mini|Ansicht 1897 Das Wohnhaus Regentenstraße 19a war eine nach Plänen des Architekturbüros Kayser & von Großheim 1895/96 für den jüdischen Bankier Oscar Rothschild errichtete Stadtvilla in Berlin-Tiergarten. 1909 verkaufte er das Haus Regentenstraße 19a an den Verleger Otto Eysler, der es durch das Architekturbüro Hart & Lesser umfassend umbauen ließ. Eysler verkaufte das Gebäude 1916 an Karl Sieveking, dem hanseatischen Gesandten in Preußen. Dieser nutzte die Villa als Wohnsitz und richtete darin die Räume für die Gesandtschaft ein. Die Neuordnung der Beziehungen zwischen den deutschen Ländern in der Weimarer Verfassung von 1919 führte 1920 zur Auflösung der Hanseatischen Gesandtschaft. Anschließen erwarb die Erste Tschechoslowakische Republik die Villa. Sie nutzte das Gebäude als Residenz des tschechoslowakischen Botschafters. 1932 passte der tschechische Architekt Alois Mazera die Innenräume an die veränderten Bedürfnisse und den geänderten Zeitgeschmack an.

Bei der Umbenennung der Regentenstraße in Großadmiral-Prinz-Heinrich-Straße 1935 erhielt das Haus neu die Nummer 11. Nach den Planungen der Nationalsozialisten sollte das Haus zusammen mit den Nachbarhäuser abgerissen werden für den von Wilhelm Kreis entworfene Gebäudekomplex für das Oberkommando des Heeres. Die Tschechoslowakei sollte einen Ersatzbau für die Botschaft und die Residenz des Botschafters in der Rauchstraße 22 erhalten. Mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 verloren Botschaft und Residenz ihre Funktion. Zudem stoppte der Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 die Arbeiten für das Oberkommando des Heeres. Als Übergangslösung nutzte der aus der Zerschlagung der Tschechoslowakei hervorgegangene Slowakische Staat die Villa als Botschaft. Gegen Ende des Krieges zerstörten Bomben das Gebäude. Das Grundstück, seit 1945 mit der Adresse Hitzigallee 11, kam erneut in den Besitz der Tschechoslowakei, die es 1963 dem Land Berlin verkaufte. Heute ist es mit seinen Nachbarparzellen und der eingezogenen nördlichen Regentenstraße bebaut mit der 1998 eröffneten Gemäldegalerie.

Lage und Vorgängerbau mini|Lageplan Regentenstraße 19a, Parzelle gelblich markiert Das Wohnhaus Regentenstraße 19a gehört zu den Nachfolgebauten der Villa Lehmann. Die vom Architekten Gustav Adolph Linke für den Stadtgerichtsrat Julius Carl Lehmann entworfene Villa stand auf dem nördlichen Eckgrundstück Sigismundstraße/Regentenstraße, der heutigen Hitzigallee. Die Regentenstraße hatte Lehmann 1859 als Bauinvestor auf dem vormaligen Grundstück Tiergartenstraße 9 als Verbindungsstraße zwischen Tiergartenstraße und Grabenstraße, dem heutigen Reichpietschufer, anlegen lassen. Nach seinem Tod verkauften die Erben das große Grundstück 1893 dem Architekturbüro Kayser & von Großheim. Die Architekten ließen die Villa Lehmann und das dazugehörige Nebengebäude abreißen und das Gelände neu parzellieren. Auf den nunmehr fünf Parzellen entstanden vier Stadtvillen, darunter die anstoßende Villa Joest, die heute noch erhaltene, in die Gemäldegalerie integrierte Villa Parey, sowie das Hofmann-Haus der Deutschen Chemischen Gesellschaft. Diese Neubebauung widerspiegelt typisch einerseits die zunehmende Verdichtung der Bebauung im Tiergartenviertel, andererseits aber auch das Vordringen institutioneller und staatlicher Bauherren in das bisherige Wohnviertel, das sich durch das Wachstum Berlins zu einer zentralen Lage entwickelte.

Bauherr Der Bankier Oscar Rothschild erwarb 1894 von Kayser & von Großheim die nördlichste Bauparzelle des ehemaligen Grundstücks der Villa Lehmann. Seit 1885 besaß Rothschild ein Haus in der Genthiner Straße 19. Er hatte zuvor bereits an der Regentenstraße 13 im Haus seiner Eltern gelebt. Das Elternhaus war unterdessen in den Besitz seines jüngeren Bruders Louis Rothschild, ebenfalls Bankier, gelangt. Der Bau der Stadtvilla stand am Anfang eines neuen Lebensabschnitts: die Inhaber des Bankhauses S. & L. Rothschild hatten beschlossen, die Firma auf den 1. Januar 1894 aufzulösen. Während die Mitinhaber eigene Bankhäuser eröffneten, zog sich Oscar Rothschild ins Privatleben zurück und widmete sich seinen zahlreichen Mandaten als Aufsichtsrat verschiedener Unternehmen.

Die bei der Baupolizei eingereichten Baupläne für ein zwischen Nachbarhäusern eingebautes Wohnhaus mit separatem Stallgebäude datieren vom 10. Mai 1895. Im Juni und Juli 1895 eingereichte Änderungen betreffen hauptsächlich Veränderungen am nordwestlichen Lichthof und der Gartenfassade durch ein Blumenhaus, die Umwandlung der geplanten Terrasse in eine Gartenhalle sowie geänderte Balkone an der Rückseite. Die baupolizeiliche Prüfung war am 30. August abgeschlossen und der Bauschein datiert vom 5. September 1895. So starteten die Bauarbeiten im Herbst 1895, die Bauleitung übernahm der Architekt G. Fieck. Im September 1896 waren sie abgeschlossen und die Mitglieder der Vereinigung Berliner Architekten konnten den Neubau zusammen mit der ebenfalls fertiggestellten Villa Parey an der Sigismundstraße 4 besichtigen. Das Berliner Adressbuch verzeichnet Oscar Rothschild ab 1897 an der neuen Adresse.

Die Gesamtkosten für das Wohnhaus summierten sich auf rund 283.000 Mark. Davon entfielen 255.075 Mark auf das Haupthaus, inklusive der Kosten von 16.000 für die Sandsteinfassade an der Straße. Das Stallgebäude kostete 22.000 Mark, dazu kamen noch 6.000 Mark für Frontgitter und Zäune sowie für die Gartengestaltung und die Asphaltierung des Hofes.

Baubeschreibung Gliederung mini|Grundrisse mini|Grundriss Hochparterre mit Stallgebäude, Schnitt

Die beinahe rechteckige Parzelle war an der Straßenfront 17,0 Meter breit und ungefähr 68 Meter tief, wobei ein rund 5 Meter breiter Streifen als Vorgarten nicht bebaubar war. Das Haus bedeckte eine Grundfläche von 455 Quadratmeter und gliederte sich in das Haupthaus entlang der Regentenstraße, einen Seitenflügel an der nördlichen Grundstücksgrenze und ein Hinterhaus gegen den Garten. Das Stallgebäude an der östlichen Grenze nahm eine Fläche von 63 Quadratmetern ein.

Ein schmiedeeiserner Gartenzaun auf einem Granitsockel trennte Vorgarten und Haus von Straße. Im Sockelgeschoss auf der linken Seite erschloss eine mit zwei Torflügeln verschlossenen Durchfahrt mit leichtem Gefälle den Hof. Seine Größe wurde durch den südlich anstoßenden Hofraum des Wohnhauses Regentenstraße 19 verdoppelt, was die Beleuchtung der Räume im Seitenflügel deutlich verbesserte. Der Haupteingang auf der rechten Seite verband mit dem Vestibül, wo eine breite Holztreppe ins hochgelegene Erdgeschoss führte. Auf der Straßenseite zwischen den beiden Eingängen lag die Wohnung des Hausmeisters mit zwei Zimmern und Küche. Im straßenabgewandten Teil des Vorderhauses, durch einen Korridor getrennt von der Hausmeisterwohnung, befanden sich der Heizungsraum mit der Zentralheizung, geliefert von der Firma Rietschel & Henneberg.

Im Seitenflügel lagen auf der Hofseite Küche und Spülküche, dahinter die Anrichte mit handbetriebenem Speiseaufzug und ein kleiner Lichthof. Alle Koch- und Bratapparate, geliefert von der Firma C. A. Schuppmann, wurden mit Gas betrieben. Eine Nebentreppe verband das Sockelgeschoss mit allen Geschossen der Villa. Die Wagenremise hatten die Architekten abweichend von ihrer üblichen Planung hierher verlegt, um das Stallgebäude möglichst klein zu halten und damit mehr Platz für den Garten zu erzielen. Der Hof war auf der Einfahrtseite der Remise gegen das Vorderhaus glasüberdacht, um auch bei schlechtem Wetter ein bequemes Ein- und Aussteigen aus den Wagen zu ermöglichte. Eine als Pergola ausgebildete Durchfahrt begrenzte ihn auf der Ostseite gegen den Garten und das Stallgebäude. Im Hinterhaus fand sich neben dem Schlafzimmer für die Köchin und dem kombinierten Speise- und Wartezimmer für die Bediensteten Platz für weitere Nebenräume wie Rot- und Weißweinkeller, Speisekammer und ein Raum für Gartengeräte.

Im hochgelegenen Erdgeschoss mit einer Raumhöhe von 4,5 Metern gruppierten sich die Gesellschaftsräume um die durch Erd- und Obergeschoss reichende große Diele mit der Haupttreppe aus Eichenholz. Erhellt wurde die Diele durch drei gekuppelte Fenster gegen den Hof, deren Brüstungen dem Verlauf der Treppe folgten. In der Mittelachse des Gebäudes ergab sich so mit Salon, Diele und Speisesaal eine Folge repräsentativer Räume, im Vorderhaus flankiert auf der linken Seite vom Herrenzimmer als kombiniertes Billard- und Bibliothekszimmer und auf der rechten Seite vom Zimmer der Dame. Sein Boden lag 1 Meter über dem Niveau des Geschosses, um dem darunterliegenden Eingangsvestibül durch größere Raumhöhe repräsentativeren Charakter zu verleihen. Gegen den Garten erweiterten die an den Speisesaal anschließende Gartenhalle mit Treppe zum Garten und das Blumenhaus die Gesellschaftsräume. Die Besucher erreichten die Diele durch einen Korridor am Ende der Treppe im Vestibül, vorbei an der durch ein Oberlicht erhellten Garderobe. Um den hinteren Lichthof an der nördlichen Grundstücksgrenze gruppierten sich mit Anrichte, Dienerzimmer, Putz und Vorratsraum die zur Versorgung der Herrschaften und Gäste erforderlichen Nebenräume.

Die Ausgestaltung der Räume beschrieb die Deutsche Bauzeitung als ohne auffallenden Prunk, aber in grosser Gediegenheit und Gefälligkeit. Ein Teil der Räume war mit Decken und Wandtäfelungen aus Holz ausgeführt. Andere Räume schmückten Stuckaturen, ausgeführt von Carl Hauer. Die Wand- und Deckenmalereien malte Julius Bodenstein. Seine Gestaltung der Decke des Damensalons ist durch eine Abbildung in der Berliner Architekturwelt überliefert. Den Marmor für Wand- und Bodenverkleidungen lieferte die Marmorindustrie Kiefer. Stilistisch orientierte sich die Bauherrschaft an englische Vorbildern und Neorokoko-Ausstattungen. Die Beleuchtungskörper der fortschrittlichen elektrischen Beleuchtung lieferte die AEG. Auf ihre Gestaltung und Anordnung hatte nach dem Bericht der Deutschen Bauzeitung die Hausherrin Anna Dorothea Rothschild weitgehenden Einfluss ausgeübt. Die durch das elektrische Licht ermöglichten vielfältigen Beleuchtungsarten seien genutzt und auch in der Gestaltung der Beleuchtungskörper sei eine große Mannigfaltigkeit angestrebt worden, die zumtheil vor phantastischen Bildungen nicht zurückgeschreckt sei.

Als Kunstsammler waren die Rothschilds nicht bekannt. Allerdings gewann Oscar Rothschild an der Jahresverlosung des deutschen Kunstvereins 1898 den Hauptgewinn, das Gemälde Weiblicher Kopf (Bauernmädchen mit weißem Halstuch) von Wilhelm Leibl. Das Gemälde hing sehr wahrscheinlich in den Gesellschaftsräumen seines Wohnhauses an der Regentenstraße. Später gelangte das Gemälde in die Sammlung des Unternehmers und Kunstsammlers Alexander Levin.

Im zweiten Obergeschoss befanden sich die privaten Wohnräume der Familie Rothschild. Im Vorderhaus lagen das Schlafzimmer der Eltern, Ankleidezimmer für die Dame und den Herrn, ein privates Wohnzimmer, Badezimmer und eine Toilette und ein Zimmer zur Aufbewahrung der Pelze. Im Hinterhaus gegen den Garten lagen die Zimmer der Tochter Agate und der Söhne Fritz und Otto. Der Seitenflügel nahm das Zimmer des Kinderfräuleins und des Dienstmädchens auf sowie Bad und Toilette für die Kinder. Alle Kinderzimmer verfügten über einen Balkon zum Garten.

Das ausgebaute Dachgeschoss bot im Vorderhaus Unterkunft in drei Fremdenzimmern. Die Zimmer der Bediensteten blickten entweder auf den Garten oder in den Hof. Im Seitenflügel gegen den Hof befanden sich Waschküche und Bügelstube und der Bodenraum.

Fassaden Die repräsentative Straßenfassade aus Hockenauer Sandstein, geliefert von der Firma Philipp Holzmann, nutzte die maximale Höhe der Bauflucht von 12 Metern und die volle Parzellenbreite von 17 Metern. Im historistischen Stil gestaltet inspirierte sie sich an englischen Vorbildern, bediente sich aber auch bei Formen der Gotik und der Frührenaissance. Die Modelle für die Bauplastik entwarf der Bildhauer Ernst Westphal.