mini|hochkant|König Friedrich Wilhelm IV., 1844 gemalt von Franz Krüger Der Pferdeäpfelvorfall, auch zuspitzend und übertreibend als Pferdeäpfelattentat bezeichnet, ist eine Anekdote aus der Geschichte der Stadt Düsseldorf über einen Vorfall vom 14. August 1848. An dem Tag soll der preußische König Friedrich Wilhelm IV. in Düsseldorf auf der damaligen Kastanienallee und heutigen Königsallee mit Pferdeäpfeln beworfen worden sein. Die Erzählung wurde populär und fand Eingang ins kollektive Gedächtnis, möglicherweise als Ausdruck einer kollektiven Identität und eines lokalpatriotischen Wir-Gefühls von Musspreußen sowie ihrer Ablehnung preußischer Herrschaft. Die verschiedenen Berichte über den Vorfall sind nicht frei von Unstimmigkeiten. Was genau sich bei diesem Besuch wirklich abgespielt hat, ist nicht mehr festzustellen.
Historische Darstellungen Die Anekdote geht vor allem auf einen Zeitzeugen, den damaligen Gymnasiasten Albert Küster, zurück. In seinen 1906 veröffentlichten Memoiren beschrieb er folgendes Ereignis beim Besuch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. am 14. August 1848 in Düsseldorf:Albert Küster: Erinnerungen aus den ersten zwanzig Jahren meines Lebens. Düsseldorf 1906, S. 36
Mit dieser Schilderung behandelte Küster eine Kutschfahrt des preußischen Königs in Düsseldorf. Kurz vor seiner Teilnahme am Kölner Dombaufest 1848 stattete der König dort seinem Cousin und Schwager Friedrich von Preußen, dem Kommandanten der 14. Division der preußischen Armee und höchsten residierenden Repräsentanten der Hohenzollernmonarchie in der Rheinprovinz, einen Höflichkeitsbesuch ab. Vom Bahnhof der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft südöstlich des heutigen Graf-Adolf-Platzes, wo der König mit einem Extrazug angekommen und von seinem Cousin begrüßt worden war, fuhr der Monarch zunächst in einer offenen Kutsche über die Ostseite der heutigen Königsallee, die damals noch den Namen Kastanienallee trug, zu einem Diner mit seinem Cousin auf Schloss Jägerhof. Sodann besichtigten sie gemeinsam die Germania-Statue, die nach einem Entwurf von Karl Ferdinand Sohn durch Dietrich Meinardus auf dem heutigen Grabbeplatz für das Fest der deutschen Einheit am 6. August 1848 errichtet worden war. Anschließend befuhr die königliche Kutsche erneut die Kastanienallee zum Bahnhof, wo für die königlichen Herrschaften der Extrazug bereitstand, um weiter nach Köln zu reisen.Aus Düsseldorf. In: Düsseldorfer Journal und Kreis-Blatt. Ausgabe vom 16. August 1848
Etwa 24 Jahre vor Küster beschrieb der Düsseldorfer Lehrer und Schriftsteller Wilhelm Herchenbach das fragliche Ereignis im Kontext der Deutschen Revolution 1848/1849 und revolutionärer Vorgänge in Düsseldorf als Zwischenfall auf dem Hinweg des Königs zum Diner des Prinzen Friedrich im Schloss Jägerhof. Herchenbach war damals mit einem Männergesangsverein dort aufgetreten. Über den Vorfall, den er wegen seines bevorstehenden Auftritts im Schloss vermutlich nicht selbst als Augenzeuge beobachtet hatte, schrieb er:Wilhelm Herchenbach: Düsseldorf und seine Umgebung in den Revolutionsjahren von 1848–1849. Düsseldorf 1882, S. 92 f. (Digitalisat)
Der Oberpräsident der Rheinprovinz Franz August Eichmann, der den König auf den Fahrten vom und zum Bahnhof in einer nachfolgenden Kutsche eskortiert hatte, sandte folgende Aktennotiz nach Berlin:Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK), I. HA, Rep. 77, Tit. 505, Nr. 3, Band 3: Brief von Oberpräsident Eichmann an Innenminister Kühlwetter vom 20. August 1848
Eichmann nahm damit zu Gerüchten und Erzählungen über einen Angriff auf den König mit Pferdemist Stellung, die sich schon während des Besuchs des Königs oder unmittelbar danach verbreitet hatten. In der zeitgenössischen Presse findet sich allerdings kein Bericht über diesen Zwischenfall, sehr wohl jedoch über abendliche Ausschreitungen auf dem Marktplatz, bei denen ein preußischer Füsilier zu Tode kam. Der Düsseldorfer Regierungspräsident Adolph von Spiegel-Borlinghausen berichtete, dass „die am 14. Abends hier vorgekommenen bedauerlichen Exzesse zwischen Bürgern und Militair“ erst „nach Abfahrt Sr. Majestät des Königs“ begonnen hätten.GStA PK, I. HA, Rep. 77, Tit. 505, Nr. 3, Band 3: Brief von Polizeiinspektor Hutsteiner an Regierungspräsident Spiegel vom 17. August 1848 und Briefe von Regierungspräsident Spiegel an Innenminister Kühlwetter vom 19. August 1848
Der Historiker Hugo Weidenhaupt erklärte den Pferdeäpfelvorfall als Grund dafür, dass danach die Hohenzollern „fast alle nur selten oder ungern nach Düsseldorf gekommen“ seien.Hugo Weidenhaupt: Kleine Geschichte der Stadt Düsseldorf. 9., überarbeitete Auflage, Triltzsch Verlag, Düsseldorf 1983, S. 109 Auch der Historiker Clemens von Looz-Corswarem schrieb, dass die Stadt Düsseldorf wegen des Vorfalls bei den Hohenzollern in schlechtem Ruf gestanden habe und von ihnen gemieden worden sei.Clemens von Looz-Corswarem: Mit Pferdeäpfeln und Gepfeife gegen den König. Ein Kapitel Stadtgeschichte. In: Düsseldorfer Hefte, 6, 2001, S. 32 ff.
Ferner wurde berichtet, dass die Stadt Düsseldorf in der Absicht, in der königlichen Gunst wieder zu steigen, die Kastanienallee nach Friedrich Wilhelm IV. in Königsallee umbenannt habe. Diese Entscheidung zur Umbenennung sei in der Reaktionsära im zeitlichen Kontext zu der Reise einer Düsseldorfer Delegation unter Oberbürgermeister Ludwig Hammers gefallen, auf der es bei einer königlichen Audienz im Schloss Charlottenburg im März 1851 um die Genehmigung von Düsseldorfer Stadterweiterungsplänen ging. Allerdings findet sich kein entsprechender Beschluss der Stadtverordnetenversammlung; der neue Name der Straße erschien erstmals auf einem Plan von 1854.
Im gleichen Sinne wurde kolportiert, es sei die Benennung der Düsseldorfer Friedrichstadt und deren Hauptstraßen, der Friedrichstraße (nach Friedrich Wilhelm IV.) und der Elisabethstraße (nach Elisabeth Ludovika von Bayern, der Gattin Friedrich Wilhelms IV.), auf den Vorfall zurückzuführen.Christian Leitzbach: Friedrichstadt. In: Clemens von Looz-Corswarem, Benedikt Mauer (Hrsg.): Das große Düsseldorf-Lexikon. Köln 2012, S. 247Ottomar Moeller: Die Baugeschichte von Düsseldorf. In: Düsseldorfer Geschichtsverein (Hrsg.): Geschichte der Stadt Düsseldorf in zwölf Abhandlungen. Festschrift zum 600jährigen Jubiläum. Düsseldorf 1888, S. 381 f. Tatsächlich wurde die Benennung der Friedrichstadt aber nach einem Vorschlag aus der Bürgerschaft zur Erinnerung an Friedrich den Großen am 17. Juni 1851 beschlossen.Stadtarchiv Düsseldorf (StAD), 9-0-0-22: Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 17. Juni 1851 Die hierzu erteilte königliche Genehmigung wurde am 27. Mai 1852 verkündet.StAD, 9-0-0-22: Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 27. Mai 1852 Ein zeitgenössischer Pressebericht legt nahe, dass im Zuge der Widmung der Friedrichstadt auch die Friedrichstraße nach Friedrich dem Großen benannt wurde, während die Elisabethstraße auf dessen Gattin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern als Namenspatronin verweisen dürfte.Düsseldorfer Journal und Kreis-Blatt, Ausgabe vom 2. Juni 1852
Literatur Christoph Laugs, Christian Schwartz, Robert Kieselbach: Zum Gedenken an „die glorreiche Regierung des großen Königs“. Die Namensgebung der Friedrichstadt im Kontext von „Pferdeäpfelvorfall“, kollektivem Gedächtnis und Erinnerungspolitik. In: Düsseldorfer Jahrbuch. Beiträge zur Geschichte des Niederrheins. Band 89, Klartext, Essen 2019, ISBN 978-3-8375-2161-0, S. 82–110.
Einzelnachweise
Kategorie:Anekdote Kategorie:Düsseldorf im 19. Jahrhundert Kategorie:Politikgeschichte (Düsseldorf) Kategorie:Deutsche Revolution 1848/1849 Kategorie:Friedrich Wilhelm IV.