Zandaqa () bezeichnet im Islam eine bestimmte Form von Ketzerei. Ursprünglich war das Wort, das aus dem Mittelpersischen entlehnt wurde, eine Bezeichnung für iranische dualistische Religionen wie den Manichäismus und den Mazdakismus, wobei die einzelne Person, die einer dieser Religionen angehörte, Zindīq (Plural: zanādiqa) genannt wurde. In der frühen Abbasidenzeit erlangten die Lehren der Zindīqen große Popularität. Der Kalif al-Mahdī (reg. 775–785) reagierte darauf, indem er die Zindīqen systematisch verfolgen und hinrichten ließ und das Amt des Zindīqen-Inquisitors (ṣāḥib al-zanādiqa) schuf. Seine beiden Nachfolger al-Hādī und Hārūn ar-Raschīd setzten diese Politik fort.

Schon zu dieser Zeit erlebte der Begriff eine Bedeutungserweiterung: Es wurden mit ihm auch Vertreter anderer Lehren bezeichnet, die für ketzerisch gehalten wurden, so Dahriten und Muslime, die im Geheimen ungläubig waren oder einen lasterhaften Lebensstil pflegten. Der Spott der Zindīqen gegenüber der Religion galt als ein Zeichen von Intelligenz und Witz, und viele arabische Dichter der frühen Abbasidenzeit standen im Ruf, Zindīqen zu sein. Eine Parallele zu dieser semantischen Entwicklung und Bedeutungserweiterung ist das deutsche Wort Ketzer, das ursprünglich eine Abwandlung der Selbstbezeichnung der dualistischen christlichen Sekte der Katharer war, dann aber unterschiedslos auf alle religiösen Abweichler angewendet wurde und schließlich zum allgemeinen deutschen Wort für religiöse Abweichler wurde.

Das Urteil der islamischen Rechtsgelehrten gegenüber Zindīqen war zum Teil härter als gegenüber Apostaten. So waren viele der Auffassung, dass Zindīqen direkt getötet werden müssten, ohne dass man ihnen Gelegenheit zur Tauba gebe, weil sie ihren Unglauben verheimlichten.

Wortherkunft mini|hochkant|Die Kaʿbe-ye Zartuscht Der erste Beleg für das Wort in irgendeiner Sprache findet sich in einer mittelpersischen Inschrift des zoroastrischen Hohepriesters Kartir (um 240–280) an der sogenannten Kaʿbe-ye Zartuscht. Diese Inschrift stammt genau aus der Zeit, als der Sassaniden-Staat damit beschäftigt war, den Manichäismus zu bekämpfen. In dieser Inschrift rühmt der Verfasser seine Erfolge bei der Unterdrückung verschiedener ausländischer Religionen und ihrer Anhänger, darunter Juden (yhdy), Buddhisten (šmny), Brahmanen (blmny), Christen (klystdʾn) und Zindīqen (zndyky).J. Duchesne-Guillemin: “Zoroastrian Religion” in Ehsan Yarshater (Hrsg.): Cambridge History of Iran. Band 3 (2): The Seleucian, Parthian and Sassanid Periods. Cambridge University Press, Cambridge 1983. S. 866–908. Hier S. 907. Im 5. Jahrhundert verwendeten die beiden armenischen Autoren Eznik von Kolb und Yeghishe Vardapet das Wort zandik zur Bezeichnung der Manichäer.Blois: "Zindīḳ". 2002, S. 510b. Nach Yeghishes „Geschichte von Vardan“ änderte der sassanidische Herrscher Schapur I. (reg. 242–270) nach vergeblichen Versuchen, das Christentum auszumerzen, seine Politik und verbot den Magi die Fortsetzung ihrer Verfolgung. Er verkündete, dass künftig „der Magus, der Manichäer (Zantig), Jude, Christ und alle Menschen, gleich welcher Religion, in den verschiedenen Provinzen Persiens ungestört und in Frieden ihren Glauben ausüben dürfen.“Victor Langlois: Collection des historiens anciens et modernes de l’Arménie. Didot, Paris 1869. Band II, S. 202f. Digitalisat

Nach al-Masʿūdī tauchte der Name zanādiqa erstmals zur Zeit von Mani auf und war eine Bezeichnung für diejenigen, die etwas in ihre Religion einführten, was im Widerspruch zu ihrem offenbarten Buch, nämlich dem Avesta, stand. Abgeleitet sei der Begriff von Zand, ursprünglich die Bezeichnung von Zarathustras Kommentar zum Avesta, die aber dann auch für allegorische Auslegungen desselben verwendet wurden. Wann immer jemand etwas, das im Widerspruch zum Avesta stand, in ihre Religion eingeführt und sich einer solchen allegorischen Auslegung zugewandt habe, habe man ihn einen zandī genannt. Die Araber, fährt er fort, hätten dieses Wort von den Persern entlehnt und daraus zindīq gemacht.Al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. 1863, Band II, S. 167f. Nach Abū Saʿd as-Samʿānī (gest. 1166) war Zand die Bezeichnung für Manis Buch Šābuhragān. Es sei deshalb so genannt worden, weil es die Auslegung (tafsīr) von Zarathustras Buch gewesen sei.Abū Saʿd as-Samʿānī: al-Ansāb. Ed. ʿAbd al-Fattāḥ Muḥammad Ḥilw. Makatabat Ibn Taimīya, Kairo 1981. Band VI, S. 316. Digitalisat. Allerdings sind diese Erklärungen unhaltbar, da es keine Beweise dafür gibt, dass die Manichäer ein eigenes Zand hervorbrachten oder ihre Religion als allegorische Interpretation des Avesta betrachteten.Blois: Zindīḳ. 2002, S. 510b–511a.

Andere muslimische Gelehrte übertrugen diese Erklärung auf den zoroastrischen Reformer Mazdak und die Mazdakiten. So liest man bei dem ostiranischen Gelehrten al-Chwārazmī (gest. nach 976), der am Hof der Samaniden in Buchara tätig war, es sei Mazdak gewesen, der ein Buch herausbrachte, das er Zand nannte und von dem er behauptete, dass es die Deutung des Avesta enthielt. Aufgrund dessen habe man den einzelnen seiner Anhänger zandī genannt, was dann in der Form zindīq in die arabische Sprache übernommen worden sei.Abū ʿAbdallāh Muḥammad al-Ḫwārazmī: Kitāb Mafātīḥ al-ʿulūm. Ed. Gerlof van Vloten. Brill, Leiden, 1895. S. 37f. Digitalisat Al-Bīrūnī schloss sich dieser Erklärung in seinem Werk al-Āṯār al-bāqiya an und behauptete, dass die Bezeichnung zindīq ursprünglich Mazdakiten und Churramiten bezeichne und auf die Manichäer nur „im übertragenen und metaphorischen Sinn“ (ʿalā ṭarīq al-maǧāz wa-l-istiʿāra) bezogen werde.Johann Fück: „Sechs Ergänzungen zu Sachaus Ausgabe von al-Bīrūnīs 'Chronologie der orientalischen Völker'“ in J. Fück: Documenta islamica inedita Berlin 1952, S. 79. Die ursprünglichen Zindīqen waren also nach al-Chwārazmī und al-Bīrūnī die Mazdakiten. Dass dies falsch ist, ergibt sich jedoch daraus, dass das Wort Zandyki bereits von Kartir, also 300 Jahre vor der Zeit Mazdaks, verwendet wurde.

Nach dem heutigen Forschungsstand ist das mittelpersische Wort zandīk vom aramäischen zaddīqa („gerecht“, pl. zaddīqē) abgeleitet.Blois: "Zindīḳ". 2002, S. 511a. Dieser Begriff, der ursprünglich nur die „Auserwählten“, also die Vollmitglieder der manichäischen Gemeinschaft, bezeichnete, wurde schon in der vorislamischen christlichen Literatur, so bei Ephräm dem Syrer, für die Manichäer insgesamt verwendet.Chokr: Zandaqa et zindīqs en Islam au second siècle de l'Hégire. 1993, S. 45. Diese Namensform wurde offensichtlich schon in vorislamischer Zeit in das Mittelpersische entlehnt, wobei -dd- infolge von Dissimilation durch -nd- ersetzt wurde.Edward Granville Browne: Literary History of Persia. Fischer & Unwin, London 1902. Band I, S. 159-60. Digitalisat Demnach ist zindīq die persianisierte und später arabisierte Form des aramäischen Namens, der ursprünglich nur für die vollständig eingeweihten Mitglieder des Manichäismus verwendet wurde.

Geschichte Das Aufkommen der Zindīqen unter den frühen Abbasiden Nach einem Bericht, den al-Masʿūdī (gest. 956) in seinem Werk Murūǧ aḏ-ḏahab zitiert, wurden während der Herrschaft des abbasidische Kalifen al-Mahdī (reg. 775–785) die Zindīqen zahlreich, und ihre Lehren traten unter den Menschen hervor. Grund dafür war nach dem Bericht, dass sich in dieser Zeit die Übersetzungen verbreiteten, die Ibn al-Muqaffaʿ (gest. 757) und andere von den Büchern von Mani, Bardesanes und Marcion aus der neupersischen und mittelpersischen Sprache angefertigt hatten, und zur gleichen Zeit Ibn Abī al-Ardschā', Hammād ibn ʿAdschrad, Yahyā ibn Ziyād und Mutīʿ ibn Iyās Bücher zur Rechtfertigung der manichäischen, daisanitischen und marcionitischen Lehren verfassten. Al-Mahdī beauftragte im Dschadal geübte Mutakallimūn, Bücher gegen diese Ketzer abzufassen und ihre Argumente zu widerlegen.Al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. Ediert und übersetzt von Barbier de Meynard et Pavet de Courteille. 9 Bde. Paris 1861–1877. Bd. VIII, S. 293. Digitalisat Auch die Anhänger des churramitischen Rebellen al-Muqannaʿ (hingerichtet 779 oder 780) galten als Zindīqen. Der ägyptische Schriftsteller Tāhā Husain (gest. 1973) deutete das Aufkommen von Zandaqa als „eines der Phänomene der Schuʿūbīya“ (maẓhar min maẓāhir aš-Šuʿūbīya).Ṭāhā Ḥusain: Fī š-šiʿr al-ǧāhilī. Dār al-kutub al-Miṣrīya, Kairo 1926. S. 114. Digitalisat

Die Zindīqen-Verfolgung von al-Mahdī bis Hārūn ar-Raschīd Darüber hinaus begann al-Mahdī mit einer systematischen Verfolgung der Zindīqen. At-Tabarī berichtet, dass der Kalif al-Mahdī schon im Jahre 779/80 seinen Muhtasib ʿAbd al-Dschabbār aussandte, um die von dem erfolglosen Aufstand al-Muqannaʿs übriggebliebenen Zindīqen herbeizubringen, und sie anschließend kreuzigen und ihre Bücher zerschneiden ließ.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Band III/1, S. 499, Zeile 8–11. Nach einem Bericht, den Abū l-Faradsch al-Isfahānī (gest. 967) zitiert, diente ʿAbd al-Dschabbār dem Kalifen als Zindīqen-Inquisitor (ṣāḥib al-zanādiqa) und verprügelte in dieser Funktion den Dichter Baschschār ibn Burd.Abū l-Faraǧ al-Iṣfahānī: Kitāb al-Aġānī. Dār al-Kutub al-Miṣrīya, Kairo 1929. Band III, S. 247. Digitalisat Im Jahr 782/83 wurden Dāwūd ibn Rauh, Ismāʿīl ibn Sulaimān, Muhammad ibn Aiyūb al-Makkī und Muhammad ibn Taifūr wegen Zandaqa verhaftet. Nachdem sie gestanden hatten, forderte al-Mahdī sie zur Tauba auf und ließ sie gehen. Dāwūd ließ er dagegen seinem Vater Rauh ibn Hātim bringen, der damals Gouverneur von Basra war, mit der Aufforderung, seinen Sohn zu züchtigen. In demselben Jahre wurde ʿAbdallāh, der Sohn des Wesirs ʿUbaidallāh der Zandaqa bezichtigt und vor den Kalifen geführt.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Band III/1, S. 517, Zeile 11–14.

Im Jahre 783/84 verstärkte al-Mahdī die Suche nach den Zindīqen und ihre Verfolgung in den verschiedenen Regionen und setzte als Sonderinquisitor für sie den früheren Muhtasib ʿUmar al-Kalwādhī ein. Zu denen, die wegen Zandaqa verhaftet wurden und gestanden, gehörte Yahyā ibn al-Faid, der Sekretär von al-Mansūr, doch gelang ihm die Flucht aus dem Gefängnis.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Band III/1, S. 519f. Nach al-Kalwādhīs Tod im folgenden Jahr übernahm ein gewisser Muhammad ibn ʿĪsā Hamdawaih das Amt des Zindīqen-Inquisitors, und der Kalif ließ eine Anzahl von Zindīqen in Bagdad töten.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Band III/1, S. 522. Wenn ein Zindīq dem Kalifen vorgeführt wurde, forderte ihn dieser zur Tauba auf. Wenn der Zindīq sich weigerte, wurde er enthauptet und an ans Kreuz gehängt. Al-Mahdī soll auch seinem Sohn und Thronfolger al-Hādī eingeschärft haben, in gleicher Weise mit den Zindīqen zu verfahren.aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Band III/1, S. 588.