mini|Luftbild der Aarelandschaft gegen Südosten mit den Berner Alpen im Hintergrund (1934) Als «Aarelandschaft zwischen Thun und Bern» wird ein Schweizer Landschaftsschutzgebiet im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) bezeichnet. Das im Inventarwerk definierte Gebiet mit der BLN-Objektnummer 1314 hat eine Fläche von 1040 Hektaren und folgt als schmaler, etwa 20 Kilometer langer Landstreifen dem Flusslauf der Aare im Kanton Bern. Die geschützte Zone beginnt unterhalb der Aarebrücke des Autobahnzubringers (Hauptstrasse 221.1, Gurnigelstrasse) nördlich von Thun und erstreckt sich bis zur Auenlandschaft Elfenau/Eichholz am Stadtrand von Bern. mini|Aarelandschaft bei Muri vor der Flusskorrektion (Johann Ludwig Aberli, 1784) Das Landschaftsschutzgebiet umfasst sowohl Räume mit einer wenig beeinträchtigten Naturlandschaft am Fuss des Belpbergs als auch den durch Flussbauprojekte stark veränderten, weitgehend künstlich gestalteten Lauf der Aare sowie kleine Gebiete der an die Flussaue angrenzenden Kulturlandschaft, die durch eine intensive Landwirtschaft, Tätigkeiten anderer Branchen, den Freizeitverkehr sowie Infrastrukturanlagen geprägt ist. Einige Naturflächen mit einer besonders grossen Bedeutung für Flora und Fauna sind als eigentliche Naturreservate stärker geschützt. Ein langfristiges Programm zur Renaturierung von einst verbauten Flussabschnitten gibt dem Fluss stellenweise wieder mehr Raum und verbessert den Schutz vor Hochwasser.
Das Gebiet entspricht ungefähr dem ursprünglichen Objekt 2.45 «Aarelandschaft Thun–Bern» des KLN-Inventars aus den 1960er Jahren. Gegenüber dem KLN-Vorschlag wurde die Fläche des 1983 in das BLN aufgenommenen Gebiets 1314 etwas verkleinert.
Der nördliche Abschnitt des Landschaftsschutzgebiets ist als Schutzobjekt «Aare/Giesse» auch im Bundesinventar der Moorlandschaften von besonderer Schönheit und von nationaler Bedeutung aufgeführt und bildet zudem mit der Bezeichnung «Belpau» ein Smaragdgebiet gemäss dem Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume (Berner Konvention).
Geografie
mini|Altlauf der Aare in der Wehrliau Das BLN-Gebiet 1314 liegt im Schweizer Mittelland am Flusslauf der Aare. Es umfasst neben dem Flussbett einen meist ganz schmalen Landstreifen an beiden Ufern, der oft nur wenige hundert Meter und stellenweise sogar fast nur so breit wie das Gerinne der Aare selbst ist und nur ausnahmsweise, wie bei der Neuzälgau bei Kiesen, ein etwas mehr als einen Kilometer breites Gebiet einschliesst. Dieser bei der Entstehung des Inventars festgesetzte Perimeter beschränkt den Landschaftsschutz auf das Reliktgebiet der Auenlandschaft mit Feuchtgebieten und Resten des Auwalds und betrifft damit die angrenzenden Landwirtschafts- und Siedlungsflächen im Aaretal kaum. Grössere Landwirtschaftsbetriebe gibt es nur im südlichen Bereich des BLN-Gebiets.
Im Landschaftsschutzgebiet liegen Flächen der Gemeinden Allmendingen, Belp, Bern, Gerzensee, Jaberg, Kehrsatz, Kiesen, Kirchdorf, Köniz, Münsingen, Muri bei Bern, Rubigen und Wichtrach im Verwaltungskreis Bern-Mittelland sowie Heimberg, Uetendorf und Uttigen im Verwaltungskreis Thun. Die Aare bildet auf der ganzen Länge im BLN-Gebiet eine Grenze zwischen verschiedenen Gemeinden. mini|Kiesgeröll am Aareufer Am Südrand des Raumes liegt die Aare kurz nach der Mündung der Zulg bei der Zubringerbrücke zur Autobahn A6, wo das linke Ufer zum Gebiet von Uetendorf und das rechte zu Heimberg gehört, im kanalisierten Flussbett zwischen hohen Ufersicherungen aus Steinblöcken auf der Höhe von etwa Am unteren Ende der Strecke liegt sie zwischen der Elfenau im Gebiet von Bern und dem Auwald Eichholz bei Wabern, einem Ortsteil von Köniz, auf etwa Das gesamte Sohlgefälle von ungefähr 40 Metern überwindet die Aare mit zahlreichen kleinen Stromschnellen, die teilweise durch anstehende Felsen im Untergrund und teilweise durch Kiesbänke gebildet werden. Die Flussdynamik des einst in der breiten Auenlandschaft mäandrierenden und wegen schwerer Überschwemmungen gefürchteten Gewässers wurde durch die Verbauungen im 19. Jahrhundert stark eingeschränkt. Beim schnellen Durchströmen erodiert die Aare jedoch den Kiesboden im kanalisierten Flussbett. Um die Ufer zu sichern, wurden mancherorts Buhnen aus Stein oder Holz eingebaut; einzelne Bereiche der erosionsgefährdeten Uferböschungen wurden im 20. Jahrhundert betoniert. Im Gegensatz zu den Flussstrecken unterhalb von Bern ist die Aare zwischen Thun und Bern nicht für Wasserkraftwerke genutzt.
Bei der jahrhundertelangen dramatischen Geschichte der Aarehochwasser spielte bis im 18. Jahrhundert die Kander eine entscheidende Rolle. Der drittgrösste Nebenfluss der Aare mündete früher nördlich von Thun in die Aare und beeinflusste nach sehr starken Niederschlägen in den westlichen Berner Alpen den Wasserstand in der Aareebene. Aus dem Einzugsgebiet der Kander stammte auch ein grosser Teil der Sedimente in diesem Gebiet. Seit der Korrektion von 1714 mündet die Kander bei Einigen in den Thunersee, dessen Abfluss in Thun mit Schleusen geregelt wird. Dadurch ist die Zufuhr von Geschiebe in die Aarelandschaft weitgehend zum Erliegen gekommen. mini|Molassefelsen neben der Raintalau Durch das noch heute Chandermatte genannte Schwemmgebiet bei Uttigen fliesst jetzt der Glütschbach in die Aare. Deren weitere Nebengewässer bis Bern sind im BLN-Gebiet der Chrebsbach (von rechts), der Thuner Entlastungskanal (von links), die Rotache (rechts), die Chise (rechts), der Gestelegraben (links), der Wartholzgraben (links), der Fargraben (links), der Neumattgraben (links), der Wintergraben (links), der Rohrgraben (links), der Schützefargraben (links), der Cheergraben (links), die Giesse von Münsingen (rechts), der Märchligebach (rechts), die Gürbe (links) und die Elfenauer Giesse.Gewässernetz-Fachkarte im Geoportal des Kantons Bern. Einige weitere Zuflüsse aus der Ebene und den umliegenden Höhen wurden beim Bau der Hochwasserschutzdämme vom Fluss abgeschnitten und münden indirekt über andere Zuflüsse in die Aare so wie zum Beispiel die Belper Giesse, die im unteren Abschnitt Aargiessen-Kanal heisst und in die Gürbe eingeleitet ist. mini|Quellaufstoss im Belper Auwald Die Landschaft des Aaretals hat beidseits des Flusses einen unterschiedlichen Charakter. Im Süden folgt das Flussbett der tiefsten Linie zwischen dem alten Schwemmfächer der Kander auf der linken Seite und dem Felsmassiv des Hügels bei Thungschneit, wo der alte Hauptarm der Aare vor der Gewässerkorrektion einem Prallhang am rechten Ufer entlang strömte. Während sich unterhalb davon neben dem rechten Ufer von Kiesen bis Münsingen die breite Schwemmebene der ehemaligen Auenlandschaft mit flachen Bachschuttkegeln erstreckt, erhebt sich links der steile Abhang des langgezogenen Belpbergs mit teilweise direkt über dem Fluss aufsteigenden Felswänden. Im flachen Schwemmgebiet speisten früher viele Quellaufstösse, die «Giessen» genannt werden, einige kleine Bäche, die neben der Aare langsam durch das Feuchtgebiet zogen und nordwestlich von Münsingen das Sumpfgebiet der Hunzikenau an der Aare erreichten. Bei Rubigen ändert sich das Landschaftsbild wieder; die Hügel von Allmendingen und Muri mit der Raintalau begrenzen auf der rechten Seite den Talboden, der links die mehrere Quadratkilometer grosse Ebene des Belpmoos umfasst. Diese Fläche entstand als Schwemmkegel der Gürbe, die nun die Aare wiederum an die rechte Talseite drängte.Paul Beck, Rolf F. Rutsch: Geologischer Atlas der Schweiz. 1:25000. Blätter 336 Münsingen, 337 Konolfingen, 338 Gerzensee, 339 Heimberg. Erläuterungen. Bern 1958. Nach der umfassenden Melioration der Gürbeebene ist nur noch ein schmaler Landstreifen an der Aare mit Auwald bedeckt; eine ausgedehnte Waldfläche liegt noch in der Belpau am Nordfuss des Belpbergs und im Landschaftsschutzgebiet.
Die Berge und Hügel neben dem Aaretal sind aus Schichten der mittelländischen Molasse aufgebaut, die im BLN-Gebiet vorwiegend als Nagelfluh mit Lagen von Sandstein und Mergel vorkommt.Rolf F. Rutsch: Zur Stratigraphie und Tektonik der Molasse südlich von Bern. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 19, 1926, S. 673–678. An die Hügel schliessen Schotterflächen und Moränen der eiszeitlichen Gletscher an;Fritz Nussbaum: Das Moränengebiet des diluvialen Aaregletschers zwischen Thun und Bern. In: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern. 1921, S. 42–84 (online). während der Riss-Kaltzeit bedeckte der Rhonegletscher die Landschaft und während der Würm-Kaltzeit der Aaregletscher.René Hantke: Eiszeitalter. Band 2: Letzte Warmzeiten, Würm-Eiszeit, Eisabbau und Nacheiszeit der Alpen-Nordseite vom Rhein- zum Rhone-System. Ott, Thun 1980, ISBN 3-7225-6259-7.
Ältere Flussläufe und Gletschervorstösse gruben in das Molassemassiv tiefe, von den Alpen nach Norden gerichtete Rinnen ein. Das bis zur Aareschlucht bei Bern führende Urtal unter der heutigen Flusslandschaft bei Münsingen und Belp, das nach den Ergebnissen von Sondierbohrungen wohl mehrere hundert Meter tief war, wurde im Quartär mit Seeablagerungen, Moränenschutt und Flussgeschiebe aufgefüllt. Die mächtigen Schotterschichten führen Grundwasser, das für die Wasserversorgung der Region Bern (WVRB) genutzt wird; einige bedeutende Wasserfassungen liegen im BLN-Schutzgebiet. In Senken und in der oft überschwemmten Aue neben der Aare entstanden auf Sand und Lehm grossflächige Moore und Torflager.Paul Beck, Rolf F. Rutsch: Geologischer Atlas der Schweiz 1:25000. Blätter 336 Münsingen, 337 Konolfingen, 338 Gerzensee, 339 Heimberg. Erläuterungen. Bern 1958. mini|Veloroute im Auwald mini|Das Giessebad von BelpDie Infrastruktur im Aaretal wird heute von einem Abschnitt national und international bedeutender Verkehrskorridore geprägt. Die Verkehrsträger berühren teilweise auch das BLN-Gebiet 1314. Während die Hauptstrasse 6 von Bern nach Thun etwas östlich vom Landschaftsschutzgebiet durch die Ortszentren führt, liegt das Trassee der Autobahn A6 westlich der grossen Siedlungen. Beim Bau der Hochleistungsstrasse in den 1960er Jahren wurde eine Streckenführung nahe am Auwald neben der Aare gewählt, um das Landwirtschaftsgebiet in der Ebene möglichst zu schonen. In der Hunzigenau und der Unteren Kleinhöchstettenau bei Münsingen und Rubigen zerschnitt die Autobahn sogar die bedeutenden, damals noch nicht geschützten Moorflächen. Mit dem Bau der eingezäunten breiten Strasse entstand ein durchgehendes Hindernis für die Wanderung von Wildtieren. Nur noch bei Kiesen und Uttigen verbindet eine Zone mit zusammenhängenden Waldflächen neben dem Fluss Rotache die waldreichen Lebensräume auf beiden Seiten des Aaretals im Gantrischgebiet und im Emmental; diese Stelle neben der Aare wird als national bedeutender, jedoch durch die Autobahn beeinträchtigter Wildtierkorridor eingestuft. Eine Unterführung unter der Schnellstrasse verbessert den Durchgang für die Tiere.BE 11a Raum Rotache Wildtierkorridor von überregionaler Bedeutung. Bundesamt für Umwelt (PDF).Konzept zum Abbau von Verbreitungshindernissen für Wildtiere im Kanton Bern. Jagdinspektorat des Kantons Bern. 2003. Die Autobahnraststätte Münsingen und die Autobahnzufahrten Rubigen und Thun-Nord liegen am Rand des Auwalds und die Verzweigung Kiesen im Wald an der Rotache. Bei der erst nach dem Bau der Autobahn durchgeführten Redaktion des BLN wurde die östliche Grenze des Landschaftsschutzgebiets fast auf der ganzen Länge neben dem schon bestehenden Strassenrand festgelegt, der durchgehend mit Wildtierschutzzäunen oder Lärmschutzwänden gesichert ist. Nur bei Münsingen und Rubigen befinden sich auch östlich der Autobahn gelegene Feuchtgebiete im BLN-Perimeter.
Die Eisenbahnbrücke der Strecke Bern-Thun-Lötschberg, vier Strassenbrücken (Jabergbrücke, Thalgutbrücke, Schützenfarbrücke, Hunzigenbrücke), vier Übergänge für den Langsamverkehr und die Bodenackerfähre zwischen Muri und Wabern überqueren die Aare im Landschaftsschutzgebiet.