Der Roman Aus guter Familie mit dem Untertitel Leidensgeschichte eines Mädchens von Gabriele Reuter erschien 1895 im S. Fischer Verlag.Heydebrand, R. V., & Winko, S. (1994). Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 19(2), S. 97 Er war der erste Bestseller in der Verlagsgeschichte und wurde bis 1931 in 28 Auflagen verkauft und in diverse Sprachen übersetzt. Hintergrund des Romans ist die Wilhelminische Ära in Deutschland. Der Roman wird der Epoche des Realismus bzw. des Naturalismus zugeordnet und gehört dem Genre des Gesellschaftsromans an.

Der Roman behandelt die gesellschaftlichen und politischen Probleme jener Zeit, vor allem mit Blick auf junge Frauen im 19. Jahrhundert und im Kontext der „Mädchenfrage“. Er wird deswegen oft als literarischer Ausdruck der damaligen „Frauenbewegung“ verstandenMellmann, K. (2008). Die Mädchenfrage. Zum historischen Bezugsproblem von Gabriele Reuters Aus guter Familie, S. 1. und von der Forschung mit dem abwertenden Begriff der „Frauenliteratur“ in Verbindung gebracht.Vgl. Heydebrand & Winko (1994), S. 99.

Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Mädchens Agathe Heidling, die nach ihrer Konfirmation zwar als erwachsene Frau gilt, sich aber im Leben einer „Jungfrau, Gattin und Mutter“Napheys, George Henry (1871): Das physische Leben des Weibes. Ratschläge für die Jungfrau, Gattin und Mutter. nicht zurechtfindet.Reuter, G. (1895/1908). Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens. Berlin: Fischer, S. 8. (Original veröffentlicht 1895; fünfzehnte Auflage veröffentlicht 1908). Hofenberg Sonderausgabe (2016) hrsg. K.-M. Guth.Katja Mellmann (2008): "Die Mädchenfrage. Zum historischen Bezugsproblem von Gabriele Reuters Aus guter Familie. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 33.1, S. 1–25. Da es ihr weder gelingt, ihr Wesen mit den an sie gestellten Erwartungen zu vereinbaren, noch einen Ehemann zu finden, zerbricht Agathe nach und nach an den an sie gestellten sozialen Anforderungen. Sie endet krank und allein.

Inhalt

Erster Teil I: Gabriele Reuters Roman beginnt mit der Konfirmation der bald siebzehnjährigen Agathe Heidling im Kreise ihrer Familie in der Dorfkirche.

II: Seit der Schulzeit ist Agathe mit Eugenie Wutrow befreundet. Eines Tages erzählt ihr Eugenie, wie Babys entstehen, dass sie nicht von einem Engel gebracht werden, wie Agathes Mutter sagt. Darauf möchte Agathe ihre Freundin nicht mehr sehen, so grässlich findet sie die Vorstellung. Als sie an diesem Abend viel zu spät nach Hause kommt, schlägt die Mutter sie mit der Rute.

III: Frau Heidling, Agathes Mutter, wünscht sich ein gutes Verhältnis mit ihrer Tochter, kommt jedoch mit deren lebhaftem Charakter nicht zurecht. Deshalb entscheidet sie sich dafür, Agathe in „Die Pension“ (37) zu schicken, eine Anstalt, in der sich auch Eugenie befindet.

IV: Es sind Sommerferien, die Agathe auf dem Land bei ihrem Vetter Martin verbringt. Ihr gefällt diese Zeit, die vor allem auch durch ein „gemeinsames Schwärmen“ (34) und Herumalbern gekennzeichnet wird. Eines Tages gesteht Martin ihr, dass er sie küssen möchte, woraufhin Agathe die Flucht ergreift. Während sie sich „sehr tugendhaft und erhaben“ fühlt, nimmt Martin das Ganze nicht so gut auf.

V: Der Umzug ins neue Stadthaus findet statt, wo Agathe ihr Leben als erwachsener Mensch beginnt und in die einfachsten häuslichen Pflichten einer deutschen Hausfrau eingeführt wird. Sie wird langsam zur Frau und feiert in dieser Zeit, zusammen mit ihren Freundinnen, auch ihren 17. Geburtstag. Bei dem Anlass besprechen die Freundinnen den näher rückenden ersten Ball und ihre bisherigen Liebesbeziehungen, was vor allem Agathe erröten lässt.

VI: Agathe ist aufgrund der wunderbaren Geschichten, die sie schon über den ersten Ball eines jungen Mädchens gehört hat, sehr aufgeregt. Schon bei den Vorbereitungen merkt Agathe, dass der Ball nicht etwa so glamourös ist, wie ihr erzählt wurde. Als sie, bereits aufgewühlt und unsicher, auf dem Ball ankommt, wird sie von allem, vor allem aber durch Eugenies elegante Erscheinung, vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie wird verzweifelt und emotional, hat Angst, dass keiner sie zum Tanz auffordert. Als dann ihr Vetter Martin Eugenie zum Tanz auffordert, wird Agathe seltsam traurig. Später weist sie den Assessor Raikendorf ab, womit sie Kritik von ihrer Mutter erntet. Als sie in den Tagen nach dem Ball jedoch nach ihrer Erfahrung gefragt wird, schwärmt sie, genau wie alle anderen, von ihrer ersten Ballerfahrung.

VII: Eugenie befasst sich plötzlich mit dem Patriotismus und diskutiert deswegen oft mit dem Vetter Martin, was Agathe bewundert. Sie ist der Überzeugung, dass Eugenie Martin liebe und ist daher umso überraschter, als wenig später die Verlobung zwischen Eugenie und Walter, Agathes Bruder, bekanntgegeben wird. Gleichzeitig werden die Mädchen, unter ihnen auch Agathe, in die Kunst eingeführt. Jeden Sonntag besuchen sie zusammen mit Agathes Vater, einem Regierungsrat, eine Ausstellung. Agathe wird dabei vom Bild eines „Lord Byron“ vollkommen gefesselt und ist fortan von diesem besessen. In ihrer Fantasie führt sie eine Beziehung mit ihm. Die Beziehung zwischen Agathe und Eugenie wird durch deren Verlobung und Agathes geheime, imaginäre Beziehung weiter verschlechtert. Agathe verachtet bald ihre neue Schwägerin.

VIII: Eines Tages gesteht Luise, ein Hausmädchen der Heidlings, Agathe, dass Walter ihr den Schlüssel zu ihrem Zimmer weggenommen hat und sie dort besucht. Obwohl Agathe Luise erst als Lügnerin beschimpft, beschließt sie dann doch, dem Mädchen zu helfen. Sie spricht mit ihrem Bruder, der nichts abstreitet, Agathe jedoch zornig anschreit, sich aus seinen Angelegenheiten herauszuhalten. Agathe weiß nicht, was sie nun tun soll. Schließlich sagt Luise, dass Walter ja sowieso bald weg gehe, wenn er Eugenie heiratet, und sie belassen es dabei.

IX: Drei Jahre später, Agathe, inzwischen jetzt 20, reist für fünf Wochen zu einer viel jüngeren Cousine ihrer Mutter, der Malerin Mariechen von Woszenska, die von Agathes Photographie begeistert ist. Für die Reise muss sie allerdings ihr eigenes Geld verwenden, das sie ursprünglich gespart hatte, um das Grab von Lord Byron zu besuchen. In der Künstlerstadt angekommen, merkt sie schnell, dass die Familie Woszenski, bestehend aus Mariechen, Kas und Michel, ganz anders ist als ihre eigene Familie. Sie genießt es, sich mehr „gehen zu lassen“ (70), als sie das zu Hause konnte.

X: Nach dem Besuch beim Maler Lutz in seinem Atelier ist Agathe völlig aufgelöst und gesteht sich selbst und Gott, dass sie diesen liebe. Agathe sieht den Maler jedoch erst später bei einem Konzert wieder, wo dieser allerdings mehr an seiner Sitznachbarin, der Schauspielerin Fräulein Daniel, interessiert ist. In den Wochen ihres Aufenthalts sieht Agathe den Maler ab und zu, ohne dass sich zwischen ihnen etwas entwickelt. Trotzdem lernt sie viel von ihrem „zweiten Geliebten“ (77) und wird in ihrer unbekümmerten Zeit dort offener und neugieriger.

XI: Wieder zu Hause ist Agathes Vater beleidigt, dass es seiner Tochter bei den Malern so gut gefallen hat. Agathe schreibt jedoch der Frau Woszenska und hofft auf ein baldiges Wiedersehen. Wenig später liest sie in der Zeitung, dass Fräulein Daniel in M. engagiert worden ist und erfährt dann bei den Wutrows, dass der Maler Lutz Fräulein Daniel nachgereist sei. Als Agathe ihn einige Tage später im Dorf sieht, erkennt dieser sie allerdings nicht.

XII: Hochzeit von Eugenie und Walter. Agathe und ihr Vetter Martin können das Fest nicht wirklich genießen, da sie beide an gebrochenem Herzen leiden. Nach der Hochzeitsreise ziehen Walter und Eugenie in die obere Etage im Haus der Wutrows und Eugenie wird zu einem „reizenden Hausmütterchen“ (84). Für Agathe ist es eine langweilige Zeit. Nur die seltenen Theaterbesuche, in denen sie ab und an, wenn die Daniel auftritt, den Maler Lutz sehen kann, sind ihr ein Trost.

XIII: Agathe ringt sich dazu durch, auf einem Ball mit dem Assessor Raikendorf zu tanzen, obwohl sie diesen noch immer nicht leiden kann. Am Ende des Abends und am darauffolgenden Ball spricht sie sogar einige Worte mit dem Maler Lutz, der plötzlich Interesse an ihr zeigt. Lutz und die Schauspielerin trennen sich und man erzählt sich, dass der Maler nun vom Heiraten spricht. Ihre Eltern mögen den Maler allerdings nicht und wollen ihn nicht im Haus haben.

XIV: Als Agathes Eltern bei einem Osterfest in Bornau sind, kommt ihr Vetter Martin heimlich zu ihr nach Hause. Dieser hat sich vollkommen von der Familie isoliert und erzählt ihr, dass er polizeilich gesucht und in die Schweiz reisen wird. Er hinterlässt ihr einige Schriften, die Agathe nur zögernd annimmt. Kaum ist er weg, liest sie diese und ist überwältigt von der wilden, revolutionären Welt, die sich ihr eröffnet.

XV: Trotzdem reist Agathe wenig später ihren Eltern nach Bornau nach. Durch ein Bahnunglück ist sie gezwungen, eine Stunde auf ihren nächsten Zug zu warten und hilft dort einem kleinen Jungen namens Didi, der sich als das uneheliche Kind von Frau Daniel und Maler Lutz entpuppt.

XVI: Bei den Eltern angekommen wird Agathe von der Aussicht, dieses Geheimnis und diesen Schmerz auf ewig mit sich herumtragen zu müssen, krank. Ab und an wird sie von heftigen Anfällen geplagt und verlangt schließlich von ihren Verwandten: „Lasst mich doch sterben!“ (113). Der Arzt sagt allerdings, dass die Anfälle durch ihre Sensibilität und eine Alteration herbeigeführt wurden und Agathe beschließt, für ihre Eltern weiterzuleben.

Zweiter Teil I: Der zweite Teil setzt ein mit der Geburt des Kindes von Eugenie und Walter. Agathe wendet sich indessen dem Glauben zu und schließt sich den Jesubrüdern an. In der Frömmigkeit fühlt sie sich weniger einsam. Sie hat sich dem Leben der Pietät und Entsagung hingegeben und urteilt streng über diejenigen, die das nicht tun. Eingespannt von der Arbeit im Haushalt und vereinnahmt von ihren Eltern und gesellschaftlichen Erwartungen, die an sie gestellt werden, gelingt es ihr auch so nicht, Fuß in ihrem eigenen Leben zu fassen. Ein plötzlicher Blutsturz und die darauffolgende Erholungsphase bindet sie noch stärker an ihre Eltern.

II: Die Aussicht, doch zu heiraten und damit die Möglichkeit, ihren vermeintlichen Platz in der Gesellschaft zu findet, bietet sich Agathe im Wiedersehen mit Raikendorf. Dieser gehörte zu den ersten Verehrern Agathes auf den Bällen. Ihre frühere Abneigung gegen ihn wird nach einigen Treffen abgelöst von langsam aufkeimenden Gefühlen für ihren „Retter“.

III: Agathe fährt aufs Land zum Haus vom Landrat Raikendorf. Dieser wirbt um sie und am Ende des Besuches ist sich Agathe sicher, dass sie ihn heiraten möchte.

IV: Raikendorf macht Agathe einen Heiratsantrag und sie malt sich bereits eine Zukunft als Ehe- und Hausfrau aus. Doch Raikendorf und Agathes Vater sprechen hinter verschlossenen Türen über die Hochzeit und es stellt sich heraus, dass die Familie Heidling aufgrund von Walters Spielschulden kein Geld für Agathes Mitgift hat. Die Hochzeit kann nicht stattfinden.

V: Agathe wendet sich wieder etwas vom Glauben ab. Ihr neues Interesse gilt Romanen, die eigentlich nicht für Frauen gedacht sind und ihre Fantasie nicht unschuldig bleiben lässt. Nach Raikendorf wirbt sie zwar um andere Männer, hat jedoch keinen Erfolg und verliert dabei immer mehr sich selbst.

VI: Die Familie Heidling feiert ein Fest zu Ehren ihrer Magd, der alten Dorte, die seit 25 Jahren bei ihnen dient. Darauf folgt ein Ausschnitt aus Agathes Tagebuch, in dem ein Einblick in ihr düsteres Innenleben gegeben wird.