mini|Verlauf von Nord Stream 1 und Nord Stream 2
Nord Stream (), auch Ostsee-Pipelines, sind insgesamt vier Erdgas-Pipelines, die von Russland nach Deutschland verlaufen. Sie bestehen aus den als Nord Stream 1 und Nord Stream 2 bezeichneten Unterwasser-Pipelines mit je zwei Strängen. Alle vier Leitungen sind stillgelegt und außer Betrieb, drei sind zudem durch Sprengungen schwer beschädigt.
Während Nord Stream 1 seinen Startpunkt in Wyborg hat, beginnt Nord Stream 2 in Ust-Luga. Beide Pipelines verlaufen über weite Strecken parallel zueinander auf dem Boden der Ostsee und enden in Lubmin bei Greifswald. Nord Stream 1 nahm im November 2011 den Betrieb auf. Knapp zehn Jahre später wurde Nord Stream 2 fertiggestellt, ging jedoch nie in Betrieb: Bundeskanzler Olaf Scholz stoppte im Februar 2022 aufgrund der russischen Vorbereitungen des Überfalls auf die Ukraine das Genehmigungsverfahren. Im Juli 2022 wurde auch der Gasfluss in Nord Stream 1 von Russland mit Hinweis auf Wartungsarbeiten unterbrochen und Ende August vom Betreiber, dem russischen Staatskonzern Gazprom, vollständig eingestellt. Drei der vier Stränge wurden Ende September 2022 bei einem Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines durch Sprengungen schwer beschädigt. Der vierte Strang wurde stillgelegt.
Nord Stream 1 Rahmendaten mini|hochkant=1.8|Verlauf der Pipeline Nord Stream 1 und ihr Anschluss
Die Nord-Stream-1-Pipeline beginnt im russischen Wyborg und erreicht Deutschland in Lubmin bei Greifswald. Sie hat eine Länge von 1224 Kilometern und verbindet die Gasfelder Juschno-Russkoje und Stockmann in der Barentssee mit Deutschland. Eigentümer und Betreiber der Nord Stream 1 ist die Nord Stream AG, deren Anteile von Gazprom (51 %) sowie Wintershall Dea, E.ON, Gasunie und Engie gehalten werden. Territorialrechtlich verläuft die Pipeline beim jeweiligen Anschluss durch die Hoheitsgewässer Russlands und Deutschlands, jedoch auch auf einer Länge von ca. 100 km durch die Hoheitsgewässer Dänemarks, wo sie ca. 10 km östlich und südöstlich der Küste Bornholms liegt. Der größte Teil der Strecke liegt außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer, jedoch innerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszonen Finnlands, Schwedens und Dänemarks.
Aufgrund ihrer Zuständigkeiten waren diese Länder verpflichtet, die notwendigen Genehmigungen für den Bau der Pipeline zu überprüfen, was je nach Sichtweise auch als politischer Einfluss ausgelegt werden könnte.nord-stream.com
2018 wurden 58,8 Milliarden Kubikmeter Gas durch die beiden Stränge der Pipeline Nord Stream 1 zur EU transportiert. Das waren etwa 16 % des gesamten Erdgas-Imports der EU in jenem Jahr von 363 Milliarden Kubikmetern.ec.europa.eu Quarterly Report Energy on European Gas Markets / Market Observatory for Energy, DG Energy, Band 11, 4. Quartal 2018, abgerufen am 22. Juli 2022. 2019 waren es 58,5, 2020 und 2021 59,2 Milliarden Kubikmeter.nord-stream.com (PDF).
Die Kosten für den Bau der Pipeline betrugen nach Angaben der Nord Stream AG rund 7,4 Milliarden Euro; ursprünglich war im Unternehmen von „mehr als 4 Milliarden Euro“ ausgegangen worden. Die Gesamtkosten wurden zu 30 % aus Eigenmitteln der beteiligten Unternehmen finanziert und zu 70 % über Kredite.
Planung und Bau Planung mini|hochkant=1.5|Größte Pipelines, die Erdgas aus Russland in die EU transportieren (Stand November 2009 samt Planungen und Nord Stream (1))
Der Vorschlag, eine Pipeline durch die Ostsee zu bauen, wurde erstmals 1995 gemacht. Zunächst war eine Route über Finnland, Schweden und Dänemark nach Deutschland geplant.Jonas Grätz: Russland als globaler Wirtschaftsakteur: Handlungsressourcen und Strategien. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2013, ISBN 978-3-486-72126-3, S. 287 f. Seit 1997 führte Gazprom mit dem finnischen Energieversorger Fortum Machbarkeitsanalysen für eine Unterwasser-Pipeline durch die Ostsee durch. Fortum zog sich 2005 aus dem Projekt zurück.Michael Sander: Auswirkungen der strukturellen Rahmenbedingungen auf die Verhandlungen zur Nord Stream Pipeline und zum Gasfeld Ûžno Russkoe. In: Deutsch-russische Beziehungen im Gassektor: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Interorganisationsnetzwerke und die Verhandlungen zur Nord Stream Pipeline. Nomos, Baden-Baden 2012, ISBN 978-3-8329-6581-5, S. 166 ff.
Gazprom, Wintershall und E.ON Ruhrgas waren sich in jener Verhandlungsphase uneinig, auf welche Weise der deutsch-russische Gashandel ausgeweitet werden sollte. E.ON Ruhrgas erwog eine weitere Pipeline über Belarus und Polen und die Erweiterung der Transitmöglichkeiten der Ukraine als günstigere Alternative zu einer Unterwasser-Pipeline. Wintershall setzte auf das bestehende Gemeinschaftsprojekt mit Gazprom im russischen Upstreamsektor und sah den Bau einer Unterwasser-Pipeline als nachrangig an. Dagegen befürwortete Gazprom die spätere Nord-Stream-Pipeline unter Umgehung der Ukraine als Transitland. Der Vorstandsvorsitzende Rem Wjachirew sagte im Jahr 2000: „Ich werde die Pipeline zur Umgehung der Ukraine fertig stellen, noch während ich lebe.“Michael Sander: Auswirkungen der strukturellen Rahmenbedingungen auf die Verhandlungen zur Nord Stream Pipeline und zum Gasfeld Ûžno Russkoe. In: Deutsch-russische Beziehungen im Gassektor: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Interorganisationsnetzwerke und die Verhandlungen zur Nord Stream Pipeline. Nomos, Baden-Baden 2012, ISBN 978-3-8329-6581-5, S. 169.New Gas Pipeline To Skip Ukraine. In: Moscow Times, 1. Juli 2000. Die Pipeline behielt auch nach dem Wechsel im Vorstandsvorsitz zu Alexej Miller eine große strategische Bedeutung für den Konzern. Wegen der unterschiedlichen Prioritätensetzung von Gazprom, E.ON Ruhrgas und Wintershall wurde die Absichtserklärung über den Pipelinebau ein Jahr später als geplant im Juli 2004 unterzeichnet. Die E.ON Ruhrgas erklärte sich zu einer Beteiligung an dem Pipeline-Projekt bereit und erhielt dafür Zugang zu Projekten in der russischen Ölförderung. Über BASF hatte Gazprom die Kooperation mit Wintershall schon seit 2003 ausgedehnt.
Am 11. April 2005 wurden die Vereinbarungen in Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Wladimir Putin formalisiert. Vereinbart wurde, Wingas in das Betreiberkonsortium aufzunehmen. Als Endpunkte wurden Wyborg und Greifswald festgelegt und der Meeresboden für die Verlegung untersucht. Am 8. September 2005 wurde die Grundsatzvereinbarung zwischen Gazprom, Wintershall und E.ON Ruhrgas in Anwesenheit Schröders und Putins unterschrieben. Die Unterzeichnung war wegen der Bundestagswahlen vorverlegt worden. Beschlossen wurde, eine Betreibergesellschaft in der Schweiz zu gründen. Gazprom sollte zu 51 % beteiligt werden und die zwei deutschen Unternehmen sollten ihre Anteile von jeweils 24,5 % reduzieren, um einen vierten Projektpartner zu beteiligen. Auch wurde die Anlage eines zweiten Leitungsstrangs festgelegt.
Die Planungen zum Bau der Ostsee-Pipeline wurden anfangs von der EU unterstützt. Das Projekt erhielt im Jahr 2000 eine prioritäre Stellung im Programm Transeuropäische Netze. Die Haltung gegenüber dem Projekt änderte sich teilweise, als Russland Ende 2005 der Ukraine wegen nicht beglichener Rechnungen Gaslieferungen sperrte (siehe russisch-ukrainischer Gasstreit). Dadurch kam es kurzfristig auch zu Lieferausfällen in die EU. In den von russischen Erdgaslieferungen besonders abhängigen mittel- und nordosteuropäischen EU-Mitgliedstaaten nahm seither die Skepsis gegenüber der geplanten Ostsee-Pipeline zu. Auf EU-Ebene beschleunigten die Vorkommnisse Erwägungen, eine eigene Energieaußenpolitik zu entwickeln und künftig Energiequellen, Lieferanten und Transportwege stärker zu diversifizieren. Daher wurde beschlossen, den Bau einer Gaspipeline unter Umgehung von Russland vom Schwarzen Meer nach Österreich (Nabucco-Pipeline) zu unterstützen.
Das Projekt sah auch die Möglichkeit vor, Abzweigungen nach Polen und Lettland zu bauen. Dies lehnen beide Länder bislang ab.
Bau Eigentümer und Betreiber ist die Nord Stream AG mit Sitz in Zug in der Schweiz, in der seit 2006 der deutsche Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder und auch der frühere finnische Ministerpräsident Paavo Lipponen beschäftigt sind. Der Name der Pipeline wurde inzwischen in Nord Stream geändert.
Am 9. Dezember 2005 begannen in Babajewo die Bauarbeiten für den russischen Landabschnitt der Pipeline. Rohre für die Pipeline lagerten bis zu ihrer Verlegung auch im Fährhafen Sassnitz (Rügen). Vor der Verlegung mit einem Spezialschiff wurden sie mit Beton ummantelt und auf dem Schiff vor Ort endlos verschweißt. Die Stahlrohre sind in 13 Meter-Segmente gegliedert, haben einen Innendurchmesser von 1,153 m, eine Metallwanddicke zwischen 27 und 41 Millimeter, Auslegungsdrücke von 220/200/170 bar und eine Masse von 11 Tonnen. Durch einen 60–150 mm starken Betonmantel erhöht sich die Masse auf je 25 Tonnen, um – auch luftgefüllt – gut am Meeresboden aufzuliegen.Anm. Ein Rohr mit 1,22 m Außendurchmesser hat 1,17 m² Außenquerschnitt, auf 13 m Länge also 15,2 m³ Auftriebsvolumen, das in Meerwasser (Salinität der Ostsee östlich von Rostock nur 0,8 %, also Dichte von etwa 1,007 kg/L bei 4 °C) hier etwa 15,3 t hebt. Das bloße Stahlrohr würde also aufschwimmen. Bei der Ballastierung mit Beton ist rechnerisch entweder das zusätzliche Volumen des Betons zu berücksichtigen oder nur der Dichteunterschied zwischen Beton und Meerwasser.
mini|Verladung der betonummantelten Rohre im Hafen Slite auf Gotland
Nach der Regierung Dänemarks erteilten im November 2009 die Regierungen Finnlands und Schwedens die Erlaubnis zum Bau der Nord-Stream-Rohre durch ihre jeweiligen Ausschließlichen Wirtschaftszonen., Reuters, 5. November 2009 Am 21. Dezember folgte die Genehmigung Deutschlands. Der Planfeststellungsbeschluss galt für das 50 Kilometer lange Trassenstück im Zuständigkeitsbereich des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Am 28. Dezember 2009 erfolgte die Genehmigung für den 32 Kilometer langen Streckenabschnitt in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands vom zuständigen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH).
mini|Präsident Dmitri Medwedew eröffnet offiziell das Rohreverlegen in der underwater section, 9. April 2010
Das erste Rohr der Pipeline vom russischen Wyborg bis ins mecklenburg-vorpommersche Lubmin bei Greifswald wurde am 6. April 2010 vom Rohrleger Castoro Sei am Meeresgrund verlegt. Die Rohrstücke wurden per Schiff angeliefert, hochgekrant, zuerst jeweils paarweise, und dann ebenfalls an Deck an das Pipelineende geschweißt, das langsam, unterstützt durch eine mehrere hundert Meter lange Ablauframpe, den Stinger, leicht gebogen unter Zug in Richtung Meeresboden abgelassen wurde. Jede Schweißnaht – von innen dünn, von außen ein „V“ – wurde mit Ultraschall und magnetisch geprüft und bei Bedarf ausgebessert. Nach dem Korrosionsschutz wurde jede Fügestelle mit Schrumpfschlauch und Verguss mit PU-Harz stabil, doch reparierbar, abgedeckt. Pro Tag wurden drei Kilometer Pipeline gefertigt und verlegt. Ab Mitte 2010 kamen zwei andere Verlegeschiffe, die Castoro 10 und die Solitaire, zum Einsatz, wobei ersteres die weniger tiefliegenden Abschnitte am Ost- und Westende verlegte. Die Pipeline wurde meist frei auf ausgesucht ebene Stellen des Meeresgrundes gelegt, im Bereich von Schifffahrtsrouten oder nahe den Landungsstellen (der Pipeline) jedoch in einen hergestellten Graben, der mit Sand gefüllt wurde, um Schutz vor Ankern von Schiffen zu gewähren. Der dänischen Insel Bornholm wich man entgegen dem ursprünglichen Plan südlich statt nördlich mit acht Kilometer Abstand aus. (PDF; 477 kB).
Vom 15. Mai 2010 bis Ende 2010 folgten umfangreiche Baggerarbeiten im Greifswalder Bodden. tagesschau.de, 6. Januar 2011 Vom Anlandungspunkt der Gasleitung, dicht östlich der Zufahrt vom Hafen Lubmin, über Neptungrund, Schumachergrund, östlich dem Fahrwasser „Landtief“ folgend wurden die Verlegearbeiten beider Rohrstränge durch die Verlegebarge Castoro 10 durchgeführt.