Ein Meltdown (engl. Kernschmelze) ist ein psychischer Ausnahmezustand, in den Menschen mit Autismus durch sensorische und/oder emotionale Reizüberflutung geraten können. Es handelt sich dabei um eine reflexartige, nicht kontrollierbare Reaktion, die auftritt, wenn individuelle Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen, um sämtliche Reize und Stressoren zu verarbeiten. Insbesondere bei Kindern äußert sich ein Meltdown durch extremes, mitunter gewalttätiges und selbstverletzendes Verhalten mit emotionalen und verbalen Ausbrüchen und wird daher häufig als Wutausbruch fehlinterpretiert. Er ist jedoch nie ein Ausdruck von Wut, sondern immer von Verzweiflung und Hilflosigkeit. Betroffene sind prinzipiell nicht dazu in der Lage, sich einen Meltdown zu „verkneifen“ und meist auch nicht, ihr Verhalten während eines solchen Zustandes zu kontrollieren.
Alternativ kann sich ein solcher Ausnahmezustand auch als Shutdown (engl. Abschalten, Herunterfahren) manifestieren, einem Zustand vollkommener körperlicher und mentaler Erschöpfung. Betroffene reagieren währenddessen oft nicht mehr auf Ansprache und können für die Dauer des Shutdowns die Fähigkeit zu Sprechen und sich zu Bewegen verlieren, ähnlich einer Katatonie. Die Umgebung wird dabei nur noch gedämpft, wie durch einen Nebel wahrgenommen.
Ursachen mini|466x466px|Schematische Darstellung der reduzierten Stresstoleranz bei Autismus und der Entstehung von Meltdowns und psychischen Folgeerkrankungen|alternativtext=Erläuterungstext neben einer schematischen Darstellung der reduzierten Stresstoleranz bei Autismus und der Entstehung von Meltdowns und psychischen Folgeerkrankungen; die bildhafte Darstellung nimmt den größten Teil der Grafik ein; es wäre leider zu kompliziert, sie in Worten zu beschreiben, sie soll aber nur den Artikeltext des Abschnitts veranschaulichen und geht inhaltlich nicht darüber hinaus Melt- und Shutdowns werden immer durch Stress verursacht. Autisten leiden typischerweise unter einer Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Sinnesreizen und einer beeinträchtigten Reizfilterung, das heißt, sie nehmen Reize intensiver wahr und können Unwichtiges nicht ausblenden. Auch ihre Fähigkeit zur Emotionsregulation ist meist beeinträchtigt. Infolgedessen sind Autisten anfälliger für Stress, schneller überfordert und geraten leichter in eine sensorische und/oder emotionale Reizüberflutung. Melt- und Shutdowns sind dementsprechend Kampf-oder-Flucht-Reaktionen: Besteht keine Möglichkeit, der belastenden Situation zu entkommen, kommt es zur Entladung der inneren Anspannung oder zum „Systemabsturz“.
Typische Auslöser sind ein Übermaß an sensorischen Reizen (z. B. laute Geräusche, grelle Lichter, starke Gerüche), zwischenmenschliche Konfliktsituationen, unerwartete Veränderungen (z. B. Abweichen von Routinen) oder emotionale Überforderung (z. B. intensive Gefühle wie Wut, Angst oder Traurigkeit). Die genauen Auslöser und der Grad an Belastbarkeit sind bei jedem Menschen mit Autismus individuell verschieden. Melt- und Shutdowns können dabei auch zeitversetzt Stunden oder sogar erst Tage später auftreten.
Symptomatik
Meltdown In der Regel zeigt sich ein Meltdown als extremer emotionaler, verbaler und körperlicher Ausbruch. Die Betroffenen werfen und zerstören Gegenstände, schreien, schimpfen, weinen, schlagen und treten um sich, greifen andere Personen an. Typisch sind auch körperliche Ruhelosigkeit, starkes Stimming und selbstverletzendes Verhalten, z. B. durch Kopf-an-die-Wand-Schlagen oder Beißen in erreichbare Körperteile. Zweck dieser Verhaltensweisen ist, die Flut an nicht kontrollierbaren Umweltreizen durch kontrollierbare Reize zu überdecken. Derartige, nach außen gerichtete Ausbrüche sind besonders bei autistischen Kindern zu beobachten, können aber auch bei Erwachsenen auftreten.
Ein Meltdown geschieht niemals aus Absicht, sondern ist ein Zeichen der psychischen Überforderung, ähnlich einem „Nervenzusammenbruch“. Betroffene verlieren in der Akutphase meist jegliche Kontrolle über ihr eigenes Verhalten und sind nicht mehr dazu in der Lage, ihre Handlungen willentlich zu steuern. Auf Außenstehende wirken sie daher oft völlig irrational. Hat ein Meltdown begonnen, ist er nicht mehr zu unterbrechen. Die Betroffenen sind währenddessen meist nicht mehr ansprechbar und können sich nicht verständlich artikulieren. Das Schmerzempfinden ist während solcher Extremsituationen oft herabgesetzt, sodass Verletzungen teils nicht wahrgenommen werden. Viele können sich im Nachhinein auch nicht mehr an ihr Verhalten und Geschehnisse während des Meltdowns erinnern. Dieser kann wenige Minuten bis hin zu mehreren Stunden andauern. Typischerweise folgt auf einen Meltdown ein Shutdown.
Erwachsene Autisten, die ihr Verhalten besser kontrollieren und voraussehen können, sind mitunter in der Lage, die extremen, nach außen gerichteten Verhaltensweisen zu unterdrücken, sodass der Meltdown für die Umwelt nicht zwingend wahrnehmbar ist. Dies wird von Betroffenen als besonders quälend beschrieben. Häufig treten dabei Suizidgedanken auf. Auch bei einer solchen Implosion kommt es typischerweise zu Symptomen wie Herzrasen, Zittern, Schwindel, intensivem Stimming, Hyperventilation und ähnlichem.
Unterschiede zu Wutausbrüchen Das aggressive, teils zerstörerische Verhalten während eines Meltdowns wird v. a. bei Kindern häufig als Wutausbruch missverstanden, da sie durch ihr Alter und den Autismus nicht in der Lage sind, ihre Emotionen und Bedürfnisse angemessen mitzuteilen. Im Unterschied zu einem Meltdown ist ein Wutausbruch in der Regel auf ein spezifisches Ziel gerichtet, z. B. Wiedergutmachung bei erlittenem Unrecht. Angriffe auf Personen, Selbstverletzungen und Sachbeschädigungen geschehen kontrolliert und mit voller Absicht. Bei Meltdowns sind solche Handlungen jedoch weder zielgerichtet noch böswillig, sondern Ausdruck des Kontrollverlustes. Viele Autisten haben im Nachhinein Schuldgefühle oder schämen sich für ihr Verhalten.
Bei kindlichen Wutausbrüchen handelt es sich häufig um reines Trotzverhalten, das mit dem Alter nachlässt und durch Erziehungsmaßnahmen beeinflussbar ist. Das Kind versucht damit, Aufmerksamkeit zu erlangen und seinen Willen durchzusetzen. Meltdowns lassen sich hingegen nicht durch Erziehung oder Strafen vermeiden. Sie häufen und verstärken sich durch derartige Maßnahmen eher, da diese für Autisten potentiell überfordernde Reize darstellen. Betroffene sind sich ihrer Umgebung während eines Meltdowns meist nicht aktiv bewusst und interessieren sich auch nicht für die Reaktionen Dritter. Ein Meltdown klingt nur langsam wieder ab und hinterlässt meist körperliche und mentale Erschöpfung. Ein Wutausbruch lässt sich hingegen oft auch abrupt beenden (z. B. durch Ablenkung) und hat keine anhaltenden negativen Folgen.
Shutdown Ein Shutdown ist ein Zustand vollkommener körperlicher und mentaler Erschöpfung, der entweder als unmittelbare Folge einer Reizüberflutung anstelle eines Meltdowns oder aber als dessen Folge auftritt. Betroffene ziehen sich in sich selbst zurück, reagieren kaum oder gar nicht mehr auf Ansprache und können apathisch wirken. Das Bewusstsein bleibt in der Regel erhalten, jedoch sind Interaktions- und Reaktionsfähigkeit deutlich vermindert. Der Gesichtsausdruck wirkt häufig starr und reduziert, affektive Regungen sind kaum erkennbar.
Charakteristisch ist eine deutliche Beeinträchtigung der Kommunikationsfähigkeit. Gesprochene Sprache ist oft verlangsamt oder bruchstückhaft und kann sogar vollständig verloren gehen. Auch Bewegungen sind reduziert, verlangsamt, wirken unkoordiniert oder mechanisch. Mitunter erstarren Betroffene auch vollständig und sind nicht mehr in der Lage, sich aktiv zu bewegen, ähnlich einer Katatonie. Auf kognitiver Ebene kommt es zu Einschränkungen der Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Handlungsfähigkeit. Die Umwelt wird oft nur noch gedämpft, wie durch einen Nebel wahrgenommen. Gedanken werden als schwer zugänglich, fragmentiert oder verlangsamt beschrieben. Selbst einfache Handlungen sind vorübergehend nicht mehr umsetzbar. Symptomatisch ähnelt ein Shutdown damit einem dissoziativen Stupor.
Shutdowns sind nicht willentlich steuerbar und stellen keine absichtliche Trotz- oder Verweigerungsreaktion dar. Betroffene können auch nicht einfach „damit aufhören“, da es sich um einen automatisierten Schutzmechanismus des überforderten Nervensystems handelt, um weiteren Schaden abzuhalten. Die Dauer eines Shutdowns kann von wenigen Minuten bis hin zu Stunden reichen, teils aber sogar Tage betragen. Einige erwachsene Autisten haben jedoch gelernt, während eines Shutdowns zumindest so viel Kontrolle zu behalten, dass ihr Zustand für Außenstehende weitgehend unbemerkt bleibt.
Folgen Betroffene beschreiben Melt- und Shutdowns als enorm anstrengend und quälend. Viele berichten nach dem Abklingen über ausgeprägte körperliche Erschöpfung, Kopfschmerzen, Muskelverspannungen und ein enormes Schlafbedürfnis. Die Erholungszeit kann Tage, teils aber auch Wochen dauern, während denen die psychische Belastbarkeit deutlich herabgesetzt ist, sodass es leichter zu erneuten Zusammenbrüchen kommt. Gerade bei berufstätigen Autisten kann dies zu Problemen im Arbeitsleben führen, wenn sie sich dadurch regelmäßig krankmelden müssen. Eine Häufung von Melt- oder Shutdowns in kurzer Zeit kann zudem zur Entstehung eines autistischen Burnouts beitragen.
Da die Gründe für Melt- und Shutdowns für Außenstehende nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen sind, führt dies häufig zu falschen oder unangemessenen Reaktionen der Umwelt. Das Leid der Betroffenen wird oft nicht erkannt oder heruntergespielt. Stattdessen werden sie aufgefordert, „sich nicht so anzustellen“, was zu Traumata und psychischen Folgeerkrankungen (z. B. Depressionen) führen kann. Viele entwickeln Scham, Frust und Selbstzweifel, was zu Vermeidungsverhalten führen und die soziale Teilhabe beeinträchtigen kann.
Umgang Da sich Autisten während eines Melt- oder Shutdowns nicht wehren können, ist die richtige Reaktion der sie umgebenden Menschen essentiell, um die betroffene Person möglichst rasch zu beruhigen und ihren Zustand nicht noch zu verschlimmern. Einsatzkräfte und Betreuungspersonen sollten daher im Erkennen und im Umgang mit Melt- und Shutdowns geschult sein. Auslösende Reize müssen schnellstmöglich beseitigt und jegliche zusätzlichen Reize und Stressoren vermieden werden. Es wird empfohlen, die Betroffenen möglichst wenig anzusprechen und auf körperliche Berührungen (z. B. tröstende Umarmungen) zu verzichten. Stimming darf keinesfalls unterbunden werden. Da das Verhalten während eines Meltdowns nicht vernunftgesteuert ist, ist der Versuch, an die Vernunft der Person zu appellieren, zwecklos und sogar kontraproduktiv. Selbiges gilt für Bestrafungen oder deren Androhung.
Dem Betroffenen muss, wenn möglich, der Rückzug an einen sicheren, ruhigen Ort ermöglicht werden. Um Verletzungen Dritter oder ihrer selbst zu vermeiden, sollten sie jedoch nicht völlig unbeaufsichtigt gelassen und gefährliche Gegenstände entfernt werden. Weitere Maßnahmen, die zur Beruhigung des Betroffenen beitragen können, sind individuell verschieden und sollten idealerweise vorab bekannt sein. Dies kann z. B. die Beschäftigung mit Spezialinteressen, sensorische Gegenreize (z. B. fester Druck, etwa durch Gewichtsdecken) oder spezielles Stimming, evtl. unter Verwendung bestimmter Gegenstände, umfassen. Als besonders beruhigend erweisen sich oft Haustiere und insbesondere speziell für Autismus ausgebildete Assistenzhunde.
Vorbeugung