mini|Giorgio Agamben, 2009 Giorgio Agamben (* 22. April 1942 in Rom) ist ein italienischer Philosoph, Essayist und Buchautor. Er lehrte am Universitätsinstitut für Architektur (IUAV) in Venedighttps://web.archive.org/web/20120112124924/http://www.iuav.it/English-Ve/Internatio/phd/DOCTORATE-1/theory-and/index.htm und am Collège international de philosophie in Paris.
Werdegang Giorgio Agamben, dessen Nachname aus dem Armenischen stammt, studierte Jura an der Universität La Sapienza in Rom. Sein Studium beendete er mit einer Arbeit über die französische Philosophin Simone Weil. Während seiner Studienzeit pflegte Agamben freundschaftliche Beziehungen zu Elsa Morante, Alberto Moravia, Giorgio Manganelli, Sandro Penna und Ingeborg Bachmann sowie zum Regisseur Pier Paolo Pasolini. In dessen im Jahr 1964 produziertem Film Il vangelo secondo Matteo (Das 1. Evangelium – Matthäus) spielte Agamben die Rolle des Apostels Philippus.
In den Jahren 1966 und 1968 nahm Agamben durch Vermittlung seines Poetenkollegen Dominique Fourcade an den Seminaren teil, die Martin Heidegger aufgrund einer Initiative von René Char in Le Thor veranstaltete.Nach Angaben eines autorisierten Portraits von Giorgio Agamben: http://www.tagblatt.ch/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/kultur/tb-ku/art855,420415 In den beiden Seminaren ging es thematisch um die Philosophen Heraklit und Hegel. Ihren Niederschlag findet die Begegnung mit Heidegger in Agambens 1970 erschienenem ersten Werk L’uomo senza contenuto. Im selben Jahr trat er in Kontakt mit Hannah Arendt, die ihn in Macht und Gewalt zitiert.http://www.tagblatt.ch/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/kultur/tb-ku/art855,420415
Von 1978 bis 1986 war Agamben – im Auftrag des Verlegers Giulio Einaudi (1912–1999) – Herausgeber der italienischen Ausgaben der Schriften von Walter Benjamin, wobei er seinerzeit verloren geglaubte Manuskripte Benjamins wiederentdeckte.
Von 1986 bis 1992 war Agamben der Directeur de Programme am Collège international de philosophie in Paris. 1988 erhielt er eine Professur für Ästhetik an der Universität Macerata. Ab 1993 lehrte er Philosophie an der Universität in Verona. Seit 2003 ist er Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti della IUAV in Venedig.
Ab 1994 übernahm Agamben regelmäßig Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten. Im akademischen Jahr 2004/2005 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.Seite über Agamben am Wiko, abgerufen am 29. Juli 2025 Im Wintersemester 2005/2006 hatte er eine Gastprofessur an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und 2007/08 die Albertus-Magnus-Professur an der Universität zu Köln inne.; Gott kann sich nicht um alles kümmern. Der neue Albertus-Magnus-Professor Giorgio Agamben referierte in Köln aus dem letzten Teil seines „Homo sacer“. In: Die Tageszeitung, November 2007. 2008 war Agamben Fellow des Kollegs Friedrich Nietzsche.Website der Klassik-Stiftung.
Werk Agamben, der ab Mitte der 1990er Jahre internationale Aufmerksamkeit erhielt, ist inzwischen einer der meistdiskutierten Philosophen der Gegenwart. Er lässt sich nicht auf die Rolle als akademischer Philosoph oder Literaturwissenschaftler festlegen, sondern nimmt zu Themen der Zeit Stellung. Immer wieder provozierend ist sein direkter Zugriff auf aktuelle rechtlich-politische Fragen, besonders bioethischer und biotechnologischer Aspekte („Biopolitik“).
In der Rezeption von Agambens Texten wird häufig die Materialfülle und vermeintliche Uneinheitlichkeit seiner Bezugspunkte angesprochen. Tatsächlich denkt und schreibt er aus der Auseinandersetzung heraus. Dennoch liegen zentrale Intentionen klar zutage: So etwa die Wiederbelebung ästhetischer Erfahrung, die kulturkritische Gegenüberstellung von „Konsum“ und „Gebrauch“, die zunächst noch vornehmlich sprachphilosophische Analyse der Negativität, die Formulierung eines „Lebens-Form“-Konzeptes oder die (von Walter Benjamin inspirierte) Neuaufnahme der Kategorie des Messianischen. Der geistesgeschichtliche Horizont seiner Argumentation reicht von antiken philosophischen und juristischen Begriffsprägungen bis zu einem romantischen Neo-Marxismus.
Marx und Heidegger In seinem ersten Werk L’uomo senza contenuto (1970) geht Agamben von Hegels Ästhetik aus und konstatiert eine Trennung zwischen Kunstwerk und ästhetischer Wahrnehmung: Durch die Reflexion auf Kunst entstehe eine kaum überbrückbare Trennung zwischen dem Künstler einerseits und dem Rezipienten andererseits. Eine Rezeption sei nämlich auch auf die Kriterien der Kunstphilosophie und Kritik angewiesen. Agamben verbindet hier schon die verschiedenen Terminologien des Dialektischen Materialismus und die Heideggers in Sein und Zeit. Den Versuch einer Synthese greift Agamben in seinem Werk Infanzia e storia (1978) wieder auf.
Die Bewegung des Gedankens erinnert an Heideggers Klage über die von ihm konstatierte Entfremdung zwischen Sein und Seiendem. Stil und Methode sind an Heidegger geschult, vor allem das etymologische Zurückwenden von Begriffen der modernen Ästhetik auf die Begriffe der griechischen Philosophie.
Warburgs Bildatlas In den Jahren 1974 und 1975 arbeitete Agamben am Londoner Warburg Institute. Aus der Zeit datiert sein Buch Stanze. La parola e il fantasma nella cultura occidentale (1977). Agamben versucht in dieser Studie, die Imagination und die Urerfahrungen des Menschen mit Hilfe der Montage von Bildern zu bewahren – analog zu Aby Warburgs Bilder-Atlas Mnemosyne (Bilderreihe zur Untersuchung der Funktion vorgeprägter antiker Ausdruckswerte bei der Darstellung bewegten Lebens in der Kunst der europäischen Renaissance). Bei Agamben wie bei Warburg ist unterstellt, dass der Gebrauch der Sinne zunehmend pragmatisch diszipliniert wird.
In seinem Essay Noten zur Geste aus dem Buch Mezzi senza fine (1996, deutsch: Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik), der in der internationalen Filmkritik und im Tanztheater diskutiert wird, greift Agamben auf Warburg zurück. Die Geste gilt seit Warburg als verkörpertes Archiv. Ihr Vollzug zeigt die Teilhabe an einem kollektiven Symbolbestand an, so wie auch Agamben sich mit seinem performativen Stil als Teilhaber der Formgesinnung klassischer Moderne zu erkennen gibt. Allerdings deutet er die Geste als Befreiung des Bildes aus seiner Zuordnung zu einem Sinn, den es sonst zu repräsentieren hat.
In der ästhetischen Differenz, dem durch Konvention noch nicht oder nicht mehr gebundenen Ausdruck, sucht Agamben die Spur der selbst verschiedenen historischen Subjekte. In dieser Erfahrung findet er ein Potential des Möglichen, im wirklichen Leben Verstellten, das die Lektüre und Auslegung befreien und gegen erneutes Vergessen verteidigen kann.
Hauptwerk Homo sacer 1995 (in deutscher Übersetzung 2002) erschien das Buch Homo sacer. Es bildete den Auftakt eines auf vier Bände angelegten Werkes, welches jedoch insgesamt neun Bände erreichte und nicht in Reihenfolge erschien:
I: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben II.1: Ausnahmezustand II.2: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung II.3: Das Sakrament der Sprache. Eine Archäologie des Eides II.4: Stasis. Der Bürgerkrieg als politisches Paradigma II.5: Opus Dei. Archäologie des Amts III: Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge IV.1: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform IV.2: Der Gebrauch der Körper
Agamben geht aus von einer rechtlich verfassten Spaltung der Identität in ein vergesellschaftetes Wesen (bίos politikós) und das bloße Leben (nuda vita). Diese Spaltung führt er auf Aristoteles’ Unterscheidung zwischen bios und zoé in der Nikomachischen Ethik zurück; sie kennzeichne das politische Denken des Westens bis heute (Homo sacer, S. 11f.).
Agamben greift in dem „Homo sacer“-Projekt politische und staatsrechtliche Fragen auf. Ständige Bezugspunkte sind dabei die Theorien von Walter Benjamin, Carl Schmitt, Martin Heidegger, Hannah Arendt und Michel Foucault. Agamben zeichnet ein Bild der heutigen Menschen und ihrer Lebensformen in einer globalisierten Welt. Im Zentrum der jüngeren Schriften steht dabei eine Kulturgeschichte der politischen Gefangennahme im Sinne einer Einschließung sowie der Ausschließung als soziale Ausgrenzung. Die Kritik einer Tendenz, die in permanenter Intensitätssteigerung rechtsfreie Räume schafft und den Menschen auf sein „nacktes Leben“ reduziert, ist das zentrale Thema des „Homo sacer“-Projektes.
Als Beleg für die Entwicklung seiner Thesen dienen Agamben vor allem die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Demnach streben die Machthaber seit der Antike nicht nur die Kontrolle der Individuen als gesellschaftliche Wesen an, sondern auch die Vereinnahmung ihres biologischen Lebens. Die Folge ist eine latente, für ständig wachsende Teile der Weltbevölkerung auch offene, staatsrechtlich erzwungene Spaltung der Existenz in Mensch und Zugehörigkeit. Wie vor ihm Benjamin, Jacob Taubes und Jacques Derrida erkennt Agamben die konsequente Ausformung im Freund-Feind-Denken Carl Schmitts.
Die Figur des Homo sacer aus dem römischen Recht dient der Unterscheidung zwischen bios und zoé. Agamben geht aus von dem Doppelsinn des Worts sacer: heilig und ausgestoßen („gebannt“), nämlich vogelfrei. So sieht er in diesem Konzept einen Raum jenseits von Recht und Kultus, der nicht erst mit der Ausstoßung bzw. Verbannung des bloßen, des fremden und des anderen Lebens beginnt, sondern in die Geschichte der westlichen Selbsterfahrung eingeschrieben ist.
Diese Entwicklung bezeichnet Agamben in Anlehnung an Foucault als Biopolitik (Homo sacer, S. 127f.): Es entsteht ein totalitärer Zugriff auf jeden Einzelnen, wogegen auch Demokratien nicht gefeit sind. Im Gegenteil: Als Antwort auf globale Fluchtbewegungen und Terror werden Grund- und Freiheitsrechte außer Kraft gesetzt. Als Beispiel dafür sieht Agamben die Flüchtlingscamps in der Europäischen Union und das US-Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba. Der Ausnahmezustand wird zum neuen Paradigma des Regierens. Er wird in diesem Schreckensszenario neben Staat, Territorium und Nation zum vierten Element der politischen Ordnung.
Als weiterer Band der Homo sacer Folge erschien 2016 in deutscher Übersetzung Stasis, Der Bürgerkrieg als politisches Paradigma, in dem er den modernen Menschen in einen Weltbürgerkrieg verwickelt sieht. Agamben hat sich 2001 an der Princeton University in zwei Seminaren dem Bürgerkrieg vor dem Hintergrund des Terrorismus zugewandt und begreift ihn als einen weltumspannenden Bürgerkrieg.Terrorismus als weltumspannender Bürgerkrieg. Von Michael Opitz in deutschlandradiokultur.
Zeugen suchen, Zeuge sein Agamben betrachtet das „bloße Leben“ zuallererst von seiner formalen – und damit auch ästhetischen – Seite her: also nicht als zivilisatorisch unterentwickelt, nicht als freigegeben zur Vernichtung, sondern als wesentliche Voraussetzung kultureller Selbstbestimmung. Gegen den Totalitarismus der Bio-Politik sucht Agamben Zeugen, die er in den Künsten, aber auch im Poetischen selbst findet: Sein Anspruch ist es, Zeugen zu finden und als Schriftsteller selbst Zeuge zu sein für das „bloße Leben“.
Mit seiner stark individualisierten Schreibweise klagt Agamben das Recht des „bloßen Lebens“ auf Selbstbehauptung ein. Die Form des Essays erlaubt Agamben im Horizont der Künste eine Verschränkung von historischer Vergegenwärtigung und politischen Schreckensbildern, Prognosen und dezidierten Wünschen. Dazu kommt eine Vernetzung der Philosophie mit der Entwicklung der Wissenschaften und der Künste.
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