mini|alt=fünfstöckiges Haus, davor Wiese, ganz vorne: Zaun.|Altbau des Hermann-Gocht-Hauses (2024) { "type": "FeatureCollection", "features": [

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] } Das Hermann-Gocht-Haus im Zwickauer Stadtteil Weißenborn ist ein christlich geprägtes Wohnheim für Gehörlose und Hörgeschädigte sowie Mehrfachbehinderte. Die Anfangszeit ist eng mit dem Leben des späteren Namensgebers verknüpft. Nach der deutschen Einheit wurde das Heim der Diakonie durch einen Neubau erweitert.

Architektur Der Altbau von 1914 ist ein Putzbau im zeittypischen Jugendstil.Papenfuß 2012, S. 72. Ein Relief über dem historischen Haupteingang zeigt einen Tauben, der Jesus bittet, ihn hörend zu machen. Dieser weist einladend auf die Buchstaben „HEIM“. Damit ist der Anspruch formuliert, den Bewohnenden ein verständliches Umfeld zu bieten.Barth 2008, S. 5. Zur optimalen Kommunikation gibt es große Fenster und breite Gänge.Papenfuß 2012, S. 72 (Der entsprechende Absatz ist nur zu lesen, wenn der Text auf der Seite markiert wird. Er überlappt dann so das Bild „Taubstummenheim 1913“).

Der moderne Neubau von 2001 besteht aus grauen Quadern. Einer davon dient als ebenerdige seitliche Verbindung zum Altbau. Im Zentrum steht aber eine schräge Fassade aus Glaselementen und eine gelbe gerade Wand. Auf letzterer ist silbern das Diakonie-Zeichen und der aktuelle Name „Hermann-Gocht-Haus“ abgebildet.

Hermann Gocht Gründer des Heims war Hermann Gocht (* 14. November 1862 in EbersbachKrauß 2002; Papenfuß 2012, S. 69. Abweichender Geburtsort bei Käbisch 2004: „in Zwickau“.; † 23. Dezember 1959Papenfuß 2012, S. 69.), Zwickauer Pfarrer und erster Sächsischer GehörlosenseelsorgerBarth 2008, S. 36..

Bis zur Heimgründung Gocht wuchs im Osten des Königreichs Sachsen als Kind eines gleichnamigen Färbermeisters auf. Prägend war der frühe Kontakt mit einem gehörlosen Nachbarskind. Nach Volksschule und Gymnasium ging Gocht nach Leipzig um evangelische Theologie an der dortigen Universität zu studieren. Nach dem Abschluss war er ab 1887 drei Jahre Hilfslehrer an der örtlichen Gehörlosenschule.Krauß 2002; Papenfuß 2012, S. 69.

1891 zog Gocht nach Zwickau und blieb dort: An der Marienkirche war er zunächst Kandidat im Predigtamt, später vollwertiger Pfarrer und Sächsischer Gehörlosenseelsorger. Gocht hielt monatliche Sondergottesdienste in Deutscher Gebärdensprache (DGS), zweimal im Jahr mit Abendmahl. Die Kommunikation mit Taubblinden erfolgte über Lormen. Das Gottesdienstzimmer befand sich in der nordwestlichen Ecke der Kirche, also links des Haupteingangs. Zwickaureisen waren für Betroffene aus dem Sächsischen Königreich bis 1893 kostenlos, danach nur noch ermäßigt. Zudem setzte die Stadt ab 1903 Gocht als Gebärdensprachdolmetscher bei der Kommunikation von Ämtern ein. Er organisierte ferner den ab 1908 jährlich stattfindenden Sächsischen Taubblindentag.Krauß 2002; Papenfuß 2012, S. 69–70.

Heimgründung und -verwaltung Der 1905 aus der sächsischen Lehrerschaft heraus gegründete Fürsorgeverein für Taubstumme [!] im Königreich Sachsen strebte ein Heim an, um die prekäre Lage der Zielgruppe abzufedern, denn die herkömmlichen Armen- und Pflegehäuser waren auf diese nicht eingestellt, was zu besonderer sozialer Isolation führte. Gocht setzte diese Idee in seiner Stadt um. Dafür organisierte er Unterstützung: Die Baukosten übernahm der taubgeborene Kommerzienrat Friedrich Falck, der aus seiner hohner steinkohleindustriellen Erbschaft insgesamt 120.000 Mark spendete. Weiterhin spendeten Kommerzienrat Carl Wolf (6.000 Mark für das Grundstück), zwei anonyme Frauen (5.500 Mark) und die Stadt Zwickau (1.000 Mark). Neben dieser finanziellen Unterstützung gab es auch direkte: Großkaufmann Simon Schocken stiftete die Inneneinrichtung. Der Architekt Gustav Hacault und der Gartenarchitekt Paul Lorenz verzichteten beide auf ihre Honorare. Langfristig sollte der Betrieb durch Vermögenszinsen des bereits 1900 gegründeten Sächsischen Taubstummenbundes (?) sowie durch Gelder der Herkunftsgemeinden der Bewohnenden sichergestellt werden.Papenfuß 2012, S. 70–71; Peschke 2017, S. 132. Möglicherweise meint Papenfuß den Fürsorgeverein statt den Taubstummenbund. Das wäre naheliegender, weil er die Projektidee direkt forcierte und würde auch besser zu der beschriebenen Problematik während des Ersten Weltkriegs passen. Da die Verwechslung nicht bewiesen ist, bleibt der Text hier aber nahe an der Quelle.

Das Sächsische TaubstummenheimDie Quellen widersprechen sich in der genauen Bezeichnung von 1913: Barth 2008, S. 36: „Kirchliches Sächsisches T.“ und „Sächsisch Kirchliches T.“; Käbisch 2004: „Sächsisches T.“; Peschke 2017, S. 132: „Sächsisches Kirchliches T.“ Wahrscheinlich richtig scheint „Sächsisches T.“ zu sein, denn das ist den Namen der Vereine „Sächsischer Taubstummenbund“ (1900) und „Verein Sächsisches Taubstummenheim in Zwickau“ (1917) am ähnlichsten. Der Zusatz „Kirchliches“ wurde erst in der Nachkriegszeit eingeführt, hielt sich bis 2001 und war so sicher den Autoren geläufiger als der ursprüngliche. wurde am 29. Juni 1913 eingeweiht, fast exakt ein Jahr nach Baubeginn.Papenfuß 2012, S. 71–72; Peschke 2017, S. 132 Das Festtags-Programm, an dem 500 Taube sowie der Staats- und Kultusminister Heinrich Gustav Beck teilnahmen, beinhaltete einen Festgottesdienst in der Marienkirche, ein Festessen in der Herberge „Zur Heimat“ und die Besichtigung der Einrichtung.Papenfuß 2012, S. 71. In diesem Zug entstand auch die Samuel-Heinicke-StraßePeschke 2017, S. 234., das Heim trägt die Hausnummer 16. Trotz dieses oralistischen Bezugs waren Gocht und sein Heim verhältnismäßig fortschrittlich:Barth 2008, S. 36–37; Krauß 2002.

nicht nur Pflege, sondern auch Beschäftigung: „Wohnen und Pflegen, Arbeiten, Kommunikation, Freizeit, Feiern und geistlichem Leben“ viel Raum im Haus als auch außerhalb, beispielsweise Doppelzimmer statt Schlafsäle bilingualer Unterricht und Würdigung von Gebärdensprache statt ausschließlicher Oralismus Als der sächsische König Friedrich August III. am 23. April 1914 das Zwickauer König-Albert-Museum einweihte, besuchte er am Nachmittag auch das Heim. Im Speisesaal wurde ein großes Bild des Monarchen enthüllt. Die Hälfte der zu diesem Zeitpunkt 16 Bewohnenden war zusätzlich blind. Um die Qualität der Sinneswahrnehmungen zu steigern, soll der König im Nachgang Zigarren geschickt haben.Papenfuß 2012, S. 72–73.

Für den Ersten Weltkrieg zeichnete der Fürsorgeverein für Taubstumme anfangs noch 4.500 Mark Kriegsanleihe. Über die Zeit verschlechterten sich aber einerseits die Einnahmen, andererseits kamen die Ausgaben zunehmend auch Kriegsgeschädigten zu und damit weniger dem Heim. Um die finanzielle Situation zu stabilisieren, konstituierte sich am 27. September 1917 der nun lokale Verein Sächsisches Taubstummenheim in Zwickau. Gocht war Vorsitzender und übernahm nun so die Verwaltung. Simon Schocken und andere städtische Persönlichkeiten waren im Vorstand vertreten. Zu größerer finanzieller Sicherheit durch Unabhängigkeit sollte Landwirtschaft beitragen: Entsprechend wurde das Grundstück von 7 ha auf 35,6 ha erweitert. Dennoch war die Inflation spürbar.Papenfuß 2012, S. 73–74.

Gocht war Gründungsmitglied im Reichsverband der Gehörlosen Deutschlands (ReGeDe).Käbisch 2004. Die dort genannte Jahreszahl 1925 weicht von der des im Text verlinkten Artikels Reichsverband der Gehörlosen Deutschlands (1927) ab.

Ruhestand Gocht ging 1930 in den Ruhestand. Für die Stadt war das Anlass die hinter dem Heim, parallel zur Samuel-Heinicke-Straße verlaufende Gochtstraße entsprechend zu benennen (Erstnennung 1932Peschke 2017, S. 228.).

Gocht war während der Weimarer Republik Monarchist geblieben und stand dem NS-Regime zunächst positiv gegenüber. So wurde im Speisesaal ein Hitlerporträt neben dem erhaltenen Königsbild von 1914 aufgehängt. Zum 25-jährigen Jubiläum 1938 war der jüdische Unterstützer Simon Schocken, der bereits 1929 gestorben war, in der Festschrift unsichtbar. Gocht hingegen wurde bei diesem Anlass mit der Wichern-Plakette der Inneren Mission ausgezeichnet.Käbisch 2004; Papenfuß 2012, S. 74–75.

1940 bedrohte das rassenhygienisch und kriegswirtschaftlich motivierte Massenmordprogramm Aktion T4 unmittelbar das als „lebensunwert“ bezeichnete Leben von Heimbewohnenden, woraufhin Gocht verdeckt Widerstand leistete: Zunächst musste Gocht zu allen 44 je einen Meldebogen ausfüllen und zur Zentraldienststelle T4 schicken. Am 30. September wurden 5 Bewohnende in die als Geisteskrankenanstalt Zschadraß im heutigen Colditz getarnte Zwischenstation gebracht, um sie von dort nach einigen Tagen in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein zu bringen und zu vergasen. Die grundsätzliche Gefahr ahnend reiste Gocht umgehend nach Zschadraß und sprach bei dem Leitenden Arzt Max Alwin Liebers vor, der sich nicht entscheidungsbefugt gab. Am Folgetag beim Innenministerium in Dresden trat er in der Sache naiv – nur sein Heim sei ein angemessener Ort –, aber selbstbewusst auf. Das war erfolgreich: Nach zehn Tagen wurden die 5 Bewohnenden zurückgebracht.Barth 2008, S. 37; Käbisch 2004; Krauß 2002; Papenfuß 2012, S. 75.

Bei einem amerikanischen Luftangriff am 7. Oktober 1944 kam es zu leichteren Schäden am Heim. Durch die Aufnahme von Ausgebombten, durch amerikanische Beschlagnahmung wohnungslos Gewordenen und Geflüchteten erreichte das Heim mit Angestellten und regulären Bewohnenden einen Personenstand von 103. Die Ressourcen waren durch Raub, Beschlagnahmung und Lieferengpässe zusätzlich reduziert, sodass die Versorgungslage sehr schlecht war. Die Mangelernährung führte zu weniger Arbeitsleistung, ein Teufelskreis, und zu schlechter Gesundheit: Noch 1947 gab es drei Todesfälle infolge von Tuberkulose.Papenfuß 2012, S. 75–76. Zu den materiellen Problemen kamen institutionelle Herausforderungen. Die Initiative aus der Ost-CDU die Stätte in ein städtisches Kinderheim umzuwandeln wurde im Stadtrat abgelehnt. Ein Befehl zur Auflösung aller Vereine in der Sowjetischen Besatzungszone wurde mit der Umbenennung des im Ersten Weltkrieg gegründeten Vereins in Sächsisches Kirchliches Taubstummenheim Zwickau umgangen. Nach und nach stabilisierte sich zwar das Heim in der DDR, dennoch war Mangelwirtschaft eher Regel als Ausnahme.Papenfuß 2012, S. 76. Demnach hieße er „Sächsisch Kirchl…“. Abgleiche mit historischen Postkarten und der allgemeinen Grammatik deuten darauf hin, dass tatsächlich die Silbe „-es“ vorhanden war.

Die Leipziger theologische Fakultät, an der Gocht studiert hatte, verlieh ihm 1956 die Ehrendoktorwürde bevor er 1959 starb.

Familie Gocht hatte mindestens ein Kind namens Gotthold. Über die Mutter und mögliche weitere Kinder schweigen die herangezogenen Quellen.

Seit dem BRD-Beitritt mini|alt=flache Hausfassade: gelber Teil gerade, mit der Aufschrift Hermann-Gocht-Haus, links daneben eine gewölbte Fassade aus Glaselementen. An die genannten Teile schließen graue Elemente an. Im Vordergrund Bänke und Grünbewuchs.|Teil des Neubaus (2024)