mini|Ein Junge der Nuer (2008)
Die Nuer – Eigenbezeichnung Naath oder Nei Ti Naath („Menschen“) – sind eine afrikanische Ethnie im Südsudan und im Westen Äthiopiens, dort vor allem in der Gambela-Region, mit insgesamt geschätzten 900.000 Angehörigen. Sie sind traditionell Rinderzüchter, das Hausrind spielt eine wichtige Rolle in allen Bereichen ihres Lebens, von der Wirtschaft bis zur Religion. Ihre soziale Struktur ist in viele einzelne Abstammungsgruppen untergliedert (Lineages), die ihre Herkunft von der Väterlinie ableiten (Patrilinearität) und gemeinsam eine segmentäre Gesellschaft ohne zentrale politische Führung bilden (Akephalie). Die Nuer gehören zu den Niloten, einer großen Gruppe afrikanischer Völker, die nilotische Sprachen sprechen und deren gemeinsame Urheimat im Südsudan vermutet wird.
Das Volk der Nuer bewohnt vor allem die Feuchtgebiete des Weißen Nils und zweier seiner wichtigsten Nebenflüsse. Die Nuer sind in verschiedene Gruppierungen unterteilt, vor allem den Garjok, Garjak und Jekiang (Nasser-Distrikt), den Lau (Abwong-Distrikt), den Gaweir (Fanjak-Distrikt), den Lak und Thiang (Zeraf-Insel, Fanjak-Distrikt), sowie den Western Nuer (Yivrol-Distrikt). In den 1930ern erlangten die Nuer einen gewissen Bekanntheitsgrad durch die umfangreichen Feldforschungen des britischen Ethnologen Edward Evans-Pritchard und des österreichischen Ethnologen Hugo Bernatzik. Sie spielten eine Rolle bei dem Bürgerkrieg im Südsudan 2013 bis 2018 um die politische Führung des Landes, der zu einem ethnischen Konflikt zwischen den Nuer und dem Volk der Dinka auszuufern drohte.
Siedlungsgebiet mini|hochkant=1.2| Der Fluss Baro im äthiopischen Gambela (2008)
Das Nuerland befindet sich im Südsudan, wo das typische Klima der Savanne herrscht. Das Nuerland ist eben, ohne Hügel oder Berge. Die Landschaft wird nur spärlich von Bäumen oder Strauchwerk unterbrochen. Während der Trockenzeit ist der Boden ausgetrocknet. In der Regenzeit, von Juni bis zum Dezember, ist er bedeckt von hohen Gräsern und teils überflutet. Das Jahr wechselt nur zwischen diesen beiden Jahreszeiten von etwa gleicher Dauer.
Der strenge Rhythmus von Überschwemmung und Trockenheit zwingt die Nuer in allen Bereichen zur Anpassung. Die aus Gras, Lehm und Holzstämmen gefertigten Hütten, die sie während der Regenzeit bewohnen, stehen wenn möglich auf leichten Erhöhungen, die sie vor der Flut schützen. Außerdem unternehmen die Nuer saisonale Wanderungen. Die Gründe dafür sind Wassermangel und die Invasion von Insekten, die ihre Rinderherden bedrohen.
Wirtschaftsweise Die Wirtschaft der Nuer beruht auf Viehhaltung, Ackerbau und Fischfang. Für den Großteil des Jahres sind sie Viehhalter. Die Rinder sind der Nuer höchster Besitz, für deren Schutz diese sogar ihr Leben riskieren würden. Jede Familie hat ihre eigenen Kühe. Hierbei sind die Rollen klar verteilt. Die Frau ist für das tägliche Melken und der Mann für das Hüten der Tiere zuständig. Das Vieh wird in erster Linie nicht für den Verzehr, sondern für die Produktion von Milch gehalten, die zu den Grundnahrungsmitteln der Nuer zählt. Fleisch wird nur zu wichtigen Festen gegessen, die meist mit Ritualen verbunden sind, welche die Opferung eines Tieres erfordern.
In der Regenzeit, wenn die Nuer aufgrund reißender Flüsse und Überschwemmungen in höher gelegene Gebiete flüchten, wird überwiegend Landwirtschaft betrieben. Die Frau pflanzt Hirse und Mais an, während sich der Mann weiterhin um die Tiere kümmert. Der Ackerbau ist stark von den saisonalen Bedingungen, der Gegebenheit des Bodens, aber auch vom Reichtum an Rindern abhängig.
Im Dezember, zu Beginn der Trockenzeit, bringen die Nuer ihre Herden wieder näher an die Flüsse. In dieser Zeit leben sie vorwiegend vom Fischfang, da viele Fische aufgrund des schwindenden Wassers in den Lagunen festsitzen und mit Speeren, Hacken oder Fischernetzen gefangen werden können.
Die Nuer sind zu dieser gemischten Wirtschaft gezwungen, da weder Vieh, Getreide, noch Fisch allein eine ausreichende Ernährung gewährleisten. Der Wegfall einer dieser drei Nahrungsquellen stellt eine Gefahr für die Existenz dar. Allfällige Agrarüberschüsse werden deshalb mit Nachbarn geteilt. Keines der Nahrungsmittel ist für den Markt gedacht, alles dient allein der Selbstversorgung.
Neben der Subsistenzwirtschaft existieren nur wenige Berufsfelder. Einige Männer sind Schmiede und produzieren Speere, Hacken und Schmuck. Andere finden Arbeit in den arabischen Siedlungen oder in der christlichen Mission, wo sie verschiedene Aufgaben erfüllen und etwas Geld verdienen können.
Soziale Organisation Lineage-System Eine Linie (Lineage) ist eine Abstammungsgruppe, die sich einlinig (unilinear) von einem gemeinsamen Vorfahren ableitet und sich als soziale Gemeinschaft versteht. Die Gesellschaft der Nuer ist in patrilinearen Lineages organisiert, ihre Abstammung wird nur über die väterliche Linie abgeleitet, jeweils von einem Stammvater. Die Lineages sind wichtig für die Kontrolle und Verteilung der Ressourcen und gehen fließend in die örtlichen Segmente (Teile) über. Zwei Lineages, die einander gleichgestellt sind, grenzen sich nur gegenüber einer dritten Lineage ab. Lineages sind sehr relative Gruppen wie Stammessegmente und wie diese auch sehr dynamisch.
Im Nuerland gibt es mindestens 20 Clans, die ihrerseits aus dem Zusammenschluss verschiedener Lineages bestehen. Diese Segmentierung der Nuer-Clans weist viele Eigenschaften auf, die sich auch in der Struktur der einzelnen Stämme wiederfinden. Die wichtigste Eigenschaft einer Lineage ist, dass die Beziehung eines jeden Mitgliedes zu einem anderen anhand ihres genealogischen Stammbaums über die Abstammung eindeutig festgelegt werden kann. Es sind aber auch Beziehungen zu Mitgliedern einer anderen Lineage desselben Clans üblich, da die Lineages in der Abstammung miteinander verbunden sind und letztlich auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückgehen. So kann beispielsweise Clan A untergliedert sein in sogenannte maximale Lineages B und C. Diese unterteilen sich weiter in die kleineren Lineages D, E, F und G, welche sich wiederum aufspalten in noch kleinere Gruppen, bis hin zu sogenannten minimalen Lineages.
Die Clans und Lineages der Nuer sind keine örtlich gebundenen Gemeinschaften, ihre Mitglieder wohnen weit verstreut, sodass in jedem Dorf Angehörige verschiedener Clans zu finden sind. Abwanderung und Abspaltung von den Dinka im Südsudan sind mögliche Gründe für diese Zerstreuung und Durchmischung der Nuer-Clans.
In der politischen Organisation der Nuer bilden die Lineages das vorherrschende Ordnungsprinzip. Politische Beziehungen sind sogar in die einzelnen Verwandtschaftsbezeichnungen eingebettet. Da die Verwandtschaftsbeziehungen gegenseitige Verpflichtungen festlegen, ist die jeweilige Verwandtschaftsgruppe das Ergebnis von wechselseitiger Abhängigkeit. Eine Lineage muss grundsätzlich über genügend eigene Rinder verfügen, um attraktiv für mögliche Allianzen mit anderen Lineages zu bleiben.
Altersklassen Innerhalb der sozialen Einheiten herrscht das Senioritätsprinzip: Jeder etwas Ältere ist gegenüber dem etwas Jüngeren weisungsbefugt. Die alten Männer sind die Vorsitzenden der Verhandlungen, die jüngeren werden allenfalls angehört. Diese Benachteiligung gleicht sich jedoch im Generationenwechsel aus. Außerdem wird die Seniorität teilweise durchbrochen, indem die militärische oder auch politische Macht jüngeren Gruppen zufällt.
Heirat Bei den Nuer ist die Heirat das wichtigste Übergangsritual im Leben, dabei herrscht exogame Heiratsregel: Der Ehepartner soll außerhalb der eigenen Abstammungsgruppe (Lineage) gesucht werden. Um eine Frau heiraten zu können, muss der zukünftige Ehemann oder seine Familie einen Brautpreis in Form von Rindern an die Familie der Frau übergeben. Es kommt vor, dass eine Heirat nur deshalb arrangiert wird, selbst wenn das Mädchen noch sehr jung ist, weil die Familie finanzielle Probleme hat.
Während der Pubertät müssen sich die jungen Frauen zwischen fünf und sieben Löcher in jedes Ohr für die Ohrenringe und ein Loch in der Mitte der Lippe stechen lassen. Außerdem müssen sie lernen einen Haushalt zu führen. Kommt eine Frau ins Heiratsalter, schmückt sie ihren Körper mit verschiedenen Schmuckstücken und trägt ein Stirnband aus Perlen. So wissen die Männer, dass sie im heiratsfähigen Alter ist. Wenn sie noch keinem Mann versprochen ist, können sich heiratswillige Männer mit ihren Verwandten um die Frau bewerben. Bei einer Zusammenkunft setzen sie sich in einen Kreis und erklären, weshalb sie an der Frau interessiert sind, und schlagen eine gewisse Anzahl von Rindern vor, die sie ihrer Familie im Falle der Heirat geben wollen. Solche Verhandlungen können einige Tage dauern. Erst wenn sich beide Familien einig sind, wird der Frau ihr zukünftiger Bräutigam vorgestellt; wenn sie nicht mit der Wahl einverstanden ist, kann sie Einspruch erheben. Das geschieht jedoch selten, da die Heirat für die Familie der Frau einen finanziellen Gewinn bedeutet.
Die Heiratszeremonie ist in zwei Abschnitte unterteilt. Der erste Teil findet im Dorf der Braut statt, die Familie des Mannes bringt der Familie der Frau die versprochenen Tiere. Nach dem Fest, bei dem Frauen und Männer getrennt voneinander tanzen, wird die Ehefrau von ihren Freundinnen in das Dorf des Mannes begleitet, wo sie eine Nacht mit ihrem Ehemann verbringt. Am folgenden Tag findet nochmals ein großes Fest statt, an dessen Ende die Frau mit ihren Freundinnen wieder in ihr Heimatdorf zurückkehrt.
Die ersten zwei Jahre nach der Heirat verbringt die Frau noch bei ihrer Familie, wo ihr Ehemann sie besuchen kann (zeitweilige Besuchsehe). Danach zieht sie dauerhaft zum Mann, wird jedoch die folgenden zwei Jahre getrennt von ihm essen. Die Heirat gilt erst nach der Geburt des zweiten Kindes als endgültig geschlossen, und erst nach der Geburt eines dritten Kindes werden die Ehefrau und die Kinder zu vollwertigen Mitgliedern des Clans des Mannes.
Ehescheidungen sind nicht unbekannt, ihr häufigster Grund ist das Ausbleiben von Kindern. Wenn eine Frau keine Kinder bekommt, verlangt der Mann die Rückgabe seines mit Rindern gezahlten Brautpreises und schickt die Frau zu ihrer Familie zurück.
Der britische Ethnologe Edward Evans-Pritchard fand bei den Nuern in den 1930er-Jahren die sogenannte „Frauenehe“ (woman-woman-marriage): Eine kinderlose Frau nimmt die Rolle des Ehemanns ein und heiratet eine andere Frau, für die sie auch einen Brautpreis bezahlt. Darüber hinaus bestimmt sie einen Mann, der mit ihrer Partnerin Kinder zeugt, die dann aber ihrer eigenen Abstammungslinie zugerechnet werden. Als „weiblicher Vater“ übernimmt sie in der Folge die rechtliche und soziale Vaterschaft für die Kinder der anderen Frau.
Auch zwei Formen der „Geistehe“ (ghost marriage) fand Evans-Pritchard bei den Nuern: Entweder wird eine Frau offiziell mit einem verstorbenen Mann verheiratet, um ihre Kinder in dessen Abstammungsgruppe einzugliedern (er wird nachträglich als deren genealogischer „Geistvater“ anerkannt), oder die Witwe oder auch die Schwester eines kinderlos verstorbenen Mannes heiratet einen anderen Mann, wobei die Kinder des Paares die Abstammungslinie des Verstorbenen fortsetzen.
Ehelicher Wohnsitz Die Nuer kennen keine festgelegte Wohnfolgeregel. Die Wahl des gemeinsamen Wohnsitzes nach einer Heirat ist bei ihnen von ökologischen, demografischen und wirtschaftlichen Bedingungen abhängig. In den meisten Fällen zieht die Ehefrau zu ihrem Mann oder seiner Familie (Patrilokalität: beim Vater des Ehemannes). Laut Evans-Pritchard wurde es bei den Nuern aber nicht als ungewöhnlich angesehen, wenn der Mann bei der Familie seiner Frau wohnte (Matrilokalität).
Politische Organisation Segmentäre Gesellschaft