mini|Ravellenfluh (rechts) und Chluser Roggen (links) Der Naturraum mit der Bezeichnung «Ravellenflue und Chluser Roggen» ist ein Schweizer Landschaftsschutzgebiet gemäss dem Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Das im Inventarwerk definierte BLN-Objekt Nummer 1020 mit einer Fläche von 292 Hektaren liegt im Solothurner Abschnitt des Juragebirges.
Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich das nächste BLN-Objekt «Belchen-Passwang-Gebiet». Der nördliche Teil des Landschaftsschutzgebiets «Ravellenflue und Chluser Roggen» gehört auch zum Naturpark Thal.
Geografie mini|Historische Fotografie aus der Ebene bei Oensingen zu den Felsformationen der Klus (ETH-Bibliothek) Das Landschaftsschutzgebiet erstreckt sich über die östliche Flanke der grossen Juraklus, die zwischen Balsthal und Oensingen als Quertal die hohe Weissenstein-Schwengimatt-Roggen-Antiklinale (Aufwölbung) des Faltenjuras durchtrennt und durch welche die Dünnern aus der Synklinale des Bezirks Thal gegen Südosten zum Jurasüdfuss fliesst. Die 2,5 Kilometer lange Lücke durchschneidet das Bergmassiv bis zum flachen Talboden, der im Felsengnis bei der Siedlung Klus, einem Ortsteil von Balsthal, auf der Höhe von und bei Oensingen auf etwa liegt. Der ursprüngliche Talweg des während der Auffaltung des Juragebirges entstandenen Quertals sank zum Jurasüdfuss hin stärker ab, wo die Dünnern zuerst in eine tiefe Rinne vor dem Gebirge, den sogenannten «Bipper Trog», mündete.Hans-Rudolf Bläsi (u. a.): Geologischer Atlas der Schweiz. 1:25'000. Blatt 1107 Balsthal. Erläuterungen. Bern 2015, S. 92. Als im Eiszeitalter jedoch die Gletscherflüsse vor dem Jura mächtige Schotterschichten ablagerten und die Senke zuschütteten, wurde auch der südliche Abschnitt des Quertals bei Oensingen mit Sedimenten aufgefüllt. mini|Westwand des Chluser Roggen Der gegenüberliegende, südwestliche Berghang des Quertals, rechts von der Dünnern bis zur Wannenfluh hinauf, wurde bei der Redaktion des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung nicht in das Landschaftsschutzgebiet mit einbezogen – anders als etwa bei den vergleichbaren BLN-Gebieten «Gorges de Moutier» und «Gorges du Pichoux» in den Kantonen Bern und Jura, die bei zwei weiteren markanten Juraklusen die ganzen Bergeinschnitte umfassen. Die Beschränkung der Solothurner Landschaftsschutzzone auf die östliche Flanke der Klus wird mit der besonderen Bedeutung dieser Stelle für die Jurageologie begründet.
Die durch Erosion des Kalkgebirges geformten Berge erheben sich als steile, hohe Klippen und breite Stufen 500 Meter vom Talboden bis zum höchsten Punkt auf der Roggenfluh () im Osten. Von diesem Felskopf aus zieht sich der breite, beidseits von Felswänden begrenzte Bergrücken des Roggen auf dem Scheitel der Antiklinale drei Kilometer gegen Nordosten hin. Nur der westliche Teil dieser Anhöhe gehört zum BLN-Gebiet. mini|Blick vom Chluser Roggen auf die Ortschaft Klus Die wichtigsten Abschnitte des Landschaftsschutzgebiets sind das Felsmassiv «Chluser Roggen» bei Balsthal mit den nördlichen Felswänden «Fluewyti» und «Hinter Flüeli», die «Ravellenflue» bei Oensingen, der «Hänkelberg», die «Roggenflue», die Felsrippe mit der Neu-Bechburg und die dazu gehörende Rodungslichtung, das Landwirtschaftsgebiet «Hesselberg» und die Alpweiden des «Oensinger Roggen», während die Sömmerungszone «Balsthaler Roggen» nördlich davon ausserhalb des BLN-Gebiets liegt. Zwischen den Felsformationen und Wiesenflächen und auf den Berghängen bedeckt Wald das Schutzgebiet. Auf der hohen Felsrippe über der Ortschaft Klus steht die Burg Alt-Falkenstein am westlichsten Punkt des BLN-Gebiets. Das Maiackerbächli entwässert das Tal in der «Chluser Chüeweid» zur Dünnern hinunter, das «Chutlochbächli» die Senke nördlich der Ravellenfluh und der Schlossbach das Tal bei der Neu-Bechburg.
Durch die Klus verlaufen seit Jahrtausenden Verkehrswege vom Schweizer Mittelland zu den Jurapässen und in das Gebiet von Basel. Die Strecke der Oensingen-Balsthal-Bahn, die Hauptstrasse 12 und die von dieser abzweigende Zubringerstrasse zur Autobahn A1 liegen neben der Dünnern; dem östlichen Strassenrand folgt die untere Grenze des BLN-Landschaftsschutzgebiets.
Über die hohe Bergkette mit dem Roggen verlaufen mehrere Wanderrouten, besonders der nationale Jura-Höhenweg, der über die aussichtsreiche Roggenfluh führt. Der Chluser Roggen ist mit einem anspruchsvollen Bergwanderweg erschlossen. Seit Kurzem besteht auf den Berghöhen ein Netz von Bikerouten.
Am Fuss der Felswände baute die Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg an der wichtigen Durchgangsstrasse Panzerbarrikaden, um das Engnis sperren zu können. Teile der historischen Befestigungsanlagen sind noch heute erhalten.Sperrstelle 4430 – Äussere Klus/Balsthal auf festung-oberland.ch. Abgerufen am 4. Juni 2024.
Namenkunde mini|Signet der Wanderregion bei Oensingen mit mundartlichem Motto «Chum ufe Rogge»(hochdeutsch Komm auf den Roggen) Mit dem seit dem 15. Jahrhundert in historischen Quellen belegten Bergnamen «Roggen» werden verschiedene geografische Dinge in diesem Berggebiet benannt. Er bezeichnet sowohl den ganzen Bergstock zwischen den Ortschaften Balsthal, Oensingen, Oberbuchsiten und Holderbank als auch einzelne Bergkuppen und zudem die durch Rodung im Bergwald gewonnenen Sennberge auf den Hangterrassen unter der Roggenfluh. Der Flurname «Roggen» wurde früher manchmal fälschlich mit der kultivierten Getreideart Roggen in Verbindung gebracht.Flurname Oensinger Roggen. Auf der Website ortsnamen.ch. Abgerufen am 10. Juni 2024. Die Namenforschung geht davon aus, dass die deutsche Bezeichnung ein Reliktname ist und etymologisch von einer alten lateinischen Form rocca «Felsen, Stein, Fluh» abstammt; demnach ist «Roggen» mit französisch roc verwandt.Lemma Rogge(n) im Schweizerischen Idiotikon, Band 6, Spalte 773.Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, Jacqueline Reber: Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu. Solothurnisches Namenbuch, 4. Band. Basel 2017, S. 520.
Die Bergnamen werden in der geografischen Dokumentation der Region nicht einheitlich wiedergegeben. Im Unterschied zu älteren Karten und zur Fachliteratur sind viele Namen auf den neueren Landeskarten der Schweiz – und daher auch im BLN – nicht mehr in der lange Zeit üblichen standarddeutschen Schreibweise, sondern in einer den regionalen Dialekten des Schweizerdeutschen nachempfundenen Form eingetragen. So wählte die Kartenredaktion manchmal für das Wort «Klus» die mundartliche Form «Chlus» und für das hochdeutsche Toponym «Fluh» für auffällige Felsvorsprünge die Form «Flue». Andere Wortteile sind nicht konsequent in die Dialektform transformiert worden; so ist für den Bergnamen «Roggen» im Schweizerdeutschen eigentlich die Dialektform «Rogge» üblich, und die in der Landeskarte als «Ravellen» bezeichnete Felsrippe bei Oensingen heisst umgangssprachlich «Rafälle» beziehungsweise im Solothurndeutschen bei vokalisiertem -l- auch «Rawäue»,Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, Jacqueline Reber (Hrsg.): Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu. Solothurnisches Namenbuch, 4. Band. Basel 2017, S. 31, 507. was man bei der Teil-Dialektisierung des Namensgutes in den Landeskarten nicht berücksichtigte. Der im BLN offiziell verwendete Name «Ravellenflue» ist somit genau genommen aus einem standarddeutschen Teil und einem mundartlichen Element zusammengesetzt.
Die Wortgeschichte des erstmals 1423 erwähnten Namens «Ravellen» ist unklar.Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, Jacqueline Reber (Hrsg.): Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu. Solothurnisches Namenbuch, 4. Band. Basel 2017, S. 507. Anders steht es beim Namen «Chlus», der von althochdeutschem clusa und als Lehnwort aus dem Lateinischen von claudere «schliessen» kommt und so wie auch das in den Ostalpen übliche Klause Engpässe, wie sie im Jura häufig sind, bezeichnet.Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, Jacqueline Reber (Hrsg.): Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu. Solothurnisches Namenbuch, 4. Band. Basel 2017, S. 290 f.
Geologie mini|Luftaufnahme von Südosten über das Quertal (1958); auf der rechten Seite von vorn: Ravellenfluh, Hesselberg, Chluser Roggen Die in der Klus bei Balsthal sichtbaren Felsformationen im inneren Aufbau der Weissensteinkette waren für die Jurageologie wegweisend. An diesen Aufschlüssen erkannten die Geologen schon früh einige für die Entstehung des Gebirges wesentliche Phänomene, was schliesslich auch ein Argument für die Aufnahme des Roggengebiets in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung war. Als Schlüsselstelle der tektonischen Erkundung des Juragebirges ist das Quertal bei Oensingen ein Geotop von nationaler Bedeutung.Emmanuel Reynard (u. a.): Révision de l’inventaire des géotopes suisses. Rapport final. 2012. mini|Felswand von Hauptrogenstein im Zentrum der Klus Die geologische Untersuchung des Gebiets begann mit Feldstudien des Solothurner Naturforschers Amanz Gressly (1814–1865), der das Konzept der Fazies zur Beschreibung von Gesteinskörpern einführte.Amanz Gressly: Observations géologiques sur le Jura Soleurois. Neuenburg 1838. In der Klus zwischen Balsthal und Oensingen liegt die Sequenz der zur Antiklinale aufgefalteten Kalkschichten nicht überall in der ungestörten Abfolge vor; die Lagen sind teilweise unterbrochen und überdecken sich in einer Anordnung, die nicht mehr der ursprünglichen Sedimentchronologie entspricht. Der Komplex des Hauptrogensteins, eine ältere, tief im Gebirge liegende Sedimentschicht des Juras, ist in der Klus einmal bei der Felswand unter dem Hesselberg nahe am Talboden und dann 200 Meter höher an den Felsen im Gebiet Hänkelberg-Sunnewirbel noch zum zweiten Mal zu sehen. Die Schicht ist auf der Nordseite mit der jüngeren, darüber liegenden Serie des Oberjura, früher auch Malmkalk genannt, verzahnt, und dazwischen ist stellenweise noch Opalinuston vorhanden. Um diesen Sachverhalt zu erklären, entwickelte der Aargauer Geologe Friedrich Mühlberg um 1900 die Theorie der Überschiebung und Verfaltung tektonischer Schollen während der Bildung des Juragebirges. Das zunächst von andern Fachleuten abgelehnte erdkundliche Modell wurde durch spätere Untersuchungen im Jura, zum Beispiel beim Bau des Hauensteinbasistunnels, bestätigt und ist heute allgemein anerkannt.Hans-Rudolf Bläsi (u. a.): Geologischer Atlas der Schweiz. 1:25'000. Blatt 1107 Balsthal. Erläuterungen. Wabern 2015. Wie die Schichtenverhältnisse im tief unter dem heutigen Klusboden liegenden Antiklinalkern beschaffen sind, wird allerdings in der geologischen Forschung noch immer kontrovers diskutiert. Die Bruchstelle mit dem Ansatzpunkt der Überschiebung liegt vermutlich in grosser Tiefe unter dem Molassebecken des heutigen Schweizer Mittellands, und nur die oberste Partie der Auffaltung ist in der Klus sichtbar. Die Aufschlüsse zeigen von Norden nach Süden den mässig einfallenden Nordschenkel der Antiklinale mit dem «Chluser Roggen» bei Balsthal, den breiten Scheitel auf dem Oensinger Roggen und den steilen bis überkippten Südschenkel aus Malmkalk mit der Ravellen- und der gegenüberliegenden Lehnfluh.Thomas Bitterli (u. a.): Geologischer Atlas der Schweiz 1:25'000. Blatt 1108 Murgenthal. Erläuterungen. Wabern 2011, S. 51.Hans-Rudolf Bläsi (u. a.): Geologischer Atlas der Schweiz 1:25'000. Blatt 1107 Balsthal. Erläuterungen. Wabern 2015, S. 131.
Am Fuss der steilen Felswände bildet Hangschutt von Wald bedeckte Ablagerungen, die den grössten Teil der Fläche im Schutzgebiet einnehmen. Das trifft noch mehr auf der Westseite der Klus zu, wo die Schutthalden die gleichermassen vorhandenen Schichten der Antiklinale überlagern und so die Beobachtung der geologischen Phänomene verhindern.
Flora mini|Gehölze auf dem Ravellengrat