mini|hochkant|Jean Sibelius, 1913 mini|hochkant|Sibelius in Berlin, 1889. Fotografie: Albert Grundner

Johan Julius Christian („Jean“) Sibelius (* 8. Dezember 1865 in Hämeenlinna, Großfürstentum Finnland, Russisches Reich; † 20. September 1957 in Järvenpää bei Helsinki, Republik Finnland), auch genannt Janne Sibelius, war ein finnischer Komponist am Übergang von der Spätromantik zur Moderne.

Leben Herkunft links|mini|Geburtshaus von Jean Sibelius mini|hochkant|Mutter Maria Charlotta mit den Kindern Linda und Janne (Jean) Sibelius (1867)

Jean Sibelius wurde 1865 in Hämeenlinna (schwedisch Tavastehus) als Sohn von Christian Gustaf Sibelius und dessen Frau Maria Charlotte, geborene Borg, in eine finnlandschwedische Familie geboren. Schwedisch war seine Muttersprache, die er zeit seines Lebens bevorzugt verwendete. Mit 11 Jahren begann Sibelius eine finnischsprachige Schulausbildung, aber erst als junger Erwachsener beherrschte er die andere Landessprache fließend.

Der Vater war nach einem Medizinstudium in Helsinki Arzt von Beruf.Volker Tarnow: Sibelius. Biografie. Henschel Verlag, Leipzig 2015, ISBN 978-3-89487-941-9. Er hatte eine vielbeachtete Dissertation zu gynäkologischen Fachfragen geschrieben und wurde dann Militärarzt in Hämeenlinna. Er war für sein Spiel auf dem Klavier und der Gitarre sowie für seinen Gesang von Carl Michael Bellmans Bänkelliedern allgemein bekannt. Durch Jagd und Kartenspiel sowie den Konsum von Cognac, Sherry und Zigarren war er stets verschuldet, so dass seine Witwe Maria Sibelius Konkurs anmelden musste, als er 1868 im Alter von 47 Jahren starb.

Unter den Vorfahren der Mutter finden sich zahlreiche Akademiker, Pfarrer und Staatsbedienstete. Wie Jean Sibelius selbst neigte auch sie zur Schwermut, fand aber im Gegensatz zu ihrem Sohn Rückhalt im Glauben. Lange Zeit ließ sie sich von Jean Sibelius ausschließlich mit ihrem Vornamen anreden.

Sibelius’ Bruder Christian („Kitty“) Sibelius wurde Psychiater. Seine Schwester Linda entwickelte ab dem Alter von 40 Jahren manisch-depressive Züge und musste in Nervenheilanstalten behandelt werden.

Sowohl in der Familie Sibelius als auch in der Familie Borg fanden sich zahlreiche Musiker wie ein aus dem Brandenburgischen stammender Trompeter aus dem 17. Jahrhundert, der mit den finnischen Komponisten Ernst Fabritius und Ernst Mielck verwandt war. Ferner gab es Verwandtschaftsbeziehungen zu Axel Gabriel Ingelius, dem Basssänger Kim Borg und der Sopranistin Aino Ackté und zu Sibelius’ späterem Lehrer Martin Wegelius.

Schulzeit

Als Kind wurde Sibelius zuhause und in der Schule Janne gerufen. Er wuchs ab 1868, als der Vater starb, als Halbwaise auf. Seinen späteren Vornamen Jean verdankte er indirekt seinem Onkel: Der Schiffskapitän Johan Sibelius war 1864 auf einer Atlantikfahrt an Gelbfieber gestorben und innerhalb der Familie eine legendäre Gestalt. Der junge Komponist fand später im Nachlass seines Onkels einen „Packen Visitenkarten, auf denen dessen Vorname nach damaliger, unter Handelsschiffern üblicher Sitte auf Französisch geschrieben war: Jean Sibelius. Diese Visitenkarten nahm zwei Jahrzehnte später sein Neffe in Gebrauch, als er dabei war, seine Künstlerlaufbahn anzutreten.“Erik T. Tawaststjerna: Jean Sibelius. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2005, S. 13.

Nach dem Tod von Christian Gustaf Sibelius zog Maria Sibelius mit ihren zwei Kindern – das dritte war unterwegs – zu ihrer Mutter, einer Propstwitwe, und deren Ehemann Pehr Borg. In der Schule zeigte Sibelius nur mäßigen Einsatz. Umso mehr Interesse entwickelte er für die Violine, als er auf der von seinem Onkel Pehr Borg geschenkten Jakob-Stainer-Geige spielte. Eine Karriere als Violinsolist kam jedoch nicht mehr in Frage, da Sibelius erst mit 14 Jahren begonnen hatte, ernsthaft das Violinspiel zu erlernen.

Erste Klavierstunden bekam Sibelius von seiner Mutter und später von seiner Tante. Letztere hatte die unangenehme Angewohnheit, Fehler im Klavierspiel durch Schläge mit ihren Stricknadeln auf die Hände zu bestrafen. Bereits in seiner Schulzeit komponierte Sibelius erste Jugendwerke, die er aber zunächst in Schränken und Truhen versteckte. Sie tauchten erst hundert Jahre später auf und kamen im Jahr 1982 in die Universitätsbibliothek Helsinki.Kari Kilpeläinen: Die Musikhandschriften von Jean Sibelius in der Universitätsbibliothek Helsinki, ein vollständiges Verzeichnis. Wiesbaden 1991. In dieser Zeit gründete Sibelius mit Freunden ein Kinderorchester, spielte im Schulorchester, schrieb mit 16 Jahren seine erste datierbare Komposition Luftschlösser und studierte die Lehre der musikalischen Composition von Adolph Bernhard Marx. Sein bis dahin ambitioniertestes Werk war das Klavierquartett d-Moll von August 1884.

Studium links|mini|Trio der Geschwister Sibelius (um 1890)

Nach seinem Abitur im Jahr 1885 begann Sibelius ein Jurastudium in Helsinki, besuchte aber gleichzeitig das drei Jahre zuvor von Martin Wegelius gegründete Musikinstitut von Helsinki. Sibelius studierte u. a. bei dem deutschstämmigen Musikprofessor, Komponisten und Sammler finnischer Volkslieder Richard Faltin und vor allem bei dem in Deutschland ausgebildeten Martin Wegelius. Daneben hatte er dort 1886/87 Violinunterricht bei Hermann Csillag. Zwischen Sibelius und Wegelius entwickelte sich eine Freundschaft. Während Wegelius überzeugter Anhänger von Richard Wagner war, zeigte sich Sibelius von dessen Musik unbeeindruckt. Auch von Johannes Brahms zeigte sich Sibelius unbeeindruckt und entwickelte von Anfang an seinen eigenen Stil.

mini|Familie Järnefelt mit Jean Sibelius (1896)

Nach seinem Studium zog Sibelius in den Kurort Lovisa (Loviisa), in dem er zehn Jahre zuvor während der Sommerfrische mit Bruder Christian und Schwester Linda ein Trio gegründet hatte. Privat befreundete er sich mit dem italienischen Komponisten Ferruccio Busoni, der ihn in die Gruppe junger Künstler einführte, die sich (nach Busonis Hund Lesko) „die Leskoviten“ (schwedisch leskoviterna) nannten.https://www.cambridge.org/core/books/abs/songs-of-jean-sibelius/betrayal-urbanity-and-decadence/0C5C6CAF521D343B4E729E5FFC0780F8 Diese Gruppe ging in der Nachfolgegruppe „Symposium“ auf und lösten sich bis zum Jahr 1898 auf. Der Alkoholkonsum bei den Zusammenkünften sollte Sibelius’ Hang zum Alkohol mitprägen.

Zu dieser Gruppe gehörten auch der Schriftsteller Arvid Järnefelt und dessen Bruder, der Komponist Armas Järnefelt. Zu dieser Zeit begann Sibelius, sich „Jean“ zu nennen. Über die Järnefelts lernte Sibelius deren Schwester Aino, die später seine Ehefrau werden sollte, sowie den Schriftsteller Juhani Aho kennen, der Sibelius’ Interesse an Finnland weckte.

Studien in Berlin und Wien mini|Gedenktafel am Haus Marienstraße 4 in Berlin-Mitte mini|Musik Meile Wien

Von 1889 bis 1890 studierte Sibelius in Berlin bei Albert Becker, zu dem Wegelius ihn geschickt hatte, und vom 25. Oktober 1890 bis 8. Juni 1891 in Wien bei Karl Goldmark und Robert Fuchs; zeitlebens wichtig blieb die Bruckner-Rezeption der Wiener Jahre.Hartmut Krones (Hrsg.): Jean Sibelius und Wien. Wiener Schriften zur Stilkunde und Aufführungspraxis, Sonderband 4. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2003, S. 15–65.

In Berlin zeigte Sibelius sich beeindruckt von der Atmosphäre der Großstadt. Beckers Lehrmethoden waren ihm zu antiquiert, jedoch prägten die Berliner Aufführungen der Sinfonien Ludwig van Beethovens unter dem Dirigenten Hans von Bülow Sibelius als Sinfoniker. Ausgelaugt und durch seinen Lebensstil in Berlin verarmt, kehrte Sibelius nach Hause zurück, wo er von Aino Järnefelt bereits sehnsüchtig erwartet wurde. Nach einer Zeit der Unsicherheit verlobte er sich erst im Sommer 1890 mit ihr. Obwohl von Juhani Aho umworben, hatte Aino sich sofort für Sibelius entschieden.

Nachdem in Wien Johannes Brahms keine Schüler mehr annahm und Anton Bruckner kurz zuvor aus dem akademischen Lehrbetrieb ausgeschieden war, nahm Sibelius Unterricht bei Karl Goldmark. Dieser hatte jedoch nur Zeit für wenige oberflächliche Unterrichtsstunden. Daher nahm Sibelius zusätzlichen Unterricht bei Robert Fuchs. Doch wie bereits in Berlin blieb Sibelius auch hier von seinen Lehrern stilistisch unbeeinflusst. In dieser Zeit setzte er sich mit Richard Wagner und Anton Bruckner sowie der Art und Weise auseinander, Werke in deren Dimensionen zu komponieren.

Auf privater Ebene meinte Sibelius, einen Grund zur Eifersucht zu haben, als Aino ihm den frisch erschienenen Roman Yksin („Einsam“, 1890; dt. als Junggesellenliebe und andere Novellen, ca. 1913) von Juhani Ano schenkte, in dem dieser seine glücklose Beziehung zu Aino verarbeitete. Im Salon der Wiener Sopranistin Pauline Lucca stürzte sich der frisch Verlobte in eine abenteuerliche Affäre. Hinzu kam Ende April ein aus einem nicht näher bekannten Grund nötig gewordener dreiwöchiger Aufenthalt in einer exklusiven Heilanstalt; Sibelius’ eigene diesbezügliche Aussagen schwanken zwischen „Eierstockentzündung“, „Magentumor“ und „Nierenstein“. In dieser Zeit las er Gottfried Kellers Der grüne Heinrich.

Seine moralische Krise in Bezug auf sein schlechtes Gewissen gegenüber seiner Verlobten Aino einerseits und andererseits seine künstlerische Krise in Bezug auf seine Auseinandersetzung mit Richard Wagner, Anton Bruckner und auch Ludwig van Beethoven führten dazu, dass er sich der finnischen Musik als Inspirationsquelle zuwandte. Während seiner Spaziergänge in den Wäldern von Wien kam Sibelius der erste Einfall zu seiner Kullervo-Sinfonie.

Erster Erfolg mit Kullervo links|mini|Aino Sibelius um 1891

1891 kehrte er von seinen Studienaufenthalten zurück und begann mit den Kompositionsarbeiten zu Kullervo. Das fünfsätzige Sinfoniewerk basiert auf dem finnischen Nationalepos Kalevala. Die Hauptfigur von Sibelius’ Musik ist Kullervo, der den Tod seines Vaters rächen will. Die Uraufführung des Werkes im April 1892 unter Sibelius’ Leitung machte den Komponisten in Finnland schlagartig bekannt. Drei weitere Aufführungen im März 1893 wurden jedoch zu desaströsen Misserfolgen und führten dazu, dass Sibelius das Werk zurückzog; es wurde erst nach seinem Tod wieder aufgeführt.

mini|Das „Symposium“ (Skizze für das Gemälde „Probleemi“ bzw. „Kajustaflan“ von Akseli Gallen-Kallela)

Im Jahr 1892 heiratete er Aino. Aus der Ehe gingen sechs Töchter hervor: Eva (1893–1978), Ruth (1894–1976), Kirsti (1898–1900), Katarina (1903–1984), Margareta (1908–1988) und Heidi (1911–1982). Aus Mangel an finanziellen Mitteln finanzierten Aino und Jean Sibelius ihre Hochzeitsreise mit einem Stipendium der Universität. Als Gegenleistung für das Stipendium sollte Sibelius durch Karelien reisen und dort die Sänger von Runen, den gesungenen Versen des Nationalepos Kalevala, aufsuchen und deren Melodien aufschreiben. Sibelius verarbeitete seine Erkenntnisse in seiner Vorlesung Volksmusik und deren Einfluss auf die TonkunstIlkka Oramo: Vom Einfluss der Volksmusik auf die Musik unserer Zeit. Ein unbekannter Aufsatz von Jean Sibelius aus dem Jahre 1896. In: Bericht über den internationalen musikwissenschaftlichen Kongress Bayreuth 1981. Kassel 1984, S. 440–444. im Zusammenhang seines Antritts der Stelle als Musikdirektor an Wegelius’ Musikinstitut. Von 1892 bis 1900 unterrichtete Sibelius Theorieklassen und Violinstudenten und wirkte zusätzlich an der Orchesterschule von Robert Kajanus. Im Jahr 1892 komponierte Sibelius En Saga, zu dem er unter anderem auf seiner Heimatreise aus Karelien inspiriert wurde, als er auf einem Teil der Strecke durch die Mondnacht ritt. Anfangs bewohnte die Familie Sibelius im Sommer ihre Stadtwohnung und mietete sich im Winter auf dem Lande ein. Im Jahr 1904 bezog die Familie die 1903/04 entstandene Villa Ainola in der Nähe des Tuusulanjärvi.

Im Jahr 1893 gründeten Sibelius, Akseli Gallen-Kallela und Robert Kajanus im Hotel Kamp mit dem Symposium eine nicht lange bestehende Nachfolgeorganisation der Leskoviter. Ziel des Symposiums war es, den Symbolismus in Finnland zu fördern.