„Vereinte Patrioten“ (auch „Deutschland Tag X“ oder „Kaiserreichsgruppe“) nannte sich eine deutsche rechtsterroristische Gruppe aus der Reichsbürgerbewegung und der „Querdenker“-Bewegung. Sie entstand im Herbst 2021 und wurde im April 2022 bekannt. Bis Ende 2023 wurden elf Personen als mutmaßliche Mitglieder oder Unterstützer der Gruppe festgenommen.
Mindestens fünf davon planten Sprengstoffanschläge auf das Stromnetz, die Entführung des Gesundheitsministers Karl Lauterbach und die Absetzung der Bundesregierung, um einen Bürgerkrieg auszulösen und einen Umsturz der Staatsordnung an einem „Tag X“ herbeizuführen. Der Generalbundesanwalt klagte diese fünf wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung ( StGB), Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat (§ 89a StGB) und weiterer Straftaten an. Im März 2025 verurteilte das Oberlandesgericht Koblenz (OLG) sie dafür zu mehrjährigen Freiheitsstrafen.
Seit April 2024 finden an verschiedenen deutschen Gerichten getrennte Strafprozesse gegen insgesamt sieben weitere Beschuldigte der Gruppe statt.
Entstehung Als Gründer der „Vereinten Patrioten“ gelten Sven Birkmann aus Falkensee und Thomas O. aus Neustadt an der Weinstraße. Beide stammen aus der früheren DDR und waren in der Nationalen Volksarmee (NVA) ausgebildet worden.Jan Sternberg: Prozess gegen „Vereinte Patrioten“ wegen Umsturzplänen beginnt. Frankfurter Rundschau (FR), 17. Mai 2023 Ab März 2020 besuchten sie Proteste gegen Coronaschutzmaßnahmen, vernetzten sich auf Telegram mit Anhängern von Verschwörungstheorien und „Reichsbürgern“ und radikalisierten sich zu Demokratiegegnern.Philipp Reichert: „Vereinte Patrioten“: Putin-Fans und Corona-Leugner. Tagesschau.de, 26. April 2022
Birkmann trug bei Coronaprotesten das Sankt-Georgs-Band, ein Symbol der „Nationalen Befreiungsbewegung Russlands“ (NOD).„Vereinte Patrioten“: Wer wollte Karl Lauterbach entführen? Report Mainz, 26. April 2022 Auf Telegram radikalisierte er sich durch den von Markus Lowien geführten deutschen Ableger der NOD und Lowiens weitere Gruppe „DDay 2.0“, die Autobahnkreuze blockieren wollte. Im April 2021 gründete Birkmann den Telegramkanal „Veteranenpool“ für ehemalige Soldaten, die die Coronaproteste gegen Polizei abschirmen wollten. Der Kanal erhielt rasch großen Zulauf und teilte sich in Ländergruppen auf.Lars Wienand: Lauterbach-Entführung und Blackout: Das Drehbuch für den Umsturz. T-online.de, 27. Juni 2023 Als Benutzer „Georg im Widerstand“ oder „Sven Georg“ administrierte Birkmann den „Veteranenpool“ und postete dort zu Beginn: „Wir ziehen nicht in den Krieg. Wir sind im Krieg. Es gilt, den Bann zu brechen.“Alexander Fröhlich: „Wir sind im Krieg“: Sven B. – Querdenker, Russlandfreund, verhinderter Lauterbach-Entführer? Der Tagesspiegel, 28. April 2022
Im Juli 2021 traf sich der Führungsstab des Veteranenpools bei ihm in Falkensee und beschloss einen Einsatz bei der Flutkatastrophe im Ahrtal. Dafür hatten einige Reservisten eine Grundschule in Ahrweiler besetzt. Danach suchte Birkmann Verbündete für seine Umsturzpläne und gründete dazu im September 2021 die Telegramgruppe „Tag X Deutschland“. In ihr ging die Telegramgruppe „Vereinte Patrioten“ auf, die aus Sicherheitsgründen deaktiviertRonny Junghans: „Vereinte Patrioten“: Vom Protest zum Terror – Die Radikalisierung von Thomas O. Belltower.News, 27. April 2022 oder umbenannt wurde.Weitere Beschuldigte bei Ermittlungen gegen Chatgruppe. Süddeutsche Zeitung (SZ), 5. Mai 2022
Thomas O. hatte sich seit Herbst 2020 darum bemüht, rechte Telegramgruppen für einen bundesweiten „Widerstand“ zu vereinen. Über die „Corona Rebellen Pfalz“ stieß er zu „Tag X Deutschland“ und wurde Birkmanns Stellvertreter. Als Nutzer „@ThomundAnni“ schrieb er von konkreten Anschlagsplänen, etwa auf das Stromnetz.Lars Wienand: Lauterbach-Entführung geplant: Polizei organisierte Putsch-Truppe Treffpunkt und Waffen. T-online.de, 29. September 2023 Ende Oktober 2021 traf er Birkmann in Grünstadt erstmals persönlich und begann dann, neue Mitglieder für ihre gemeinsamen Umsturzpläne zu rekrutieren. Dazu gründeten beide im Oktober 2021 die geschlossene Telegramgruppe „Aktive Patrioten/Veteranen“. Sie umfasste rund 70 Mitglieder. Aus diesen Telegramgruppen entstanden die „Vereinten Patrioten“, die reale Umsturzpläne verfolgten.Kira Ayyadi: Razzien nach Umsturzplänen: Sie wollten Lauterbach entführen und Anschläge auf das Stromnetz verüben. Belltower, 14. April 2022
Treffen Birkmann und Thomas O. organisierten mehrere konspirative Präsenztreffen auf abgelegenen Parkplätzen oder Grillhütten, das erste am 11. Dezember 2021 bei Bendorf (Rheinland-Pfalz). Teilnehmer gaben an, scharfe Waffen und eine militärische Ausbildung zum Herstellen und Verwenden von Sprengstoffen zu besitzen. Andere wollten diese Kenntnisse und Waffen erwerben und führten private Feindeslisten. Bei dem Treffen beriet man den Plan, einen großen Stromausfall herbeizuführen. Dabei soll Thomas O. Tote als „Kollateralschäden“ in Kauf zu nehmen verlangt haben. Man könne den Umgang mit Sprengsätzen auf einem Übungsplatz bei Falkensee üben. Thomas K. aus Bayern soll angeboten haben, Thermit zu besorgen. Dies bezeugte ein anwesender verdeckter Ermittler später.
Thomas O. berichtete Birkmann am 13. Dezember 2021 in einem abgehörten Telefonat: Er habe in Weinheim einen Mann (Bernd F. aus dem Raum Viernheim) kennengelernt, der „150 Mann, die nur auf einen Einsatzbefehl warten“, zur Verfügung stellen könne.Ronny Junghans: „Vereinte Patrioten“: Planungen konkreter als bisher gedacht. Belltower, 9. Januar 2024
Am 18. Dezember 2021 in Kassel trafen sich 25 Personen, darunter erstmals Michael H. (44) aus Bad Zwischenahn und Elisabeth R. (75) aus Flöha (Sachsen). H. erklärte der Gruppe, man müsse in Deutschland wieder die Bismarcksche Reichsverfassung von 1871 einführen. Die Teilnehmer erhielten Dokumente, die sie als mögliche Abgeordnete eines neuen Parlaments ausweisen sollten. Ende Dezember 2021 traf Thomas O. den Leiter der „Corona-Rebellen Rheinland-Pfalz“ an einer Raststätte beim Autobahndreieck Nahetal. Dieser wollte möglichst bald digitale Infrastruktur mit Hackern angreifen. O. zog einen ganz Deutschland betreffenden Anschlag vor und deutete an, dass dieser schon geplant werde.
Am 12. Januar 2022 informierte Michael H. den „Reichsbürger“ Matthias H. in Offenburg über den Gruppenplan. In einem abgehörten Telefonat mit H. am 14. Januar erläuterte Birkmann dessen drei Teile: „Ins Fernsehstudio spazieren und jemand mitnehmen“, die Bundesrepublik „abschalten“ und den Schutz einer „konstituierenden Versammlung“ organisieren. Man habe schon Gegenmaßnahmen gegen erwartete Repressionen getroffen; wenn „alle Aktionen parallel“ abliefen, könne dabei nichts schiefgehen. H. bestätigte, „wenn das klappt, ist das die Befreiung der Nation“.
Bei folgenden Telefonkonferenzen beriet die Gruppe Birkmanns Idee, die Medien durch einen „Blackout“ auszuschalten und so die Bevölkerung für den Umsturz zu gewinnen. Am 15. Januar 2022 traf sich die Gruppe bei Schlotheim erneut und beriet, wie man Karl Lauterbach entführen könne. Dazu suchten sie dann Waffen und Schutzausrüstung, holten Angebote dafür ein und berieten Transportwege. Bei einer weiteren abgehörten Telefonkonferenz am 26. Januar 2022 besprachen Birkmann, Elisabeth R. und Michael H. erneut detailliert ihren Plan, die Reichsverfassung von 1871 wieder einzuführen, Lauterbach zu entführen, einen tage- oder wochenlangen landesweiten Stromausfall herbeizuführen und einen Bittbrief an Russlands Staatspräsident Wladimir Putin zu senden. Der Umsturz solle bald erfolgen, möglichst an einem Montag.Joachim F. Tornau: Terrorprozess um Lauterbach-Entführung: Telefonate belasten Angeklagte. FR, 22. Februar 2024
Im Februar 2022 traf Thomas O. einen als „Landser“ bekannten Neonazi aus Bayern. Dieser bot an, aus Ex-Jugoslawien „10 Tonnen Bohnen mit Löffeln“ (Handgranaten) zu besorgen. Damit wollte O. Strommasten an sieben deutschen Haupttrassen zerstören. Der bei dem Treffen anwesende verdeckte Ermittler empfahl einen vermeintlichen Waffenhändler. Bei diesem bestellte die Gruppe dann Kontaktminen, Sprengschnüre, Kurz- und Langwaffen und Bazookas für 12 Sprengorte im Westen und vier im Osten Deutschlands.
Am 20. Februar 2022 in Verden (Aller) besuchte die Gruppe den Rechtsextremisten Rigolf Hennig. Er hatte 2010 die Europäische Aktion gegründet, einen Zusammenschluss von Holocaustleugnern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Gruppe hielt ihn als künftiges neues Staatsoberhaupt für geeignet. Er unterzeichnete für sie einen Brief an Russlands Staatsregierung mit der Bitte, den neuen deutschen Staat nach dem Umsturz anzuerkennen, sowie einen fingierten Haftbefehl für Karl Lauterbach. Beide Schriftstücke hatte Elisabeth R. verfasst.Ronny Junghans: Lauterbach-Entführung: Die krude Gedankenwelt des Angeklagten Sven B. Belltower, 23. Juni 2023 Bei diesem Treffen forderten rund zwölf Beteiligte, den geplanten Stromausfall im Mai 2022 herbeizuführen. David W. übergab eine Anzahlung für einen Waffenkauf.
Bei einem Treffen am 19. März 2022 bei Queienfeld (Thüringen) erfuhren die Teilnehmer die Pläne der Gruppe und deren Fortschritte. Thomas O. teilte sie in Regionalgruppen ein und verteilte Aufgaben mit dem Ziel, bundesweit kleine Zellen für die Umsetzung der Pläne aufzubauen. In der Region Trier stellte er eine Zelle zusammen und betreute sie.
Im März 2022 traf Birkmann in Bayern den früheren KSK-Soldaten Peter Wörner aus dem Raum Bayreuth und den Landschaftspfleger Christian Wendler aus Olbernhau (Sachsen). Sie hatten sich der „Reichsbürger“-Gruppe Patriotische Union angeschlossen und suchten bewaffnete Kämpfer für ihre eigenen Putschpläne. Es kam zu keiner Verständigung.Lars Wienand: Prominente "Reichsbürger": „Die wollten zehn Mann, die kampffähig sind“. T-online.de, 16. Juni 2023
Nach Rigolf Hennigs Tod (18. März 2022) trafen sich etwa 15 Gruppenmitglieder am 9. April 2022 in Falkensee mit dem früheren Legida-Redner und späteren QAnon-Ideologen Hans-Joachim Müller. Sie suchten einen anderen Kandidaten als Oberhaupt ihres angestrebten Reiches und rund 330 Mitglieder für die angestrebte „konstituierende Versammlung“, die Müller unter seinen Anhängern anwerben sollte. Der Finanzberater David W., der schon beim Januartreffen dabei war, überbrachte Edelmetalle für den angestrebten Waffenkauf. Am 10. April 2022 reiste er nach Dubai. Er konnte bisher nicht gefasst werden.
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