Die Erdbeeren (Fragaria) sind eine Gattung in der Unterfamilie der Rosoideae innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Zur Gattung Fragaria gehören ungefähr zwanzig Arten, meistens in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel vorkommend, und verschiedene Unterarten; daneben gibt es viele hybride Formen mit zahlreichen Kultursorten.
Erdbeeren spielen mindestens seit der Steinzeit eine Rolle in der menschlichen Ernährung. Die europäischen Wald-Erdbeeren (Fragaria vesca) wurden während des Mittelalters auch flächig angebaut. Erst im 17. bzw. 18. Jahrhundert gelangten die beiden großfrüchtigen (und oktoploiden) amerikanischen Arten – die Scharlach-Erdbeere (Fragaria virginiana) und die Chile-Erdbeere (Fragaria chiloensis) – nach Europa. Aus deren Kreuzung entstand um 1750 in der Bretagne die Urform der Gartenerdbeere (Fragaria × ananassa), von der die meisten heute kultivierten Sorten abstammen.
Aus botanischer Sicht zählt die Scheinfrucht einer Erdbeere nicht zu den Beeren, sondern zu den Sammelfrüchten bzw. Sammelnussfrüchten oder nach anderer Auffassung zu den Sammelachänenfrüchten (Achenecetum).Michael G. Simpson: Plant Systematics. Academic Press, 2006, ISBN 978-0-12-644460-5, S. 386.
Beschreibung mini|Die Sammelnussfrüchte der Garten-Erdbeere (Fragaria × ananassa) sind besonders groß Erdbeeren sind ausdauernde krautige Pflanzen. Meist sind sie weich oder seidig behaart, mit dickem, schwach holzigem, fadenförmige Ausläufer treibendem „Wurzelstock“. Die Ausläufer bewurzeln sich und bilden neue Rosetten aus (sogenannte Blastochorie). Die wechselständigen, grundständigen, langgestielten Laubblätter sind meist dreiteilig, seltener fünfteilig gefingert. Die Nebenblätter sind an der Basis des Blattstiels angewachsen.
Erdbeeren tragen weiße, selten gelbliche Blüten, die nach dem Ende der Kälteperiode erscheinen. Sie stehen meist zu mehreren in Trugdolden an der Spitze des aufrechten, armblätterigen Schaftes. Der Blütenbecher trägt fünf grüne Kelchblätter und fünf rundliche Kronblätter. Zwischen den eigentlichen Kelchblättern stehen fünf weitere, kleinere Nebenkelchblätter (Epicalyx). Es sind viele Staubblätter vorhanden. Auf dem aufgewölbten Blütenboden sitzen zahlreiche freie Fruchtblätter. Bei der Reife bildet der Blütenboden eine saftig fleischige Scheinbeere.
Die Früchte im biologischen Sinn sind kleine gelblich bis rötliche, einsamige Nüsschen (nach anderer Auffassung Achänen) an der Oberfläche der roten Scheinfrucht. Die Fruchtknoten bilden je ein Nüsschen aus, die durch das Wachstum der später markant roten Blütenachse während der Reifezeit auseinandergerückt werden. Tiere, die die auffällige, oft auf der namensgebenden ErdeFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 170 f. liegende Erdbeerfrucht fressen, scheiden die kleinen hartschaligen Nüsschen, die sich auf dem Fruchtfleisch befinden, wieder aus, so dass die Nüsschen – soweit sie geeignete Standortbedingungen vorfinden – keimen können (sogenannte Endochorie). In Europa sind es Säugetiere wie Rotfuchs, Dachs, Rötelmaus und Siebenschläfer; Vögel wie Amsel, Hausrotschwanz, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke und Wirbellose wie Weinbergschnecke, einige Käferarten und Tausendfüßer, die von den Früchten angelockt werden. Sie sind damit an ihrer Verbreitung beteiligt. Ameisen schleppen die Früchte sogar in ihre Baue, verfüttern das Fruchtfleisch an ihre Larven und tragen anschließend die verbliebenen Nüsschen wieder weg. Die Erdbeere benutzt allerdings nicht nur die Endochorie und Blastochorie als Ausbreitungsmechanismus. Früchte, die an den Stängeln verbleiben, vertrocknen nach einiger Zeit, wobei die Nüsschen herabfallen. Diesen Mechanismus bezeichnet man als Barochorie.
Arten mini|Knack-Erdbeere (Fragaria viridis) mini|Scharlach-Erdbeere (Fragaria virginiana) mini|Chile-Erdbeere (Fragaria chiloensis)
Zur Gattung Fragaria gehören über 20 Arten sowie deren Hybriden. Bei allen Erdbeerpflanzen setzt sich der einfache Chromosomensatz aus sieben Chromosomen zusammen, doch bestehen Unterschiede im Grad der Polyploidie. So kommen Arten und Hybriden mit doppeltem (diploid), vierfachem (tetraploid), sechsfachem (hexaploid), achtfachem (oktoploid) und zehnfachem (dekaploid) Chromosomensatz vor, aber auch Hybriden mit ungerader Zahl an Chromosomen wie 35 in einem fünffachen Satz (pentaploid).K. Hummer, N. Bassil, W. Njuguna: Fragaria. In: C. Kole (Hrsg.): Wild Crop Relatives: Genomic and Breeding Resources: Temperate Fruits. Band 6, Kapitel 2, Springer-Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-16057-8, S. 17 f.
diploid
Fragaria bucharica , Westhimalaya Fragaria chinensis , China Fragaria daltoniana , Himalaya Fragaria iinumae , Japan und Fernost-Russland Fragaria mandschurica , Nordchina Fragaria nilgerrensis , Südostasien Fragaria nipponica , Honshu und Yakushima (Japan) Fragaria nubicola , Himalaya Fragaria pentaphylla , Nordchina Fragaria vesca oder Wald-Erdbeere, Europa, Nordasien und Nordamerika Fragaria viridis () oder Knack-Erdbeere, Europa und Mittelasien Fragaria yezoensis , siehe F. nipponica ssp. nipponica Fragaria × bifera , (F. vesca × viridis)-Hybrid, Europa
tetraploid Fragaria corymbosa , Fernost-Russland, China Fragaria gracilis , Nordwestchina Fragaria moupinensis , Nordchina Fragaria orientalis , Fernost-Russland Fragaria tibetica , China
pentaploid Fragaria × bringhurstii , kalifornische Pazifikküste
hexaploid Fragaria moschata oder Moschus-Erdbeere, Europa
oktoploid Fragaria virginiana oder Scharlach-Erdbeere, Nordamerika Fragaria chiloensis oder Chile-Erdbeere, nord- und südamerikanische Pazifikküste sowie Hawaii Fragaria × ananassa subspecies cuneifolia, (F. chiloensis × virginiana)-Hybrid, Nordamerika Fragaria × ananassa oder Garten-Erdbeere, Hybrid aus Scharlach- und Chile-Erdbeere, weltweit kultiviert
dekaploid Fragaria iturupensis , auf der Kurilen-Insel Iturup Fragaria virginiana subspecies platypetala , Oregon (Nordamerika) Fragaria × vescana , Hybrid aus Garten- und Wald-Erdbeere
Nicht zur Gattung der Erdbeeren gehören einige ähnlich aussehende und nahe verwandte Arten der Fingerkräuter wie die Scheinerdbeere (Potentilla indica) und das Erdbeer-Fingerkraut (Potentilla sterilis). Die wegen ihrer Früchte so genannten Erdbeerbäume gehören dagegen zu den Heidekrautgewächsen.
Erdbeeren in der Esskultur mini|Sorte Weiße Ananas der Gartenerdbeere Aus archäologischen Funden lässt sich schließen, dass die Erdbeere bereits in der Steinzeit bekannt war. Auf lateinisch wurde sie in Bezug auf die Wald-Erdbeere fragum (Mehrzahl: fragaGeorges 1913.Vgl. jedoch auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 187 („Frage – ertbern“).) genannt. Der Pflanzenname fragaria ist seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar.Willem F. Daems, Mientje Daems, Gundolf Keil: Euphrasia. Beiträge zur mittelalterlichen Pharmakologie des Augentrosts und der Erdbeere. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 258. Aus dem Mittelalter sind große Flächen, auf denen kleine Walderdbeeren (Fragaria vesca) kultiviert wurden, erwiesen. Auch Methoden, Erdbeeren früher oder später heranreifen zu lassen, waren schon entwickelt. Lediglich die Größe der Frucht konnte man nicht beeinflussen.
Erst in der Neuen Welt fanden französische Siedler entlang des Sankt-Lorenz-Stroms eine größerfruchtige wilde Art. Diese wurde im 17. Jahrhundert nach Europa als amerikanische Scharlach-Erdbeere eingeführt und zunächst vor allem in Botanischen Gärten kultiviert. Von einer Seereise nach Chile brachte der Franzose Amédée-François Frézier 1714 eine bereits von einheimischen Völkern Südamerikas kultivierte Art der Erdbeere mit, die ledrig-starre blaugrüne Blätter hatte und vor allem sehr große Früchte. Diese Chile-Erdbeeren weisen daneben die Besonderheit auf, dass sie zweihäusig sind, das heißt, es gibt rein männlich blühende Pflanzen und rein weiblich blühende.
Um 1750 entstand infolge wiederholter, zufälliger Kreuzungen der Scharlach-Erdbeere aus Nordamerika (Fragaria virginiana) mit der Chile-Erdbeere (Fragaria chiloensis) die großfruchtige Gartenerdbeere (Fragaria × ananassa). Zunächst in Nordfrankreich und Holland kultiviert, verdrängte sie bald zunehmend auch in England und Deutschland die vordem angebauten Arten und ist heute in zahlreichen Kultursorten weltweit handelsüblich. In Österreich und in Teilen des süddeutschen Raumes werden die besonders großfruchtigen Zuchtformen der Erdbeere auch kurz „Ananas“ genannt In: oesterreichisch.net, Österreichisches Wörterbuch. und so von der Walderdbeere unterschieden, während die eigentliche Ananas im Zuge dessen als „Hawaii-Ananas“ bezeichnet wird. So wird auch im Burgenländischen Wiesen, wo die Hauptanbaugebiete für Ostösterreich liegen, die Erdbeere als „Wiesener Ananas-Erdbeere“ unter den traditionellen Lebensmitteln geführt. abgerufen am 15. Februar 2013.
Erdbeeren gelten aufgrund ihrer Inhaltsstoffe als besonders während der Schwangerschaft geeignetes Nahrungsmittel. Verspürt eine Frau einen Heißhunger auf Erdbeeren, wird dies daher in Frankreich als Indiz für eine mögliche Schwangerschaft verstanden.der Alltag: Erdbeeren und saure Gurken ARTE, Karambolage 281, 18. November 2012.
Symbolik und Kunstgeschichte mini|Der Erdbeerkorb (1760–61) von Jean-Baptiste Siméon Chardin Erdbeeren sind ein häufiges Motiv in Bildender Kunst und Dichtung. Wegen ihrer roten Farbe, ihres Geschmacks und Geruchs verbanden die Römer die Früchte mit der Liebesgöttin Venus und schenkten sie als Fruchtbarkeitssymbol jungen Brautpaaren. Der römische Dichter Ovid pries die Wilderdbeere als Speise des Goldenen Zeitalters.
Auch nach der Antike blieb die Erdbeere einerseits ein Symbol der Lust, Erotik und der Sinnenfreude. Als solches erscheint sie beispielsweise mehrfach in Hieronymus Boschs Gemälde Der Garten der Lüste.
Andererseits standen Erdbeeren in der christlichen Kunst wegen ihrer niedrigen Wuchsform auch für Demut und Bescheidenheit. Sie waren insbesondere ein Attribut Jesu und, da sie zu den Rosengewächsen gehören, auch der Jungfrau Maria. Wegen der dreiteiligen Blätter galten sie als Symbol der Dreieinigkeit, die fünf Blütenblätter standen bereits im Mittelalter für die fünf Kreuzigungswunden Christi. Der nach unten hängende, rote Fruchtkörper wurde symbolisch als das vergossene Blut Christi und anderer Märtyrer gedeutet. Die Erdbeere als Paradiespflanze in der christlichen Kunst verbindet wiederum die aus der Antike tradierte mit der genuin mittelalterlichen Symbolik.
Der wilde Alexander, ein Minnesänger des 13. Jahrhunderts, erwähnt die Frucht im sogenannten Erdbeerlied (auch: Hie bevorn, do wir kynder waren): „Set, do liefe wir ertberen suͦchen“.Der Wilde Alexander, ›Hie bevorn, do wir kynder waren‹ (J 30–36), in der Lyrik des Deutschen Mittelalters. Moderne Beispiele für die Verwendung der Erdbeere in der Lyrik sind Paul Zechs von Francois Villon inspirierte erotische Ballade Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, die durch Rezitationen Klaus Kinskis bekannt wurde, oder der Beatles-Song Strawberry Fields Forever.
Eine weitere Symbolik schuf Georg van Eyck, indem er die Erdbeere als Markenzeichen für die nach 1902 unter dem Firmennamen WECK vermarkten Einmachgläser wählte. Die Frucht, die bis dahin nur als saisonal verfügbar galt, stand nun für die Konservierung von Lebensmitteln. (PDF) S. 6, abgerufen am 18. Dezember 2014.
Verwendung Nahrungsmittel mini|Gefüllter Erdbeerkuchen Der fleischige Blütenboden wird als Obst genutzt. Kommerziell angebaut werden verschiedene Sorten der Gartenerdbeere. Erdbeeren zählen zu den nichtklimakterischen Früchten: Wenn sie unreif gepflückt werden, reifen sie nicht nach.