mini|Westjordanland
Das Westjordanland (, ) oder die West Bank (englisch) erhielt seinen Namen aufgrund seiner Lage westlich des Jordans. Es ist das größere der beiden palästinensischen Gebiete (das andere ist der Gazastreifen), die den De-Facto-Staat Palästina bilden.
Als ein Binnengebiet nahe der Mittelmeerküste in der Levante Vorderasiens grenzt es im Osten an Jordanien und das Tote Meer sowie im Süden, Westen und Norden an Israel (entlang der Grünen Linie). Seit 1967 steht das Gebiet unter israelischer Besatzung, die von der internationalen Gemeinschaft als völkerrechtswidrig angesehen wird. Einige Vororte Ostjerusalems wurden von Israel annektiert und zu Jerusalemer Stadtgebiet erklärt; den restlichen Teil des Westjordanlands bezeichnet Israel als „Judäa und Samaria“ (). Es hat die nicht-israelischen Bewohner unter israelische Militärgerichtsbarkeit gestellt.
Von Israel offiziell anerkannt wird knapp die Hälfte des Westjordanlands als Teil der Palästinensischen Autonomiegebiete verwaltet. Dieses Gebiet besteht aus zahlreichen Enklaven. Offiziell gehört zu diesen Gebieten auch der Gazastreifen, der jedoch seit 2007 von der radikal-islamischen Hamas kontrolliert wird.
Das Westjordanland hat eine Fläche von etwa 5800 Quadratkilometern; rund 220 Quadratkilometer davon sind Wasserfläche. Von den 2023 geschätzt rund 3,17 Millionen Bewohnern sind etwa 2,7 Millionen Palästinenser (Muslime, Christen und Samaritaner) und etwa 468.000 Juden, die in ca. 213 israelischen Siedlungen und deren 132 Außenposten leben. In diese Zahlen nicht einberechnet sind ca. 236.000 Israelis auf dem Gebiet des von Israel annektierten Ostjerusalem. Der Internationale Gerichtshof (IGH) erklärte die Besetzung bzw. Annexion der palästinensischen Gebiete in einem am 19. Juli 2024 veröffentlichten Gutachten für völkerrechtswidrig. Basierend auf dem Gutachten fordert die Resolution ES-10/24 der UN-Generalversammlung den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten innerhalb eines Jahres.
Geschichte In biblischer Zeit siedelten im heutigen Westjordanland verschiedene kanaanitische Völker, namentlich Phönizier, Samaritaner und Hebräer. Letztere begründeten die alten Königreiche Israel und Judäa. Im Lauf seiner mehrtausendjährigen Geschichte wurde das Gebiet oftmals von anderen Völkern okkupiert; Teile davon gehörten zu den antiken Reichen Assur, Ägypten, Persien und zum Römischen Reich, später dann zum Kalifat der Abbasiden, zum Osmanischen Reich und zum Britischen Weltreich.
Als Bestandteil des britischen Völkerbundsmandats für Palästina wurde das Westjordanland von der UN-Vollversammlung im Teilungsplan von 1947 dem zu gründenden arabischen Staat zugesprochen. Im Palästinakrieg wurde es 1948 von Jordanien besetzt und 1950 annektiert. Im Sechstagekrieg vom Juni 1967 wurde es von Israel erobert und steht seither unter israelischer Militärverwaltung; Ostjerusalem und Umgebung wurden dagegen von Israel 1980 – laut der Resolution 478 des UN-Sicherheitsrates – völkerrechtswidrig annektiert.
mini|Ramallah 2010 mini|Markt in der Altstadt von Hebron mit leeren Ständen 2006 Ebenso wie der Gazastreifen gehören heute 40 Prozent des Westjordanlandes zu den Palästinensischen Autonomiegebieten und werden nominell (formal) von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PNA) verwaltet – u. a. die Städte Jericho, Nablus, Dschenin, Tulkarm, Qalqiliya, Ramallah, Bethlehem und 80 % von Hebron. Im Ergebnis des innerpalästinensischen Bürgerkrieges übernahm die Hamas im Kampf um Gaza Juni 2007 die alleinige Kontrolle über den Gazastreifen; im Gegenzug wurden die Hamas und ihre Anhänger im Westjordanland entwaffnet und aus allen politischen Ämtern entfernt.
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mini| Status der übrigen Gebiete des Westjordanlandes nach den Vereinbarungen in Oslo:
Seit dem Angriff der Hamas auf Israel 2023 und dem Angriff Israels auf Gaza haben israelische Siedler ihre Angriffe auf die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland drastisch intensiviert. Die Siedler haben von der israelischen Regierung eine große Anzahl Waffen erhalten und die israelischen Besatzungstruppen sehen ihren Angriffen meist untätig zu. Die Zahl von israelischen »Außenposten«, die auch nach israelischer Rechtsauffassung illegal sind, hat stark zugenommen. Von Beginn des Gazakrieges bis Oktober 2025 mussten die Bewohner von achtzig Dörfern im Westjordanland vor der Gewalt der Siedler flüchten, die ihr Land besetzt haben.Hagar Shezaf: In: Haʾaretz, 23. Oktober 2025; Area C communities forcibly transferred under cover of Gaza war B’Tselem, 27. Oktober 2025; Gideon Levy: . In: Haʾaretz, 26. Oktober 2025; vgl. עקורות, אנשים נשכחים: העברה בכפייה של פלסטינים בגדה המערבית על ידי ישראל / Displaced Communities, Forgotten People: Israel’s Forcible Transfer of Palestinians in the West Bank Yesh Din, 4. März 2025; Jeremy Sharon: Jewish extremists boast of attacks against Palestinians in public WhatsApp channel Times of Israel, 26. Oktober 2025.
Bezeichnung Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist die englische Bezeichnung West Bank (Westufer) die weltweit gängigste Bezeichnung für diesen Teil Palästinas; im Deutschen wird er meist als Westjordanland bezeichnet. Beide Bezeichnungen für dieses palästinensische Autonomiegebiet beziehen sich auf das Gebiet westlich des Flusses Jordan und des Staates (Trans-)Jordanien.
Die Bezeichnungen West Bank und East Bank für bestimmte Gebiete des Königreichs Jordanien wurden von König Abdallah I. geprägt, der diese englischen Bezeichnungen ins Arabische übersetzte, wo sie populär wurden und aus denen sie dann wieder zurückübersetzt ins Englische gelangten.
mini|hochkant|links|Gebiet des Völkerbundmandats für Palästina in den Grenzen von 1921 bis 1946 Zur Zeit der britischen Herrschaft (Völkerbundsmandat für Palästina) waren die Bezeichnungen Cis-Jordan und Trans-Jordan, auch West- und Ostpalästina gebräuchlich. Sowohl Winston Churchill als auch der Politiker Zeev Jabotinsky sprachen von „den beiden Ufern des Flusses“. Ostpalästina, auch East Bank genannt, wurde von den Briten vom Mandatsgebiet Palästina abgetrennt und unter dem Namen Transjordanien ein Emirat, das 1946 als Königreich Transjordanien seine Unabhängigkeit erlangte. Im ersten arabisch-israelischen Krieg von 1948 eroberte Transjordanien den östlichen Teil Jerusalems und weite Teile des als arabischer Staat im UNO-Teilungsplan vorgesehenen Gebietes Westpalästinas. Nach der Militärbesatzung und anschließenden Annexion der 1948 eroberten Gebiete Westpalästinas erfolgte 1950 die Umbenennung des Staates, der sich fortan als haschemitisches Königreich Jordanien bezeichnet. 1988 hat der arabische Staat Jordanien alle Ansprüche auf sein ehemaliges Besatzungsgebiet aufgegeben. Der Name Cisjordanien, der heute in der Schweiz und in romanischen Sprachen gebräuchlich ist, bedeutet übersetzt „auf dieser Seite des Jordanflusses“, analog dazu bedeutet Transjordanien „auf der anderen Seite des Jordanflusses“.
„Judäa und Samaria“ als Bezeichnung für das ganze Gebiet geht auf das Neue Testament zurück und wurde auch in umgekehrter Reihenfolge benutzt. Manchmal wurden und werden auch Bezeichnungen wie das „Hügelland von Samaria oder Judäa“ verwendet.
Die Bezeichnungen Jehuda und Schomron finden sich in der jüdischen Bibel. Jehudah, griechisch und lateinisch Judäa, ist das Hügelgebiet südlich von Jerusalem, Schomron, griechisch und lateinisch Samaria, dasjenige nördlich der Stadt bis südlich von Galiläa. In Israel wird das Gebiet seit den 1970er Jahren in amtlichen Publikationen als Judäa und Samaria (Jehuda we'Schomron) bezeichnet.
Grenzen mini|hochkant|links|Sperranlagenverlauf 2011 mini|Sperranlage: überwiegend ein Sicherheitszaun (hier südlich von Hebron) mini|Sperranlage in der Nähe von jüdischen Siedlungen: an wenigen Stellen eine stärkere Sicherheitsbefestigung
Das Westjordanland hat eine Grenze von 404 Kilometern, davon 307 Kilometer mit Israel und 97 Kilometer mit Jordanien. Gegen Jordanien ist es durch den Jordan und das Tote Meer abgegrenzt, gegen Israel existiert keine natürliche Begrenzung. Die oft als Grüne Linie bezeichnete Waffenstillstandslinie von 1949 verläuft südlich vom See Genezareth bogenförmig in Richtung Jerusalem, das sie durchschneidet, und erreicht in einem weiteren Bogen südöstlich von Hebron das Tote Meer.
In der UN-Resolution 242 von November 1967 wird neben dem Rückzug der israelischen Streitkräfte aus (den) Gebieten, die während des jüngsten Konflikts besetzt wurden, das Anrecht eines jeden Staates in der Region auf „sichere und anerkannte Grenzen frei von Androhungen oder Akten der Gewalt“ betont.
Für teils heftige Kritik sorgt seit etwa 2003 der von der israelischen Regierung betriebene Bau der israelischen Sperranlage, die nur an wenigen Stellen entlang der Grünen Linie verläuft und sich bei den größeren israelischen Siedlungsblöcken tief ins Westjordanland einschneidet. Israel begründet die an wenigen Stellen als Schutzmauer ausgebildete, in weiten Teilen zaunartige Sperranlage mit dem Schutz des israelischen Staatsgebietes und israelischer Bürger vor Terroristen und Selbstmordattentätern aus dem Westjordanland und bezeichnet die Anlage als provisorisch.Notwendig, legitim und provisorisch – Shimon Stein, israelischer Botschafter in Berlin zur Israelischen Sperranlage Deutschlandfunk-Interview von Hans-Joachim Wiese vom 23. Februar 2004. Bei Anschlägen von Palästinensern auf israelische Autobusse, Nachtclubs und Kaffeehäuser kamen mehr als 1000 Israelis ums Leben. Der Terrorkrieg verlor an Intensität im Zuge der schleppenden Friedensverhandlungen, aber auch, weil Israel das Westjordanland mit der Sperranlage von Israel abriegelte, die einen unkontrollierten Grenzübertritt stark erschwert.Petra Ramsauer: Muslimbrüder: Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk. Styriabooks, 2014, ISBN 978-3-99040-260-3, Kapitel 3: Ägypten.
Durch die Sperranlage werden Verkehrswege zerschnitten und Anwohner enteignet.Moshe Zuckermann: Eine Mauer wird errichtet – Israel ist an einem Scheideweg angelangt. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 35–36, 9. September 2002. Deutlich zeigt sich dies etwa im Gebiet östlich von Jerusalem und bei Qalqiliya, wo der Bevölkerung palästinensischer Städte der Zugang zum palästinensischen Kernland erschwert wird. Die offizielle palästinensische Seite warnt vor einer geplanten Annexion. Ein Gutachten im Auftrag des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag kam im Jahre 2004 zu der Auffassung, die Abtrennung von Gebieten vom Kernland durch die Sperranlage sei illegal.IGH: Legal Consequences of the construction of a wall in the occupied Palestinian territory. (PDF; 428 kB) AG Friedensforschung, 9. Juli 2004 (englisch)
Im März 2024 erklärte die israelische Regierung von Benjamin Netanjahu 800 Hektar Land des Westjordanlands zu eigenem Staatsgebiet. Nach Angaben der israelischen Organisation Freedom Now, die den Bau israelischer Siedlungen im Westjordanland beobachtet, handelt es sich um die größte Annexion von Land in den Palästinensergebieten seit den Oslo-Abkommen von 1993.
Bevölkerung Die Bevölkerungszahl des Westjordanlandes wird je nach Quelle unterschiedlich hoch eingeschätzt. Die CIA gab für das Jahr 2022 eine geschätzte Gesamtbevölkerung von 3.000.021 an, einschließlich der Bevölkerung Ostjerusalems, davon etwa 432.000 israelische jüdische Siedler in der Westbank und rund 227.100 in Ostjerusalem (2019).
Das Westjordanland beherbergt noch einige Flüchtlingslager palästinensischer Flüchtlinge, die 1947/48 aus dem heutigen Staatsgebiet Israels geflohen waren. Dieser Bevölkerungsteil geht jedoch zunehmend in der ansässigen palästinensischen Bevölkerung auf.