Ulver (norwegisch für ‚Wölfe‘) ist eine Band aus Norwegen, die zunächst Black Metal und eine Art Neofolk spielte und über Industrial Metal zu Trip-Hop, Ambient, Post-Rock und Synthpop fand, diese verschiedenen Stile aber oft miteinander vermengt. Sie wurde mehrmals für den Spellemannprisen nominiert.
Geschichte Black-Metal-Phase Die Gründungsmitglieder Kristoffer „Garm“ Rygg und Carl-Michael „Exhurtum“ Eide lernten sich Anfang der 1990er-Jahre in der Schule kennen. Eide war damals Schlagzeuger von Eczema, wurde aber aus der Band entlassen, da er andere Interessen als die übrigen Mitglieder hatte. Etwas später schlug er Rygg die Gründung Ulvers vor, die zunächst Thrash Metal spielten.Powaviolenza: Ved Buens Ende – interview with Carl-Michael Eide (guitars / vocals), gutsofdarkness.com, abgerufen am 16. Oktober 2015., steelforbrains.com, abgerufen am 16. Oktober 2015.
Auf dem angeblich in einem „Trollwald“ aufgenommenen Demo Vargnatt (1993) und der Split-EP Ulverytternes Kamp/Mourning mit Mysticum (1994) verbanden Ulver bereits auf recht eigenständige Weise rohen Metal, akustische Passagen, variablen Gesang und abwechslungsreiche Rhythmen. Kristoffer Rygg kannte Metalion, Herausgeber des Fanzines Slayer und Inhaber des Labels Head Not Found, aus dem Osloer Nachtleben und händigte ihm – nach vielen Schwärmereien von seiner Band – das Demo aus. Metalion war davon angetan und bot Ulver einen Vertrag und 5000 NOK für die Aufnahme eines Albums an. Zunächst war dieses als Split-Veröffentlichung mit Gehenna geplant, die Metalion durch Rygg kennengelernt hatte; doch schließlich veröffentlichten Gehenna 1994 ihr Debüt First Spell als eigenständige EP bei Head Not Found, vermutlich wegen Unstimmigkeiten bezüglich einer Einbindung des Labels Voices of Wonder. Also veröffentlichten auch Ulver Anfang 1995, trotz der relativ kurzen Spielzeit, ihr im November und Dezember 1994 aufgenommenes Bergtatt – Et Eeventyr i 5 Capitler als eigenständiges Album. Darauf spielte die Band Folk-beeinflussten Black Metal. Bergtatt zeichnete sich durch schnelles Tempo, nüchterne E-Gitarren, Akustik-Passagen, den Wechsel von Schrei- und hymnischem Gesang, sowie durch eine märchenhafte Storyline und altertümelnde Sprache aus. Es kann als Konzeptalbum betrachtet werden, das im Black Metal eine Hinwendung zu heimatlichem Brauchtum, romantischer Nostalgie und mythischer Übersinnlichkeit einführte. Das Rock Hard nahm Bergtatt später in seine Liste der 25 wichtigsten Black-Metal-Alben aller Zeiten auf. In der Szene hatte die Band jedoch eher Außenseiterstatus.
In diesen ersten Jahren der Band kam es bereits zu mehreren Besetzungswechseln. Die neben Kristoffer Rygg und Håvard Jørgensen am Demo beteiligten Musiker Carl-Michael Eide, Ali Reza, Grellmund und Robin Malmberg verließen noch Ende 1993 die Band. Erik Olivier „AiwarikiaR“ Lancelot, Skoll und Torbjørn „Aismal“ Pedersen ersetzten sie ab 1994. Diese Besetzung blieb bis nach dem dritten Album 1996 stabil. Das zweite Album Kveldssanger folgte 1995 (ebenfalls auf Head Not Found) und stand in starkem Kontrast zum ersten; der Musikgeschmack der noch jungen Musiker hatte sich Rygg zufolge inzwischen gewandelt.Rob Hughes: Tragic Serenades, Unrestrained Nr. 36, abgerufen am 29. Januar 2016. Es fanden sich auf dem Album keine E-Gitarren und kein Schreigesang mehr, dafür Folklore, akustische Musik und Kammerkantaten. Obwohl Ulver auf dem Album also keinen Black Metal spielten, wurde es immer wieder als wichtiges Album der Szene bezeichnet.Roberto Martinelli: ULVER – Kveldssanger. In: Maelstrom. Nr. 55, abgerufen am 21. Oktober 2012. Kristoffer „Garm“ Rygg nannte Kveldssanger zwar „unausgereift“, äußerte aber später, der Kommentar sei auf die Ausführung bezogen gewesen und übertrieben worden.
Nach dem melodischen Bergtatt und dem akustischen Kveldssanger wurde das dritte Album Nattens Madrigal – Aatte Hymne Til Ulven i Manden, eigentlich noch vor Kveldssanger entstanden, puristischer und aggressiver als Ulvers bisherige Veröffentlichungen. Stil und Produktion wurden roh gehalten, Ulvers neues Label Century Black bezeichnete das Album als Rückkehr zum traditionellen Black Metal. Ähnlich wie schon beim Demo wurde kolportiert, Nattens Madrigal sei in einem Wald aufgenommen worden. Zudem kursierte aufgrund entsprechender Pressefotos, die Band habe sich von Century Medias Vorabzahlungen neue Anzüge und eine schwarze Corvette gekauft. Tatsächlich sah Rygg die bewusst rohe Produktion als Reaktion auf eine beginnende kommerzielle Ausschlachtung des Black Metal – u. a. durch Labels wie Century Media.
Allen drei ersten Alben der damals noch jungen Musiker ist gemein, dass sie auch unter dem Eindruck von Schulunterricht in Sprache, Literatur und Folklore des mittelalterlichen Dänemark-Norwegen entstanden. Die Liedtexte wurden in einem (von der Band als altes Dänisch bezeichneten) archaisierten, poetisierenden Norwegisch verfasst, wobei der Eindruck einer alten Sprache auch durch die (teilweise frei phantasierte) Orthographie erreicht wird. Die ersten drei Alben, eine Trilogie über die „finsteren Aspekte der norwegischen Folklore“ wurden als limitierte Box-Sets von Century Media 1997 unter dem Titel The Trilogie – Three Journeyes Through the Norwegian Netherworlde sowie 2014 mit dem Demo und weiteren seltenen Aufnahmen unter dem Titel Trolsk Sortmetall 1993–1997 neu aufgelegt.
Am 29. und 30. Mai 1996Verschiedene Künstler: Souvenirs from Hell. Cthulhu Records 1997. nahmen Ulver mit Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg von Mayhem und Arcturus am Schlagzeug den Titel Synen auf, der 1997 auf der Kompilation Souvenirs from Hell von Cthulhu Records veröffentlicht wurde.
Hinwendung zur elektronischen Musik Nach Nattens Madrigal verließ der Gitarrist Torbjørn „Aismal“ Pedersen die Band, er wurde durch Knut Magne Valle von Arcturus ersetzt. Außerdem wurde Tore Ylwizaker neues Bandmitglied. Rygg hatte Bands wie Coil entdeckt und war 1996 während einer London-Reise mit Ihsahn in einem okkulten Buchladen auf eine Ausgabe von William Blakes The Marriage of Heaven and Hell gestoßen. Folglich entfernten sich Ulver mit dem 1998 veröffentlichten Album Themes from William Blake’s The Marriage of Heaven and Hell, dem ersten auf Ryggs im selben Jahr gegründeten Plattenlabel Jester Records, vom Black Metal und integrierten Elemente des Industrial Metal und Ambient-Passagen. Das Album, auf dem als Gastsänger u. a. Ihsahn, Samoth und Fenriz auftraten, gab den gesamten Text von Blakes prophetischem Prosagedicht wieder. Es erhielt sowohl aus dem Metal- als auch aus dem Alternative-Bereich gute Kritiken. Nachdem Themes… im Jahr 2001 Teil eines Geschenkpakets zur Hochzeit von Haakon von Norwegen mit Mette-Marit Tjessem Høiby war, gerieten Ulver wegen ihres angeblich satanistischen Hintergrundes in die Schlagzeilen.News 2001, abgerufen am 23. Februar 2015.
Die nächsten zwei Veröffentlichungen Metamorphosis und Perdition City waren noch experimentierfreudiger. Ulver bestanden nur noch aus Rygg und Ylwizaker; sie bewegten sich weiter weg von Rock und Metal hin zu einem elektronischen Genre, wie es die Bands Coil oder The Future Sound of London vertreten. Der Titel der Metamorphosis-EP war programmatisch: Sie vereinte Drum and Bass, Trip-Hop und Ambient und kann als Präludium zum Trip-Hop-Album Perdition City gesehen werden. Im Inlay der Metamorphosis-EP war ein Kommentar abgedruckt, der eine deutliche Ablehnung der Kategorisierung Ulvers als Black-Metal-Band zum Ausdruck brachte. Es folgten 2001 die rein instrumentellen und minimalistischen Ambient-Veröffentlichungen Silence Teaches You How to Sing und Silencing the Singing, die 2002 auch unter dem Titel Teachings in Silence als Kompilation veröffentlicht und später für den Spellemannprisen 2003News 2004, abgerufen am 23. Februar 2015. nominiert wurden. Im selben Jahr arbeitete Rygg auch an einer Fotoausstellung zur ersten Silence-EP, und Ulver begannen eine Aufarbeitung von Nattens Madrigal mit einem Streichquartett, die nie fertiggestellt werden sollte. Der Remix eines Stückes von Kveldssanger wurde 2002 angefertigt und auf A Quick Fix of Melancholy veröffentlicht. Ebenso nahmen Ulver 2002 ein Lee-Hazlewood-Cover für eine geplante Kompilation von Ryggs Label Jester Records auf,News 2002, abgerufen am 23. Februar 2015. die aber nie erschien.
Auf 1993–2003: 1st Decade in the Machines fanden sich – zum 10-jährigen Bandjubiläum – von diversen Bands (u. a. Merzbow) und Musikern (u. a. Fennesz) elektronisch neuaufbereitete Ulver-Stücke aus allen bisherigen Schaffensperioden.
Filmmusik Zwischen 2001 und 2004 produzierten Ulver die Filmmusik für Lyckantropen, Svidd Neger, Uno und Salto, salmiakk og kaffe. Der für den Spellemannprisen nominierteNews 2003, abgerufen am 23. Februar 2015. Soundtrack Lyckantropen Themes war ausschließlich elektronisch und minimalistisch arrangiert, während auf Svidd Neger die Klanggewalt eines Orchesters immer wieder durch Ambient-Passagen unterbrochen wurde. Der Uno-Soundtrack war eine Kooperation mit dem Komponisten Tom McRae, der Film von Regisseur und Darsteller Aksel Hennie gewann mehrere Preise. Ulvers Beitrag pendelte dabei zwischen melancholischen Violin- und Orgel-Passagen und den auf der Metamorphosis-EP dominierenden Techno-Klängen. McRaes Beiträge zum Filmsoundtrack umfassten Gangsta-Rap- und Hip-Hop-Elemente.
Erst 2014, nach 10 Jahren vielfältigster musikalischer Aktivitäten, komponierten Ulver wieder einen Score. Anfang 2014 arbeitete die Band am Nationaltheatret an der Musik zum Theaterstück Demoner 2014, das lose auf Dostojewskis Roman Die Dämonen basiert. Zwei Jahre später steuerten Ulver den Originalsoundtrack zu Justin Oakeys Film Riverhead bei. An Halloween 2020 gab die Band in Oslo ein Filmkonzert zu John Carpenters gleichnamigem Film, die Veröffentlichung als Album erfolgte ein Jahr später unter dem Namen Scary Muzak und wurde für den Spellemannprisen 2021 nominiert.
Stilvielfalt Im Juli 2004 stellte die Band mit Jørn H. Sværen (einem langjährigen Freund Ryggs und bereits als Liedtexter und Zeichner für die Band in Erscheinung getreten) als neuem Mitglied und einigen Gastmusikern (u. a. Håvard Jørgensen, Mike Keneally, Carl-Michael Eide) das Album Blood Inside fertig, welches am 6. Juni 2005 veröffentlicht wurde. Dieses Album führte den seit den späten neunziger Jahren eingeschlagenen experimentellen Weg weiter, war aber weniger zurückhaltend und beherrscht. Einflüsse verschiedener Musikgenres (auch aus Rock und Post-Rock) wurden miteinander vermengt, die Band zeigte sich aber auch von einer zugänglicheren Seite. Nach zehn sehr produktiven Jahren legten Ulver nun eine Schaffenspause ein; sie begründeten dies im Juli 2007 mit einem Bedürfnis nach Zurückgezogenheit und ihrer Unzufriedenheit mit der Welt und dem Musikgeschäft.Ulver: Shadows of the Sun, abgerufen am 20. Oktober 2012. Gleichzeitig kündigten sie die Veröffentlichung eines neuen und ihres bisher persönlichsten Albums an, Shadows of the Sun. Es klang homogener als das eklektische Blood Inside und näherte sich teilweise wieder Perdition City und Teachings in Silence an. Der Stil ging noch stärker in Richtung Ambient, auch verschiedene Elemente der Kammermusik oder des Jazz waren auf Shadows of the Sun zu hören. Vom britischen Musikmagazin Terrorizer wurde das Album retrospektiv unter die Top-100 des Jahrzehnts gewählt und belegte Platz 67 der Rangliste.Terrorizer-Bestenliste 2000–2009, abgerufen am 2. Juli 2010.