Der Knabe mit FlöteDas Gemälde wird als Knabe mit Flöte betitelt von Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236 und Eintrag auf der Website der Staatlichen Museen zu Berlin. auch Junge mit Federhut und FlöteClaus Grimm: Frans Hals. Das Gesamtwerk, 1989, S. 273. oder Singender Knabe mit FlöteDas Gemälde wird als Singender Knabe mit Flöte betitelt in Seymour Slive: Frans Hals, 1989, S. 172; in Gemäldegalerie (Berlin, West): Katalog der ausgestellten Gemälde des 13.–18. Jahrhunderts, S. 195; in Katja Kleinert, Maria Reimelt, Bertram Lorenz, Maria Zielke: Singender Knabe mit Flöte. In: Peter van den Brink, Wibke Vera Birth: Gestatten, Suermondt! Sammler, Kenner, Kunstmäzen, S. 191. ()Eintrag zum Gemälde Zingende Jongen met fluit auf der Website des RKD — Nederlands Instituut voor Kunstgeschiedenis ist ein um 1627Das Museum datiert das Bild auf um 1627. Siehe Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236 und Eintrag auf der Website der Staatlichen Museen zu Berlin. Claus Grimm gibt um 1626–1627 an, siehe Claus Grimm: Frans Hals and his workshop, Nr. A1.25. Seymour Slive hat abweichend um 1623–1627 angegeben, siehe Seymour Slive: Frans Hals, 1989, Nr. 15, S. 172. entstandenes Gemälde von Frans Hals. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat nach späteren Überarbeitungen heute eine Höhe von 62 cm und eine Breite von 55,2 cm. Ursprünglich war das Gemälde größer, wurde jedoch im Laufe der Zeit umgearbeitet. Es zeigt das genreartige Motiv eines als Musiker kostümierten Jungen, der eine Flöte in der Hand hält. Das Werk kann als allegorische Darstellung des Gehörs und als Vanitassymbol interpretiert werden. Seit 1874 ist das Gemälde Teil der Sammlung der Gemäldegalerie in Berlin.
Beschreibung Das Gemälde zeigt einen Knaben als Halbfigur im Hochformat. Die Identität des Dargestellten ist nicht bekannt, vermutet wird eines der Kinder des Malers, deren Musikalität überliefert ist.Die Vermutung, für die Musikantenbilder von Frans Hals hätten seine Söhne Modell gestanden, hält der Kunsthistoriker Wilhelm Reinhold Valentiner für eine „ansprechende Hypothese“. Siehe Wilhelm Reinhold Valentiner (Hrsg.): Frans Hals, des Meisters Gemälde, S. 27. Arnold Houbraken berichtet von der Musikalität der Kinder von Frans Hals, siehe Arnold Houbraken: Grosse Schouburgh der niederländischen Maler und Malerinnen, S. 4. Seymour Slive hat darauf hingewiesen, dass die Aussagen über die Kinder nicht gesichert sind, siehe Seymour Slive: Frans Hals, 1989, S. 172. Das Motiv ist als Dreieckskomposition angelegt, bei der die Kopfspitze und die unteren Bildecken die Bezugspunkte ergeben.Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236. Vor nahezu monochrom hellgrauem Hintergrund bleibt die örtliche Situation undefiniert. Der Kopf des Dargestellten ist zur rechten Schulter gedreht und leicht zur Seite geneigt.Gemäldegalerie (Berlin, West): Katalog der ausgestellten Gemälde des 13.–18. Jahrhunderts, S. 195. Die gesenkten Augen richten den Blick nach unten. Wohin der Junge schaut, bleibt dabei unklar. Das leicht wellige, schulterlange Haar, das frei über die Stirn und das Ohr fällt, die geröteten Wangen und Nasenspitze sowie die vollen roten Lippen unterstreichen die jugendliche Erscheinung und Vitalität des Dargestellten. Der geöffnete Mund mit den weißen Zähne wurde unterschiedlich gedeutet. Neben der Erklärung, der Junge habe soeben seine Darbietung beendet, gibt es die Vermutung, er zeige sein „ungehemmtes Lachen“.
Vor der Brust hält er mit den leicht gekrümmten Fingern der rechten Hand eine braune Blockflöte. Dabei bedecken die mittleren Finger die oberen Löcher des Musikinstrumentes. Hierdurch kann der Eindruck entstehen, „als hätte er sein Spiel kurz unterbrochen.“ Die linke Hand ist bei angewinkeltem Arm nach oben gestreckt, wobei die offene Innenfläche nach vorn zeigt und die Finger ausgestreckt sind. Diese Geste der offenen Hand und der nach unten gerichtete Blick des in sich versunkenen Musikers erwecken den Eindruck, als würde er „dem Echo von verklingender Musik lauschen“.
Ungewöhnlich ist das „Theaterkostüm“, das „ganz gewiß keine übliche Tracht für Haarlemer Knaben um 1620“ darstellt, sondern ihn als Musiker kennzeichnet, wie der Kunsthistoriker Seymour Slive feststellt. Hierzu gehört ein rötlicher Mantel, ein graubraunes Wams und darunter ein weißes Hemd, das am Kragen und Ärmel hervorschaut. Neben diesen eher schlichten Bekleidungsstücken trägt der Junge eine auffällige Kopfbedeckung. An einem auf der rechten Kopfhälfte schräg platzierten Barett ist eine „üppige weißblaue Feder“ befestigt, die schwungvoll über den Kopf reicht und sich leuchtend „von den umgebenden Farbwerten absetzt“. Die gesamte Figur wird vom vollen Tageslicht umspielt, ein Schatten erscheint am rechten unteren Bildrand. Dort, neben der erhobenen Hand, ist das Bild mit dem verbundenen Monogramm „FH“ signiert.
Verschiedene Autoren haben die Spontanität und die Lebendigkeit der Darstellung hervorgehoben. Hierzu trägt der „für Hals typische, lockere Farbauftrag“ bei, der „akzentuiert mit kurzen, temperamentvollen Pinselzügen gesetzt ist“, wie die Kunsthistorikerin Katja Kleinert feststellte. Der Frans-Hals-Wiederentdecker Théophile Thoré urteilte, der Künstler würde wie ein Fechter malen und seinen Pinsel wie ein Florett einsetzen.Im Original: „On drait que Frans Hals peignait comme on fait de l’escrime et qu’il faisant fouetter son pinceau comme un fleuret.“ In: Théophile Thoré: Galerie Suermondt à Aix-la-Chapelle, S. 14. Hinzu kommt der ungewohnte Bildausschnitt und eine von Hals gezielt gesetzte Blickführung. So wird der Blick des Betrachters beispielsweise diagonal von der rechten Hand über die schräg gehaltene Flöte zur offenen linken Hand gelenkt. Zudem hebt die Lichtführung das Gesicht hell hervor und zeichnet den Schwung der Feder nach.Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236. Insgesamt besticht das Gemälde durch „die natürlich Fröhlichkeit des Musikanten“ und „die Ungezwungenheit seiner Haltung“ wie Seymour Slive anmerkte. Der Knabe scheint voll von „Lebensfreude und Begeisterung“ dem „Klang verhallender Musik zu lauschen“, stellte Katja Kleinert fest. Anlässlich der Ausstellung des Bildes 2018 stellte ein Autorenteam fest: „Das Bild ist ein Meisterwerk der suggerierten Natürlichkeit und Ungezwungenheit.“Katja Kleinert, Maria Reimelt, Bertram Lorenz, Maria Zielke: Singender Knabe mit Flöte. In Peter van den Brink, Wibke Vera Birth: Gestatten, Suermondt! Sammler, Kenner, Kunstmäzen, S. 191.
Überarbeitungen mini|Frans Hals: Knabe mit Flöte mit Ergänzungen am unteren Bildrand, die nicht von Frans Hals stammen. Die heutige Fassung des Gemäldes entspricht nicht mehr ganz dem von Frans Hals geschaffenen Werk. Das ursprünglich etwa 6 cm höhere Gemälde ist später von einem unbekannten Maler verändert worden. In dieser überarbeiteten Fassung gelangte das Bild Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Kunstmarkt und wurde entsprechend dokumentiert.Als Barthold Suermondt das Gemälde 1856 in Amsterdam erwarb, wurde das Liederbuch im Katalogtext erwähnt. Siehe Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236, Fußnote 3. Der Grund für die Veränderung des Bildes ist nicht bekannt, möglicherweise sollte so eine Beschädigung am unteren Bildrand und an der unteren linken Bildecke behoben werden.
Anlässlich der Untersuchung des Gemäldes 1959/1960 in der Berliner Gemäldegalerie entdeckte der Restaurator Hans Böhm wesentliche Veränderungen an der Leinwand, die sicher nicht von Frans Hals stammten.Claus Grimm: Frans Hals and his workshop, 2024, Nr. A1.25. Er stellte fest, dass am unteren Bildrand ein Leinwandstreifen hinzugefügt wurde. Diese Ergänzung zeigt ein aufgeschlagenes Liederbuch und den unteren Teil der Flöte. Hierdurch ergab sich eine inhaltliche Diskrepanz, da der Knabe nicht auf des Liederbuch vor ihm, sondern daran vorbei schaute.Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236, Fußnote 6. Diese Bildergänzung wird seit der Restaurierung vom Bildrahmen verdeckt. Bei der Restaurierung wurden zudem die von fremder Hand später hinzugefügten und weit ins Bild ragenden Übermalungen entfernt. Dies betraf vor allem den Bereich von Wams und Ärmel. Der Kunsthistoriker Claus Grimm bemängelte, dass durch die Restaurierung der verkürzte Oberarm hinter der ausgestreckten Hand zerstört wurde und das Bild dadurch an dieser Stelle unverständlich sei.
Nach der Restaurierung und der Abdeckung des unteren Bildstreifens gingen verschiedene Kunsthistoriker zunächst davon aus, das Gemälde sei ursprünglich entsprechend kleiner gewesen und hätte nahezu quadratische Abmessungen gehabt. Die Auswertung der Röntgenaufnahme des Gemäldes hat jedoch ergeben, dass die Fadenfolge der unteren Anstückelung bei einer Drehung um 180 Grad fadengenau zur Struktur der Leinwand am oberen Bildrand passt, folglich der Leinwandstreifen vorher dort abgeschnitten und dann am unteren Bildrand angefügt wurde.Peter van den Brink, Wibke Vera Birth: Gestatten, Suermondt! Sammler, Kenner, Kunstmäzen, Nr. 24. Zudem entsprechen die Farbschichtfolgen der Anstückelung vor der Übermalung jenen vom oberen Gemäldeteil. Die ursprünglichen Maße des Gemäldes betrugen vermutlich 70 × 57 cm.Katja Kleinert: Knabe mit Flöte. In: Jaap van der Veen, Friso Lammertse, Bart Cornelis, Erik Eising, Dagmar Hirschfelder: Frans Hals, Meister des Augenblicks, S. 236, Fußnote 5. Das Gemälde wirkte dadurch deutlicher als Hochformat, in dem der Knabe nur zwei Drittel der Fläche einnahm. Katja Kleinert hob hervor, dass durch den „räumlich größeren Kontext“ der Maler „seinem Bild dem Aspekt des Klanges und der Resonanz im wahrsten Sinne des Wortes großzügig Raum gewährte.“
Vorbilder Frans Hals griff bei seinen Genrebildern der 1620er Jahre wiederholt auf Werke der so genannten Utrechter Caravaggisten zurück. Die in Utrecht aktiven Maler, darunter Hendrick ter Brugghen, Gerrit van Honthorst, Dirck van Baburen und Abraham Bloemaert, arbeiteten im Stil des italienischen Malers Caravaggio und übernahmen dessen naturalistische Bildgestaltung und Lichtführung. Diese Maler waren teilweise zuvor nach Italien gereist und hatten dort dessen Werke im Original studiert. Danach übertrugen sie die neuen Bildideen auf ihre eigenen Werke.Seymour Slive: Frans Hals, 1989, S. 172. Verschiedene Kunsthistoriker gehen davon aus, dass Frans Hals die Arbeiten seiner zeitgenössischen Malerkollegen kannte, zumal Utrecht nur rund 50 Kilometer von seinem Wohnort Haarlem entfernt ist.Beispielsweise Seymour Slive: Frans Hals, 1989, S. 172. Hals hatte sich bereits in seinen früheren Werken an den Vorbildern aus Utrecht orientiert. So erprobte er die Lichtführung, wie sie im Bild Knabe mit Flöte angewandt wurde, bereits 1624 in seinem Gemälde Der lachende Kavalier und auch beim um 1624–1626 entstandenen Bild Lautenspieler mit Weinglas in der Hand.