Das M795 (Versorgungsnummer 1320-01-581-6633) ist das 155-mm-Standardartilleriegeschoss der US-Army und der US-Marineinfanterie. Es wird weltweit exportiert und wurde in vielen NATO-Staaten in großen Mengen als Kriegsreserve gelagert. Das Geschoss entspricht dem Joint Ballistics Memorandum of Understanding (JBMoU) und kann daher mit nahezu allen 155-mm-Artilleriegeschützen verschossen werden. Von den Streitkräften der USA wird es mit den M109A6-Panzerhaubitzen und den M777-Feldhaubitzen verwendet. Seit 2024 wird es dort durch das reichweitegesteigerte M1128-Geschoss ersetzt.

Eigenschaften Das M795-Geschoss hat einen Hohlboden und einen hitzebehandelten Mantel aus Stahl (HF1), der bei der Explosion in viele kleine Stahlsplitter zerfällt. Die Füllung besteht bei der anfänglichen Produktion aus 10,8 kg TNT.

Im Jahr 2010 wurden zusammen mit den Herstellern Studien für eine Füllung mit insensitiven Sprengstoffen unternommen, dabei fand man den Sprengstoffmischung IMX-101 auf der Basis von Nitroguanidin. Die Produktion mit der insensitiven Füllung begann im Fiskaljahr 2011. Für die Zulassung wurde die Reaktionen auf eine benachbarte Detonation (sympathetic detonation), das Aufprall von projektibildenden Hohlladungen (shaped charged jet impact), der schnellen und langsamen Selbstentzündung (slow and fast cook-off), dazu der Aufprall von Geschossen und Splittern (bullet and fragment impact) getestet.

Bei den Tests verhinderte die Transportöse, dass der Selbstentzündungstest bestanden wurde. Zwar brannte die Füllung langsam ab, aber bei eingeschraubter Transportöse konnte sich ein Druck aufbauen, der trotzdem zur Explosion führte. Daraufhin wurde die Transportöse abgeändert und teilweise aus Kunststoff hergestellt. Beim Selbstentzündungstest schmilzt der Kunststoff und die Gase aus der Zersetzung des Sprengstoffs können entweichen, ohne dass ein gefährlicher Druck im Geschoss aufgebaut wird. Weiterhin kann die Transportöse bei Einwirkung von äußeren Kräften abbrechen, z. B. bei einem Unfall des Transportfahrzeugs. Reste der Transportöse bleiben so im Geschoss und verhindern, dass ein Zünder eingeschraubt werden kann. Das Geschoss soll dann sicherheitshalber zur Überprüfung an den Hersteller zurückgeschickt werden.

Für das Geschoss sind je nach Anforderung und Einsatzzweck verschiedene NATO-weit standardisierte Kopfzünder erhältlich. Das Geschoss wird mit Transportösen anstatt Zündern auf Paletten zu 8 Stück ausgeliefert. Beim Einsatz wird die Transportöse durch einen Zünder ersetzt. Während sich die unterschiedlichen Sprengstofffüllungen in der Ballistik und Wirkung kaum unterscheiden, gibt es dennoch einen Unterschied bei den Zündern. Für die TNT-Version ist ein langer Zünder oder ein kurzer Zünder mit einer zusätzlichen kleinen TNT-Sprengladung möglich. Die insensitive Version erlaubt hingegen nur einen kurzen Zünder und benötigt den Platz für eine kleine Verstärkerladung von IMX-104, um den IMX-101 Explosivstoff mit den standardisierten Zündern zuverlässig zu detonieren. Der Temperaturbereich im Einsatz ist zwischen −50 °F bis +145 °F (−45 °C bis +62 °C), die Lagertemperatur zwischen −65° und +160 °F (−53 °C bis 71 °C).

Das M795 Geschoss gehört zur Sorte der getrennt geladenen Munition mit modularen Treibladungsbeuteln (Zonenladungen). Dabei wird die Zahl der Treibladungen entsprechend der Entfernung zum Ziel gewählt.

Einführung mini|Eine Palette mit 8 Geschossen M795 wird mit Zündern versehen. links|mini|M107, M795 und M483A1 Die M795 wurde in den Jahren 1982–1995 entwickelt und löste seit den 1990er Jahren die M107 als Standardgeschoss bei den US-Streitkräften ab. Vor allem während des Kalten Krieges bevorrateten die US-Streitkräfte und andere NATO-Länder große Mengen von M107. Das Szenario war die Abwehr von großen, geschlossenen Panzerverbänden und mechanisierter Infanterie mit Masseneinsatz von Artilleriemunition und Luftangriffen zur Abwehr. Der Schwerpunkt lag auf einer billigen Massenproduktion von Sprenggranaten und der Bevorratung von großen Mengen Artilleriemunition und die Vorhaltung einer großen Zahl von einfachen Artilleriegeschützen in den Ländern der NATO, darunter gezogene Geschütze der Feldartillerie.

Mit dem Ende des Kalten Krieges änderten sich die Anforderungen an die Artillerie. Mit Radartechnik kann binnen Sekunden die Flugbahn des Geschosses und damit der Standort des Geschützes ermittelt und das Zielgebiet berechnet werden, noch bevor das Geschoss einschlägt. Artillerie bekam eine höhere Anforderung an Beweglichkeit und für taktischen Einsatz. Gefragt war die Fähigkeiten der Artillerie von einer verdeckten Stellung aus größerer Entfernung in kurzer Zeit eine hohe Feuerkraft auf einer kleinen Fläche zu konzentrieren und einzelne Fahrzeuge, Brücken oder Kommandostellungen gezielt zu vernichten. Die weniger bewegliche, aber leichter zu ersetzende Feldartillerie verlor ihre Bedeutung zugunsten von Selbstfahrlafetten. Ebenso verstärkt wurde die „Shoot-and-scoot“ Methode, bei der mehrere Artilleriegeschütze kurzfristig in eine Abschusszone fahren, dort in einem Feuerschlag mehrere Geschosse auf ein Ziel abfeuern und dann sofort die Stellung wechseln und sich aus der Reichweite der gegnerischen Artillerie zurückziehen. Ein Gegenschlag durch feindliche Artillerie oder ein Luftangriff binnen weniger Minuten trifft auf diese Weise nur die verlassenen Feuerstellungen. Eigenschaften wie hohe Treffergenauigkeit, größere Reichweite und verbesserte Wirkung einzelner Treffer wurden bei den Geschossen neue Prioritäten, bei der Entwicklung der Geschütze wurde stärker Wert auf Treffgenauigkeit, Reichweite, Beweglichkeit, schnelle Feuerbereitschaft und Feuerrate gelegt.

Die verbesserte aerodynamische Form des M795, längere Geschützrohre und verbesserte Treibladungen verbesserten die Reichweite und Zielgenauigkeit der 155-mm-Artillerie. Das M107-Geschoss kann die neu gewonnenen Vorteile von neueren Geschützen in Reichweite und Zielgenauigkeit nicht ausnutzen, weil es nicht für die stärkeren Treibladungen ausgelegt ist. Weiterhin wurde auch die Fragmentierung der Munition verbessert und damit eine bessere Wirkung erzielt. Gegenüber der älteren Standardgranate M107 bietet das M795-Geschoss somit viele Vorteile, während der Produktionsaufwand nahezu gleich blieb:

Steigerung der Reichweite von 17,5 auf 22,5 km mit dem M198 von 39 Kaliberlängen Weniger Streuung und verbesserte Zielgenauigkeit durch bessere Ballistik 100 % stärkere Wirkung gegen Infanterie durch bessere Splittercharakteristik 80 % stärkere Wirkung gegen ungepanzerte und leicht gepanzerte Fahrzeuge Kann mit einer zusätzlichen Treibladung M203A1 verschossen werden

In den Vereinigten Staaten wurde 1999 die Massenproduktion von der Standardgranate M107 auf die M795 umgestellt. Teilweise wurde der Stahlmantel aus dem Material von M106-Granaten hergestellt, die nach dem Ende der 203-mm Artillerie übrig geblieben waren. Sie ist seither ununterbrochen in Produktion und wurde in großen Mengen produziert und bevorratet. Die Massenproduktion in einem optimierten und seit Jahrzehnten etablierten Prozess in sehr großen Stückzahlen erlaubt die Produktion zu einem günstigen Preis von ca. 800 $US pro Stück. Damit ist das M795 eines der preisgünstigsten 155 mm-Geschosse nach dem M107. In den Vereinigten Staaten wurde das Geschoss seit Jahrzehnten an zwei Standorten produziert von General Dynamics facility in Wilkes-Barre (Pennsylvania) und von der Scranton Army Ammunition Plant in Scranton (Pennsylvania).

Die bis dahin eingelagerte M107 wurde weiterhin mit den älteren Geschützen, für die Ausbildung und Zielübungen innerhalb und außerhalb der USA eingesetzt. Die kürzere Reichweite erlaubt bei Schießübungen eine kleinere Sicherheitszone.

Die ballistischen Eigenschaften sind sehr ähnlich zu denen des M483A1, einem Cargogeschoss, das mit Hohlladungsbomblets gefüllt ist. Somit kann die M795 für vorherige Probeschüsse eingesetzt werden.

Die Geschosse werden aufrecht stehend auf standardisierten Holzpaletten zu 8 Stück geliefert.

Lizenzproduktion in Australien Im Jahr 2018 gab es ein Abkommen zwischen den USA und Australien über die Lieferung von 2504 Stück Artilleriegranaten vom Typ M795 mit der IMX 101-Füllung in einem Gesamtpaket von 148 Millionen $ US. Darin enthalten sind auch Geschosse anderer Typen, Treibladungen und Zünder, samt allen technischen Informationen für diese Munition. Im Jahr 2021 wurde von Thales Australia in Benalla in Victoria eine Munitionsfabrik mit einer Produktionslinie für die M795 Geschosse eingerichtet. Die Produktion wurde lizenziert und zertifiziert, die Produkte entsprechen sowohl den australischen, als auch den US-amerikanischen Standards. Seit 2022 wird das M795 Geschoss in Australien von Thales Australia gefertigt, dazu gehört auch die Herstellung des TNT-Sprengstoffs samt der Vorprodukte zu 100 % in Australien.

Das Unternehmen Thales Australia ist Teil einer Initiative der australischen Regierung von 2009 unter dem Namen The Global Supply Chain Program (GSCP). Das Ziel ist, dass kleine und mittlere Unternehmen und Forschungsorganisationen in die Versorgungsketten der multinationalen Rüstungskonzerne eingebunden werden. An der Initiative sind Thales, BAE Systems, Boeing, Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon und Rheinmetall beteiligt.

In der ersten Stufe vergeben die Konzerne einzelne Aufträge an Zulieferunternehmen. Die Unternehmen können unter Aufsicht und Anleitung des Auftraggebers neue Fähigkeiten erwerben. Im Gegenzug beweisen diese ihre Lieferfähigkeit. In der zweiten Stufe vergeben die Konzerne wiederholte Aufträge für bekannte Produkte und einzelne Aufträge für weitere Produkte. Die Unternehmen können neue Fähigkeiten erwerben, und verbessern, eigene Forschung betreiben und die Produktion optimieren. Der beauftragende Konzern gewinnt einen kompetenteren, zuverlässigen und flexiblen Zulieferer. Der Zulieferer kann in den Bereich vorstoßen, in dem die Kosten für die Entwicklung und Optimierung durch die Verkäufe zurückgewonnen werden. In der dritten Stufe ist der Betrieb ein zuverlässiger Zulieferer, der langfristig, in Mengen und gleichbleibender Qualität an den Konzern liefert, aber auch eigene Kompetenz zur Entwicklung neuer Produkte und zur Verbesserung oder Optimierung der bestehenden Produkte hat. Der Zulieferer sichert dem Konzern die Fähigkeit die Produktion kurzfristig aufzuweiten und die Nachfrage flexibel zu decken. Die Unternehmen sind nicht festgelegt auf einen einzigen Konzern, sondern können Produkte an verschiedene Konzerne anbieten. Im Gegenzug für die Förderung der Zulieferbetriebe schließt die australische Regierung Rahmenverträge. Die Position Australiens wandelt sich vom Importeur zu einem Exporteur in verschiedenen Teilbereichen.

Ukraine-Krieg Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 werden erhebliche Mengen Artilleriemunition verbraucht, mehrere tausend Stück täglich und deutlich mehr als in der gleichen Zeit nachproduziert werden kann. Die Lieferungen von Millionen Stück von Artilleriemunition der USA und anderen NATO-Ländern stammte zum Großteil aus den eingelagerten Beständen von M107 und M795. Damit handelt es sich bei der M795 um eines der am meisten verschossenen Artilleriegeschosse im Ukraine-Krieg.

Die Prioritäten haben sich durch den riesigen Bedarf wieder von immer größeren Reichweiten und immer intelligenteren, lenkbaren und teilweise sehr teureren Geschossen mit GPS-Steuerungen und zusätzlichen Antrieben wieder zurück zur preiswerten Massenproduktion von „dummen“-Geschossen entwickelt. Im Gefolge dieser Entwicklungen wurde die Errichtung von moderneren neuen Produktionsanlagen mit einem hohen Automatisierungsgrad und hohem Ausstoß ins Auge gefasst. Ein neuer Schwerpunkt der Produktion liegt inzwischen auf insensitiven Sprengstoffen. Die Vorteile von insensitiver Munition bei der Produktion, Lagerung, Transport, Einsatz und gegebenenfalls bei der Aufarbeitung von überlagerten Restbeständen liegen auf der Hand.