mini|hochkant=2|Chronogramm am Goldenen Dachl in Innsbruck. Die dargestellte Jahreszahl 1671 erinnert an die Restaurierungsarbeiten nach einem schweren Erdbeben. Ein Chronogramm (oder Eteostichon) ist ein Satzteil, ein Satz, ein Sinnspruch oder eine Inschrift, meist ein Vers in lateinischer Sprache, in dem diejenigen Buchstaben, die auch als römische Zahlzeichen gelesen werden können (I, V bzw. U, X, L, C, D, M), in ihrer Summe die Jahreszahl des Ereignisses angeben, auf das sich der Text bezieht. Dabei sollte jedem Buchstaben, der eine Entsprechung als römisches Zahlzeichen besitzt, auch tatsächlich eine Bedeutung für die Ermittlung der Jahreszahl zukommen.

Chronogramme, bei denen als Zahl lesbare Buchstaben ignoriert werden, um die gewünschte Jahreszahl zu erreichen, werden als „unsauber“ bezeichnet. Entscheidend ist allein die Summe der Zahlenwertbuchstaben, die sonst bei römischen Zahlen übliche Subtraktion kleinerer Zahlenwerte von folgenden größeren erfolgt nicht.

Die Zahlbuchstaben sind meist hervorgehoben, etwa durch Großschreibung oder Verdickung der Buchstaben bzw. durch farbliche Abhebung mittels Rötung oder Vergoldung. Eine Besonderheit bilden Krypto(chrono)gramme, bei denen die Zahlbuchstaben nicht gekennzeichnet sind und „verborgen“ bleiben.

Der Buchstabe Y kann als I + I = 2 gezählt werden, ähnlich W als V + V = 10.

Bedeutung und Verbreitung Ein Chronogramm besteht aus zwei Textebenen, indem im Basistext ein Intext mit zeitlicher Aussage verborgen ist. Als okkasionelle und artifizielle Poesie repräsentieren Chronogramme eine literarische Kleinkunstform. Außerdem bilden sie einen Bestandteil der Erinnerungskultur. Die meisten Chronogramme sind in lateinischer Sprache verfasst, es sind aber auch volkssprachliche Chronogramme anzutreffen.

Historische Entwicklung mini|hochkant=1.3|Chronodistichon an der Heiliggeistkirche in Požega in Kroatien (1842) In der Antike waren Chronogramme noch nicht bekannt. Sie kamen im Mittelalter auf und waren besonders in der Renaissance- und Barockzeit beliebt. Ihre Blütezeit erlebte die Chronogrammatik in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Anwendung dieser Verschlüsselungstechnik breitete sich in ganz Europa aus und wirkt bis in die Gegenwart nach.

Als Verschlüsselungstechnik steht die Chronogrammatik in Verbindung mit Gematrie bzw. Isopsephie. Nach griechisch-hebräischem Vorbild hat es auch Versuche zur „vollalphabetischen Verschlüsselung“ gegeben, die aber keine grundsätzliche Verbreitung gefunden haben.

Vorkommen Chronogramme werden hauptsächlich an Bau- und Kunstdenkmälern (an sakralen und profanen Bauwerken, Gedenksäulen, Epitaphien, Kirchenglocken, Orgeln, Sonnenuhren), auf Münzen und Medaillen (siehe Achtbrüdertaler und Huldigungsmedaille (Sachsen)) sowie in Hand- und Druckschriften angebracht. Erst neuere Forschungen erbrachten auch den bislang weltweit einzigen Nachweis für die Verwendung eines Chronogramms auf einem Siegel der deutschen Reichsritterschaft für das Jahr 1779.Lars Adler: Chronogramm auf Siegel der Reichsritterschaft entdeckt. Das dritte rheinische Kreisdirektorialsiegel als sphragistischer Sonderfall. In: Archivnachrichten aus Hessen 18/1 (2018), S. 41–44 ().

Chronogramme werden überwiegend zum Zeitpunkt des Ereignisses angefertigt; sie können aber auch retrospektiv als Merkspruch oder Memorialzahl entstehen.

Doppel- und Mehrfachchronogramme stellen keine Besonderheit dar. Chroniken und Devotionsschriften können auch durchgängig aus Chronogrammen gestaltet sein.

Arten von Chronogrammen Im reinen Chronogramm enthält jedes Wort ein Zahlzeichen („Blindwörter“ werden vermieden). Im natürlichen Chronogramm stehen die Zahlzeichen darüber hinaus in der richtigen Reihenfolge, z. B. AMORE MATVRITAS = MMVI = 2006. Von einem unsauberen Chronogramm spricht man, wenn mögliche Zahlbuchstaben unberücksichtigt bleiben. Als Pseudo-Chronogramm wird ein überlieferter, meist religiöser Text bezeichnet, aus dem ein Chronogramm herausgelesen wird. Ein Chronogramm, dessen Text dem Versmaß des Hexameters folgt, heißt Chronostichon. Ein Chronogramm aus Hexameter und Pentameter ist ein Chronodistichon.

Je nach zugrundegelegtem Kalendersystem kann sich die angedeutete Jahreszahl auch auf die Erschaffung der Welt (3761 vor Christus) nach dem jüdischen Kalender beziehen.

Beispiele in aufsteigender Reihenfolge

Bis zum 14. Jahrhundert 810Merkspruch von Georg Philipp Harsdörffer (1647) anlässlich der Anwendung der „theodisca lingua“: KarL Der grosse Vnserer teVtsChen spraChe pfLeger = DCCLLVV

1155Im Chorraum der Wallfahrtskirche Maria Weinberg in Eberau (Südburgenland): SaLVe sanCta Mater = MCLV (Sei gegrüßt, heilige Mutter)

mini|hochkant=1.4|Achtbrüdertaler von 1613, Rückseite mit Chronogramm 1156Achtbrüdertaler des Herzogtums Sachsen-Weimar mit den Bildnissen der acht Söhne des Herzogs Johann (1603–1605); Die Umschrift auf der Rückseite wird jeweils durch zwei (unten drei) Wappen durchbrochen, über den Köpfen befindet sich die Aufschrift:8.FRAT(res):DUC(es):SAXON(iae): / IUL(iaci): CL(iviae): MONT(ium).(Acht Brüder, Herzöge von Sachsen, Jülich, Kleve und Berg.)Im Abschnitt befindet sich die Aufschrift: LINEAE VINA = / = RIENSIS / 16 WA 13Erklärung: Die Jahreszahl 1156 bezieht sich auf Heinrich den Löwen (1156–1180, †1195), der ebenfalls für das Erbe seines Vaters, Heinrich des Stolzen, Herzog von Bayern (1126–1138, † 1139) kämpfen musste. Sein Vetter, Stauferkönig Friedrich I. Barbarossa (1152–1190) sprach ihm erst 1156 sein Stammland Herzogtum Bayern zu.coingallery: Chronogramm, Ref.: Lev Goldenberg 11/2006,

1282Memorialzahl: franCorVM tVrbIs sICVLVS fert fVnera Vesper = MCCLVVVVVVII (Die sizilianische Vesper bringt Unglück über die Scharen der Franken)

1307templis exilium dant C bis LILIVM = CC + MLLVII (Die Templer werden in die Verbannung geschickt; bis=zweimal)

1315Zur schlimmen Hungersnot in diesem Jahr: ut lateat nullum tempus famis, ecce CVCVLLVM = MCCLLVVV

1345Auf einer Votivtafel im Beginenhof in Amsterdam: ChrIstVs saLVator noster est, fVIt, erItqVe, fortIs, pIIs pIVs et Vere MIrabILIs In sIgnIs saCratI panIs = MCCLLVVVVVVIIIIIIIIIIIIIII (Christus ist unser Heiland, er war und wird sein, mächtig, für die Gläubigen fromm und wahrhaft wunderbar im Zeichen des heiligen Brotes)

15. Jahrhundert 1432 Widmungsinschrift am Altarwerk der Gebrüder van Eyck in der Kirche St. Bavo in Gent: VERSV SEXTA MAI VOS COLLOCAT ACTA TVERI = MCCCLLXVVVVII (Durch den Vers ermöglicht euch der 6. Mai das Vollendete zu betrachten) Es gilt als der älteste bekannte Beleg im europäischen Raum.

1466 Im Kryptochronogramm in gotischer Textura über der Eingangstür zum Kapitelsaal des ehemaligen Kreuzherrenklosters in Bentlage (bei Rheine) gilt d noch nicht als Zahlwert:FLeCte Cor et genVa VenIaM deposCere CVra = MCCCCLVVVI (Beuge Knie und Herz, bitte eifrig um Vergebung)

16. Jahrhundert 1527 Auf den „Sacco di Roma“: ALtera post Captos GaLLos popVLIqVe fVrores, aestas te Capta RoMa CrVenta fVIt = MCCCLLLLVVVVVII (Das zweite Jahr nach der Gefangennahme der Franzosen und der Raserei des Volkes war ein blutig-grausames für dich, Rom, durch deine Eroberung)

1531 Reversinschrift auf einer Medaille zum Tode des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli: HeLVetIae ZvIngLI DoCtor pastorqVe CeLebrIs VnDena oCtobrIs passVs In aethra VoLas = DDCCCLLLLVVVVVIIIIII (Zwingli, als Doktor und Pastor in der Schweiz berühmt, der du am 11. Oktober den Tod erlitten hast und im Himmelsglanz fliegst)

1532 Merkspruch für das Jahr des Nürnberger Religionsfriedens ist die Kreuzesinschrift: IesVs nazarenVs reX IVDaeorVM = MDXVVVVII (Jesus von Nazaret, König der Juden)

1572 Merkspruch für das Jahr der Pariser Bluthochzeit: LVtetIa Mater natos sVos DeVoraVIt = MDLVVVVII (Mutter Lutetia hat ihre Kinder verschlungen)

1594Hausinschrift „Lange Straße 36“, DetmoldTV RERVM CVSTOS EXSTRVCTA HAEC TECTA POTENTER ALIS SVB GRATIS PROTEGE CHRISTE TVIS(Du Herr der Dinge, bewahre im Schutz deiner gnädigen Flügel mächtig und kraftvoll, Herr Christ, dies neuerrichtete Haus.)

1599 Am Taufstein in der St.-Martins-Kirche in Stolberg: hIC ILLe fons noXa et sorDe graVatos CVIVs eLVta DeI VoCe repVrgat aqVa = DDCCCCLLLXVVVVVVVIIII (Dies ist der Brunnen, dessen Wasser, durch Gottes Wort entsühnt, alle mit Schuld und Schmutz Beladenen reinigt)

1599 Am Rathaus von Hannoversch Münden: IVstItIae fIgat Leges MVnDae IpsVs IesVs faXIt et natos IoVe IVra beent = MDLXVVVVVVIIIIIIIII (Jesus selbst möge für Münden die Gerechtigkeit festlegen und bewirken, dass die Rechte die unter Jupiter Geborenen beglücken)

17. Jahrhundert 1603 Zur Erinnerung an den Tod von Königin Elisabeth I. von England: My Day Closed Is In Immortality = MDCIIIBen Schott: Schotts Sammelsurium. Bloomsbury, Berlin 2004, S. 103.

1619 Bezeichnung Kurfürst Friedrichs V. von der Pfalz als Winterkönig von Böhmen auf einem kaiserlichen Flugblatt: FrIDerICVs I. reX hyeMI = MDCXVIIII

1620Hausinschrift „Am Markt 38“ (Brandes’sche Apotheke), Bad SalzuflenDANTE DEO IOVA NIL VALET INVIDIA(Wenn Gott, der Herr, (es) vergönnt, vermag der Neid nichts)

1621Wappenstein an der Salzufler Solequelle auf dem SalzhofIOVA VIVIT SALIS DOMINUS LARGITOR ET AUTOR(Jehova lebt, er ist der Herr, der Spender und Schöpfer des Salzes)

1621Hausinschrift „Lange Straße 7“, Bad SalzuflenAnmerkung: Einige Buchstaben wurden nicht berücksichtigt und ein „T“ durch eine spätere, fehlerhafte Ausbesserung größer geschrieben. Es handelt sich um einen Doppelvers des eligischen Distichons.SIT LARIBVS NOSTRIS OPTO CONCORDIA CONSTANS – NOSTER ET ASSIDVO LVCEAT IGNE FOCVS – DOMINVS PROVIDEBIT(Es sei unserem Haus, (so) wünsche ich, beständige Eintracht (beschieden), und unser Herdfeuer möge in unablässiger Glut leuchten – der Herr wird für uns sorgen)

1623Haus aus Kirchhundem-Flape im Kreis Olpe, heutiger Standort im LWL-Freilichtmuseum Detmold:EXTRVXERE ADES HANS ET CATARINA IVGALI STRICTI VINCLO QVAS DVLCIS REX SERVET IESVS(Hans und Catarina, durch das eheliche Band vereint, haben (dies) Haus errichtet, das Jesus, der süße König, bewahren möge)

1623 Ein Pseudochronogramm zu Ovid (Tristia III 7, 42), das sich auf die Nachwehen der Kipper- und Wipperzeit bezieht und zugleich als typographische Datierung der Schrift Vermahnungspredigt zur christlichen Beständigkeit von Fabianus Natus dient: IrVs et est sVbIto, qVI MoDo CroesVs erat = MDCVVVVIII (Bettler ist plötzlich, wer eben noch ein Krösus war)

mini|hochkant=1.7|1625, Hausinschrift „Lange Straße 1“, Bad Salzuflen 1625Hausinschrift „Lange Straße 1“, Bad Salzuflen:SVRGE O IEHOVA ATQVE DISPERGE INIMICOS TVOS(Erhebe dich, Jehova, und zerstreue deine Feinde.)

1630Hausinschriften „Turmstraße 23“, Bad Salzuflen; ein Chronogramm und ein Chronostichon:GLORIA SIT DEO PAX IN TERRA . ET HOMINIBVS BONA VOLVNTAS(Ehre sei Gott, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen)PRINCIPIVM DEVS AETERNVS FINISQVE BEATVS(Anfang zugleich ist der ewige Gott und seliges Ende) mini|hochkant=0.6|4 Dukaten, Nürnberg

1631Inschrift einer Amtsstube für den Salzschreiber in Bad Salzuflen.IOVA SALIS VIVIT DOMINVS LARGITOR ET AVTOR(Gott lebt, er ist der Spender und Schöpfer des Salzes. I+V+L+I+V+I+V+I+D+M+I+V+L+I+V = 1631, Jahr der Erbauung.)Wilhelm Pölert: Alt-Salzuflen – Ein Führer durch Salzuflen und seine Geschichte. Verlag Kunstdruckerei und Verlagsanstalt Fritz Dröge, Schötmar 1960, S. 42.

16314 Dukaten der Stadt Nürnberg, siehe Abbildung rechts.VIVIDA PAX CHRISTI SERVET NOS TEMP=ORE TRISTI(Christi lebendiger Friede rette uns in dieser unglücklichen Zeit) (Anmerkung: des Dreißigjährigen Krieges)

1642 Lateinisch-englisches Doppelchronogramm zum Beginn des Englischen Bürgerkrieges (1642–1649): TV DeVs IaM propItIVs sIs regI regnoqVe hVIC VnIVerso = MDCVVVVVVVIIIIIII O goD noVV sheVV faVoVr to the kIng anD thIs VVhoLe LanD = DDDLLVVVVVVVVII mini|„Centuria Chronostichorum“ aus der Flora sinensis von Michał Boym mit etwa 100 Chronogrammen zum Jahr 1655