mini|Silvio Gesell (1895)

Johann Silvio Gesell (* 17. März 1862 in Sankt Vith, Rheinprovinz; † 11. März 1930 in der Obstbau-Genossenschaft Eden bei Oranienburg) war ein deutsch-argentinischer Kaufmann, Finanztheoretiker, Sozialreformer und Begründer der Freiwirtschaftslehre. In der Münchner Räterepublik 1919 war er auf Vorschlag von Erich Mühsam und Gustav Landauer als Finanzminister tätig.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Gesells Ideen nur im überschaubaren Kreis seiner Anhängerschaft publiziert und diskutiert. Seit der Jahrtausendwende geriet Gesell wieder stärker in den Blick der Öffentlichkeit. Gründe dafür sind unter anderem die Diskussionen rund um die sogenannten Regional- und KryptowährungenZum Beispiel Businessinsider.de: Bitcoin. Eine alternative Währung von 1932 könnte Hinweise auf die Zukunft geben (April 2018); eingesehen am 2. Februar 2020 sowie um die Niedrigzinspolitik verschiedener Zentralbanken.Zum Beispiel:

Leben mini|links|Ernst Gesell, Silvios Vater (1819–1895) mini|Silvio Gesell als Kleinkind (Bildmitte) mit Mutter und Geschwistern

Silvio Jean Gesell war ein Sohn von Ernst Gesell und dessen Ehefrau Mathilde geb. Talbot und das siebte von neun Kindern.Tabellarischer Lebenslauf Gesells; eingesehen am 30. September 2013. Seine Mutter war die Tochter des Ehepaares Jeanette und Nicolas Joseph Talbot. Die Großmutter Jeanette, auf die der zweite Vorname Gesells verweist, war eine Tochter des bekannten St. Vither Baumeisters Josef Lentz.Siehe dazu Werner Schmid: Silvio Gesell. Die Lebensgeschichte eines Pioniers. Bern 1954. S. 10 ff. Sie arbeitete vor ihrer Eheschließung in Verviers und Andenne als Erzieherin Ferdinando Carlos, des Prinzen von Capua und Bruders Ferdinand des II., König beider Sizilien.florian-seiffert.de: Familienforschung (Mathilde Hortense Josephine Talbot); eingesehen am 4. März 2018. Ernst Gesell, Silvio Gesells Vater, war ein Sekretär des damals preußischen Kreises Malmedy und stammte aus Aachen. Sein Geburtshaus befindet sich in der St. Vither Rathausstraße 81.land.lu: Komischer Gesell (24. August 2012); eingesehen am 13. März 2018 Das Gebäude ist mit einer Gedenktafel versehen.

mini|Der Firmensitz, die „Casa Gesell“, in Buenos Aires

Nach dem Besuch der Bürgerschule in Sankt Vith wechselte Gesell zum Gymnasium in Malmedy. Er musste schon früh für seinen Lebensunterhalt sorgen, verzichtete deshalb auf ein Studium und trat in den Dienst der Deutschen Reichspost ein. Die Beamtenlaufbahn lag ihm jedoch nicht. Er beschloss, bei seinen älteren Brüdern in Berlin den Beruf eines Kaufmanns zu erlernen. Danach lebte er zwei Jahre als Korrespondent in Málaga (Spanien). Widerwillig kehrte er nach Berlin zurück, um den Militärdienst abzuleisten. Anschließend arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in Braunschweig und Hamburg.

mini|Erste Seite des Verkaufskataloges der Firma Gesell, Buenos Aires

Im Jahre 1887 ging Gesell nach Buenos Aires (Argentinien), wo er sich selbstständig machte und eine Filiale des Berliner Geschäfts eröffnete. Die heftigen Wirtschaftskrisen des Landes, die seine Geschäftstätigkeit stark beeinflussten, regten ihn zum Nachdenken über die strukturelle Problematik des Geldwesens an. 1891 veröffentlichte Gesell seine erste währungstheoretische Schrift: Die Reformation des Münzwesens als Brücke zum sozialen Staat. Es folgten Nervus rerum und Die Verstaatlichung des Geldes. Nachdem er 1890 sein argentinisches Geschäft seinem Bruder übereignet hatte, kehrte er 1892 nach Europa zurück.

Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Deutschland ließ sich Gesell in Les Hauts-Geneveys im Kanton Neuenburg in der Schweiz nieder, wo er einen Bauernhof erworben hatte. Neben seiner Arbeit in der Landwirtschaft widmete er sich weiterhin volkswirtschaftlichen Studien und der Schriftstellerei. Der von ihm 1900 gegründeten Zeitschrift Die Geld- und Bodenreform war kein großer Erfolg beschieden; sie musste aus finanziellen Gründen bereits 1903 wieder eingestellt werden.

Von 1907 bis 1911 lebte Gesell wieder in Argentinien. Danach siedelte er nach Deutschland über und wählte als Wohnsitz die vegetarisch ausgerichtete, von Franz Oppenheimer mitbegründete Obstbaugenossenschaft Eden in Oranienburg nördlich von Berlin. Hier gründete er gemeinsam mit Georg Blumenthal die Zeitschrift Der Physiokrat. Im März 1916, während des Ersten Weltkriegs, wurde die weitere Herausgabe von der Kriegszensur verboten. Gesell verließ Deutschland und begab sich wieder auf seinen Bauernhof in der Schweiz. Durch seine Geschäfte hatte er ein gewisses Vermögen erworben, mit dem er so zu disponieren vermochte, dass Krisen ihm nicht in größerem Umfang schadeten. Außerdem wurde er von Freunden unterstützt, besonders von Paul Klemm in Siebenbürgen/Rumänien, einem wohlhabenden Holzfabrikanten, der zuweilen die Druckkosten für Gesells Veröffentlichungen übernahm.

mini|links|Postkarte von Silvio Gesell um 1920. Er schreibt unter anderem: „Das grosse Haus wurde von meinem Urgroßvater gebaut […]“Der gesamte handschriftliche Postkartentext lautet: „Das grosse Haus wurde von meinem Urgrossvater gebaut [Pfeil]. Habe hier noch viele alte Bekannte getroffen. Obschon ich seit 30 Jahren nicht mehr dort war, hielten mich manche in den Strassen an. Dir Luder kenne ick. Sie freuten sich alle aufrichtig das verlorene katholische Schaaf wiederzusehen.“, gemeint ist der St. Vither Baumeister Josef Lentz. mini|Silvio Gesells Grab auf dem Stadtfriedhof Oranienburg am 17. März 2023 (Koordinaten: ) mini|Infotafel am Grab (17. März 2023)

Im April 1919 wurde Gesell von Ernst Niekisch in die Revolutionsregierung der Münchner Räterepublik nach München gerufen. Diese bot ihm zunächst einen Sitz in der sogenannten Sozialisierungskommission an und ernannte ihn – nach einem Vorschlag Erich Mühsams und Gustav Landauers – kurze Zeit später zu ihrem „Volksbeauftragten für Finanzen“ mit Sitz in München. In dieser Zeit arbeitete Gesell mit dem Jura-Professor Karl Polenske von der Universität Greifswald sowie mit dem schweizerischen Arzt und Mathematiker Theophil Christen zusammen. Seine Amtszeit dauerte allerdings nur sieben Tage. Nach dem blutigen Ende der Räterepublik wurde Gesell inhaftiert. Dort teilte er die Zelle mit dem Dichter Gusto Gräser, dessen Revolutionsschrift er finanzierte. Nach mehrmonatiger Haft wurde er im Juli 1919 in einem Hochverratsprozess vor einem Münchner Standgericht aufgrund seiner Selbstverteidigungsrede freigesprochen. Die Prozesskosten gingen zu Lasten der Staatskasse. Allerdings wurde er, zusammen mit Gräser und anderen, aus Bayern ausgewiesen. Unmittelbar nach seinem Freispruch nahm Gesell mit seinen Anhängern die Werbetätigkeit für seine Reformideen wieder auf.

Wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik verweigerten ihm als „unerwünschtem Ausländer“ die Schweizer Behörden die Rückkehr auf seinen Bauernhof. Daraufhin zog sich Gesell zunächst nach Rehbrücke bei Berlin, später wieder nach Oranienburg-Eden zurück. Im Jahre 1924 folgte nochmals ein Aufenthalt in Argentinien. Ab 1927 wohnte er wieder in Eden, wo er am 11. März 1930 einer Lungenentzündung erlag und einige Tage später im kleinen Kreis auf dem Stadtfriedhof Oranienburg beigesetzt wurde. Die Grabrede hielt Bertha Heimberg. Silvio Gesell war verheiratet mit Anna, geb. Böttger, und hatte mit ihr vier Kinder. Aus seiner Verbindung mit Georg Blumenthals Ehefrau Jenny Blumenthal geb. Führer ging 1915 Hans-Joachim Führer hervor. Weitere Beziehungen und Kinder hatte Gesell mit Wanda Tomys und Grete Siermann.

Freiwirtschaftslehre

In seinem Buch „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, das 1916 im Selbstverlag erschien, stellte Gesell seine Theorie vor. Dieses Werk ist bis heute wesentliche Grundlage der Freiwirtschaftslehre. Silvio Gesell vertrat eine weltbürgerliche Einstellung. Nach seiner Überzeugung sollte die Erde allen Menschen gleichermaßen gehören, ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Stand, Vermögen, Religion, Alter oder Leistungsfähigkeit. Landesgrenzen müssten überflüssig werden.

Gesell baute seine volkswirtschaftlichen Überlegungen auf den Eigennutz des Menschen als gesundem, natürlichem Antrieb, der es ihm erlaube, seine Bedürfnisse zu verfolgen und wirtschaftlich tätig zu sein. Dieser Gegebenheit müsse auch eine Wirtschaftsordnung gerecht werden, sonst sei sie zum Scheitern verurteilt. Deshalb nannte Gesell die von ihm entworfene Wirtschaftsordnung „natürlich“. Mit dieser Haltung stellte er sich bewusst in Gegensatz zu Karl Marx, der eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse forderte. In Berücksichtigung des Eigennutzes trat Gesell ein für freien, fairen Wettbewerb mit gleichen Chancen für alle. Dazu gehörte für ihn der Abbau aller ererbten und gesetzlichen Vorrechte. Jeder sollte einzig seine persönlichen Fähigkeiten einsetzen, damit aber auch sein Auskommen finden können. In der von ihm angestrebten „natürlichen Wirtschaftsordnung“ würde der freie Wettbewerb den Begabtesten gerechterweise das höchste Einkommen sichern, ohne Verfälschung durch Zins und Bodenrente. Ebenso würde sie den weniger Befähigten ein ausreichendes Auskommen gewähren, weil ihnen keine Abgaben für Zins und Bodenrente auferlegt sein würden. Ein gerechter Ausgleich von Arm und Reich wäre möglich. Daneben stünden für die Unterstützung von Bedürftigen genügend Mittel zur Verfügung, weil das erhöhte Durchschnittseinkommen jedem erlaube, für sie das Nötige aufzuwenden.

Beobachtungen in Argentinien Nach dem Sturz des Diktators Juan Manuel de Rosas trat 1853 eine liberale Verfassung in Kraft, die das Land auch für Einwanderer öffnete. Die Wirtschaft begann zu blühen, Schafwolle wurde zum wichtigsten Exportartikel. Ein Rückgang der Weltkonjunktur Mitte der 1870er Jahre und die Einführung einer goldgedeckten Währung führte um 1890 zu einer Wirtschaftskrise. Die exportorientierte Wirtschaft wurde durch die Golddeckungsvorschriften gefesselt. Es entwickelten sich die typischen Zeichen einer deflationären Abwärtsspirale: Abnehmende Geldmenge → Sinkende Löhne → Geldhortung (Konsumrückgang) → Absatzrückgang → Unternehmenspleiten → Massenentlassungen → Massenarbeitslosigkeit.

Der Versuch, durch Ausweitung der Geldmenge den sinkenden Preisen und dem steigenden Geldwert gegenzusteuern, scheiterte, weil die Menschen auch das neue Geld horteten. Das Warenangebot blieb überhöht, die Preise sanken wieder schnell auf das alte Niveau. Langfristige Preiserhöhungen hätten das Sparen unattraktiver gemacht, dadurch die Menschen zu mehr Konsum getrieben, und die heimische Wirtschaft wieder angekurbelt.

Geld und Freigeld Die Analyse der Wirkungen, die die wirtschaftlichen Krisen Argentiniens auf die eigene Geschäftstätigkeit hatte, führte Gesell zu seinen geldpolitischen Thesen.Peter Echevers: J. Silvio Gesell – Die Revolution des Geldsystems ISBN 978-1-291-52576-2, abgerufen am 20. März 2016 Dabei stützt er sich unter anderem auf Pierre-Joseph Proudhons Vorstellung einer „révolution par le crédit“: Proudhon hatte vorgehabt, die von ihm angestrebte Revolution durch Abschaffung des Kredits und durch Vergabe zinsloser Darlehen herbeizuführen.Frédéric Krier: Sozialismus für Kleinbürger. Pierre Joseph Proudhon – Wegbereiter des Dritten Reiches. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2009, S. 61 f. u. ö. Nach Gesells These ist eine gleichmäßige Umlaufgeschwindigkeit des Geldes für eine krisenfreie Wirtschaft von hoher Bedeutung. Gesell forderte, dass Geld der Wirtschaft nur als Tauschmittel dienen, sie aber nicht als Hortungsmittel lähmen darf.