Hubert Otto Freiherr von Leoprechting (* 2. Februar 1897 in Neuötting; † 12. Dezember 1940 im Konzentrationslager Mauthausen) war ein bayerischer Separatist, Agent, Publizist, Hochstapler und verurteilter Hochverräter, der 1922 in einen politischen Skandal der Weimarer Republik verwickelt war. Die „Leoprechting-Affäre“ war ein Höhepunkt der Spannungen zwischen Berlin und München sowie zwischen Berlin und Paris.

Herkunft und Jugend Sein Vater war Franz Xaver Karl Otto von Leoprechting (* 13. Dezember 1872; † 9. November 1939), seine Mutter Amalie von Cetto (* 8. Mai 1868; † 26. November 1940). Ihre Ehe wurde am 22. Mai 1894 geschlossen. Er hatte mehrere Geschwister. Die Familie Leoprechting ist ein altes bayerisches Adelsgeschlecht. Die Familie gehört zu den Nachfahren von Hedwig vom Gleiberg (etwa 939–993 n. Chr.).Roland-Datenbank, Genealogisch-Heraldische Arbeitsgemeinschaft: „Hubert Otto v. Leoprechting“, Personen-Kennung I068085, Familien-Kennung F35608 https://tng.rolandgen.de/getperson.php?personID=I068085&tree=Hedwig (Abruf am 26. Juli 2024)

Bei Kriegsausbruch im August 1914 befand sich der Abiturient Leoprechting auf einer Ferienreise zu Verwandten in Frankreich. Er wurde als Deutscher identifiziert und in einem Zivilgefangenenlager interniert. Erst nach Kriegsende wurde er Ende 1918 entlassen und kehrte, immer noch nicht volljährig, nach Deutschland zurück.Kölnische Zeitung (1922, 4. Juli). „Der Hochverratsprozess Leoprechting. Die Unterlagen der Anklage“. Nr. 465, 2. Morgen-Ausgabe, Seite 5 [Digitalisat Zeitungsportal] Westdeutsche Landeszeitung (1922, 14. Juli). „Politik und Hochverrat. Ein hochpolitischer Prozess in München“. 51. Jg., Nr. 161, Seite 5 [Digitalisat Zeitungsportal]

Nach seiner Rückkehr schrieb er sich 1919 an der Universität München ein. Ab Wintersemester 1918/19 war er für ein Jurastudium eingeschrieben und blieb dies auch für die folgenden Semester.Personalstand der Ludwig-Maximilians-Universität München. Winter-Halbjahr 1918/19, Seite 108 [Digitalisat] Zumindest zeitweise schien er in ein Medizinstudium wechseln zu wollen.Berufsangabe „stud. med.“ in: Bayerische Reichswehr, 1. Schützen-Regiment 41, z. Kompanie (früher 11. Kompanie) 22034-Stammrolle 2 Band 2, Seite 54, Nr. 160 [Digitalisat Ancestry, abgerufen am 26. Juli 2024] Nach Erinnerung der Zeitzeugin Erna Pöller, die sich 1990 an die Süddeutsche Zeitung wandte, war Leoprechting Untermieter ihrer Eltern und studierte Medizin. Tucher, Nanette von (2021). Der Mord an Kurt Eisner durch Anton Graf von Arco auf Valley. Utzverlag: München, S. 349. Google Books Er gehörte der studentischen Burschenschaft Danubia München an. Der Ehrenrat schloss ihn wegen Lügen und Diebstahl im September 1920 aus der Burschenschaft aus.Kölnische Zeitung (1922, 4. Juli). „Der Hochverratsprozess Leoprechting. Die Unterlagen der Anklage“. Nr. 465, 2. Morgen-Ausgabe, Seite 5 [Digitalisat Zeitungsportal]

Leoprechting war Monarchist und gegen die sozialistische Führung des Freistaats Bayern eingestellt. Wie andere Mitglieder der Burschenschaft Danubia nahm er an der Niederschlagung der Räterepublik München teil.

Einer Zeitzeugin, der Tochter seiner Vermieterin, zufolge soll er sogar ein Komplize des Mordes an Ministerpräsident Kurt Eisner am 21. Februar 1919 gewesen sein: Die dahinter stehende Gruppe loste angeblich den Attentäter unter sich aus. Hätte Eisners Mörder Anton Graf von Arco auf Valley keinen Erfolg gehabt, wäre Leoprechting eingesprungen, um das Attentat zu Ende zu bringen. Es gibt aber keine belastbaren Belege für diese Vermutung.Behauptet wurde dies von der Zeitzeugin Erna Pöller, die sich 1990 an die Süddeutsche Zeitung wandte. Leoprechting sei Untermieter ihrer Eltern gewesen. Sie meinte sich zu erinnern, von dieser Verbindung 1919 gehört zu haben Tucher, Nanette von (2021). Der Mord an Kurt Eisner durch Anton Graf von Arco auf Valley. Utzverlag: München, S. 349. [Google Books]

Nach den Bürgerkriegsmonaten trat er, noch Student, mit dem Dienstgrad Schütze in das 1. Schützen-Regiment 41 der bayerischen Reichswehr ein.Bayerische Reichswehr, 1. Schützen-Regiment 41, z. Kompanie (früher 11. Kompanie) 22034-Stammrolle 2 Band 2, Seite 54, Nr. 160 [Digitalisat Ancestry, abgerufen am 26. Juli 2024] Wie lange er zur Reichswehr gehörte, die im Zuge des Versailler Vertrags drastisch verkleinert werden musste, ist nicht bekannt. Die Auflösung zahlreicher Einheiten war ein Kernmotiv für die Verschwörer des Kapp-Lüttwitz-Putsches. Leoprechting gründete 1919 auch eine Geheimgruppe „Bergland“, die offenbar Nähe zu den Kapp-Organisationen suchte. Nach dem Scheitern des Putsches wurde „Bergland“ 1920 aufgelöst. Übrig blieben Finanzprobleme. Um Geld zu beschaffen, soll Leoprechting zu „Unterschlagungen und Betrügereien“ gegriffen haben.Kölnische Zeitung (1922, 4. Juli). „Der Hochverratsprozess Leoprechting. Die Unterlagen der Anklage“. Nr. 465, 2. Morgen-Ausgabe, Seite 5 [Digitalisat Zeitungsportal]

Agent und Journalist

Im Auftrag der Gesandtschaft Frankreichs 1920 eröffnete Frankreich in München seine 1914 geschlossene diplomatische Vertretung wieder, obwohl Bayern unter der neuen Reichsverfassung keine außenpolitischen Souveränitätsrechte mehr innehatte. Paris verfolgte in Süd- und Westdeutschland inoffiziell und auch mit subversiven Mitteln eine Politik, die den deutschen Nationalstaat schwächen, Separatisten und Autonomiebewegungen fördern sollte. Am 16. Juli 1920 übernahm der Gesandte Émile Dard den Posten. Bereits zwei Wochen später soll er Leoprechting kennengelernt haben. Von da an hielten sie engen Kontakt, und Leoprechting diente sich als Agent und publizistischer Helfer an. Die Motivlage blieb stets unklar; immer wieder wurde diffus auf seine französische Internierung während des Weltkriegs oder auf eine verzweigte Verwandtschaft in Frankreich hingewiesen.

Im späteren Hochverratsprozess wurde festgestellt, dass er vom Sommer 1920 bis Januar 1922 von Dard regelmäßige Zahlungen erhielt. Es soll sich um 3000 Mark im Monat und Sonderzahlungen gehandelt haben, Leoprechting zufolge insgesamt 50.000 Mark. Die Staatsanwaltschaft ging von 67.000 Mark aus. Er entwarf Organisations- und Propagandapläne, die im Sinne Frankreichs separatistische Bestrebungen fördern sollten. Er schlug vor, eine Art Nachrichtenbüro zu betreiben, das Informationen über Reichswehr, bayerische Einwohnerwehren, die Orgesch sowie rechtsradikale Parteien in Bayern sammeln sollte. Leoprechting geriet jedoch ins Visier der Polizei und setzte sich kurzzeitig nach Österreich ab. Er hatte Urkunden und Briefe gefälscht, um mit dem Namen des Kronprinzen Rupprecht von Bayern werben zu können.Kölnische Zeitung (1922, 4. Juli). „Der Hochverratsprozess Leoprechting. Die Unterlagen der Anklage“. Nr. 465, 2. Morgen-Ausgabe, Seite 5 [Digitalisat Zeitungsportal]

Der Historiker Hans Fenske bezeichnet Leoprechting als „Einzelgänger, der auch im betont bayerischen Lager der [nationalen konservativen und rechtsradikalen] Bewegung keine Resonanz fand“. Dass sich der Gesandte Dard überhaupt mit ihm einließ, deutet Fenske als Mangel an Alternativen bei der Suche nach V-Leuten und Helfern in der Presse. Frankreich habe die im Versailler Vertrag vorgesehene Auflösung der bayerischen Einwohnerwehren durchgesetzt und damit alle Sympathie in rechts stehenden Kreisen verspielt. So habe es für nachrichtendienstliche Aufgaben nur noch Verbindungen zu „Einzelgängern und Phantasten“ und „krassen Einzelgängern“ herstellen können. Neben dem Fall Leoprechting führt Fenske als Beispiel die von Frankreich mitfinanzierte Fuchs-Machhaus-Verschwörung 1922/23 an, die einen Umsturz in Bayern und damit die Loslösung vom Reich erreichen wollte.Fenske, Hans (1969). Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918. Bad Homburg, Berlin, Zürich: Gehlen, S. 135. – Zur Fuchs-Machhaus-Verschwörung und der Rolle Frankreichs: Hübner, Christoph (2006, 11. Mai). „Blücherbund, 1922/23“. Historisches Lexikon Bayerns (Abruf am 2. August 2024)

Verleger und Herausgeber Dem Bayern-Regionalhistoriker Wolfgang Zorn zufolge war Leoprechtings Auftrag und Absicht die Provokation einer Staatskrise, die bestehende Konflikte zwischen Berlin und München wechselseitig eskalieren sollte: Er „wollte durch übertreibende Nachrichten von bayerischem und kronprinzlichem [gemeint: Kronprinz Rupprecht von Bayern] Reichsverrat die Reichsregierung zu scharfen Maßnahmen und eben damit zur Auslösung des Bruches reizen.“Zorn, Wolfgang (1986). Bayerns Geschichte im 20. Jahrhundert : von der Monarchie zum Bundesland. Beck : München, S. 257.

Im September 1921 gründete Leoprechting – vermutlich mit Einverständnis Dards – einen Informationsdienst. Die Neudeutsche Korrespondenz, kurz Endeko, erschien drei Mal wöchentlich. Sie richtete sich als Pressedienst, also journalistischer Artikelservice, an Zeitungsredaktionen.Dieser Dienst ist nicht zu verwechseln mit dem einige Jahre später gegründeten Pressedienst Neue Deutsche Korrespondenz zur Unterhaltung und Belehrung aus allen Gebieten des Lebens, kurz Ne-De-Ko, in Münster (Westfalen), der etwa 80 Zeitungen mit Artikeln zu Feuilleton, Wissenschaft und Technik belieferte. Leoprechting gelang es, 150 bis 200 Abonnenten zu gewinnen, darunter auch Empfänger in Frankreich.Müller, Andrea M. (2010). „Die Leoprechting-Affäre“, in: Die französische Gesandtschaft in München in den Jahren der Weimarer Republik: französische Politik im Spiegel der diplomatischen Berichterstattung. Herbert Utz Verlag : München, Seite 224ff., 358. Eine Zusammenarbeit mit der kleinen Deutschen Nachrichtenagentur (Dena), Berlin, wurde angestrebt, kam aber wegen Leoprechtings hoher Geldforderungen nicht zu Stande.Schwarz, RKO, Vermerk für den Preußischen Minister des Innern, Carl Severing, 30. März 1922, fol. 72ff., Bundesarchiv, Akte R 43-I/2260, Hochverratsfall Hubert Freiherr v. Leoprechting (Unterstützung französischer separatistischer Bestrebungen in München), September 1921 – Februar 1928. [Digitalisat auf Invenio] Die Artikel wurden nicht sehr häufig gedruckt. Daneben erschien das N. D. B. Nachrichtenblatt als vertraulicher, exklusiver Hintergrunddienst für Institutionen und Einzelpersonen. Die Dienste wurden als vervielfältigte Schreibmaschinentexte verschickt.

Leoprechting stellte sich dem Vertreter des Reichs in München, Julius Graf Zech, sowie in Berlin der Presseabteilung der Reichsregierung und dem (von Preußen verwalteten) Reichskommissariat für die Überwachung der öffentlichen Ordnung (RKO) vor. Er präsentierte sich als reichstreuer Journalist und als Vermittler in die reichsfreundliche bayerische Presse. Er warb Abonnements für seine Korrespondenz, versuchte politische Aufträge zu erlangen und sandte den Berliner Ämtern strategische Denkschriften zu, um die Bestrebungen von Separatisten und Monarchisten in Bayern einzudämmen. Das hatte teilweise Erfolg. Im späteren Hochverratsprozess wurde festgestellt, dass Leoprechting im Herbst und Winter 1921 aus Geheimfonds der Presseabteilung mindestens 30.000 Mark, vom Reichskommissariat mindestens 15.000 Mark für seine Berichte erhielt.