mini|hochkant|Angelika Platen: Hanne Darboven, Verblühende Zeit, Hamburg 2002 Hanne Darboven (* 29. April 1941 in München; † 9. März 2009 in Hamburg-Rönneburg) war eine deutsche Konzeptkünstlerin. Bekannt wurde sie durch ihre Schreibzeichnungen, die auf Zahlenoperationen, Ausschreibungen von Ziffern sowie auf rhythmischen Linien und Durchstreichungen beruhen.
Leben und Werk
Hanne Darboven war eine Tochter des Ehepaares Cäsar Darboven († 1968)„Beten und Singen in den Tagesablauf eingebaut“. Gespräch. In: Verena Berger: Hanne Darboven. Unbändig. Hatje Cantz, Ostfildern 2015, S. 46. und Kirsten Darboven, geborene Vestergaard. Der Vater war der erstgeborene Sohn des dänischen Konsuls Johann Wilhelm Darboven (1873–1942), der 1895 die Harburger Firma J. W. Darboven Colonialwaren- und Conserven-Geschäft mit Dampf-Kaffeerösterei gründete, die bis 1965 existierte.Verena Berger: Hanne Darboven. Unbändig. Hatje Cantz, Ostfildern 2015, S. 27.Hanne Darboven Stiftung: Lebenslauf. Abgerufen am 13. Mai 2026. Schon 1866 hatte Johann Joachim Darboven die weiterhin bestehende Firma J. J. Darboven gegründet.
Die Mutter war eine Tochter des dänischen Dermatologen und Kunstsammlers Christen Vestergaard.Verena Berger: Hanne Darboven. Unbändig. Hatje Cantz, Ostfildern 2015, S. 27. Hanne wuchs gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Karin und der jüngeren Schwester Ellen in Rönneburg auf.
Die Schulzeit absolvierte Hanne Darboven zunächst auf drei Internaten. Hierzu zählte auch das Internat Zinzendorf in Königsfeld im Schwarzwald. Dort war sie drei Jahre lang eine Mitschülerin von Rainer Langhans (Abitur 1960).„Beten und Singen in den Tagesablauf eingebaut“. Gespräch. In: Verena Berger: Hanne Darboven. Unbändig. Hatje Cantz, Ostfildern 2015, S. 42. Bis 1962 besuchte Darboven den musischen Oberstufen-Zweig der Walddörfer-Schule in Hamburg-Volksdorf, der weite Weg vom Familienanwesen auf der südlichen Elbseite wurde mit Hilfe eines Chauffeurs des Vaters bewältigt. Nach ihrem Studium von 1962 bis 1965 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Willem Grimm und Almir Mavignier ging sie 1966 für zwei Jahre nach New York und begann, anfänglich in völliger Isolierung von der New Yorker Kunstwelt, eigene Wege zu gehen. Im Winter 1966/67 kam sie in Kontakt mit Künstlern der Minimal Art wie Sol LeWitt und Carl Andre, mit denen sie sich anfreundete. In dieser Zeit entstanden die ersten seriellen konstruktionsartigen Zeichnungen auf Millimeterpapier unter Einbeziehung von Kalenderdaten, „indem sie Additionen vornimmt bzw. Quersummen von den natürlichen Zahlen 1 bis 9 bildet“,Jörn Merkert, Dieter Ronte, Walter Smerling (Hrsg.): Gesammelte Räume – gesammelte Träume. Kunst aus Deutschland von 1960 bis 2000, Bilder aus der Sammlung Grothe im Martin-Gropius-Bau. Dumont, Köln 1999, S. 336 sowie „geometrische und ausgeschriebene Mengendarstellungen von Zeiträumen aufgrund der Quersumme der Tage nach selbstgewählten ‚Indices‘“.Eckhart Gillen (Hrsg.): deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten Land. Dumont, Köln 1997, S. 611
In New York entwickelte Darboven im Rahmen einer Konzept- und Minimal-Kunst Systeme einfacher Zahlenabläufe in Zahlenkolonnen und Kästchen nach scheinbar beliebigen Kalenderdaten nach streng vorbestimmten Strukturen (zum Beispiel 3 5 7 5 3) mit komplexen Variationsfolgen. In der „Galerie Konrad Fischer“ in Düsseldorf hatte sie 1967 ihre erste Einzelausstellung. 1969 kehrte Darboven nach Hamburg zurück und begann mit dem Abschreiben von Gedichten nach eigenen Indices. 1973 stellte Darboven ihre Werke bei Leo Castelli in New York aus.
Ab 1975 befasste sich Darboven mit ihrem Hauptwerk, der Schreibzeit, in der sie erlebte Geschichte durch Zahlencodierungen, Worttexte, Diagramme und Fotografien festhält, „um sich des weitgehend unbewußten Zeitflusses mit all seinen Informationen und Nachrichten zu vergewissern.“ In der Arbeit Friedrich II, Harburg 1986 verwendete sie vierhundertmal das Motiv einer Postkarte aus dem Jahr 1910 mit der Ansicht eines Platzes in Harburg, auf dem auch das Stammhaus der Darbovens zu sehen ist. Auf neunzehn Blättern davon schrieb sie die Biografie Friedrichs II. von Preußen ab. Vier weitere Blätter benötigte sie für die Überleitung zum Heute, sieben für Jahresrechnungen und 365 für Tagesrechnungen. Die Rechnungen bestehen aus dem Weiterrechnen von Quersummen, sodass am Ende jeder Tag seine eigene Zahl hat, durch die jeder Tag zum Individuum wird.
1980 begann sie, ihre Zahlensysteme nach einem einfachen Prinzip (Zahl 0 = Note d etc.) in Notenfolgen umzusetzen, die sie von einem professionellen Musiker in traditioneller Weise für verschiedene Instrumente arrangieren ließ.
Die international renommierte Künstlerin lebte zurückgezogen und öffentlichkeitsscheu in einem ausgebauten Bauernhaus bzw. Gutshaus ihrer Familie in Hamburg-Rönneburg. Hanne Darboven starb dort am 9. März 2009 im Alter von 67 Jahren an Lymphdrüsenkrebs. Ihr Grab befindet sich auf dem weitläufigen Grundstück des Anwesens „Am Burgberg“ in Hamburg-Rönneburg.Grab-Abbildung auf der Website des DARE Magazins, Rubrik Künstlerporträts
Zitat
Hanne Darboven Stiftung
Im Jahr 2000 errichtete Hanne Darboven die nach ihr benannte Hanne Darboven Stiftung in Hamburg, die „das umfangreiche Schaffen ihrer Stifterin als international anerkannter Künstlerin bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich machen“ sowie junge Künstler unterstützen soll. Der Vorsitzende ist Christoph H. Seibt.
Die Hanne Darboven Stiftung hat im Juli 2012 das ehemalige Elternhaus von Hanne Darboven von der Stadt Hamburg erworben. Die Hanne Darboven Stiftung will dieses Haus dazu nutzen, um die Arbeiten der Künstlerin wissenschaftlich zu erfassen und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Die offizielle Schlüsselübergabe fand am 18. Juli 2012 statt. Damit ist jetzt die Stiftung neuer Eigentümer der Villa in Rönneburg. Das Hanne Darboven Dokumentationszentrum in der Stiftungsvilla Am Burgberg wurde am 25. Februar 2017 eröffnet.. In: FOCUS vom 18. Juli 2012.Hanne Darboven – Gepackte Zeit, art-in.de, 23. Februar 2017.
Ausstellungen (Auswahl) 1967: Galerie Konrad Fischer, Düsseldorf (zusammen mit Charlotte Posenenske) 1969: Kunsthalle Bern, When Attitudes Become Form –Live in your head 1972: documenta 5, Kassel 1973: Biennale von São Paulo, São Paulo 1974: Kunstmuseum Basel, Ein Monat, ein Jahr, ein Jahrhundert; Leo Castelli, New York; Ileana Sonnabend Gallery, New York 1977: documenta 6, Kassel 1979: Biennale of Sydney, Sydney 1982: documenta 7, Kassel 1982: Biennale von Venedig, Venedig 1984: Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf, Düsseldorf 1989: Museum Ludwig in Rheinhallen, Köln, Bilderstreit 1990: Portikus, Frankfurt; Museum of Contemporary Art, Los Angeles 1996: Dia Center for the Arts, New York 1997: Staatsgalerie Stuttgart, Kinder dieser Welt; Neue Nationalgalerie Berlin; Haus der Kunst, München 1999: Hommage à Picasso Deichtorhallen Hamburg (zusammen mit Andrea Zittel, Inez van Lamsweerde) 2002: documenta 11, Kassel, Poems: 4 × 136 Wunschkonzert, Rauminstallationen, Filme, Sextett für Streicher, opus 44 2003: MUMOK, Wien, Hanne Darboven. Bücher 2004: hanne darboven / ein jahrhundert-abc. Ausstellung in der Kestner Gesellschaft Hannover. 2006: Deutsche Guggenheim, Berlin, Hommage à Picasso (1995–2006) 2010: Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt am Main, Ausstellung: Radical Conceptual 2011: Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt am Main, Ausstellung: MMK 1991–2011. 20 Jahre Gegenwart 2013: Fondazione Prada, Venezia, Ausstellung When attudes become Form 2014: Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid, Einzelausstellung The order of time and things 2015: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, ZeitgeschichtenAusstellung: Zeitgeschichten; 11. September 2015 bis 17. Januar 2016, abgerufen am 25. September 2015.; Haus der Kunst, München, Aufklärung/EnlightenmentAusstellung: Hanne Darboven. Aufklärung; 18. September 2015 bis 14. Februar 2016, abgerufen am 3. November 2015. 2017: Sammlung Falckenberg – Deichtorhallen Hamburg, Hanne Darboven – Gepackte Zeit, 25. Februar bis 3. September 2017 2017: Hamburger Bahnhof, Berlin – Hanne Darboven. Korrespondenzen – 19. Mai bis 27. August 2017 2020: Museum Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM), Duisburg, Ausstellung: Hanne Darboven – Der RegenmacherHanne Darboven – Der Regenmacher, stiftungkunst.de, abgerufen am 25. November 2020.
Ehrungen (Auswahl)
1985: Edwin-Scharff-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg 1994: den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg 1997: Mitglied der Akademie der Künste in Berlin 2000: Ehrenprofessur der Hochschule für bildende Künste Hamburg 2011: Benennung des Hanne-Darboven-Rings im Hamburger Stadtteil EißendorfHorst Beckershaus: Die Hamburger Straßennamen, Verlag Die Hanse, Hamburg, 2011, ISBN 978-3-86393-009-7
Werke in öffentliche Sammlungen (Auswahl)
Art Institute of Chicago, Chicago: Seven Panels and Index, Graphit und graue Tinte auf Velin-Papier, 1973, 1977.600a-h ARCO Foundation Collection, Madrid Centre Georges Pompidou, Paris: Rund 24 Arbeiten der Künstlerin Dia:Beacon, Beacon / NY Dia:Chelsea, New York Hamburger Bahnhof, Berlin Hamburger Kunsthalle, Hamburg: über 300 Werke der Künstlerin Kunstmuseen Krefeld, Krefeld Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen MADRE, Neapel Museum Abteiberg, Mönchengladbach Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main: Ein Jahrhundert – Johann Wolfgang von Goethe gewidmet, 1971–1982Hanne Darboven, Ein Jahrhundert - Johann Wolfgang von Goethe gewidmet, 1971–1982, 899 Blätter, Schreibmaschine, Tinte, Kugelschreiber, Postkarten, Holzrahmen, Filzstift, Goethebüste (Gipsabdruck nach Christian Daniel Rauch), je 29,5 × 21 cm, Inv. Nr. 1991/198 Museum Küppersmühle, Duisburg National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo Bundeskunstsammlung, Bonn Schaulager, Basel Städel Museum, Frankfurt Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.) in Gent
Literatur
Chronologisch sortiert: Ralf Busch (Hrsg.): Hanne Darboven. Ansichten '85. Ausstellung vom 29. September bis 26. November 1989. Hamburger Museum für Archäologie und die Geschichte Harburgs – Helms Museum – Nr. 59. Verlag Christians, Hamburg 1989, ISBN 3-7672-1097-5. Eckhart Gillen (Hrsg.): Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten Land. Dumont, Köln 1997, ISBN 3-7701-4173-3, S. 325.Deutschlandbilder im Internet-Archiv. Abgerufen am 11. Mai 2026. Jörn Merkert, Dieter Ronte, Walter Smerling (Hrsg.): Gesammelte Räume – gesammelte Träume. Kunst aus Deutschland von 1960 bis 2000, Bilder aus der Sammlung Grothe im Martin-Gropius-Bau. Dumont, Köln 1999, ISBN 3-7701-4872-X.Gesammelte Räume – gesammelte Träume. Google Books. Abgerufen am 11. Mai 2026. Bernhard Jussen (Hrsg.): Hanne Darboven – Schreibzeit (Kunstwissenschaftliche Bibliothek; 15). König, Köln 2000, ISBN 3-88375-398-X. hanne darboven. ein jahrhundert-abc. Mit Texten von Harald Falckenberg, Veit Görner, Sol LeWitt, Maik Schlüter und Lawrence Weiner. Ausstellung vom 28. März bis 27. Juni 2004. Katalog der Kestner Gesellschaft, Hannover 2004, keine ISBN. Verena Berger: Hanne Darboven. Unbändig. Hatje Cantz, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-4018-0.Verena Berger führte Gespräche mit Rainer Langhans, Almir da Silva Mavignier, Carl Andre, Joseph Kosuth, Klaus Honnef, Kasper König, Lawrence Weiner, Gerd de Vries, Andreas Osarek, Markus Peichl und Jörg Weil. Englische Ausgabe: Verena Berger: Hanne Darboven. Boundless. Hatje Cantz, Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7757-4019-7. Hanne Darboven: Zeitgeschehen – Aufklärung. Eine Retrospektive. Buchhandlung Walther König, Köln 2015.
Weblinks
Hanne Darboven Informationen zum Werk und zu aktuellen Ausstellungen
Künstlerbiografie (IFA-Datenbank) Hanne Darboven Stiftung Hanne Darboven auf culturebase.net
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Bildender Künstler (Hamburg) Kategorie:Konzeptkünstler (Deutschland)