mini|Reinhart Koselleck hebt bei seiner Analyse von Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht den überzeitlichen Charakter des Gemäldes hervor, der es schwierig macht, ein bestimmtes historisches Ereignis im Bild genau abzugrenzen. Die Begriffsgeschichte ist ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft, das sich mit der historischen Analyse von Begriffen beschäftigt. Die Anfänge der Begriffsgeschichte gehen auf methodische Vorschläge deutscher Gelehrter im 18. und 19. Jahrhundert zurück. Den Status einer eigenständigen Disziplin innerhalb der Geschichtswissenschaften erlangte dieser Ansatz aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Dies geschah auf der Grundlage begriffsgeschichtlicher Forschungen zu den tiefgreifenden semantischen Veränderungen verschiedener sozialer und politischer Begriffe im Zeitalter der Aufklärung, das als historischer Zeitraum im Übergang zur Moderne verstanden wird. Auf Basis dieser Untersuchungen entwickelte der Historiker Reinhart Koselleck systematisch Theorie und Methodik der Begriffsgeschichte um einige zentrale Prinzipien aus der Linguistik herum. Dazu gehören die Unterscheidung zwischen Begriff und Wort, die Bedeutung eines Wortes/Begriffs zu einer bestimmten Zeit, etwa zur Zeit seiner Verwendung in einem historischen Text (Synchronie) im Gegensatz zur aktuellen Bedeutung, die sich aus dem Bedeutungswandel über die Zeit ergibt (Diachronie), sowie die Lehre von Wortbedeutungen im Kontext (Semasiologie) und deren Gegenstück, der Bezeichnungslehre oder Onomasiologie, die von Gegenständen und Begriffen ausgeht und danach fragt, wie diese zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten bezeichnet werden.
Die ersten Schritte zur Institutionalisierung des Bereichs der Begriffsgeschichte wurden 1955 mit der Gründung der Zeitschrift Archiv für Begriffsgeschichte durch Erich Rothacker und im Jahr darauf mit der Gründung des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte durch Otto Brunner unternommen. Diese erste Zeitschrift kündigte 1967 zwei große Forschungsprojekte zur Erforschung der Begriffsgeschichte an. Das erste dieser Projekte, das ab 1971 erschien, war das von Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel herausgegebene Historische Wörterbuch der Philosophie.Marcelo Gantus Jasmin, João Feres Júnior: História dos conceitos: dois momentos de um encontro intelectual. In: Marcelo Gantus Jasmin, João Feres Júnior (Hrsg.): História dos conceitos: debates e perspectivas. Editora PUC-Rio/Edições Loyola/IUPERJ, Rio de Janeiro 2006, ISBN 978-85-15-03420-8, 15 Seiten. Ab dem Jahr darauf erschien ein weiteres, ebenso umfangreiches und wichtiges Werk, die von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck organisierten Geschichtliche Grundbegriffe. Neben diesen beiden Projekten gab es noch ein drittes, das 1982 angekündigte und ab 1985 von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt herausgegebene Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich.Melvin Richter: Begriffsgeschichte and the History of Ideas. In: Journal of the History of Ideas. Band 48, Nummer 2, 1987, , S. 247–263, DOI:10.2307/2709557. Beeinflusst von dieser deutschen Tradition entwickelten sich später weitere begriffsgeschichtliche Projekte wie Iberconceptos, das Forscher von der Iberischen Halbinsel und aus Lateinamerika zusammenbrachte, um eine vergleichende Untersuchung der sozialen und politischen Konzepte in der iberoamerikanischen Welt durchzuführen, das European Conceptual History Project, bei dem Forscher verschiedener europäischer Universitäten die Entwicklung von Konzepten innerhalb des europäischen Kontinents analysierten, und das Projekt Global Conceptual History of Asia, 1860–1940, das die methodischen Grundsätze der Globalgeschichte nutzte, um eine Geschichte der Konzepte in Asien von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auszuarbeiten.
Nach ihrer Institutionalisierung ist die Begriffsgeschichte nicht mehr auf den deutschen Kontext beschränkt, sondern Teil der geschichtswissenschaftlichen Agenda verschiedener Universitäten auf der ganzen Welt geworden. Besonders präsent ist sie in Brasilien, Südkorea und in Europa insgesamt. Seit ihrem Aufkommen hat die Begriffsgeschichte einen wichtigen Dialog mit der Sozialgeschichte und der Ideengeschichte geführt, wobei sie einige Prinzipien der ersteren in ihrer disziplinären Verfassung verwendet und sich der letzteren aufgrund einiger methodischer Beschränkungen ihres Ansatzes widersetzt. Als die Begriffsgeschichte nicht mehr auf den deutschen Kontext beschränkt war, begann sie, mit anderen Disziplinen in Dialog zu treten, die dieselbe Art von historischen Quellen aus anderen methodischen Perspektiven untersuchen, wie zum Beispiel die Geschichte der politischen Diskurse. In jüngerer Zeit wurde die Begriffsgeschichte in neue geschichtswissenschaftliche Perspektiven wie die Globalgeschichte integriert, um ihren Ansatz an einige zeitgenössische Anforderungen an die Geschichtswissenschaft anzupassen, etwa die Notwendigkeit, den Eurozentrismus und die ausschließlich auf Nationalstaaten bezogenen Begriffsanalysen zu überwinden.
Entstehung in Deutschland mini|Der Theologe Johann Georg Walch gilt als einer der Pioniere einer Begriffsgeschichte Obwohl die Begriffsgeschichte erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts den Status einer eigenständigen Disziplin innerhalb der Geschichtswissenschaft erlangte, sind Anfänge bereits im 18. und 19. Jahrhundert zu erkennen. Einige Autoren betrachten das Werk Philosophisches Lexikon (1726) des deutschen lutherischen Theologen Johann Georg Walch als das erste Werk, das die Notwendigkeit einer historischen Untersuchung der Begriffe betont. Noch im 18. Jahrhundert hätten andere Denker in die gleiche Richtung wie Walch argumentiert, etwa die Philosophen Johann Georg Heinrich Feder und Christoph Gottfried Bardili.Arthur Alfaix Assis, Sérgio da Mata: O conceito de história e o lugar dos „Geschichtliche Grundbegriffe“ na história da história dos conceitos [Der Begriff der Geschichte und der Platz der Geschichtlichen Grundbegriffe in der Geschichte der Begriffsgeschichte]. In: Christian Meier, Horst Günther, Odilo Engels, Reinhart Koselleck: O conceito de História. Autêntica Editora, Belo Horizonte 2013, ISBN 978-85-8217-150-9, S. 9–34 (online). 1806 legte Wilhelm Traugott Krug, Immanuel Kants Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Logik und Metaphysik in Königsberg, den Plan für ein historisch-kritisches Wörterbuch der Philosophie vor, das alle philosophischen Begriffe in alphabetischer Reihenfolge ordnen und ihre Ursprünge und Wandlungen darstellen sollte. Diese ersten begriffsgeschichtlichen Initiativen waren jedoch recht isoliert, und keiner von ihnen hat eine systematische Arbeit auf diesem Gebiet in die Praxis umgesetzt.
In diesem Sinne kann man sagen, dass die ersten systematischen Arbeiten zur Begriffsgeschichte ab den 1870er Jahren entstanden, insbesondere unter Berücksichtigung des Beitrags von Rudolf Eucken, Autor des Buches Geschichte und Kritik der Grundbegriffe der Gegenwart (1878), der den Vorschlag einer Begriffsgeschichte unterbreitete, die auf dem Studium der philosophischen Sprache ausgehend von der Untersuchung der inneren Geschichte jedes einzelnen Begriffs beruht. Der Einfluss von Eucken wurde insbesondere in den Arbeiten von Gustav Teichmüller sichtbar, dem Autor der Studien zur Begriffsgeschichte (1874) und der Neuen Studien zur Begriffsgeschichte (1876–1879). 1899 erschien schließlich das Wörterbuch der philosophischen Begriffe, verfasst vom österreichischen Philosophen Rudolf Eisler, ein systematisches Werk, in dem der Vorschlag, eine Geschichte der philosophischen Ausdrücke zu erstellen, mit dem Ziel, die semantischen Veränderungen der Begriffe im Laufe der Zeit zu erklären, explizit gemacht wurde.Wörterbuch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke. Quellenmäßig bearbeitet von Rudolf Eisler. 6 Bände. Berlin 1899 (Volltext der 2. Auflage 1904 bei zeno.org). Im selben Jahr wurde auch die Geschichte der philosophischen Ausdrücke veröffentlicht.
Die Begriffsgeschichte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Deutschland unter dem Einfluss verschiedener Traditionen, wie der Philologie, der Philosophiegeschichte, der Hermeneutik und der Rechtsgeschichte. Unmittelbare Vorläufer der Begriffsgeschichte sind die Ideengeschichte, die stark mit dem Werk von Friedrich Meinecke verbunden ist, und die Geistesgeschichte, die von Denkern wie Wilhelm Dilthey vertreten wird. Die Entstehung der Begriffsgeschichte geht auf die 1930er Jahre zurück, als der österreichische Historiker Otto Brunner und der deutsche Philosoph Erich Rothacker begannen, die Elemente der Sozialgeschichte mit einem auf die Begriffsanalyse ausgerichteten Ansatz zu verbinden, d. h. der semantischen Untersuchung der in den historischen Quellen vorhandenen Terminologie Aufmerksamkeit zu widmen. So betonte Rothacker bereits 1912 in seiner Dissertation über den Historiker Karl Lamprecht die Notwendigkeit, die anthropologische und die kulturelle Perspektive in der Geschichtsschreibung einander anzunähern.Julio Bentivoglio: A história conceitual de Reinhart Koselleck. In: Dimensões. Band 24, 2010, S. 114–134 (online). Brunner hingegen stellte vor allem in seinem Buch Land und Herrschaft (1939) bei der Analyse mittelalterlicher Urkunden fest, dass viele Studien über Grundbesitz und Herrschaftsverhältnisse durch die Verwendung von Ausdrücken und Kategorien verzerrt wurden, die in der Zeitsprache der Quellen nicht vorhanden waren. Brunner plädierte daraufhin für eine historische Forschung, die sich mit Hilfe der Begriffsanalyse als Hilfswissenschaft der in den Quellen selbst verwendeten Terminologie bedient und so ein adäquateres Verständnis ihrer Bedeutungen ermöglicht.Kai Vogelsang: Conceptual History: a short introduction. In: Oriens Extremus. Band 51, 2012, S. 9–24, hier S. 21. Eine weitere entscheidende Figur bei der Entstehung der deutschen Begriffsgeschichte war der Philosoph Joachim Ritter, der die Notwendigkeit einer praktischen Philosophie erkannte, die eine Hermeneutik der geschichtlichen Welt betreibt, ohne die in den zwischenmenschlichen Beziehungen vorhandene Subjektivität aufzugeben.
Der Historiker Reinhart Koselleck ist neben Brunner, Conze, Ritter und Rothacker einer der wichtigsten Namen, die mit der Begriffsgeschichte verbunden sind. Mit der Veröffentlichung des Buches Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten im Jahr 1979 avancierte Koselleck zum führenden Theoretiker dieses Ansatzes, indem er zum ersten Mal die wichtigsten Themen zusammenfasste, die mit dem Vorschlag einer Begriffsgeschichte verbunden sind, wie die methodologischen Grundsätze der Disziplin, ihre Abgrenzung von anderen verwandten Disziplinen und die allgemeine Hypothese, die Entstehung der modernen Welt auf der Grundlage von Überlegungen zum öffentlichen und politischen Sprachgebrauch zu bewerten.
Theorie und Methodik Begriff und Wort