mini| Ein Dinka und sein Zeburind außerhalb der Stadt Wau

Die Dinka, Eigenbezeichnung Muonjang (Einzahl) und Jieng (Mehrzahl: „die Leute vom Volk“), sind eine schwarzafrikanische Ethnie im Südsudan und besiedeln den größten Teil der Landesfläche; mit geschätzten 2,5 bis 3 Millionen Angehörigen sind sie die stärkste Volksgruppe des Landes. Sie bewohnen vor allem die Feuchtsavannen der Bundesstaaten Western Bahr el Ghazal und Western Equatoria im Süden, nördliche Teile des Bundesstaates Dschanub Kurdufan, die ausgedehnten Sumpfgebiete des Sudd im Bundesstaat Jonglei sowie den nördlichen Bundesstaat Upper Nile im Osten bis zur äthiopischen Grenze.

Der Bürgerkrieg im Südsudan seit 2013 um die politische Führung im Südsudan mit rund einer Million Flüchtlingen in der Region ist die Eskalation eines lange andauernden Konflikts zwischen den Dinka und den Völkern der Nuer und Mundari.

Geschichte Dinka sind möglicherweise ab dem 13. Jahrhundert auf der Flucht vor Dürre und Sklaverei aus der zentralsudanesischen Region Gezira nach Süden gewandert. Mit Viehzucht als wirtschaftlicher Grundlage konnten sie lange Strecken zurücklegen, Trockenperioden besser überstehen und sich dadurch gegenüber den ausschließlich Ackerbau treibenden Völkern des Südens durchsetzen. Genaue Wanderbewegungen lassen sich nur versuchsweise aufgrund mündlicher Überlieferung in Liedern und anhand ergrabener Topfscherben rekonstruieren. Demnach folgten sie zunächst entlang den Nil-Hauptflüssen nach Äthiopien und nach Süden bis zum Sobat-Fluss. Im 14. Jahrhundert hatten sie den Sobat erreicht und die dort siedelnden Schilluk weiter nach Westen verwiesen. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden die Dinka von Norden durch das expandierende islamische Reich der Funj bedrängt und wanderten über den Sobat nach Süden und (im 16. Jahrhundert) auch nach Bahr al Ghazal im Westen, wo sie gegen die dortigen Luel Kriege führten. Die letzte große in die Region Äquatoria von Süden eingewanderte Volksgruppe waren Ende 18. Jahrhundert die Azande. Ihre Siedlungsgrenze wurde in Auseinandersetzungen mit den Dinka festgelegt. Mitte des 17. Jahrhunderts gab es vorübergehend eine militärische Allianz der Schilluk mit dem Funj-Sultanat gegen die Dinka, für das Ende desselben Jahrhunderts wird von Handelsbeziehungen mit den Funj berichtet. Kriege mit den Shilluk setzten sich bis Anfang des 19. Jahrhunderts fort.Stephanie F. Beswick: Sudan’s Blood Memory. The Legacy of War, Ethnicity and Slavery in South Sudan. University of Rochester Press, Rochester 2004, ISBN 1-58046-151-4, S. 29–42, Kapitel 4: Slave Raids, Wars and Migrations ().

Allgemeines zur Lebensweise mini| Ein Rundhaus (Tukul) bei Juba Es werden nach Regionen fünf verschiedene Dinka-Sprachen unterschieden, die zur Gruppe der westnilotischen Sprachen gehören. Dinka zählen zur Nordgruppe der hier beheimateten Niloten, zu denen auch die benachbarten Schilluk und Anuak gehören. Alle Niloten sind traditionell überwiegend Viehzüchter. Eine besondere kulturelle Verwandtschaft besteht mit den Nuer; beide sind auch im Streit um knappes Weideland verbunden, die Nuer wurden dabei eher in Randbereiche abgedrängt. Zu Auseinandersetzungen um Weiderechte, die häufig bewaffnet ausgetragen werden, kommt es auch regelmäßig an den nördlichen Siedlungsrändern mit der dortigen islamischen Bevölkerung (besonders zwischen Ngok-Dinka und Misseriya-Arabern um Abyei). links|mini|234x234px|Dinka Halsschmuck im Sudan Ethnographic Museum, 2022 Dinka leben auf dem Land in weit verstreuten Einzelgehöften (baai) aus runden Lehmhäusern mit grasgedeckten Kegeldächern, Viehställen (luak) und einigen Feldern in der Nähe. Sie befolgen traditionell eine halbnomadische Lebensweise. Wenn nach zehn bis zwölf Jahren der Boden erschöpft ist, wird die Siedlung aufgegeben und an anderer Stelle neu errichtet. Vor der britischen Kolonialzeit gab es keine Dörfer. Erst die Gründung einzelner Verwaltungszentren, mit denen die Briten das weite Land kontrollieren wollten, war Ausgangspunkt für kleine Städte.

Angebaut werden an erster Stelle Sorghum-Hirsen, die in Form von Brei und Hirsebier (Merisa) Hauptnahrungsmittel sind. Daneben dient Kuhmilch, grünes Gemüse, Fisch, Fleisch und in manchen Gegenden Reis der Ernährung.

Dinka sind groß, schlank und als Volk selbstbewusst. Ihre Eigenbezeichnung in Bahr al Ghazal lautet Monijang („die Menschen“) und Jieng in der Provinz Oberer Nil. Alle anderen Völker werden mit Jur („Fremde“) bezeichnet.

Religion Dinka-Religion Die im Prinzip monotheistische Religion kennt einen nicht hinterfragbaren Hochgott Nhialic, der zumeist kultlos und gegenüber den tatsächlich Einfluss nehmenden jenseitigen Mächten in den Hintergrund getreten ist. Nach der afrikanischen Weltschöpfung und der darauf folgenden Trennung von Himmel und Erde ist Nhialic entrückt, falls er nicht als Regengott Deng agiert. Seither bestimmt eine große Zahl von niedrigen Himmelsgottheiten (kuth nhial), Erdgeistern (kuth piny) und verehrten Ahnen (yat) die unruhige Welt der Menschen. Diese unsichtbaren Kräfte werden verehrt, gefürchtet und ruhig zu halten versucht. Die Methoden hierfür sind nicht immer schwierig: Dinka machen einen Knoten aus Grasbüscheln (thuic), um die Geister zu beeinflussen, oder damit das Essen bis zu ihrer Heimkehr bereitgehalten wird.Godfrey Lienhardt: Divinity and Experience. The Religion of the Dinka. Nachdruck. Clarendon Press, Oxford 2003, S. 282 (original 1961; ).

Die von Nhialic geschaffene Urmutter Abuk verschuldete mit ihrem langen Stampfer zwar die Trennung von Himmel und Erde, begründete aber damit zugleich die Tradition des Hirseanbaus. Vor ihrem männlichen Partner Garang müssen sich Priester und Krieger fürchten. Der Regengott Deng kann auch Nachkomme dieser beiden sein, dann ist Abuk Tochter des Erdgottes Apiny.Godfrey Lienhardt: Divinity and Experience. The Religion of the Dinka. Nachdruck. Clarendon Press, Oxford 2003, S. 100 (original 1961; ). Urmenschen und Ahnenseelen, die oft in Schlangen wohnen, verhalten sich, wie auch neuere Gottheiten, allgemein gleichermaßen feindlich und freundlich. So erfolgt eine besondere Bedrohung durch Mascardit („der Große Schwarze“), der aber auch Fruchtbarkeit bringt. Das ist ein Problem für Missionare, die den Unterschied zwischen Gott und Teufel erklären wollen. Wo Jesus akzeptiert wurde, trat er oft in den noch unsicherer gewordenen Zeiten als neue Kraft der bestehenden Götterwelt bei. Auf die gleiche Art wurden auch in der Kolonialzeit eingeführte Errungenschaften der Technik und die spürbare Gewalt der Regierungen aus dem Norden als überirdische Bedrohungen wahrgenommen und den Mächten der jenseitigen Welt hinzugefügt.Bernhard Streck: Sudan. Steinerne Gräber und lebendige Kulturen am Nil. DuMont, Köln 1982, S. 258.

In der Vorstellung von der bösartigen Gottheit Mascardit zeigt sich auch, dass das Bewusstsein von Sünde nicht besonders ausgeprägt sein kann, da seine Taten zwar unausweichlich, aber recht willkürlich sind und sich mit göttlicher Gerechtigkeit nicht erklären lassen. Durch Mascardit gehen alle Dinge einmal zu Ende, manchmal sehr plötzlich: das Unglück ebenso wie das Leben.Godfrey Lienhardt: Divinity and Experience. The Religion of the Dinka. Nachdruck. Clarendon Press, Oxford 2003, S. 81 ff. (original 1961; ).

Als Vermittler zu den Geistern fungieren Priester (ban, „Meister“), die sich auf Aiwel Longar,Lexikoneintrag: Aiwel. In: Encyclopaedia of Myths. Advameg, 2014, abgerufen am 8. Juli 2014. den Begründer der Dinka-Gesellschaft und gemeinsamen Vorfahr aller Dinka zurückführen. Die Priester gehören zu dem Clan (kic), der als Totem Fleisch (ring) angenommen hat. Andere Clans haben Tamarinde, einen anderen Baum, einen bestimmten Vogel oder Termiten als Totem. Aiwel Longar ist bei den westlichen Dinka Nachkomme des Flussgottes Malek (Malengdit, Maleng yath). Zusammen mit einer anderen Clan-Gottheit namens Deng Garang baute Aiwel Longar für die Bevölkerung einen Kuhstall, ließ aber die Türen weg. Als die Dorfältesten rätselten, wo die Tür sei, wusste niemand Antwort bis auf Gargar, der daraufhin von Aiwel als sein Nachfolger bestimmt wurde.Godfrey Lienhardt: Divinity and Experience. The Religion of the Dinka. Nachdruck. Clarendon Press, Oxford 2003, S. 102 (original 1961; ).

mini|Dinka-Speerspitzen (tong) zur Verwendung im Alltag. Länge 44 cm. Gesamtlänge mit hölzernem Schaft 180 cm. Zeremonialspeere haben die Form des mittleren Blattes, 50 cm lang und entsprechend breiter. Sie sind mit Schaft etwa 2 m lang. Die obere Speerspitze dient speziell zum Fischfang. Ausgangsmaterial ist eingeschmolzener Autoschrott. Herkunft: Wau mini|Schmiede mit Holzkohlenfeuer. Links Doppelschlauch-Blasebalg: zwei Ziegenbälge sind an ein Y-förmiges Rohrstück gebunden. Rechts Rohlinge. Herstellungsort der oben abgebildeten Speerspitzen. Priester sprechen die Geister an und werden verehrt, falls ihr Tun erfolgreich ist. Über ihren Tod hinaus können sie Kraft auf ihre Anhänger übertragen. Über die größte magische Kraft verfügt der „Meister des Fischspeeres“, ein Titel, den Priester besitzen, die als Nachkommen von Aiwel Longar begriffen werden. Als dieser seine „Kraft des Fischspeeres“ abgab, ermächtigte er andere Meister, an seiner Stelle nach Land für ihr Volk zu sehen. Speere sind im traditionellen Alltag der Dinka stets präsent, das Tragen eines Speeres war früher quasi Teil der Kleidung der Männer: zwei lange Speere, falls ein Löwe kommen sollte. Fischspeere werden zu bestimmten Jahreszeiten zwar auch zum Fischfang benutzt, Korbreusen und Netze sind aber seit langem bekannt. Die religiöse Bedeutung liegt nicht im praktischen Wert des Speeres.

Grundlage der traditionellen Dinka-Weltsicht ist ein Überwältigtwerden oder Mitgerissenwerden von natürlichen und übernatürlichen Ereignissen, die sich jeder vernünftigen Vorhersage entziehen. Gemachten Erfahrungen werden übersinnliche Entsprechungen gegenübergestellt, die zwar kontrolliert werden müssen, dafür aber die Erfahrungen erklären helfen. Dabei entstehen nach Godfrey Lienhardt Bilder der menschlichen Leidenschaft.Anmerkung: Lienhardt führte dafür den lateinischen Begriff passiones als Grundform religiöser Erfahrung ein. Die Kontrolle über die magischen Kräfte darf nicht verloren gehen. So musste früher kontrolliert werden, wie der „Meister des Fischspeeres“ zu Tode kommt, damit seine Kraft weiterlebt. Er wurde mit seinen Speeren zusammen lebendig begraben. Ein natürlicher Tod hätte seiner religiösen Funktion als Wächter des Lebens widersprochen. Es war ein Opfer, das der Mehrung von Lebenskraft diente und der ganzen Gemeinschaft zugutekam. Ähnlich funktionierte der rituelle Königsmord, den es in anderen afrikanischen Gesellschaften gab.

Als in den 1940er Jahren die britischen Kolonialherren einen gesuchten Mörder nicht finden konnten, „verhafteten“ sie ersatzweise die heiligen Speere des Clans und schafften sie nach Khartum. Die Dinka brachten den folgenden Bürgerkrieg und Überschwemmungen mit den verlorenen Speeren in Verbindung. Nach dem Friedensschluss 1972 ließ der damalige südsudanesische Präsident, der Dinka Abel Alier, diese Speere nach Juba fliegen und von da mit dem Schiff und in Ehren nach Bor bringen, wo sie mit einer großen Opferzeremonie empfangen wurden.Oswald Iten: Sudan. Silva, Zürich 1983, S. 120. Eine Frau, die einen Speer trägt, hat einen Jungen geboren.Godfrey Lienhardt: Divinity and Experience. The Religion of the Dinka. Nachdruck. Clarendon Press, Oxford 2003, S. 172 (original 1961; ).