Die Litauisch-polnischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Litauen und Polen. Polen und Litauen nahmen ab dem 13. Jahrhundert diplomatische Beziehungen auf, nachdem das Großfürstentum Litauen unter Mindaugas einen Teil des Territoriums der alten Kiewer Rus erworben und damit eine Grenze mit dem Königreich Polen geschaffen hatte. In der Folgezeit verbesserten sich die polnisch-litauischen Beziehungen und führten schließlich zu einer Personalunion zwischen den beiden Staaten. Von der Mitte des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts schlossen sich Polen und Litauen als Polnisch-Litauischer Gesamtstaat zusammen, einem Staat, der nach seiner Teilung durch Österreich, Preußen und Russland aufgelöst wurde. Nachdem die beiden Staaten nach dem Ersten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit wiedererlangt hatten, verschlechterten sich die polnisch-litauischen Beziehungen. Konkurrierende Ansprüche auf die Region Vilnius führten in der Zwischenkriegszeit 1920 zum Polnisch-Litauischen Krieg. Während des Zweiten Weltkriegs wurden polnische und litauische Gebiete sowohl von der Sowjetunion als auch von NS-Deutschland besetzt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden sich sowohl Polen als auch Litauen im Ostblock wieder, Polen als sowjetischer Satellitenstaat, Litauen als Sowjetrepublik. Mit dem Ende des Kommunismus wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern wiederhergestellt. Seitdem sind die Beziehungen freundschaftlich und haben den Charakter einer strategischen Partnerschaft in den Bereichen Verteidigung und Sicherheit.

Beide Länder verfolgen eine strategische Westorientierung seit dem Ende des Warschauer Pakts. Polen und Litauen sind gemeinsam Mitglieder der NATO und der Europäischen Union. Da beide Staaten Teil des Schengen-Raums sind, bestehen keinerlei Grenzkontrollen mehr an der knapp 130 Kilometer langen Grenze zwischen Litauen und Polen. Beide Länder haben im Rahmen des Lublin-Dreiecks auch enge Beziehungen zur Ukraine aufgebaut.

Geschichte Frühe Litauisch-polnisches Beziehungen

mini|Polen-Litauen um 1618 mit den heutigen Staatsgrenzen Der litauische Staat geht auf das 13. Jahrhundert zurück und grenzte erstmals im 14. Jahrhundert, nach der Vernichtung der altpreußischen und jotwingischen Stämme, an polnische Gebiete. Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkten sich die meisten Kontakte zwischen den beiden Ländern auf militärische Grenzkonflikte, wie der litauische Überfall auf das Herzogtum Masowien im Jahr 1262, bei dem Siemowit I. von Masowien getötet wurde. Dies änderte sich mit einem Bündnis zwischen dem polnischen König Władysław I. und dem litauischen Großherzog Gediminas Mitte der 1320er Jahre. Gediminas Tochter Anna von Litauen heiratete 1325 Władysławs Sohn und künftigen Nachfolger Kasimir III. von Polen, was zu einer Verbesserung der Beziehungen führte. 1358 wurde in einem Vertrag zwischen dem Herzogtum Masowien und dem Großfürstentum Litauen erstmals eine Grenze zwischen den beiden Ländern festgelegt. 1385 führte die wachsende Bedrohung beider Länder durch den Deutschen Orden zu einem festeren Bündnis, der Union von Krewo, die den Beginn einer jahrhundertelangen polnisch-litauischen Union markierte. Durch die Annäherung an Polen konnte sich der Katholizismus in Litauen ausbreiten, der letzten Hochburg des Heidentums in Europa. Dieses Bündnis wurde durch den polnisch-litauischen Sieg über den Deutschen Orden in der Schlacht bei Tannenberg 1410 gestärkt. Weitere Meilensteine stellten die Union von Vilnius und Radom (1401) und die Union von Horodło (1413) dar.

Da Litauen zunehmend von dem aufstrebenden Großfürstentum Moskau bedroht wurde (siehe Russisch-Litauische Kriege), bemühte es sich, seine Beziehungen zu Polen zu stärken. Die Union erreichte 1569 einen wichtigen Meilenstein, als mit der Union von Lublin eine Realunion, der Polnisch-Litauische Gesamtstaat, gegründet wurde. Polen-Litauen war einer der größten und mächtigsten Staaten des europäischen Mittelalters und der frühen Neuzeit und schloss große Gebiete der heutigen Ukraine und Belarus ein. Die Litauer bildeten in dem Gesamtstaat demografisch nur eine kleine Minderheit neben den Polen und den orthodoxen Ruthenen. Der Staat wurde von dem polnischen Adel dominiert und die alten litauischen Magnaten wurden mit der Zeit assimiliert. Der polnisch-litauische Staat konkurrierte mit Moskau um die Vorherrschaft in Osteuropa, erlebte mit der Abspaltung der Ukraine durch den Chmelnyzkyj-Aufstand im 17. Jahrhundert allerdings einen machtpolitischen Niedergang. Dieser gipfelte in den Teilungen Polens zwischen 1772 und 1795 durch die Polen und Litauen für mehr als 100 Jahr ihre Eigenstaatlichkeit verloren. In der Zeit der Teilungen kam es zu einer Umkehrung des vorangegangenen Polonisierungsprozesses mit der litauischen nationalen Wiederbelebung, die der litauischen Sprache und Kultur neue Bedeutung verlieh. In der folgenden Zeit sahen sich sowohl Polen als auch Litauen mit verstärkten Bemühungen der Russifizierung durch die russischen Zaren konfrontiert.

Zwischenkriegszeit

mini|Antilitauische polnische Karikatur von 1934 Der Erste Weltkrieg erlaubte Polen und Litauen 1918 die Wiedererlangung der nationalen Unabhängigkeit. Während des Litauisch-Sowjetischen Kriegs kooperierten Polen und Litauen anfangs noch gemeinsam gegen Sowjetrussland. Bald darauf traten allerdings Konflikte auf. Polen wollte einen polnisch dominierten Raum von der Ostsee bis zum Schwarzmeer (Intermarium) schaffen, in dem Litauen ein Teil Polens oder ein polnischer Satellitenstaat geworden wäre. Die Litauer bestanden jedoch auf ihre Unabhängigkeit. Differenzen in Grenzfragen, insbesondere über die Städte Vilnius (Wilno) und Sejny (Seinai) überschatteten die Beziehungen in der gesamten Zwischenkriegszeit. Vilnius war die historische Hauptstadt Litauens gewesen, wurde aber mehrheitlich von Polen und Juden bewohnt, was die Region Vilnius zu einem Zankapfel zwischen beiden Staaten machte. Ein von der Polnischen Militärorganisation inszenierter antilitauischer Aufstand in Sejny löste in Litauen große Empörung aus. Darüber hinaus verschlechterte sich das Ansehen der Polen aufgrund eines aufgedeckten Komplotts zum Sturz der souveränen litauischen Regierung durch die Polnische Militärorganisation, die von der lokalen polnischen Minderheit unterstützt wurde. Die Beziehungen verschlechterten sich noch weiter, als der Polnisch-Litauische Krieg ausbrach und Józef Piłsudski die „Meuterei“ von Żeligowski, nach einem inszenierten Zwischenfall, anordnete, was einen Bruch des Vertrags von Suwałki darstellte. Die Polen riefen nach der militärischen Besetzung der Region Vilnius im Oktober 1920 den Marionettenstaat Mittellitauen aus und schlossen diesen zwei Jahre später an Polen an. In Reaktion darauf verbündete sich Litauen mit Sowjetrussland, das die litauischen Ansprüche auf Vilnius im Litauisch-Sowjetischen Friedensvertrag unterstützte, und erlaubte den Sowjets, das litauische Staatsgebiet für Angriffe auf Polen während des Polnisch-Sowjetischen Kriegs zu nutzen.

Durch die polnische Annexion von Vilnius bestanden keine diplomatischen Beziehungen zwischen Polen und Litauen in der Periode, bis Polen Litauen 1938 mit einem Ultimatum zur Aufnahme offizieller Beziehungen und zur Anerkennung der polnischen Ansprüche auf Vilnius zwang. Durch den Konflikt wurden die Polen in Litauen mit großem Misstrauen betrachtet, und umgekehrt. Beide Regierungen unterdrückten ihre jeweiligen Minderheiten. Ethnische Polen waren in Litauen diskriminierenden Gesetzen unterworfen. Nach Piłsudskis Tod, zwischen 1935 und 1939, trieb Polen die Polonisierung der litauischen Minderheit voran, wobei die Regierung die Ansiedlung polnischer Armee-Veteranen in den umstrittenen Gebieten förderte. Die meisten litauischen Schulen wurden geschlossen und fast alle litauischen Organisationen verboten.

Zweiter Weltkrieg mini|Aufteilung Mitteleuropas laut Hitler-Stalin-Pakt im Vergleich zur tatsächlichen Aufteilung bis 1941 Mit dem Hitler-Stalin-Pakt vereinbarten NS-Deutschland und die Sowjetunion die Aufteilung Polens und des Baltikums in Einflusssphären. Hitlers Überfall auf Polen startete den Zweiten Weltkrieg und bald darauf begann die sowjetische Besetzung Ostpolens. Die Sowjets nötigten Litauen dazu, den Sowjetisch-Litauischen Beistandsvertrag (1939) zu unterzeichnen, bei dem die Sowjets die von Polen genommene Region Vilnius an Litauen übergaben, wobei im Gegenzug sowjetische Truppen in Litauen stationiert wurden. Im Jahr 1940 annektierte Stalin schließlich die drei baltischen Staaten und schloss diese an die Sowjetunion an. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 im Widerspruch zum vorher geschlossenen Nichtangriffspakt wurde Litauen von den Deutschen besetzt. Die litauischen Nationalisten hofften auf eine Selbstverwaltung Litauens, woran die Deutschen allerdings kein Interesse zeigten. Teile der litauischen Nationalbewegung, darunter Elemente der Litauischen Aktivistenfront (LAF), kollaborierten mit den Deutschen während des Holocaust in Litauen und der Verfolgung der polnischen Minderheit. Antipolnische Rhetorik und Gewalt wurden unter der Regierung von Juozas Ambrazevičius im Jahr 1941 üblich (gefolgt von Petras Kubiliūnas als Marionette der deutschen Machthaber). Einige litauische Geistliche riefen zu Pogromen gegen Polen auf, erklärten, die Polen seien „schlimmer als die Juden“, und boten Ablässe für die Ermordung von Polen an. Ein litauischer Professor verfasste ein Pamphlet mit dem Titel „Warum sollten wir die Polen hassen“, und die LAF setzte sich für die Einrichtung von Ghettos für Polen, das Tragen von Erkennungsmarken und die Kürzung ihrer Lebensmittelrationen ein und verkündeten: „Unter den Sowjets haben wir 50 % der Polen getötet, unter den Deutschen werden wir die anderen 50 % töten“. Bei dem berüchtigten Massaker von Ponary ermordeten die Deutschen und litauische Kollaborateure 100.000 Menschen bei Vilnius, darunter mehrheitlich Juden, aber auch Polen und Russen. Insgesamt verloren tausende Polen in Litauen ihr Leben durch die Repressionen, bevor die Sowjets 1944 Litauen von den Deutschen zurückeroberten. Das Thema der polnisch-litauischen Beziehungen während des Zweiten Weltkriegs ist umstritten, und einige moderne litauische und polnische Historiker interpretieren die damit verbundenen Ereignisse immer noch unterschiedlich.

Kalter Krieg Nach dem Krieg gerieten beide ehemaligen Staaten unter die Herrschaft der Sowjetunion. Polen wurde nach Westen verschoben und gab damit die meisten der umstrittenen Gebiete auf, in denen zuvor eine bedeutende litauische Minderheit in der Zweiten Polnischen Republik lebte. Diese Gebiete wurden in die Litauische SSR und die Weißrussische SSR eingegliedert, die ihrerseits zu den Sowjetrepubliken gehörten. Vilnius verblieb damit bei Litauen und ist heute die Hauptstadt des unabhängigen Litauens. Gleichzeitig durften viele Polen aus Kresy die Sowjetunion verlassen und wurden größtenteils nach Westen in die wiedergewonnenen Gebiete umgesiedelt, und die polnische Minderheit in Litauen (bzw. der Litauischen SSR) wurde ebenfalls erheblich verkleinert. Die verbleibende polnische Minderheit in Litauen wurden einer Litauisierungs- und Sowjetisierungspolitik unterworfen. Unter den Augen der Sowjetunion sollten die verschiedenen ethnischen Gruppen im Ostblock friedlich zusammenarbeiten. Um zu verhindern, dass historische Allianzen entstehen oder wiederaufleben, die das sowjetische Regime schwächen könnten, zielte die sowjetische Politik darauf ab, die Rolle der historischen Bindungen zwischen diesen Nationen zu minimieren, und es gab in dieser Zeit nur wenige Kontakte von Bedeutung zwischen Polen und Litauen.

Nach 1990 mini|Der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki und die litauische Premierministerin Ingrida Šimonytė (2021)