mini|Das Ming-Reich unter Kaiser Yongle (1402–1424)

Die Ming-Dynastie () herrschte von 1368 bis 1644 im Kaiserreich China, löste dabei die mongolische Herrschaft der Yuan-Dynastie in China ab und endete im 17. Jahrhundert mit der Qing-Dynastie.

Der Staat unter Hongwu

Etablierung der neuen Dynastie mini|Der erste Ming-Kaiser Hongwu (1368–1398) Gegründet wurde die Dynastie von dem Rebellenführer Zhu Yuanzhang, der in den Aufständen gegen die Mongolenherrschaft eine Splittergruppe der Roten Turbane anführte. 1363 entschied er die Seeschlacht auf dem Poyang-See gegen seinen wichtigsten Rivalen, den „Han“-Prinzen Chen Youliang, für sich und beseitigte in den Folgejahren auch seine restlichen Gegenspieler. Parallel dazu begann er mit der Organisation einer ordnungsgemäßen Verwaltung und gab dabei schon 1363 38 Millionen Münzen heraus. Im Jahr 1368 verjagte seine Armee unter General Xu Da den Khan Toghan Timur, den letzten Kaiser der Yuan-Dynastie, aus Peking und beendete die Mongolenherrschaft. Toghan Timur floh zunächst nach Shangdu und von dort weiter in den Norden der Provinz Jehol, wo er 1370 starb. Unter der Bezeichnung „Nördliche Yuan“ bestand das Mongolenreich nördlich der chinesischen Mauer bis zum Jahr 1634 weiter fort, konnte aber nie wieder die alte Bedeutung erlangen.

Konsolidierung Als erster Kaiser der Ming-Dynastie wählte sich Zhu Yuanzhang die Regierungsdevise „Hongwu“. In seiner Regierungszeit stand der wirtschaftliche Wiederaufbau im Mittelpunkt der Bemühungen. Es kam zu unzähligen Bebauungs- und Bewässerungsprojekten, durch die von einer halben bis zu fünf Millionen Hektar Land pro Jahr erschlossen wurden. Die Einnahmen aus der Getreidesteuer verdreifachten sich in sechs Jahren. Man schätzt, dass in 20 Jahren bis zu einer Milliarde Nutzbäume gepflanzt wurden (Obstbäume, Bäume für die Flotte, Maulbeerbäume für die Seidenherstellung).

In der Ming-Zeit kam es auch zu gewaltigen bürokratischen Anstrengungen. Die liefen – verglichen mit der liberalen Song-Zeit – auf eine absolutistische Regierung hinaus. Schon 1380 kam es zu einem Prozess des Kaisers gegen einen ehemaligen Vertrauten, in den 15.000 Personen verwickelt wurden. Das führte dazu, dass sich alle Macht auf den Kaiser konzentrierte, dem nun alle Ministerien direkt (das heißt ohne kaiserliches Sekretariat) unterstellt wurden. Das Amt eines Großkanzlers beziehungsweise Premierministers wurde für die Zukunft verboten. In den Jahren 1385 und 1390 wiederholte der Kaiser diese Prozesse. Widersprüchlichen Meinungen nach war Hongwu zum Ende seiner Amtszeit kaum noch zugänglich, er regierte unter Zuhilfenahme geheimer Beamter und der Geheimpolizei (1382: die „Garden mit den Brokatkleidern“). Außerdem ließ er zahlreiche Beamte und Militärs aus bloßem Misstrauen heraus hinrichten.

Dennoch legte der erste Ming-Kaiser das Fundament für einen stabilen Staatsapparat, der immerhin zweieinhalb Jahrhunderte mit Bevölkerungswachstum und starken ökonomischen Veränderungen überstand und noch bis 1911 mit nur marginalen Änderungen als Vorbild diente.

Verwaltungsprobleme mini|hochkant=1.5|Die Provinzen und Verwaltungsregionen des Ming-Reiches. In dunkler Färbung die Kernprovinzen des „Eigentlichen China“, in hellerer Färbung indirekt beherrschte Gebiete. Hongwus Vorstellungen prägten den Staatsaufbau. Die Bevölkerung wurde in Bauern-, Soldaten- und Handwerkerfamilien unterteilt, ihnen wurden je ein eigenes Ministerium (mit jeweils eigener Steuererhebung) und Hauptsiedlungsgebiete zugeordnet, Berufswechsel wurden unterdrückt. Zudem machte man je zehn Familien (lijia) gegenüber der Verwaltung für Steuern, öffentliche Dienstleistungen und Ordnung kollektiv verantwortlich. Da die Zahl der Beamten für die Kontrolle nicht ausreichte, kam es bald zu Orts- und Berufswechseln, verbunden mit Abweichungen in den Steuereinnahmen und – noch schlimmer – zur Verdrängung der ärmeren Mitglieder einer lijia auf dem Land.

In der Armee zeigten sich schon Mitte des 15. Jahrhunderts (Debakel von Tumu 1449) die Nachteile von Hongwus Bevölkerungseinteilung sehr deutlich. Der erste Ming-Kaiser schuf durch Vererbung des Berufsstandes eine Klasse von Soldaten und dachte, durch die Fortpflanzung gäbe es einen ständigen, selbstversorgenden Vorrat an (quasi genetisch) geeigneten Soldaten. Da er für die Soldaten Ackerland bereitstellen ließ, war auch kein Militärbudget vorgesehen. Das Grundproblem dabei war, dass das Soldatentum eine Arbeitsvermittlung darstellte, für die man mit der Geburt vorgesehen war, ohne dass Liebe zum Beruf, zum Land oder zur Dynastie damit verbunden waren. Das System versagte, als die Kaiser kein Interesse zeigten: Die Soldaten wurden zu Dienern der Offiziere, die sich das Ackerland der Armee aneigneten und die Soldaten für sich arbeiten ließen. Die Offiziere verkauften zusätzlich Freistellungen vom Militärdienst. Wohlhabende Soldaten ließen einfach ärmere Ersatzleute einspringen, oder die Soldaten desertierten ganz einfach.

Das gesellschaftliche Gefüge geriet bald außer Kontrolle, so dass man diese Regelungen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ändern beziehungsweise flexibler gestalten musste, nachdem bereits mehrfach soziale Unruhen ausgebrochen waren und sich immer mehr Menschen der Steuer- und Wehrpflicht entzogen. Danach griff man zum Beispiel in der Armee verstärkt auf Söldner (minzhuang) zurück und ergriff Maßnahmen zu ihrer Finanzierung, so dass sich die Armee dann zum Teil aus Wehrpflichtigen und zum Teil aus Söldnern zusammensetzte. Die Zahl der staatlich unterstellten Handwerker (zhuzuo) ging in ähnlicher Weise zurück, man griff stattdessen zunehmend auf halbfreie Handwerker (lunban) zurück und erlaubte es 1485 und 1562, dass diese ihre Verpflichtungen mit Silberzahlungen ablösten.

Zu den bereits beschriebenen Verwaltungsproblemen gesellte sich im 15. Jahrhundert die Herrschaft der Palasteunuchen und der Haremsdamen, welche großen Einfluss auf den seit 1426 allmächtigen Privatrat (Neige) und bald auch über die Geheimpolizei bekamen. Anders als bei den Staatsbeamten gab es bei Eunuchen keine geregelte Karriereleiter mit Prüfungen, sondern sie waren völlig abhängig von den persönlichen Launen des Kaisers und wurden von diesem als ein Werkzeug des Absolutismus gegen die geregelten Staatsbeamten ausgespielt. Nicht wenige Kaiser zogen sich sogar weitestgehend aus der Politik zurück, und im daraus resultierenden Spannungsfeld zwischen den Eunuchen (meist armer Herkunft aus Nordchina) und den hohen Beamten (Südchinas Wohlstands- und Bildungselite) kam es ununterbrochen zu Intrigen und Willkür, was den Staat innerlich zersetzte, besonders im Zeitraum 1615–1627 beziehungsweise unter den Kaisern Wanli und Tianqi.

Wirtschaft und Handel mini|260px|Kaiser Jiajing

Zur Ming-Zeit gab es angesichts des wirtschaftlichen Wiederaufbaus zur Zeit Hongwus, des Booms des Binnenhandels im 16. Jahrhundert, der Wiederbelebung von Militärkolonien und des Bevölkerungswachstums ab 1550 eine starke innere Expansion.

Erschwerend für den wirtschaftlichen Fortschritt war die traditionelle Verachtung der Konfuzianer gegenüber dem Handel und den Händlern, die in der Ming-Zeit einen Höhepunkt erreichte. Aber entgegen der Legende stellte China nach Zheng Hes Expeditionen 1433 seinen Außenhandel nicht ein und gab sich auch keinem wirklichen Isolationismus hin, wie dies im Japan der Tokugawa praktiziert wurde. Die Ming konnten das Reich der Mitte als bedeutendste See- und Wirtschaftsmacht in Ostasien behaupten. Allerdings erfolgte unter den Ming eine geistige Wendung nach innen. Damit verbunden war eine konservativere Haltung in der Politik, in der Gesellschaft und dem Geistesleben. Außerdem kam es im frühen 16. Jahrhundert unter Kaiser Jiajing zu Handelsrestriktionen infolge eines Konflikts mit Japan. Um den Schmuggel nach Japan zu unterbinden, zerstörte man 1525 alle hochseetüchtigen Schiffe. Nachdem dies kaum einen Effekt hatte, versuchte man 1551 den gesamten Außenhandel zu unterbinden. Die Folge der Verbote war ein noch größerer Aufschwung von Schmuggel und Piraterie in den Küstengebieten – die Händler wechselten dort einfach ihre Einkommensquelle. Bereits 1567 mussten alle Restriktionen wieder fallengelassen werden.

Aber das 16. Jahrhundert steht trotz der konservativen Haltung der Beamtenschaft auch für einen enormen Höhepunkt in Wirtschaft und Kultur. Als eine Ursache kann man die neuen europäischen Kolonien in Amerika betrachten. Der Großteil des dort abgebauten Silbers wurde von Portugal und Spanien in China ausgegeben, um Waren für den europäischen Markt zu erstehen. Das Silbergeld ersetzte parallel dazu wieder das Papiergeld, was die Währung stabilisieren sollte. Eine andere Ursache für den Aufschwung war die geringe und im 16. Jahrhundert vereinheitlichte Besteuerung. Weiterhin ist die starke regionale Differenzierung innerhalb der Gesamtproduktion des Reiches zu erwähnen, welche den Binnenhandel mit Massenkonsumartikeln förderte, aus dem die Kaufleute ihre Gewinne zogen.

Nach 1520 verzeichnet man einen Aufschwung des Großhandels und Handwerks und technische Fortschritte und Neuerungen im Handwerk (z. B. in Weberei und Buchdruck), der Landwirtschaft (neue Nutzpflanzen wie die Süßkartoffel, zum Teil dank der Portugiesen), ferner dem Militärwesen. Gehandelt wurde insbesondere mit Reis und Korn (letzteres gegen Salzgutscheine in die Grenzgebiete), mit Salz und Tee, mit Baumwolle und Seide für den Textilmarkt und mit Porzellan. Selbst Druckerei und Buchhandel waren angesichts des Bildungsbedarfs der mittleren Bevölkerung einträglich. Großkaufleute, Geschäftsleute und Bankiers stiegen als Lieferanten des Staates gesellschaftlich wieder auf. Ein wohlhabendes chinesisches Bürgertum kam zur Blüte, wobei das Vermögen einzelner Händler eine Million Silberunzen und mehr betragen konnte.

Zur Ming-Zeit wurden wieder Militärkolonien (Kennzeichen: Ortsnamen mit -ying endend) an den Grenzen eingerichtet. Ihr militärischer Schutz förderte die dortige chinesische Besiedlung, die auf Kosten der einheimischen Bevölkerung (Thai, Tibeto-Burmanen, Miao, Yao) ging und zahlreiche Zusammenstöße provozierte (z. B. 1516 in Sichuan unter Pu Fae). Um 1550 setzte zudem ein außerordentliches Bevölkerungswachstum ein, das durch die kontinuierliche Verbesserung des Reisanbaus seit dem 11. Jahrhundert (Champa-Reis – ertragreich, robust, und schließlich auch schnellwachsend: 60 Tage von Umpflanzung bis Ernte) und die hinzukommende Nutzung des Fruchtwechsels beim Getreideanbau hervorgerufen oder zumindest begünstigt wurde.

Man bemühte sich unter dem Kanzler Zhang Juzheng (1525–1582) auch, die Lasten der Kleinbauern zu mildern.

Außenpolitik mini|210px|Die Große Mauer wurde zur Ming-Zeit auf ihre heutige Länge ausgebaut. Die größte außenpolitische Belastung der Ming waren die wechselvollen Kämpfe mit den Mongolen – diesmal aber in der Mongolei. Erwähnenswert ist dabei der Sieg vom Buinor-See 1387, der die baldige Entmachtung der Kublaiden zur Folge hatte. Allerdings traten nun die Westmongolen (besonders die Oiraten) in den Vordergrund und neue chinesische Feldzüge wurden nötig. Dies war einer der strategischen Gründe, warum Kaiser Yongle ab 1406 die kaiserliche Hauptstadt von Nanjing nach Peking verlegen ließ. In diesem Zusammenhang wurde auch der Kaiserkanal für den Reistransport ausgebaut.

Eine ernste Niederlage erlitten die Ming 1449, als die Westmongolen unter Esen Taiji bei Tumu siegten und den unerfahrenen Kaiser Zhengtong gefangen nahmen. Im 16. Jahrhundert erneuerte sich der Druck der Mongolen, als die Ming Dayan- und Altan Khan mit Handelsboykotten provozierten. Gegen die mongolischen Überfälle agierte die Armee (nicht zuletzt aus Kostengründen) zunehmend defensiv, so dass zum Schutz vor Überfällen während der Yongle-Periode (1403–1424) die berühmte Chinesische Mauer auf den heutigen Stand ausgebaut wurde.Kim, S. 14