mini|Hinweistafel zum Bruderhof von Oak Bluff
Die Hutterer, auch Hutterische Brüder genannt, bisweilen in der Schreibweise Huterer, sind eine täuferische Gemeinschaft, die auf Jakob Hutter zurückgeht und deren Anhänger in Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde leben. Die Hutterer bilden keine einheitliche Organisation, sondern setzen sich aus mehreren selbstständigen Untergruppen zusammen. Ihre Lehre und Glaubenspraxis waren der Grund dafür, dass ihre Mitglieder seit der Gründung im Jahr 1528 häufig emigrieren mussten. Heute leben die knapp 60.000 Anhänger nahezu ausschließlich in den Vereinigten Staaten und Kanada. Sie sprechen bis heute das Hutterische – einen bairisch-österreichisch geprägten Dialekt – als Muttersprache.
Geschichte mini|Die Hutterer etablierten sich in der Reformationszeit in Mähren, in das verfolgte Täufer aus Tirol und anderen Regionen emigriert waren mini|Migration der Hutterer von 1528 bis zur Auswanderung nach Nordamerika 1874 mini|Frühe Hutterer-Anklageschrift
Die Hutterer betrachten gemeinsam mit den anderen Täufern die erste Gläubigentaufe in Zürich, die nach täuferischer Überlieferung am 21. Januar 1525 stattfand, als Anfangspunkt ihrer Geschichte. Mit ihrem Bekenntnis zur urchristlichen Gütergemeinschaft stellten sie einen eigenen Flügel der Täuferbewegung dar.
Unter den im ganzen deutsch- und niederländischsprachigen Gebiet verstreut lebenden Täufern taten sich Menno Simons in Norddeutschland und den Niederlanden sowie der aus dem Südtiroler Pustertal stammende Jakob Hutter in Süddeutschland als Führungspersönlichkeiten der Täufer hervor. Beide gründeten festgefügte Gemeinschaften, auf die sich verfolgte Glaubensanhänger verlassen konnten. Ihre Anhänger entwickelten sich seitdem weitgehend unabhängig voneinander und werden bis heute in Hutterer und Mennoniten, von denen sich später noch einmal die Amischen abspalteten, unterschieden.
Die Täufer wurden von der römisch-katholischen, der lutherischen und der reformierten Kirche, das heißt von allen damals etablierten Kirchen, als Ketzer, die die Kindertaufe und damit die Lehren der Kirche in Abrede stellten, angesehen und deswegen verfolgt und getötet. Das durch Kaiser Karl V. 1529 erlassene Wiedertäufermandat verbot die Taufe der Taufgesinnten unter Androhung der Todesstrafe. Zahlreiche Täufer, darunter auch Jakob Hutter, starben als Märtyrer.
Mähren (1528–1622) Die Verfolgten bildeten Gemeinschaften von Gleichgesinnten in Gegenden, in denen relative Toleranz in Religionsfragen herrschte. Viele Täufer ließen sich deshalb in Mähren nieder, wo sie nicht zuletzt wegen ihres Fleißes willkommen waren. Die Markgrafschaft Mähren wurde bis 1620 praktisch von einer Oligarchie des Adels regiert und es herrschte dort eine vergleichsweise große religiöse Toleranz, im Gegensatz zu der Situation in den meisten anderen habsburgischen Ländern. Schutz fanden die Täufer auf den Gütern der Herren von Liechtenstein, Žerotín, Leipa, Boskowitz, Kaunitz und Waldstein.Thomas Winkelbauer: Ständefreiheit und Fürstenmacht: Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter. Teil 2 (= Herwig Wolfram: Österreichische Geschichte 1522–1699). Wien 2003, S. 148ff.
Ein erstes Zentrum der mährischen Täuferbewegung bildete der Raum um Nikolsburg, in dem Balthasar Hubmaier bereits ab 1526 eine lokale täuferische Reformation durchgeführt hatte. Bald kam es hier jedoch zu einem theologischen Disput über die Legitimität von Gewalt, der zur Spaltung der noch jungen mährischen Täuferbewegung in bewaffnete Schwertler und gewaltlose Stäbler führte. Die letztere Gruppe verließ Nikolsburg im Jahre 1528 und bildete später in Austerlitz einen ersten täuferischen Bruderhof.
Ein Jahr später kam auch Jakob Hutter erstmals nach Austerlitz. Er half in den kommenden Jahren weiteren Täufern bei der Ansiedlung in Mähren. Die Austerlitzer Gemeinde expandierte und konnte bereits 1530 eine Tochtergemeinde im nahen Butschowitz aufbauen. Im Winter 1530/31 hatte die Gemeinschaft etwa 600 erwachsene Mitglieder.
Nach internen Konflikten trennte sich jedoch im Januar 1531 eine etwa 150 Personen große Gruppe von den Austerlitzern und übersiedelte unter Führung von Wilhelm Reublin nach Auspitz, wo ein weiterer Bruderhof errichtet werden konnte. Hier bestanden auch enge Kontakte zu den ebenfalls in Gütergemeinschaft lebenden Gabrielern und Philippern. Im Oktober 1533 wählte die Auspitzer Gemeinschaft schließlich Jakob Hutter zu ihrem Vorsteher, womit sie zur Keimzelle der hutterischen Bewegung wurde. Hutter warb weitere Mitglieder an und konsolidierte die noch junge Auspitzer Gemeinde, so dass sich das Modell einer urchristlich-kommunistischen Produktions- und Gütergemeinschaft weiter festigen konnte. Nach seinem Tod war es vor allem Peter Riedemann, der die Kodifizierung der Lehre und Glaubenspraxis vorantrieb.
Bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) blühte das hutterische Gemeindeleben. Besonders die Jahre zwischen 1563 und 1592 bildeten den Höhepunkt der hutterischen Aktivitäten in Mähren. Die Chroniken sprechen von den „guten Jahren“, manchmal auch von der „goldenen Zeit der Hutterer“. Aufgrund aktiver Missionstätigkeit lag die Zahl der Konvertiten auch noch über der in der Gemeinschaft Geborener.
Die Zugezogenen übten ihre erlernten handwerklichen Tätigkeiten auch in den Gemeinden aus. Unter anderem gab es Uhrmacher, Brauer, Schmiede, Glaser, Töpfer, Seil- und Siebmacher, Bergarbeiter, aber auch Chirurgen und Ärzte, alles Berufe, die heute von den Hutterern nicht mehr ausgeübt werden. Hutterische Ärzte besaßen ein hohes Ansehen. So ist überliefert, dass sich der kranke Sohn eines Franz von Taxis im Jahre 1581 bei den Hutterern gesundpflegen ließ. Auch die hutterischen Schulen waren ihrer Zeit weit voraus und auch Nichthutterer schickten ihre Kinder dorthin. An die 80 Bruderhöfe bestanden damals mit mindestens 20.000 Bewohnern. Die Höfe bildeten noch keine selbstständigen Siedlungen, sondern befanden sich innerhalb der bestehenden Ortschaften.
Während des Dreißigjährigen Krieges wurden die Hutterer jedoch immer wieder Ziel marodierender Landsknechte. Das hutterische Geschichtbuch berichtet, dass allein zwischen Juli und Oktober 1619 29 hutterische Bruderhöfe von kaiserlichen Truppen zerstört wurden. Oft mussten sich die Bewohner in Wäldern oder Höhlen verstecken. Diese Höhlen (tschechisch: lochy) waren aufwendig konstruiert und verbargen ihre Bewohner hinter Gängen und Falllöchern in unterirdischen Wohnräumen, die mit verborgenen Ausgängen verbunden waren. 1622 befahl Kaiser Ferdinand II. den Hutterern im Rahmen der Gegenreformation, entweder zum katholischen Glauben überzutreten oder sein Land binnen vier Wochen zu verlassen. Damit begann die lange Wanderschaft der hutterischen Gemeinden.
Niederösterreich (1538–1622) Im niederösterreichischen Weinviertel gründeten einige Hutterer ein kleines Zentrum im Norden von Steinebrunn. Dort hatte das Adelsgeschlecht der Fünfkirchner die Grafschaft Falkenstein übernommen. Hans III. Fünfkirchen sowie sein Sohn Johann Bernhard von Fünfkirchen waren selbst Anhänger der Hutterer. Vor allem vertriebene Hutterer aus den umliegenden Gemeinden fanden hier Zuflucht.
Im Jahr 1539 wurde die Bevölkerung von Soldaten des Kaisers Ferdinand I. überfallen und Teile der männlichen Bevölkerung nach Triest deportiert. Ein Teil davon konnte fliehen und kehrte zu den Familien zurück. Trotz jahrelanger Schwierigkeiten lebten Hutterer bis 1620 in dieser Region. Erst nach der Schlacht am Weißen Berg wurden auch die restlichen Hutterer vertrieben. Viele ließen sich daraufhin in der Slowakei nieder. Die Geschichte der Hutterer in Niederösterreich und im angrenzenden Südmähren ist im Täufermuseum Niedersulz und in der Ausstellung über die Hutterer in der Burgruine Falkenstein dokumentiert.
Ungarn, Slowakei und Siebenbürgen (1546–1770) mini|Habaner (hutterische) Keramik mini|Bethaus des Bruderhofes (Habanerhof) im slowakischen Veľké Leváre/Großschützen Bereits im Laufe des 16. Jahrhunderts entstanden auch in der damals noch zu Ungarn gehörenden und Oberungarn genannten Slowakei hutterische Bruderhöfe. Die bedeutendsten Ansiedlungen befanden sich in Sobotište (deutsch: Sabatisch), in Moravský Svätý Ján (St. Johann) und Veľké Leváre (Großschützen). Der erste Bruderhof (auch: Haushabe) in Sabatisch war bereits 1546 gegründet worden.
Vielen calvinistisch und lutherisch gesinnten ungarischen Adelshäusern waren die reformatorischen Hutterer willkommen, da sie sich durch sie eine Neubesiedelung abgelegener und entvölkerter Landstriche erhofften. Auch als Handwerker waren die Hutterer geschätzt. In der Slowakei wurden die Hutterer auch als Habaner bezeichnet. Die hier von den Hutterern hergestellten Keramikwaren werden bis heute noch als Habanerfayencen bezeichnet.
Nach Beginn der Verfolgungen im benachbarten Mähren im Jahr 1622 fanden schließlich über 12.000 vertriebene Hutterer Zuflucht auf den „oberungarischen“, das heißt slowakischen Bruderhöfen. Für viele aus Mähren geflohene hutterische Familien sollte die Slowakei für die folgenden 150 Jahre eine feste Heimat werden. Viele Hutterer wurden auch im damals ebenfalls zu Ungarn gehörende Siebenbürgen angesiedelt, wobei diese Ansiedelung auf Druck des Fürsten Gabriel Bethlen geschah. Die Zahl der in Siebenburgen lebenden Siedler wuchs im Lauf der Zeit auf etwa 2.000 Hutterer an.
Die siebenbürgische Hauptsiedlung war Unterwintz (deutsch auch: Alwünz oder Alwinz, rumänisch: Vințu de Jos, ungarisch: Alvinc), später entstanden jedoch noch weitere hutterische Siedlungen in Gilau bei Klausenburg, in Neumarkt, Eibesdorf, Stein, Kreutz und Großwardein. Zentrum der siebenbürgischen Hutterer blieb jedoch Unterwintz. Hier konnte auch Tonerde für die von den Hutterern betriebene Keramikproduktion abgebaut werden.
Dennoch bremsten die weiteren Ereignisse die Entwicklung der Hutterer. Besonders in der Slowakei wurden die hutterischen Höfe immer wieder von plündernden Truppenteilen des Dreißigjährigen Krieges überfallen. Auch die nach dem Krieg von österreich-ungarischer Seite intensivierten Rekatholisierungsmaßnahmen setzten den einzelnen Gemeinden immer stärker zu. Es kam zu zahlreichen Festnahmen und Konfiskationen auf den kommunal geführten Höfen. Ebenso drohten Zwangsadoptionen hutterischer Kinder.
Die frühere Intensität der hutterischen Mission nahm ebenfalls stark ab. Zwar konnte 1654 mit Brüdern aus Sabatisch noch ein hutterischer Bruderhof im pfälzischen Mannheim gebildet werden, doch auch diese deutsche Gemeinde löste sich trotz fürstlicher Privilegien 1684 wieder auf. Die hutterischen Chronisten beschrieben diese Zeit schließlich als eine Zeit des Verfalls der Tradition und einer Abkehr vom Glauben. Durch die anhaltenden Kriege und Plünderungen sahen sich die Hutterer schließlich im Jahre 1685 dazu veranlasst, ihre Gütergemeinschaft gänzlich aufzugeben.
Die Gemeinschaft stand kurz vor ihrer Auflösung; zahlreiche Anhänger konvertierten nach Androhung von Zwang zum katholischen Glauben. Nur einzelne Bruderhöfe in Siebenbürgen konnten sich noch trotz der rabiaten Gegenreformation halten. Dort traf im Jahr 1755 auch eine Gruppe von österreichischen Transmigranten ein, die von Kaiserin Maria Theresia wegen ihres protestantischen Glaubens zwangsumgesiedelt wurden und in mehreren Orten, darunter Grosspold (rumänisch Apoldu de Sus), Neppendorf und Heltau, angesiedelt wurden, welches ganz in der Nähe von Unterwintz liegt.
Einige dieser aus Kärnten stammenden Landler, die zuvor nichts von der Existenz der Täufer gewusst hatten, waren von deren Prinzipien und Standhaftigkeit beeindruckt und schlossen sich diesen Hutterern an. Dadurch gaben sie der kleinen Gemeinschaft neue Impulse und auch die Gütergemeinschaft wurde 1762 neu eingeführt. Die heutigen hutterischen Familiennamen Kleinsasser, Hofer, Waldner, Wurz und Glanzer, gehen auf die Kärntner Landler zurück.
Mannheim (1655–1684)