mini|Explosion einer Wasserstoffbombe (Bikini-Atoll, 1954) mini|National War College in Washington D.C. mini|Thomas Schelling (2005) mini|Deckblatt Abschlussbericht mini|Temperaturdiagramm eines nuklearen Winters, 1983 mini|hochkant|Start einer Minuteman-II-Interkontinentalrakete mini|Mobile Raketenstartrampen der Roten Armee

Proud Prophet (PP), auch Proud Phrophet – 83, war der Codename für ein 1983 durchgeführtes militärisches Planspiel bzw. einer sehr realitätsnahen Kriegssimulation, die US-Spitzenpolitikern und hohen Militärs die Ursachen, Ablauf und die globalen Folgen eines Atomkrieges zwischen den USA und der Sowjetunion veranschaulichen und die Schwächen der Nuklearstrategie der Vereinigten Staaten offenlegen sollte. Diese Simulation eines NATO versus Warschauer-Pakt-Konflikts eskalierte innerhalb kürzester Zeit von einem konventionellen zu einem atomaren Krieg, wobei taktische Atomwaffen eine entscheidende Rolle spielten.

Es gilt als eine der bedeutendsten Simulationen die während des Kalten Krieges durchgeführt wurde, da es die damaligen US-Nuklearstrategien auch auf ihre Praxistauglichkeit testete. Das primäre Ziel von Proud Prophet war, verschiedene strategische Szenarien zu testen, die eine mögliche Konfrontation mit der Sowjetunion beinhalteten. Man wollte untersuchen, wie die unterschiedlichen militärischen und politischen Strategien eine Krisensituation eskalieren oder deeskalieren könnten. PP sollte auch helfen, die Wirksamkeit der US-amerikanischen Nuklearpolitik zu bewerten, einschließlich der Optionen für Erstschläge, begrenzte Nuklearwaffeneinsätze und Vergeltungsmaßnahmen. Die Übung bot damit eine Plattform, um den Entscheidungsprozess hochrangiger Beamter unter dem Druck einer globalen Kriegssituation zu bewerten. Das wichtigste Ergebnis daraus war die Einsicht, dass auch ein „begrenzter Atomkrieg“ unweigerlich in einer Apokalypse für die gesamte Menschheit endete. Jede Variante des atomaren Schlagabtausches zwischen den Supermächten führte zur fast vollständigen Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. PP initiierte maßgeblich die Kehrtwende in der Außenpolitik der USA gegenüber der UdSSR und leitete die nukleare Abrüstung zwischen den damaligen Supermächten ein.

Vorgeschichte Seit den 1950er Jahren war man in US-Führungskreisen der Meinung, dass ein Atomkrieg nicht nur geführt, sondern auch militärisch entschieden werden könnte. Herman Kahn, ein Analyst der Rand Corporation, Kahn soll das Vorbild für Dr. Strangelove in Stanley Kubricks Nuklearkriegssatire „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ gewesen sein. führte diese Ansicht in seinem 1960 erschienenen Buch „On Thermonuklear War“, näher aus, was jedoch in der Öffentlichkeit große Bestürzung auslöste. Grund dafür war seine kühl kalkulierte Einschätzung der tolerierbaren zivilen Opferzahlen, gemessen an der flächendeckenden Zerstörung amerikanischer und europäischer Städte und dem Tod von mehreren Millionen Menschen allein in den Vereinigten Staaten. Die zentrale These dieses Buches war, dass ein Land, das bereit ist, solche Verluste in Kauf zu nehmen, auch einen Atomkrieg gewinnen kann.

Diese Option wurde zu Beginn der 1980er Jahre zunehmend in Zweifel gezogen.Annie Jacobsen: 72 Minuten bis zur Vernichtung. Atomkrieg. Ein Szenario. Verlag Wilhelm Heyne, München 2024. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war man im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion davon überzeugt, dass die USA den Dritten Weltkrieg vom Zaun brechen würde, um seinen – damals einzigen – militärischen Konkurrenten endgültig zu vernichten. Aus diesem Grund war damals die Gefahr eines Atomkriegs – vor allem sein Ausbruch durch eine gravierende Fehleinschätzung – sehr groß. Hinzu kam, dass die sowjetische Staatsführung durch einige Schlüsselereignisse (NATO-Doppelbeschluss, RJaN, Able Archer 83, Flug KAL-007) in ihrer Paranoia noch bestärkt wurde. Auch in Washington machte man sich ernsthafte Sorgen um die Wirksamkeit seiner atomaren Abschreckung, obwohl UdSSR und USA im Jahr 1983 zusammengenommen schon über 60.000 einsatzbereite Atomsprengköpfe verfügten.Robert S. Norris, Hans M. Kristensen: Nuclear weapon states, 1945–2006. Bulletin of the Atomic Scientists. Juli/August 2006, S. 66; 23 305. Die Reagan-Administration stand damit vor zwei Problemen:

1. Wie sollte man auf die atomare Aufrüstung der Sowjetunion reagieren? 2. Welche Maßnahmen waren für die Aufrechterhaltung des „Gleichgewicht des Schreckens“ am effektivsten?

Die Vereinigten Stabschefs konnten sich nicht für eine der Strategien entscheiden, wofür der damalige Verteidigungsminister, Caspar Weinberger, scharf kritisiert wurde.

In weiterer Folge wurden Pläne für die Aufrechterhaltung der Funktion der Staatsführung während einer nationalen Krise ausgearbeitet – vor allem der Regierungsapparat sollte handlungsfähig bleiben.Annie Jacobsen: 72 Minuten bis zur Vernichtung. Atomkrieg. Ein Szenario. Verlag Wilhelm Heyne, München 2024. Man entschloss sich zur Gründung eines Thinktanks, des Strategic Concepts Development Center (SCDC). Das Pentagon berief den ehemaligen Marineinfanteristen Dr. Phillip A. Karber zum Direktor dieser neuen Institution. Er sollte für sie namhafte Strategieexperten engagieren, die nicht ideologisch festgefahren waren und ein breiteres Spektrum an Ansichten zu diesem Thema vertraten. 1981 wurde Karber zum Strategieberater des US-Secretary of Defense und des Vorsitzenden der Joint Chiefs of Staff ernannt, wo er unter anderem die Übung und den Test der „Flexible Response Strategy“ der NATO organisieren und leiten sollte. Schon bald darauf wurde vom Gremium des SCDC die Abhaltung eines Kriegsspiels vorgeschlagen.Paul Bracken: The Second Nuclear Age: Strategy, Danger, and the New Power Politics. New York, Henry Holt and Company, 2012, S. 49–51. Es sollte simulieren, was passieren würde, wenn die internationale Diplomatie versagt und wie sich ein daran anschließender atomarer Schlagabtausch auf den Planeten auswirken würde. Präsident Reagan war für seinen ausgeprägten Antikommunismus berühmt; Dasselbe galt aber auch für seine Einstellung zu Atomwaffen. Er war in seiner Amtszeit sehr daran interessiert, Wege zu finden, sie schrittweise abzuschaffen und damit ihre Bedrohung immer weiter zu verringern (z. B. durch Raketenabwehr). Besonders die Gefahr, in einer Krise die Entscheidung zu einem Nuklearwaffeneinsatz treffen zu müssen belastete ihn sehr. Tatsächlich war sich sein Beraterstab nicht sicher, ob er als Reaktion auf einen sowjetischen Angriff auf die Vereinigten Staaten einen nuklearen Gegenschlag anordnen würde.William Burr: Reagan's Nuclear War Briefing Declassified. Kremlin Leaders Among Prime Targets in War Plan. President Told Nuclear Exchange Could Kill 80 Million Americans Nuclear War Plan Briefing Linked with Nuclear Command Post and Continuity of Government Exercises National Security Archives, 2026.

PP wurde zwischen dem 2. und 6. Mai und zwischen dem 13. und 24. Juni 1983, auf Anordnung von Präsident Ronald Reagan, in Washington D.C. abgehalten. Seine unterschiedlichen Szenarien wurden von Thomas Schelling ausgearbeitet, einem Absolventen der Universitäten Harvard und Berkeley, Experten für Wirtschaftsfragen und profundem Analysten des Kalten Krieges. Schelling hatte bei der Rand Corporation mit Herman Kahn und Daniel Ellsberg zusammengearbeitet, wo er unter anderem eine Reihe von Planspielen zum Thema Krisen geleitet hatte. Er war ferner Gründungsmitglied des New England Complex Systems Institute, das sich die Erforschung komplexer Systeme und deren Zusammenhänge zum Ziel gesetzt hat. Schellings Fachgebiet war der Einfluss der Spieltheorie auf solche Systeme. Er entwickelte dafür verschiedene mathematische Modelle, um Entscheidungsprozesse und deren Folgen präziser vorhersagen zu können.Annie Jacobsen: 72 Minuten bis zur Vernichtung. Atomkrieg. Ein Szenario. Verlag Wilhelm Heyne, München 2024, S. 206–209.

Teilnehmer Bemerkenswert war, dass zum ersten Mal hochrangige Beamte wie der Verteidigungsminister und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs daran beteiligt wurden, obwohl dieser Umstand geheim gehalten wurde, um ein unvoreingenommenes Ergebnis zu gewährleisten. Zur Teilnahme an Proud Prophet wurden 200 hochrangige Mitglieder aus den wichtigsten politischen und militärischen Führungsstäben der USA eingeladen:Veröffentlichte Unterlagen des Planspiels auf Openaccess, abgerufen am 25. Mai 2024.

Außenministerium Verteidigungsministerium Verkehrsministerium Geheimdienst Nuklearstreitkräfte Armee Marine Marine Corps Luftwaffe Nationalgarde

Projektziele PP spiegelte den damaligen Stand der Vorbereitung auf den Kriegsfall und die Notfallplanung wider, einschließlich deren Defizite. Eines seiner wichtigsten Merkmale war, dass man damit organisatorisches Verhalten sehr anschaulich simulieren konnte, da es bewusst weitgehend unstrukturiert ablief, die höchsten Ränge des US-Militärs und seine globalen Kampfkommandos einbezog und die dafür vorgesehenen Kommunikationskanäle, Doktrinen und Kriegspläne nutzte.William Langewiesche: The Secret Pentagon War Game That Offers a Stark Warning for Our Times. The devastating outcome of the 1983 game reveals that nuclear escalation inevitably spirals out of control. New York Times Magazine, 2024.

Während in den vorangegangenen Kriegsspielen Mitarbeiter von Denkfabriken, ehemalige Regierungsbeamte und Pentagon-Mitarbeiter in die Rollen von US-Präsidenten und sowjetischen Entscheidungsträgern schlüpften, kamen bei PP die damaligen Verantwortlichen für die nationale Sicherheit zum Einsatz, darunter auch Verteidigungsminister Weinberger und der Vorsitzende der Generalstabschefs (Joint Chiefs of Staff), General John Vessey. Zu diesem Planspiel wurden aber auch zivile Experten hinzugezogen, darunter Paul Bracken, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Yale.Paul Bracken: The Second Nuclear Age: Strategy, Danger, and the New Power Politics. New York, New York: Henry Holt and Company 2012.

PP lieferte in weiterer Folge Fallstudien für die Entwicklung von Entscheidungsprozessen der National Command Authority und deren globalen Auswirkungen, die oft unter großen Stress – wegen der gleichzeitigen Bewältigung unterschiedlicher Gefahrensituationen – und in einem Zustand großer Unsicherheit getroffen werden mussten. Weiters sollten die Auswirkungen konventioneller und atomarer Kriegsführung in verschiedenen Situationen, in denen der Feind entweder besonders verwundbar oder auch darauf vorbereitet sein konnte, studiert werden. Außerdem sollten die Möglichkeiten zur Beendigung der Feindseligkeiten sondiert werden. Das Spiel bot den Teilnehmern auch ein inoffizielles Forum, um neue Ansätze zur Bekämpfung destabilisierender globaler Krisen auszutesten und dafür Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Dazu zählten ein nuklearer Demonstrationsangriff und der sog. Enthauptungsschlag (basierend auf der Theorie des „begrenzten Atomkrieges“) der den Gegner schon zu Beginn der heißen Phase eines Krieges kampfunfähig machen sollte. Es war damit den maßgeblichen Entscheidungsträgern der USA, allen voran der National Command Authority, möglich, alle diese Theorien in allen Phasen ihrer Entwicklung, gefahrlos, auszutesten.

Organisation