essex Regiment im Dezember 1951 abgelöst, das aus Minden hierher verlegte und im Mai 1953 zum Einsatz im Koreakrieg kam. Es folgte das 2nd Battalion Royal Welch Fusiliers, das bis Juni 1954 hier verblieb. Ersetzt wurde es vom 1st Battalion Royal West Kent Regiment, das bis Juni 1956 in der Kaserne stationiert blieb. Das 1st Battalion The Welch Regiment löste es im Juni 1956 ab und blieb bis August 1957. Das 1st Battalion The South Staffordshire Regiment verlegte im September 1957 nach Lüneburg in die Kaserne und zog im Dezember 1958 nach Minden.
Bundeswehr Am 8. November 1958 erfolgte die offizielle Übernahme der Garnison Lüneburg durch die Bundeswehr von den britischen Truppen.
Folgende Stäbe, Verbände, Einheiten und Dienststellen der Bundeswehr waren in der Scharnhorst-Kaserne stationiert:
Einheit Stationierung ab Herkunft Stationierung bis Verbleib Flugabwehrbatterie 80Mai 1959verlegt nach Aufstellung am 1. April 1959 in Achim (Landkreis Verden), Steuben-Kaserne1. Oktober 1964in 3./Flugabwehrbataillon 3 umgegliedertUdo Brandes/Michael Neumann: „Die Dritte“ 1956–1994, Bremen o. J. (1994), S. 40Panzerartilleriebataillon 311. Juli 1959verlegt nach Aufstellung als I./Panzerartilleriebataillon 3 in Bremen-Grohn, Roland-Kaserne, und Zwischenverlegung ab 1. April 1958 nach Hamburg-Rahlstedt, Boehn-Kaserne sowie Umbenennung am 1. März 1959 in Panzerartilleriebataillon 311. Mai 1965in Feldartilleriebataillon 31 umbenanntFeldartilleriebataillon 31 (Hrsg.): Festschrift des Feldartilleriebataillons 31 Lüneburg Scharnhorstkaserne, Lüneburg/Melbeck 1987, S. 11Panzerpionierkompanie 801. August 1959neu aufgestellt aus Teilen des Pionierbataillons 31992verlegt in Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg, dort zum 31. Dezember 2002 aufgelöstAusbildungskompanie 10/31962 aufgestellt1973 in Instandsetzungsausbildungskompanie 10/3 umgegliedert, 1978 der Brigade unterstellt, zum 1. April 1981 in Instandsetzungsausbildungskompanie 6/3 umbenannt; in Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg verlegtKlaus-Dieter Lex/Claus Christian Viebrock: 25 Jahre Panzerbrigade 8, Mönch-Verlag GmbH, Koblenz/Bonn 1984, S. 21 und 29Klaus-Dieter Lex/Claus Christian Viebrock: Dein Standort Lüneburg, Mönch-Verlag GmbH, 6. Auflage, Koblenz/Bonn 1981, S. 373./Flugabwehrbataillon 31. Oktober 1964aus Flugabwehrbatterie 80Mai 1972verlegt nach Hamburg-Fischbek, Röttiger-KaserneFeldartilleriebataillon 311. Mai 1965aus Panzerartilleriebataillon 3131. März 1993aufgelöstPanzerjägerkompanie (Rak) 801. Oktober 1967aus Ausbildungskompanie 6/31980erverlegt in die Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg, dort zum 30. September 1996 aufgelöstUdo Brandes/Michael Neumann: „Die Dritte“ 1956–1994, Bremen o. J. (1994), S. 32Zahnstation H 08/1 Lüneburg 21. Oktober 1968neu aufgestellt30. September 1972in Zahnstation (Terr)H 221 umgegliedertPanzerartilleriebataillon 85Mai 1972verlegt nach Aufstellung am 1. Oktober 1959 im Fliegerhorst Lüneburg, später Theodor-Körner-Kaserne12. November 1992verlegt in Schlieffen-Kaserne und dort zum 1. April 1997 in Geräteeinheit mit Stamm-/Aufwuchsbeziehung zum Panzerartillerielehrbataillon 95 umgewandeltPanzerartilleriebataillon 85/Oberstleutnant Hillmann: 15 Jahre Panzerartilleriebataillon 85 Lüneburg 1959–1974. Tag der offenen Tür. Koblenz/Bonn 1974, S. 12 ff.ABC-Abwehrkompanie 801972verlegt nach Aufstellung am 16. Oktober 1966 aus ABC-Abwehrzug 80 in Lüneburg, Schlieffen-Kaserne1. Oktober 1972in ABC-Abwehrkompanie 3 umbenanntZahnstation (Terr)H 2211. Oktober 1972aus Zahnstation H 08/1 Lüneburg 231. März 1981in Zahnarztgruppe 214/2 umgegliedertABC-Abwehrkompanie 31. Oktober 1972aus ABC-Abwehrkompanie 801. Oktober 1976verlegt nach Emden, Karl-von-Müller-Kaserne, dort am 1. April 1980 in ABC-Abwehrkompanie 11 umbenannt und zum 31. März 1993 aufgelöstArtilleriespezialzug 315. Dezember 1972nach Aufstellung übernommen und der 4./PzArtBtl 85 unterstellt1. April 1986Teilung in Artilleriespezialzüge 3/I und 3/II, Unterstellung Feldartilleriebataillon 31 am StandortPanzerartilleriebataillon 85/Oberstleutnant Hillmann: 15 Jahre Panzerartilleriebataillon 85 Lüneburg 1959–1974. Tag der offenen Tür. Koblenz/Bonn 1974, S. 14Zahnarztgruppe 214/21. April 1981aus Zahnstation (Terr)H 221aufgelöstKasernenfeldwebel Lüneburg 11. April 1981neu eingerichtet30. September 1994aufgelöstFahrschulgruppe Lüneburg 21. Januar 1986neu aufgestellt31. März 1994zur Aufstellung von Kraftfahrausbildungszentrum Lüneburg in der Schlieffen-Kaserne herangezogenArtilleriespezialzug 3/I1. April 1986aufgestellt durch Teilung des Artilleriespezialzuges 3 und dem FArtBtl 31 unterstellt31. März 1993aufgelöstArtilleriespezialzug 3/II1. April 1986aufgestellt durch Teilung des Artilleriespezialzuges 3 und dem FArtBtl 31 unterstellt31. März 1993aufgelöstEvangelischer Standortpfarrer Lüneburg IIneu eingerichtetaufgelöstMaterialausstattung Sanitätsbereich 25/8neu aufgestelltaufgelöst
Mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Ende des Kalten Krieges und der Deutschen Wiedervereinigung verpflichtete sich die Bundesrepublik im Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Reduzierung der Bundeswehr auf 370.000 Soldaten. Damit bestand die dringende Notwendigkeit, Truppenstandorte zu schließen oder deutlich zu verkleinern. Diese Entwicklung traf auch die Scharnhorst-Kaserne in Lüneburg. 1992 zogen die meisten Verbände und Einheiten aus dem Standort ab oder wurden aufgelöst. Im Oktober 1993 war die Besitzeinweisung des Landes, das auf dem Gelände die Universität Lüneburg unterbringen wollte, erfolgt.
Konversion Verlagerung der Leuphana-Universität Lüneburg Bereits Ende der 1980er Jahre reichten die vorhandenen Räume der Universität Lüneburg und der Fachhochschule Nordostniedersachsen nicht mehr aus, um die notwendigen Kapazitäten bei einer steigenden Zahl der immatrikulierten Studierenden sicherzustellen. Daher wurde zunächst ein zusätzlicher Neubau als Erweiterung in unmittelbarer Nähe zu einem bereits genutzten Hochschulgrundstück ins Auge gefasst. Dieses Vorhaben gestaltete sich jedoch aufwändig insbesondere hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Flächen und der dafür erforderlichen Grunderwerbskosten. Als infolge der bekanntgewordenen Pläne des Bundesverteidigungsministeriums zur Aufgabe militärischer Liegenschaften das Land Niedersachsen eine interministerielle Arbeitsgruppe einsetzte, meldete im Mai 1991 die Universität Bedarf an. Im Juni 1991 wurde dies untersetzt und eine Verlagerung von Hochschuleinrichtungen und des Studentenwerks auf 200.000 Quadratmeter der Scharnhorst-Kaserne vorgeschlagen. Dabei sollten lediglich Mensa und Bibliothek neu errichtet werden, während die anderen Einrichtungen in vorhandenen Gebäuden untergebracht werden sollten. Im Juli 1991 gab zu diesem Vorhaben das Finanzministerium eine Strukturuntersuchung in Auftrag, die im Oktober 1991 dem Umzug der Universität statt einer Erweiterung am bisherigen Standort den Vorzug gab. Bereits im September 1991 sagte der Bund zu, die Kaserne bis spätestens Ende 1993 zu räumen. Zudem sicherte der Bund im Oktober 1991 einen Kaufpreisabschlag für den Erwerb von Kasernenflächen bei Hochschulnutzungen zu. Dies führte im Dezember 1991 zu einer Ankaufentscheidung des Landes Niedersachsen. Das Staatshochbauamt Lüneburg und das bisher für die Erweiterung am alten Standort beauftragte Architekturbüro wurden zugleich mit den Planungen betraut. Im Oktober 1993 erfolgte die vorläufige Besitzeinweisung in das Grundstück durch den Bund, da die Grunderwerbsverhandlungen noch nicht abgeschlossen waren, und der Baubeginn mit Grundsteinlegung. Bereits im Februar 1994 konnte mit Gebäude 12 (frühere Lehrsäle) ein erster Umbau abgeschlossen und zur Nutzung für die interimsweise Unterbringung von Teilen der Bibliothek und Seminarräumen an die Universität übergeben werden. Im April 1994 folgten die Gebäude 4 (Truppenunterkunft) und 6 (Sanitätsbereich) sowie die Sporthalle (Gebäude Nr. 20, frühere Ausbildungshalle). Mitte 1994 konnte die Cafeteria (Gebäude Nr. 9, zuvor Unteroffizierheim) übergeben werden. Ende 1994 war der erste Bauabschnitt mit zwei Hörsaalneubauten fertiggestellt.