mini|alt=Diederichsen spricht auf Bühne in Mikro|Diedrich Diederichsen (2025)
Diedrich Diederichsen (* 15. August 1957 in Hamburg) ist ein deutscher Kulturwissenschaftler, Kritiker, Journalist, Kurator, Autor, Essayist und Hochschullehrer. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Poptheoretiker.
Leben Diedrich Diederichsen wurde als Sohn des gleichnamigen Theaterwissenschaftlers und einer Lehrerin in Hamburg geboren, wo er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Detlef aufwuchs. Er besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums, an der er 1975 Abitur machte. An der Universität Hamburg studierte er Hispanistik, Neuere deutsche Literatur, Linguistik und Philosophie. Marxistisch vorgeprägt durch Hamburger K-Gruppen-Diskussionen, fand er sich Ende der 1970er Jahre im Umfeld der Musikszene wieder. Die Trennung von den marxistischen Kreisen erfolgte aufgrund ästhetischer und politischer Differenzen, die durch aktuelle subkulturelle Strömungen und Umbruchphänomene wie Punk, New Wave und Neue Deutsche Welle verstärkt wurden. Die akademische Promotion (über Luis Buñuel) brach Diedrich Diederichsen zugunsten einer journalistischen Karriere ab. Von 1979 bis 1983 arbeitete er als Redakteur bei der Musikzeitschrift Sounds. In Sounds vertrat er bis zur Auflösung der Zeitschrift eine dezidiert anti-rockistische Position. In der Hamburger Musikszene wirkte er bei experimentellen kurzlebigen Musikprojekten aus dem journalistischen und künstlerischen Umfeld mit (Nachdenkliche Wehrpflichtige, Flying Klassenfeind, LSDAP/AO).
Seit Mitte der 1980er Jahre lebte Diedrich Diederichsen in Köln. Dort war er von 1985 bis 1990 Chefredakteur (V. i. S. d. P.) der Musik- und Popkulturzeitschrift Spex. Nebenher arbeitete er auch als Berater und Texter für die aus der Düsseldorfer Werbeagentur GGK hervorgegangene Agentur KKG („Michael Schirner Werbe- und Projekt Agentur“).Von 1984 bis 1985 lebte Diedrich Diederichsen in Düsseldorf und arbeitete als Texter für die GGK-Werbeagentur. In Köln nahm er als aktives Mitglied der lokal ansässigen und international tätigen Kunstszene an Aktionen, Ausstellungen und Veranstaltungen in Form von Katalogbeiträgen, Vorträgen und Diskussionen teil. Zusammen mit der afro-amerikanischen Künstlerin Renée Green erarbeitete Diedrich Diederichsen einen dialogischen Austausch über die Rezeption afro-amerikanischer Kultur, den die Künstlerin in ihre Installationsarbeit Import/Export Funk Office einfließen ließ.Die Installation wurde 1992 in der Kölner Galerie Christian Nagel gezeigt. Später ging sie in den Bestand des MOCA, Museum of Contemporary Art, Los Angeles, über. Mit Gerd Gummersbach, Verlagsleiter bei Spex, legte Diedrich Diederichsen als „Dread Beat“-DJ-Team regelmäßig Dancehall-Reggae auf.Gelegentlich betätigt sich Diedrich Diederichsen immer wieder auch als „DJ“. In ihrem Blog beschreibt Katja Kullmann unter dem Titel „Berlin, Brunnenstraße, Mittwochnacht“ eine spontane Begegnung mit Diedrich Diederichsen am DJ-Pult (April 2008). Zu der Zeit war er mit der Künstlerin Jutta Koether zusammen.Bei einer Spex-Party im Hamburger Café „Schöne Aussichten“ hat Moni Kellermann 1985 Diedrich Diederichsen zusammen mit Jutta Koether fotografiert: Mit der künstlerischen Entwicklung von Albert Oehlen, Werner Büttner und Martin Kippenberger ist Diedrich Diederichsen von Beginn an in freundschaftlicher Nähe verbunden.Eine Grafikarbeit von Martin Kippenberger von 1986 zeigt Diedrich Diederichsen beispielsweise hinter einem prototypischen Rednerpult zwischen Kippenberger und Albert Oehlen. Martin Kippenberger: „Albert Oehlen und Diedrich Diederichsen präsentieren: Die vier besten Filme der Welt“Zu der Kerngruppe von Künstlerfreunden gehört auch Rainald Goetz seit den 1980er Jahren. Auf Instagram veröffentlichte Rainald Goetz 2025 ein Foto eines gemeinsamen Auftritts in der Markthalle Hamburg, vom Juni 1984. . Am 3. Mai 2012 traten Diedrich Diederichsen und Rainald Goetz bei einer gemeinsamen Lesung an der Humboldt-Universität zu Berlin auf .In einem Erlebnisbericht bei Höfliche Paparazzi von 1990 schildert Chris Duller ein privates Zusammentreffen von Diedrich Diederichsen, Albert Oehlen, Rainald Goetz, Peter Pakesch, Martin Prinzhorn und Katharina Weingartner:
Nach seinem Rückzug aus der Spex-Redaktion konzentrierte sich Diedrich Diederichsen auf seine Arbeit im kulturtheoretischen und akademischen Bereich. Seit 1992 arbeitete er als festangestellter Dozent an der Merz Akademie, Stuttgart; von 1998 bis 2006 war er dort Professor. Daneben übernahm er Lehraufträge bei verschiedenen anderen hochschulpädagogischen Institutionen. Diederichsen lehrte u. a. an der Städelschule, Frankfurt/M.; am Art Center College of Design, Pasadena in Kalifornien; an der Akademie der Bildenden Künste, München; an der Hochschule für Gestaltung, Offenbach; an der Universität Bremen; an der Bauhaus-Universität, Weimar; an der Justus-Liebig-Universität, Gießen; und an der Universität Wien.
Ende der 1990er Jahre verlegte Diedrich Diederichsen seinen Wohnsitz von Köln nach Berlin. Von 2002 bis 2005 war er Mitglied der Jury der Bundeskulturstiftung. Diedrich Diederichsen ist seit dem Ende der 1990er Jahre in verschiedenen Gremien beratend aktiv. Seit 1998 ist er Mitglied des Beirates von Texte zur Kunst. Von 2000 an wirkte er einige Jahre als Mitglied im „Klangrat“ des Fachs „Sound Studies“ an der UdK Berlin, ebenso im Beirat des „ZMI – Zentrum für Medien und Interaktivität“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Beirat für das Berliner Kino Arsenal sitzt Diederichsen seit 2005 sowie seit 2008 im Beirat der Reihe „Sound Studies“ im transcript Verlag. Die NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin) vertrat er als Präsidiums-Mitglied von 2010 bis 2014. Seit 2011 ist er Mitglied im künstlerischen Beirat des Festivals Steirischer Herbst, Graz. 2014 wurde er neben Anke Engelke, Christoph Jacke und Jochen Hülder in den Beirat des von Hans Nieswandt geleiteten „Institut für Populäre Musik“ der Folkwang Universität der Künste am Standort Zeche Bochum berufen.
Von 2006 bis 2024 lehrte Diedrich Diederichsen als Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Als akademische Forschungsgebiete waren angegeben: Pop-Musik als Modell einer Gegenwartskultur; Die „dritte Kulturindustrie“: Netzkulturen und Entertainment-Architektur; Neo-Formalismus, Psychedelia; Martin Kippenberger und seine Zeit.Abschnitt auf Diederichsens Homepage bei der Akademie der bildenden Künste Wien
Bei der Berlinale 2021 wurde er in die internationale Jury der Sektion Encounters berufen.Encounters Jury. In: berlinale.de (abgerufen am 19. Februar 2021).
Diedrich Diederichsen war mit der Kunsttheoretikerin und Philosophin Juliane Rebentisch verheiratet.
Mit der Künstlerin Raphaela Vogel hat er ein Kind.
Wirken Sexbeat
mini|Diedrich Diederichsen (1984)
In seiner journalistischen und redaktionellen Arbeit bei Sounds verfolgte Diedrich Diederichsen einen intellektuellen Ansatz, der Popmusik und poststrukturalistische Theorie verband. Er wurde bekannt für seine anti-rockistische sozialtypologische Charakterisierung von Erwartungen und Rezeptionsgewohnheiten in der Rock- und Popmusikkultur, was ihn zu einer umstrittenen Figur werden ließ. Neben und nach der Arbeit bei Sounds veröffentlichte Diederichsen einige Autoren-Artikel im Spiegel. Außerdem veröffentlichte er regelmäßig Texte im Stadtmagazin Szene Hamburg und in der Zeitschrift konkret.
Zeitgleich mit der Aufnahme seiner Arbeit als Chefredakteur der Spex etablierte sich Diedrich Diederichsen 1985 mit der Buch-Veröffentlichung Sexbeat bei Kiepenheuer & Witsch als Theoretiker und Essayist im Grenzbereich von Pop, Politik und Kunst.Unterstützt wurde die Publikation bei Kiepenheuer & Witsch durch den Lektor Helge Malchow. Sexbeat erschien bei Kiepenheuer & Witsch als dort einige Genre-prägende Titel der Popliteratur veröffentlicht wurden, wie beispielsweise Mai, Juni, Juli (1987) von Joachim Lottmann und Schönheit in Waffen. Stories (1985) sowie die Anthologie Rawums. Texte zum Thema (1984) von Peter Glaser. Diedrich Diederichsen veröffentlichte 1987 bei Kiepenheuer & Witsch einen Roman mit dem Titel Herr Dietrichsen. Obwohl seine essayistische Erzählform und die schwarz-weiß abgedruckten Schnappschussfotografien als popliterarische Stilmittel verstanden werden können und der Buchtitel sowie die gleichnamige Romanfigur eine postmoderne Brechung der Autorenposition markieren, stieß der Roman Herr Dietrichsen auf wenig Resonanz und wurde nur selten im Kontext der Popliteratur interpretiert. In seiner kritischen Besprechung des Buches im Spiegel titulierte Markus Peichl Diedrich Diederichsen als „Pop-Feuilletonist, linker Linkenhasser, bemühter Buchhalter der Subkultur, Szene-Papst von eigenen Gnaden“ sowie als „lebender Mythos der deutschen Subkultur“.Der oftmals gebrauchte Titel „Papst“ (später meistens kombiniert als „Pop-Papst“) taucht 1991 wieder in einem Text über die Band Freiwillige Selbstkontrolle im Spiegel auf, in dem auf Diederichsen als „Papst der deutschen Subkultur“ Bezug genommen wird:
Das Buch Sexbeat ist in 73 kurze Abschnitte unterteilt, die mit prägnanten Überschriften versehen sind; dazu sind einige kleine Schnappschuss-Fotografien aus dem Bestand des Autors schwarz-weiß abgedruckt. In einem verschwörerischen Tonfall wird die Geschichte des „Mehr und Weiter“ erzählt, von dem sich die Subkultur (Bohemia) seit den frühen 1970er Jahren vorantreiben ließ. Mit Hilfe kultureller Zeitphänomene wie Nachtleben, Poststrukturalismus, LSD-Drogenkonsum, „Großfreunde“, Hipster und Hip-Intellektuelle, Klatsch und Bolshevique Chic wird die historische Sackgasse des „Mehr und Weiter“ dargestellt. Nachdem die lineare Steigerung von Intensitätserfahrungen – wie sie laut Diederichsens Zeitdiagnose das subkulturelle Leben bislang bestimmt hat – an ihr Ende gelangt ist, wird die subkulturelle Szene nunmehr von einer „Second-Order-Generation“ bestimmt. Ebenso wie den vorangegangenen subkulturellen Aktivisten geht es auch der Second-Order-Generation darum, sich nicht korrumpieren zu lassen, nicht „denen ihr Spiel zu spielen“. Aufgrund der veränderten historischen Situation werden allerdings nicht die expressiven, bewusstseinserweiternden und emanzipatorischen Bestrebungen der Vergangenheit fortgeführt. Stattdessen entwirft Diederichsen mit seinen Beschreibungen und Diagnosen eine Bohème-Szenerie aus Frauen, Künstlern, Beatniks und Intellektuellen, deren überbordende und aufgeladene kulturelle Produktion das herrschende System zum Einsturz bringen kann.