mini|hochkant=1.15|Ägypten in der Zweiten Zwischenzeit

Die Hyksos oder HykussosFolker Siegert: Flavius Josephus: Über die Ursprünglichkeit des Judentums. (Contra Apionem). Göttingen 2008, S. 111. (Mittelägyptisch Heka-chaset, Heqa-chaset, Heka-chasut, Heqa-chasut, übersetzt „Herrscher der Fremdländer“) waren eine Gruppe ausländischer Könige, die Ägypten für etwa 108 Jahre während der Zweiten Zwischenzeit regierten. Sie reichte von der 13. bis zum Ende der 17. Dynastie. Die angegebenen Zeiten schwanken etwas, aber im Allgemeinen gehen die Ägyptologen von ca. 1648–1550 v. Chr. aus. Dem ägyptischen Geschichtsschreiber Manetho zufolge bildeten die Könige die 15. und 16. Dynastie. Ursprünglich bezeichneten die Ägypter mit dem Begriff Hyksos ausländische Herrscher oder Nomadenchefs aus Südwestasien, später wurde daraus ein offizieller Königstitel.

Der jüdisch-hellenistische Historiker Flavius Josephus beschrieb die Hyksos, indem er Manetho zitiertFlavius Josephus, Contra Apionem 1. Buch, 28., als rücksichtslose Eindringlinge, die die ägyptischen Städte niederbrannten und die Tempel zerstörten, auch sollen sie die einheimische Bevölkerung unterdrückt und versklavt haben. Josephus’ Darstellung, die 1600 Jahre nach der Machtübernahme der Hyksos-Herrschaft in Ägypten entstand, ist umstritten und hat lange Zeit für Unklarheit über ihre Herkunft und Entwicklung gesorgt. Archäologische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte in Tell el-Dab’a, der Hyksos-Hauptstadt Auaris, und im Wadi Tumilat haben zu einem wesentlich besseren Verständnis der Hyksos-Kultur beigetragen.

Etymologie mini|hochkant|Frühe Hyksos-Darstellung aus der 12. Dynastie im Grab des Chnumhotep II. in Beni Hassan

Flavius Josephus wird in den Schriften von Eusebius überliefert. Die heute allgemein verwendete übliche Bezeichnung der eingewanderten Fremdherrscher lautet „Hyksos“. Diese Überlieferung entstand jedoch aus einer Fehllesung. In „Contra Apionem“ wird von Josephus die Namensschreibung erklärt:

Der Begriff „Hirten-Könige“ ist in der altägyptischen Sprache unbekannt. Die griechische Bezeichnung „Hykussos/Hyksos“ leitet sich von der altägyptischen Betitelung „Herrscher der Fremdländer“ ab. Den Bezug zu „Hirten-Könige“ stellte Josephus her, um eine Völkerverwandtschaft zwischen den Israeliten und den „Hykussos/Hyksos“ herzustellen.

Im Altägyptischen sind die Bezeichnungen für Herrschaft, altägyptisch: heqa (ḥq3) und Magie, altägyptisch: heka (ḥk3) sehr ähnlich. Faktisch ist die Verbindung von Herrschaft und Magie im alten Ägypten gut dokumentiertOkasha El Daly Egyptology: The Missing Millennium; Ancient Egypt In Medieval Arabic Writings. UCL press, 2005, ISBN 1-84472-063-2, S. 78. und auch aus den oben erwähnten Alternativschreibweisen für Heka-chaset (Heqa-chaset, Heka-chasut, Heqa-chasut) ersichtlich.

Archäologie Die Hyksos sind in Fundstätten der kanaaitischen Mittleren Bronzezeit-Kultur (MB IIa) nachweisbar. In Ägypten beschränken sich die Funde auf Gebiete entlang des pelusischen Nilarmes im östlichen Nildelta, das Einflussgebiet der Hyksos reichte aber auch bis Neferusi und Hermopolis in Mittelägypten.Julia Budka: Die Kultur der Hyksos anhand ihrer materiellen Hinterlassenschaft. In: Kemet Heft 2/2003, S. 13.

Die mit Abstand bedeutendste Fundstätte ist Tell el-Dab’a (Auaris), hier befand sich die Residenz der 15. Dynastie mit eigenen Palästen und Tempeln, ausgedehnten Grabanlagen und einer Vielzahl an Wohngebäuden. Die Stadt wird seit 1966 vom Österreichischen Archäologischen Institut und dem archäologischen Institut der Universität Wien unter der Leitung von Manfred Bietak erforscht.

Weitere wichtige Fundstätten finden sich in Tell el-Maschuta, in Tell el-Yahudiya, das eine wichtige strategische Funktion besaß, in Tell el-Sahaba am östlichen Ausgang des Wadi Tumilat sowie in Tell Farasha, Inshas, Bubastis und Ghita.

An Fundmaterial treten vor allem Töpferwaren, Bronzen und Steingeräte auf, wobei die Keramik die wichtigste Quelle zur Rekonstruktion der materiellen Kultur darstellt. Tierknochen, menschliche Knochen und botanische Reste geben hingegen Auskunft über die Umwelt und Lebensumstände der Bevölkerung.Julia Budka: Die Kultur der Hyksos anhand ihrer materiellen Hinterlassenschaft. In: Kemet Heft 2/2003, S. 13–14.

In den übrigen Teilen Ägyptens außerhalb des Ostdeltas treten keine Funde auf, was allerdings kein Machtvakuum bedeuten muss, da diese Gebiete auch über Garnisonen oder indirekt über das Vasallensystem beherrscht worden sein können.

Herkunft und Machtergreifung mini|hochkant|Hurritisches Königreich um 2300 v. Chr. (violett) mini|hochkant|Siedlungsgebiet der Kanaanäer und ungefähre Ausdehnung des als Kanaan/Kinaḫḫu bezeichneten Landes um 1300 v. Chr.

Eine Untersuchung der Eigennamen der Hyksos-Könige aus der 15. Dynastie ergab, dass diese überwiegend aus dem westsemitischen Sprachraum stammen, vereinzelt auch hurritischen Ursprungs sind. Demnach handelt es sich bei den Hyksos um Amoriter oder Kanaanäer, vielleicht auch Angehörige aus dem Volk der Hurriter.Gabriele Höber-Kamel: Der lange Weg zum Großreich. Von der Zweiten Zwischenzeit zum frühen Neuen Reich. In: Kemet Heft 2/2003, S. 6. Grabbeigaben wie Dolche oder Streitäxte aus der Spätphase lassen auf ein kriegerisches Volk schließen.

Nach einer langanhaltenden Blütezeit während des Mittleren Reiches war der ägyptische Staat gegen Ende dieser Periode deutlich geschwächt. Es kam zu instabilen, ständig wechselnden Regierungen, einer wachsenden Unabhängigkeit der Gaufürsten und zur Entstehung kleiner schwacher Stadtkönigtümer im Delta. Zeitgleich setzten zwei große syrisch-palästinische Migrationsphasen im nordöstlichen Nildelta ein. Die erste Einwanderungswelle fand noch vor Ende der 13. Dynastie statt. Brandschichten in mehreren Fundstätten im Ostdelta deuten darauf hin, dass es zu einer gewaltsamen, militärischen Landnahme gekommen sein muss.

In Tell el-Dab’a lässt sich während der 13. Dynastie eine zunehmende Besiedlung durch Amoriter und Kanaanäer beobachten, die auf eine zweite Zuwanderungswelle hindeutet. Die Errichtung der Hyksos-Herrschaft ging von Auaris aus und vollzog sich erst gegen Ende dieser zweiten Phase, wahrscheinlich unterstützt von der lokal ansässigen asiatischen Bevölkerung. Auaris wurde bereits im Mittleren Reich als neuer Handels- und Militärstützpunkt im Nordostdelta aufgebaut. Dazu ließ das ägyptische Königshaus Soldaten, Seemänner, Schiffsbauer und Arbeiter aus der Levante ansiedeln. Papyri aus Lahun und archäologische Spuren nahe Lischt belegen, dass eine vergleichbare Siedlung nahe Itj-taui, der ägyptischen Hauptstadt der 12. Dynastie, existierte. Einer Theorie von Manfred Bietak zufolge sollen die Hyksos bei der Machtübernahme durch Blutsverwandte in der königlichen Residenz unterstützt worden sein.

Die Hyksos-Könige Überlieferung mini|hochkant|Die Hyksos werden in der Turiner Königsliste in Spalte 10, Zeile 15 bis 21 genannt

Die Reihenfolge und Namenszuweisungen der Hyksos-Könige sind nicht vollkommen gesichert. Manetho nennt die sechs Könige Salitis, Bêôn, Apachnas, Iannas, Apôphis und Assis und weist ihnen eine vergleichsweise lange Regierungszeit von insgesamt 259 Jahren und 10 Monaten zu.Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Die Zeitbestimmung der ägyptischen Geschichte von der Vorzeit bis 332 v. Chr. (= Münchner ägyptologische Studien. [MÄS] Band 46). von Zabern, Mainz 1997, ISBN 3-8053-2310-7. S. 137. Zahlreiche Namen von Hyksos-Königen sind auf Skarabäen und Siegeln überliefert. Es erweist sich in der Forschung jedoch als schwierig, diese mit den von Manetho abgewandelten Königsnamen in Beziehung zu setzen.

Eine wichtige Königsliste stellt der in der 19. Dynastie verfasste Turiner Königspapyrus dar, auf dem ebenfalls sechs Herrscher angegeben werden, jedoch mit einer Gesamtregierungslänge von 108 Jahren. Die Könige der 15. Dynastie tragen auf der gesamten Liste als einzige Herrscher nicht den Titel König von Ober- und Unterägypten, sondern werden als Herrscher von Fremdländern (heqa-chasut) aufgezählt. Aufgrund des fragmentarisch erhaltenen Zustandes ist nur der Name des letzten Herrschers Chalmudi überliefert.Jürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten …. Mainz 1997, S. 136–137.

Chronologie Der erste Hyksos-König Salitis ließ sich in Memphis krönen, nutzte Manetho zufolge jedoch Auaris als Machtbasis. Es gibt auch inschriftliche Belege für Hyksos-Festungen bei Neferusi in Mittelägypten und bei Gebelein südlich von Luxor. Aus ägyptischen Texten, insbesondere zwei Stelen von König Kamose und der Carnarvon-Tafel, und dazu späteren Quellen wie dem Papyrus Sallier I. geht hervor, dass zeitgleich zur 15. Dynastie noch weitere Dynastien neben den Hyksos existierten und als deren Vasallen dienten. Zu den zeitgenössischen Dynastien zählen die 17. Dynastie in Theben und lokale Clanoberhäupter in Mittelägypten. Die Könige von Manethos 16. Dynastie, ebenfalls Hyksos, residierten in Scharuhen und kontrollierten ein kleines Königreich in Südpalästina. Die 16. Dynastie kann eventuell sogar als Unterdynastie der 15. betrachtet werden. Andere kleine lokale Hyksos-Dynastien konnten in Küstenfestungen und in Nordpalästina ausgemacht werden, beispielsweise beim Fundort Tel Kabri. Das übrige Palästina war politisch unabhängig. Die enormen Befestigungsanlagen in größeren palästinensischen Städten während der Spätphase dieses Zeitabschnitts deuten auf eventuelle Spannungen mit den Hyksos hin.

Es wurden zahlreiche Skarabäen mit dem Vornamen Maa-ib-Re gefunden und weitere mit dem Namen ScheschiScheschi ist wahrscheinlich die Kurzform eines anderen Namens. wahrscheinlich handelt es sich hierbei um ein und denselben König. Die weite Verbreitung dieser Skarabäen, von Kerma in Obernubien bis zur Südküste in der Levante, deutet auf einen wichtigen Hyksos-Herrscher hin. Es ist jedoch kein größeres Denkmal dieses Königs vorhanden.

Vor wenigen Jahren wurde der Name eines bedeutenden Herrschers auf einem Kalkstein-Türsturz aus der Hyksos-Festung in Tell el-Dab'a entdeckt. Die Inschrift des Blockes trägt den offiziellen Titel eines Hyksos-Königs und den westsemitischen Namen Seker Her oder Sikru Haddu – ein theophorer Name, der in Verbindung mit dem syrischen Sturmgott Haddu steht.

Der Häufigkeit der Inschriften des Hyksos-Königs Chajan nach zu urteilen muss dieser von besonderer Bedeutung gewesen sein. Der Deckel eines Salbgefäßes aus Alabaster mit Chajans Namen wurde im Palast von Knossos auf Kreta gefunden und ein Fragment eines weiteren mit seinem Namen beschrifteten Salbgefäßes in der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša. Beide Fundstücke waren wahrscheinlich diplomatische Geschenke an die beiden im östlichen Mittelmeerraum wichtigsten Höfe zu dieser Zeit. Ungewiss hingegen ist die Herkunft eines mit dem Namen des Königs versehenen Basaltlöwen, der in Bagdad erworben wurde.

Chajan usurpierte, wie einige kurz herrschende Könige der 13. Dynastie, Königsstatuen des Mittleren Reiches. Viele Statuen wurden nach Auaris verschleppt, um dort Tempel und königliche Bauten auszustatten. In Tell el-Dab’a wurde eine Stele einer seiner Söhne entdeckt. Dieser lässt sich wahrscheinlich mit dem Hyksos-König Iannas identifizieren, der von Manethos Königsliste her bekannt ist.

Etwa vierzig Jahre lang bis zum Ende der Hyksos-Dynastie regierte gemäß dem Turiner Königspapyrus König Aa-user-Re Apophis I., von dem noch zwei weitere Vornamen erhalten sind. Während seiner Regierungszeit blühte die ägyptische Wissenschaft auf: in seinem 33. Regierungsjahr entstand mit dem Rhind-Papyrus eine wichtige mathematische Abhandlung.

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